Der Ring der Plagiatoren

Eine Aufführung von Demokratie im Bundestag

Autor: U. Gellermann
Datum: 19. Oktober 2012

Parallel zur Bundestags-Debatte, die sich mit der Merkel-Erklärung zum Europäischen Rat beschäftigen sollte, rauschte eine kleine Meldung durch den Äther und raschelte durch die bedruckten Papiere: Frau Schavan, deren Doktorarbeit im begründeten Plagiatverdacht steht, verbietet der Universität Düsseldorf Informationen zur Plagiats-Untersuchung an die Öffentlichkeit zu geben. Das, so Frau Dr. Annette Schavan, sei sie sich "und der Wissenschaft schuldig." Dachte man bis jüngst, die Wissenschaft lebe vom öffentlichen Austausch, wird man von Frau Doktor eines Schlechteren belehrt. Glaubte man noch gestern, man lebe in einer Art Presse- und Informationsfreiheit, reicht heute ein NEIN der Wissenschafts-Ministerin, um jede Art von Öffentlichkeit zu einer Frage auszuschalten: Hat die Dame anderer Leute geistiges Eigentum geklaut und in welchem Umfang?

Eine große Öffentlichkeit fand die Ankündigung, es gäbe ein Duell im Bundestag. Kurz vor der Tagung des Europäischen Rates wolle die Kanzlerin dazu was erklären und der sozialdemokratische Kanzlerkandidat, wolle zur Erklärung was erklären. Von offenem Schlagabtausch war vorab die Rede, jetzt solle es spannend werden, endlich würde die größte der Oppositionsparteien mal zeigen was Opposition ist und die Regierung würde beweisen, dass sie regiert. Und wirklich, konzentrierte man sich nur auf die Töne und die Bilder, waren gravierende Unterschiede bemerkbar. Frau Merkels Kleinmädchengezwitscher, die Händchen zu eleganten Rhomben geformt, das Gesicht um die staatsfraulichen Lippen gefaltet, all das gab den Eindruck von souveräner Langeweile. Steinbrück dagegen, massig im dunklen Anzug sitzend, mal die Arme priesterlich ausgebreitet, dann mit dem Zeigefinder drohend Löcher in die Luft stechend, einen Sound von Norddeutschem Quengelton in den Saal blasend, wirkte Steinbrück wie die fleischgewordene Opposition.

Wer nicht nur die Töne und Bilder in sich aufnahm, wer auch nach den Inhalten in den beiden Reden suchte, dem fielen, mitten im Merkelschen Klangteppich der bekannten Gleichförmigkeit, zwei kleine Abweichungen auf. Denn, teilte uns die Kanzlerin mit, trotz der bekannten Euro-Probleme gäbe es zumindest einen Erfolg: Die Lohnstückkosten in den Problemstaaten seien gesunken. Das freute sie. Wenn Arbeiter und Angestellte weniger verdienen, wenn sie, bei schlechten Ausgangslöhnen, nach den Auflagen der EU noch weniger konsumieren können, schwätzt die Kanzlerin von Erfolgen. Dass die Merkelsche Herzlosigkeit menschliches Elend ignoriert, ist bekannt. Aber dass ihr Verstand, nach den langen Jahren des europäischen Misserfolges immer noch nicht weiß, dass sinkende Löhne in den Nachbarländern auch sinkenden deutschen Export bedeuten, erstaunt ein klein wenig, hatte man sie doch für begrenzt lernfähig gehalten. Doch die Kanzlerin ist eben ein Plagiat: Die Imitation der rot-grünen 20/10-Schröderei und die immerwährende Kopie der eigenen Asozialität.

Die zweite Abweichung von der Merkel-Norm betraf den Finanzminister Schäuble. Ihm gebühre ein kräftiges Dankeschön für seinen Vorschlag, einen europäischen Währungskommissar zu inthronisieren, sagte die Kanzlerin. Und befürwortet so ein Amt, das die Souveränität der nationalen Parlamente weiter einschränken würde. Dafür soll dann schnell ein europäischer Konvent einberufen werden - ein Gremium, in dem traditionell die EU-Funktionäre sitzen, um sich selbst zu bestätigen - um dort die Änderung der EU-Verträge beschließen. Diese Änderung würde im Eiltempo auf einen europäischen Bundesstaat zumarschieren, der ein Fortschritt sein könnte, wenn man die Bürger der EU einbezöge. Daran ist natürlich kein Denken. Keine neue Verfassung, keine Volksabstimmung ist geplant. Die Euro-Funktionäre glauben sich, trotz ihrer seit Jahren sichtbaren Misserfolge, im Besitz jener Weisheit, die sie der Bevölkerung absprechen. Aber an genau dieser mechanischen, immer nur Löcher flickenden Vorgehensweise krankt die EU bis in den Tod.

Dann der Angriff des Kronprätendenten: All das, was die Kanzlerin an Erkenntnissen habe, wäre von der SPD schon vor zwei Jahren gesagt worden, meinte Steinbrück. Gab es ein atemloses Entsetzen im Saal? Schwebten in der Luft Millionen von Fragezeichen? Denn man war doch dabei, als die SPD brav alle Vorlagen für diesen oder jenen Rettungsschirm zustimmte, als sie der sozialen und wirtschaftlichen Strangulation der Südländer ihre Stimmen lieh, als sie das System Merkel ohne Widerrede stützte. Kein Protest gegen die Lüge eines Opponenten war zu hören, der nie opponiert hatte, der im Gegenteil als Finanzminister im Kabinett Merkel der weiteren Entfesselung der Finanzmärkte Vorschub leistete. Und so konnte er dann auch kühl feststellen, dass "Deutschland" weiter seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen würde und das man zwar "nachhaken und weiterarbeiten" müsse, wenn die SPD weitere Rettungsschirmen durchwinken solle, aber eine Zustimmung zum nächsten Schirm stellte er schon mal in Aussicht. Selbst als ihm ein richtiger Satz entfuhr: "Not zerstört Demokratie", klebt dem die Steinbrücksche Meinung "Sparanstrengungen sind notwendig" an und er relativierte so die Einsicht von zuvor. Auch Steinbrück: Ein Plagiat, seiner selbst als Finanzminister und auch der Schröder-Regierung. Wenn er doch wenigsten die Kopie eines Oppositionspolitikers hätte liefern können.

Gleich zu Beginn der Bundestagsdebatte gab der Nachrichtenticker eine Meldung preis: Das statistische Bundesamt teilte mit, dass fast 844.000 Menschen am Ende des letzten Jahres die "Grundsicherung" beanspruchen mussten. Das sind jene 374 Euro für Menschen, deren Rente nicht zum Überleben reicht. An dieser Armutspolitik krankt Europa. Davon kein Wort. Aber vielleicht kann die Regierung ja auch diese Nachricht verbieten. Das löst zwar kein Problem, macht die Diskussion um die europäische Entwicklung aber einfacher und verhindert die Frage nach der Enteignung der Vielen zugunsten der wenigen Reichen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 21. Oktober 2012 schrieb Wolfgang Blaschka:

Die Rationalgalerie stellt zuviel Fragen. Nach Sinn und Inhalt und Gründen und Zweck. Klar, das ist rational. Was aber, wenn wir in einer irrationalen Welt lebten? Wenn es am Ende nur darum ginge, wer den staats­fraulicheren Eindruck oder die bissigere "Opa-Sitz-Schon"-Haltung an den Tag legt. Obama versus Romney, Merkel gegen Steinbrück, das sind doch Duelle, die nach Krawattenknoten und Kostümknöpfen, nach dem Gestus, dem federndem Gang und danach entschieden werden, wie die Wahlkampfzentralen oder Redak­tio­nen der Printmedien die Sache als Punktrichter entscheiden: 63 mal gehüstelt, 16 mal den Kontrahenten unterbrochen, dabei 2 mal gerügt mal 24 Argumente minus 13 mal die Augen gerollt dividiert durch 178 mal falsch geblinzelt macht – ge­nau! – keinen Unterschied, also unent­schie­den. Die Frage der Kolumnisten lau­tet allenfalls: Muss der Her­ausforderer nicht noch mehr zulegen? Sollten Amtsinhaber ausschließlich auf ih­ren Amtsbonus vertrau­en und im Übrigen alles an sich abtropfen lassen? Und wielange klappt das? Das ist echte Wis­senschaft! Da muss man doch nicht nach der Doktorarbeit der Wissenschaftsministerin fragen.

Es gab Zeiten im alten Ägypten, da wurde von den Hofastrologen der Stuhlgang des Pharao seziert, inter­pretiert und vermutlich auch probiert, um den günstigsten Zeitpunkt für einen Feldzug oder den Baubeginn einer neuen Pyramide festzulegen. Das war schon nahe dran an der Realität: Es roch, schmeckte und sah aus wie Kacke, es war Kacke, und die Verschlungenheit der Würste sowie Farbe und Konsistenz waren untrüg­li­che Zeichen für die Qualität der Entscheidungen der Herrscher-Politik jeden Tages. Immer Sch...

In Zeiten, wo Lebensberatung und Lifestyle gefragt sind, geht es um Prestige, Design und gute Laune. Die Pseudowissenschaft, etwa bei der Berechnung des Bedarfs eines Hartz-IV-Empfängers, kann so zum reinen Gesundheitstip regredieren: Kein Bier und keine Ziga­retten! Ob man zu sowas einen Doktortitel redlich er­wor­ben haben muss oder nicht: What shall's?! Man muss nur die passende Grundeinstellung haben. Neoli­be­ralismus gibt Antworten auf die Fragen der Zeit ohne Fragen zu stellen. Machen statt Mäkeln, Tun statt Grübeln, Forsch sein statt Forschen. Nur so kommen wir an den Abgrund, jenseits dessen sich alle ratio­nalen Fragen nach Inhalt und Interessenslagen erübrigen: Wer hat, der hat. Wer nicht hat, dem hat nichts gegeben zu werden! Und Stein­brück hat – jenseits aller Inhalte – deutlich gesagt, dass er kategorisch aus­schließt, unter Merkel Finanzminister werden zu wollen. Dann halt über ihr, neben ihr oder hinter ihr. Wahl­kampf­ver­sprechen sollten nun mal gehalten werden. Soviel Stil muss sein, auch und gera­de in einer Gro­ßen Koa­lition. Wer käme da noch auf die Idee, nach den Kosten zu fragen oder wer sie zu tragen hat?!


Am 19. Oktober 2012 schrieb Sarah Steinkopff:

"Dat is ne fiese Möp", sagt man in NRW. Leider hat die SPD jetzt gleich drei Exemplare dieser Gattung auf der Leitungs-Ebene zu bieten: Zwei mit Stein und einer wie der Erzengel. Über deren Aussehen, plump und hässlich, regt sich keiner so auf wie über Angelas runterhängende Mundwinkel . . .

Sarah Steinkopff, weder Feministin noch CDU-Wählerin


Am 19. Oktober 2012 schrieb Maria Reventlow:

Wer heute die Zeitungen liest, der könnte glauben, es habe tatsächlich gravierende Unterschiede zwischen Merkel und Steinbrück gegeben.

Aber die Unterschiede könnten frühestes erkennbar werden, wenn der arrogante Herr Steinbrück zugeben würde, dass er ein "Liberalisierer"war und damit mitverantwortlich für die aktuelle Misere. Eine Entschuldigung wäre auch nicht schlecht.

So bleibt der schale Geschmack von Wahlkampftaktik wenn er heute das vertritt was er gestern noch bekämpft hat. Und es ist todtraurig, dass die deutschen Medien auf diesen Trick reinfallen.

Antwort von U. Gellermann:

Die fallen nicht rein, die machen mit.

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