Der lange Weg zum Recht

Antalya: Ein Filmfestival zum Wandel der Türkei

Autor: U. Gellermann
Datum: 13. Oktober 2011

Das nationale türkische Filmfestival hatte gerade in Antalya begonnen, da meldete die Nachrichtenagentur Anadolu, Soldaten hätten am Sonntag auf ein provisorisches Lager auf der syrischen Seite der Grenze zur Türkei geschossen und einen Mann verletzt. Man mag nicht an einen Zufall glauben, dass ausgerechnet der Eröffnungsfilm (Self Sacrificing) des Festivals zu guten Teilen in jenem Syrien spielt, in dem seit Monaten ein Aufstand tobt. Ein türkischer Reporter soll aus dem Bürgerkrieg an der syrisch-türkischen Grenze berichten, und es wird von Beginn an deutlich, dass der Film mit den Aufständischen in Syrien sympathisiert. Neben vielen anderen Staaten im Nahen Osten war auch Syrien einst Teil des Ottomanischen Reiches und die Türkei beginnt in ihrem alten Einflussbereich neue Pflöcke zu setzen.

Eher zufällig ist ein anderes Zusammentreffen: Kaum hatte das Filmfestival alle Jurys ausschließlich mit Frauen besetzt - um ein Zeichen gegen die Gewalt gegen Frauen in der Türkei zu setzen wie der Bürgermeister von Antalya nachdrücklich erklärte - da hob das türkische Parlament das Hosen-Verbot für Frauen auf. Das mag ein wenig schematisch erscheinen und ist doch ein weiteres Zeichen des Weges in die Emanzipation: Für die weiblichen Abgeordneten gibt es endlich keine Kleidervorschriften mehr. Schritte in die Frauenbefreiung hätte man gern auch im Film "What Remains" feststellen können. Doch ausgerechnet eine Regisseurin (Cigdem Vitrinel) präsentiert uns ein Ehedrama mit Seitensprung, in dem die Geliebte als schlechte Mutter und unordentliche Hausfrau gezeigt wird. So notwendig die Quote sein mag, allein bringt sie es auch nicht, wie an Frau Merkel immer schon deutlich zu bemerken war.

Es ist ein heikles Filmthema, erst recht für den türkischen Film, wenn ein Mann einer Frau beim Pinkeln helfen muss. Der Held von "Self Sacrificing", der türkische Reporter in Syrien, gerät in eine solche Verlegenheit: Der tapfere Ottomane schultert eine gelähmte junge Frau, um sie in ein Tage entferntes Krankenhaus zu bringen. Der Film poltert sonst eher als er spielt, aber die Pinkel-Helf-Szene löst er mit charmanter Dezenz. Neben der romantischen Heldengeschichte bietet die Arbeit auch eine handfeste Information über das zunehmend entkrampfte Verhältnis der Türken zu den Kurden. Der Reporter kann das gefährliche Grenzgbiet zwischen Syrien und der Türkei nur mit Hilfe eines kurdischen Grenzgängers bewältigen. Der verlangt anfänglich viel Geld, auf das er aber, angesichts der humanitären Leistung des türkischen Reporters verzichtet.

Im Wort "ehrlich" steckt auch der Begriff Ehre. In "We will see good days" kommt ein sogenannter Ehrenmörder aus dem Gefängnis, um in ein verwirrendes Netzwerk zu gelangen: Er trifft die russische Hure, die illegal aus der Türkei in ein anderes Land will, findet die Schwester seines Mordopfers wieder und die eigene Ehrlichkeit, um versehentlich ein Spiel um Geld, Mord und Liebe anzustoßen. Dem Regisseur Hasan Tolga Pulat ist eine ordentliche Erzählung gelungen, deren Hauptdarstellerin die Stadt Istanbul ist. Eine andere Stadt, Adana, im Süden der Türkei, ist die Transitstation von Flüchtlingen: Für eine Familie aus Afghanistan, die mit der Bagdadbahn in ein vermeintlich besseres Leben geflohen ist, für zwei Schwule aus der türkischen Provinz, die von hier aus den liberalen Traumort Istanbul erreichen wollen und für den kurdischen Kämpfer, der des Kampfes müde geworden ist. Sie alle treffen sich im schmierigsten Hotel der Erde. Der Film "Luxury Hotel" erzählt vom Hoffen, aber vor allem vom Harren, vom Transit in ein vielleicht anderes Leben. Dem deutschen Blick kommt er einer Parabel gleich, die vom Übergangszustand der Türkei erzählt. Dem Übergang von Asien nach Europa, dem Übergang von einem Schwellenland zu einem Industriestandort, dem Wechsel vom Atatürkischen Patronats-Staat zu einem demokratischen Versuch.

Eine festliche Gala wurde den Filmen gewidmet, die in den Jahren 1979/80 im Kampf gegen Zensur und Militärdiktatur in Antalya nicht gezeigt wurden. Ergreifend der Auftritt der alten Jury-Mitglieder aus diesen Jahren, berührend der Dank jener, die mit rund 30 Jahren Verspätung ihre Auszeichnungen entgegen nahmen und faszinierend zu sehen, wie die nachwachsenden Filmemacher-Generationen den Alten ihren Respekt erwiesen. Manche Traditionen der Türkei sind eher bedrückend, doch die Anknüpfung an das demokratische Film-Erbe aus den 80er Jahren gibt dem Wandel der Türkei eine große ästhetische und politische Dimension. Es ist eine langer Weg zur Gerechtigkeit in der Türkei, beim Filmfestival in Antalya hat er eine wichtige Zwischenstation erreicht.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 19. Oktober 2011 schrieb Thomas Nippe:

Die letzten Beiträge in der Galerie waren wie immer sehr gut. Besonders gefallen haben mir die sehr guten und differenzierten Ausführungen zum Thema "Türkei". Leider ist auch im linken Spektrum da oft nur oberflächliches zu lesen und zu hören. Ein ungeklärter Aspekt scheint mir die Besetzung Nordzyperns zu sein.


Am 16. Oktober 2011 schrieb Rainer Hesselmann:

Ihre Turko- Philie langweilt: Wer will schon türkische Filme sehen, wen interessiert das Thema? Sowas ist nicht merheitsfähig.

Antwort von U. Gellermann:

Es ist minderheitsfähig: Mehr als drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland. Sich nicht für deren Kultur zu interessieren ist ignorant.


Am 15. Oktober 2011 schrieb Artur Horten:

Das Bisschen Fortschritt in der Türkei lohnt sich kaum zu beschreiben und türkische Filme schaue ich mir ohnehin nicht an.


Am 14. Oktober 2011 schrieb Kurt Hoffmann:

Ihre Sympathien für die Türkei sind bekannt, ich teile sie nicht. Aber ich werde ja auch nicht in Luxushotels am Strand eingeladen.

Antwort von U. Gellermann:

Wasser: 26 Grad.


Am 13. Oktober 2011 schrieb Angela Merker:

Es ist doch prima, dass man über einen Bericht von einem Filmfestival ein Stück türkischer Wirklichkeit erfährt.

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