Saudi Arabien: Ein Königreich für eine Nachricht

Sprachregelung des Außenministeriums im Öffentlich-Rechtlichen

Autor: U. Gellermann
Datum: 28. März 2016

Ziemlich verschwenderisch geht die TAGESSCHAU mit Begriffen wie „Regime“ oder „Diktatur“ um. Geht es um Saudi Arabien - fraglos eine Diktatur - kommen der TAGESSCHAU allerdings meist solche Begriffe wie „Monarchie“ oder „Königreich“ in den Sinn. So bewegt sich die Gniffke-Redaktion schön längs der Terminologie des Auswärtigen Amtes, das auf seiner Site von einer „Absoluten Monarchie auf religiöser Grundlage“ redet. Versteht sich. Denn „scharia-gesteuertes Mörder-Regime“ würde sich nicht so gut machen wenn man Waffen verkaufen will. Warum aber der vorgeblich staatsferne Rundfunk die Terminologie des AA übernimmt, wird uns sicher der Rundfunkrat in der Antwort auf die nächste Programmbeschwerde erklären.

Programmbeschwerde: Nachrichtenunterdrückung.
Hier: Saudisches Bombardement im Jemen mit 106 Toten am 15.3 2016 
 
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
 
die Luftwaffe Saudi-Arabiens hat am Dienstag, 15. März 2016, in der nordwest-jemenitischen Ortschaft Al Khamees den Marktplatz bombardiert und 106 Menschen getötet, darunter 24 Kinder. Über die Zahl der Verletzten ist immer noch nichts Präzises zu erfahren, sie dürfte aber die der Toten weit übersteigen. Bekannt wurde der volle Umfang des fürchterliches Geschehens erst drei Tage später dank eines Berichts des katarischen TV-Senders Al Jazeera
Quelle:
http://www.aljazeera.com/news/2016/03/probing-international-crimes-yemen-160318234459475.html
sowie aufgrund einer Erklärung des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, des jordanische Prinzen Zeid Ra’ad Al Hussein; der nannte das Ereignis „ein wahres Blutbad“ und „schwerstes Kriegsverbrechen der jüngsten Zeit“.
Quelle:
http://www.ohchr.org/EN/NewsEvents/Pages/DisplayNews.aspx?NewsID=17251&LangID=E
Saudi-Arabien, eine der widerwärtigsten Diktaturen unserer Gegenwart, ist bekanntlich aufgrund seines Ölreichtums und seiner geostrategischen Lage enger Verbündeter der USA und damit des „Westens“, und es ist zudem Großkunde der deutschen Rüstungsindustrie. Es verwundert deshalb nicht, dass auch die deutschen Agenturen und Mainstream-Medien, angeführt vom „Flaggschiff der ARD“, der Tagesschau, Mitglieder des internationalen Schweigekartell sind, das den Nachrichtenfluss über den Bombenkrieg Saudi-Arabiens gegen Jemen strikt und sorgfältig kanalisiert.
Der Filz von Wirtschaft, Politik und Mainstreammedien erklärt zwar, aber entschuldigt selbstverständlich nicht, dass es auch aus ARD-aktuell höchstens unauffällig tröpfelt, wenn über Kriegsverbrechen der saudischen Blutsäufer im Jemen eigentlich umfangreich zu informieren wäre.
 
Obwohl der Redaktion bereits am 15. März bekannt war, dass „mehr als 40 Menschen“auf dem Marktplatz (!) in Al Khamees ums Leben gekommen waren, gewiss keinem militärischen Ziel, erschienen über das Bombardement lediglich ein paar dürre Zeilen im einer Internet-Ausgabe der Tagesschau.
 
Quelle: http://www.tagesschau.de/thema/jemen/
 
Die Seite ist bekanntlich für ARD-aktuell lediglich eine Nischen- und oft eine Alibiveranstaltung. Nur 4% der Zuschauer sehen hier die Nachrichten. Nur 400 Tausend statt der sonstigen durchschnittlich 9 Millionen. Wenn eine Information von hier gegebenem Gewicht diesen 96% vorenthalten wird, dann muss von Absicht, von Nachrichtenunterdrückung gesprochen werden.
 
Das machen wir hiermit auch. Wir verweisen darauf, dass über das Verbrechen spätestens dann hätte berichtet werden müssen, als die Vereinten Nationen drei Tage danach bekannt gaben, es seien 106 Tote zu beklagen, es werde nun formell untersucht, ob ein Kriegsverbrechen vorliege. Das hätte berichtet werden müssen, und zwar in sämtlichen Ausgabeformaten, in denen die NDR-Hauptabteilung ARD-aktuell ihre Nachrichten anbietet, in der Tagesschau, den Tagesthemen, dem Mittagsmagazin usw. – zumindest, wenn man professionelle journalistische Maßstäbe anlegt und den Programmauftrag sowie die Programmrichtlinien des NDR-Staatsvertrags höher gewichtet als das politische Interesse Berlins oder das ökonomische Interesse der deutschen Rüstungswirtschaft.
 
Stattdessen bot Dr. Gniffke Beihilfe zur Gesichtswahrung einer mörderischen Herrscherfamilie, anstatt sich an der Front des Informationskrieges zu bewähren.
 
Höflich grüßen

Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 29. März 2016 schrieb Eard Wulf:

@Hans Rebell-Ion, dass ist doch keine Kriegspropaganda! Dank Personifizierung, nicht einmal Volksverhetzung. Das ist ganz normale, vielleicht - etwas - ein ganz klein wenig - tendenziös - aber(!) mit einem korrektiv(!) - morgens um 3:00 Uhr(!), objektive -Presse- Meinungswirtschaft. ;-)


Am 29. März 2016 schrieb Hans Rebell-Ion:

Propaganda (von lateinisch propagare; weiter ausbreiten, ausbreiten, verbreiten) bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten oder Herrscher erwünschten Reaktion zu steuern!
Kriegspropaganda ist gemäß dem von 168 Staaten ratifizierten Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte, Artikel 20, seit 1976 verboten!


Am 28. März 2016 schrieb Lutz Jahoda:

ERINNERN HILFT DER ZUKUNFT

In der Kunst des Umgehens und Vermeidens,
möchte er allzugern Meister sein.
Allein in der Peinlichkeit plumpen Verschweigens,
ist er es schon, mit Heiligenschein.

Vielleicht weiß er es nicht oder hat es vergessen:
Auf der Kriegsverbrecher-Anklagebank -
ähnlich verlogen und machtangstbesessen -
hat schon in Nürnberg ein Kollege gesessen.


Am 28. März 2016 schrieb Benny Thomas Olieni:

"Absolute Monarchie auf religiöser Grundlage"?

Das klingt irgendwie nach Merkeltantismus:

Alternativlose Omarchie auf stalinistisch-wahrhabistischer Grundprägung.

Das klingt natürlich wirklich viel besser als

"Saurier Arabien".

Oder gar: Quislings-Kolonialverwaltung.


Am 28. März 2016 schrieb Eard Wulf:

Am Wochenende, genauer am 26.03.2016, fand in Sanaa, Jemen, eine Massendemonstration gegen Saudi Arabische Luftangriffe statt. Bis auf einige wenige schwarze Schafe berichtete unsere Presse von tausenden Teilnehmern und das obwohl die Teilnehmeranzahl mit min. zehntausenden oder gar hunderttausenden hätten beziffert werden müssen. Bilder, z.B. auf SPIEGEL Online: http://www.spiegel.de/politik/ausland/jemen-tausende-demonstrieren-gegen-saudi-arabien-a-1084274.html - http://cdn4.spiegel.de/images/image-974563-galleryV9-fqyt-974563.jpg (Bild 1 von 9) zeigen das Ausmaß der Demonstration.

Auf tagesschau.de gibt es(bis zum jetzigen Zeitpunkt), mit dem Suchbegriff "sanaa", keinen Bericht zur Demonstration und heute.de hält sich ebenfalls, bei dem Suchbegriff, vornehm zurück. Ich hatte nur die Tagesschau am 27.03.2016 gesehen, dort wurde erwartungsgemäß´kein Wort verloren.

Um genügend internationale Aufgeregtheit und damit einhergehend eine "adequate" Berichterstattung zu erreichen, hätten die Jemeniten vermutlich nur ein lebensgroßes Plakat mit dem Konterfei von Putin auf der Demonstration herrumreichen müssen. Der Aufhänger wäre dann zwar nicht die Luftangriffe Saudi Arabiens auf den Jemen gewesen sondern das allseits beliebte #meme "Putin wars" aber(!) besser als (fast)nichts!

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