Rolf Clement (Deutschlandradio)

Ein Reserveoffizier als Kabarett-Experte

Autor: Volker Bräutigam
Datum: 03. November 2014

Der DEUTSCHLANDFUNK - genauer: das DEUTSCHLANDRADIO - bemüht sich, obwohl öffentlich-rechtlicher Gebührenempfänger und damit eigentlich zur Staatsferne verpflichtet, die Erwartungen zu erfüllen, die unsere Berliner US-Oberkellner in ihren hörigen AgitProp-Sender setzen. Einige seiner Programmlieferungen sollte das DEUTSCHLANDRADIO allerdings, weil maßlose Übertreibung immer lächerlich wirkt, ans Kabarett abgeben oder besser gleich auf einer Sonderdeponie entsorgen.
Besonders, wenn von Rolf Clement geliefert, Mitglied der DLF-Chefredaktion, „sicherheitspolitischer Experte“ des DLF, Reserveoffizier, Mitglied des Internationalen Instituts für strategische Studien (IISS), der Studiengruppe Sicherheitspolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, DGAP, sowie des Beirats für Innere Führung der Bundeswehr.
Wer auf so vielen Hochzeiten tanzt, dem kann schon mal durcheinandergeraten, in welcher Eigenschaft er sich jeweils darzubieten hat, ob Dinnerjackett oder Kleiner Dienstanzug gefragt sind. In der Rolle der NATO-Stimmungskanone des DEUTSCHLANDFUNKS überzeugt Clement allerdings immer. Er gilt als CDU-Intimus und darf deshalb beim DEUTSCHNLABDRADIO die Abteilung ‚Hintergrund’ leiten und die Sendereihe ‚Hintergrund Politik’ dirigieren.
Fatal aber ist, dass er seine Kommentare unter „Stahlhelm auf!“ zu schreiben pflegt, und zwar bei dermaßen stramm angezogenem Kinnriemen, dass die Blutzufuhr ins Resthirn stockt und damit die Fähigkeit, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden. Desaströse Kollateralschäden entstehen auch an der gedanklichen und sprachlichen Logik.
In den 08.00-Uhr-Nachrichten meldete Deutschlandradio am 30. Oktober unter dem Titel
„NATO: Ungewöhnlich viele russische Luftmanöver" relativ sachlich:
„Die russische Armee hat nach Angaben der NATO in den vergangenen Tagen ungewöhnlich viele Manöver im europäischen Luftraum geflogen. Ein NATO-Sprecher sagte im belgischen Mons, man habe mindestens 26 russische Langstreckenbomber und andere Militärflugzeuge über der Nord- und Ostsee sowie über dem Atlantik und dem Schwarzen Meer identifiziert. Daraufhin seien unter anderem deutsche, britische und türkische Kampfjets im Einsatz gewesen. Die NATO betonte, der Luftraum des Verteidigungsbündnisses sei nicht verletzt worden. Die Manöver gefährdeten aber die zivile Luftfahrt, da die russische Seite weder Flugpläne eingereicht noch zivile Fluglotsen kontaktiert habe.“
Jetzt aber: Alaaaarm! In Deckung! Clement eröffnet das Kommentarfeuer:
„28 russische Kampfflugzeuge haben gestern und vorgestern den Luftraum europäischer Staaten verletzt. Eine solche umfangreiche Verletzung sprengt alles, was die NATO bisher erlebt hat.“...
Wie, was? Hatte die NATO nicht gerade vorher betont, es habe keine Luftraumverletzungen gegeben?
... „Zwei Gruppen von Kampfflugzeugen flogen gestern in den Luftraum ein.“ ...
Fliegende Flieger fliegen im Luftraum.
... „Der spektakulärste Fall war der Flug von acht Kampfflugzeugen der Russen gestern Nachmittag über der Nordsee. Sie wurden von vier Tankflugzeugen begleitet, eindeutiges Indiz dafür, dass es kein Versehen, sondern geplante Absicht war.“ ...
Eindeutiges Indiz für ‚geplante Absicht.’ Die russischen Russen fliegen im internationalen Luftraum rum, ohne den DLF-Chefredakteur Clement gefragt zu haben.
... „Die Reise von zwei Flugzeugen ging bis in den Luftraum westlich von Portugal. Die Flugzeuge drehten dann über eine Route westlich von Großbritannien nach Russland zurück ab. Norwegische und britische Abfangjäger haben sie begleitet und letztlich wieder nach Russland abgedrängt.“
Der internationale Luftraum hat nun mal die Angewohnheit, jedem, sogar dem russischen Russen, offen zu stehen. Die Abfangjäger der Guten, also Briten und Norweger, haben „Husch, husch ins Körbchen“ gesagt? Und Clement hat mitgehört? Es war wohl eher so, dass die NATO-Flieger im internationalen Luftraum unzulässigerweise ‚Jetzt ärgern wir den Russen’ gespielt haben.
... „Ebenfalls gestern flogen sieben russische Kampfflugzeuge in den Luftraum der baltischen Staaten. Dort hatten gerade portugiesische Abfangjäger der NATO Dienst und haben sie entsprechend begleitet.“ ...
Den Luftraum der baltischen Staaten gibt es zwar nicht, sondern nur die nationalen Lufträume Litauens, Lettlands bzw. Estlands. Protest wegen Luftraumverletzung hat keines der Länder erhoben. Da war wohl nix.
... „Über dem Schwarzen Meer wurden vier russische Kampfflugzeuge registriert“...
Ist doch nicht die Möglichkeit! Wo doch dort vierhundert US-Marineflieger und Düsenjäger der NATO allen Platz über dem russischen ‚mare nostrum’ brauchen!
„... Vorgestern waren sieben russische Kampfflugzeuge über der Baltischen See aufgetaucht...“
Ihre „Baltische See“, Herr Chefredakteur, heißt auf Englisch ‚Baltic Sea’, auf Deutsch aber immer noch Ostsee. Ein Weltmeer mit größtenteils internationalem, nicht baltischem Luftraum.
... „Seit Monaten stellt die NATO fest, dass immer wieder russische Kampfflugzeuge den nordeuropäischen Luftraum verletzen.“ ...
Nochmals: Nur nationalen Luftraum kann jemand verletzen. Der nordeuropäische Luftraum ist in die nationalen Lufträume der nordeuropäischen Staaten unterteilt. Russlands Nordgrenze bis zum Ural ist ebenfalls nordeuropäisch.
... „Die russischen Flugzeuge nehmen keinen Kontakt zur Flugkontrolle der westeuropäischen Staaten auf, sodass sie, so die NATO, auch eine Gefahr für den zivilen Luftverkehr darstellen....“
Die Luftwaffen der meisten Länder haben eigene militärische Fluglotsen, die sicherstellen, dass es am Himmel nicht zu gefährlichen Begegnungen mit zivilen Maschinen kommt. Clement dramatisiert und beruft sich dabei auf die NATO. Und giftet jetzt suggestiv (und im Sinne seiner Auftraggeber):
... „Noch hat die NATO diese Maschinen nicht abgeschossen, sondern eskortiert und abgedrängt. Wie lange die Allianz das aber so gestalten wird, ist offen. Denn die hier eklatante Verletzung des Luftraums würde auch schärfere Maßnahmen erlauben.“ ...
Clements feuchte Träume: Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen ---
... „Es übersteigt die bisherige Taktik der Nadelstiche. ... “ ...
Was? Die Luftraumverletzung? Die Verletzung übersteigt - ach, Mann, Clement, nimm deine Buntstifte und mal dem armen Obdachlosen auf´m Warmluftschacht nebenan aus, was deine Denkschablone hergibt, und lass es ihn in seinen Worten sagen. Der kann besser formulieren.
... „Dass die NATO die bisherigen Vorgänge bekannt gegeben hat, ist ein deutliches Zeichen der Reaktion und ein Hinweis darauf,“ ...
Clement, auch der Parkplatzwächter von gegenüber käme als Ghostwriter infrage
„...dass man sich das nicht mehr lange gefallen lassen wird. Es ist eine eindeutige Belastung des Verhältnisses zwischen der NATO und Russland und eine Eskalation der gegenwärtigen Sicherheitslage in Europa.“
‚Eskalation der Sicherheitslage?’ Für den Eskalierer Clement ist es offenbar an der Zeit, dass die NATO russische Flugzeuge im internationalen Luftraum abschießt und eine Flugverbotszone unmittelbar an der russischen Grenze errichtet, bewacht von der US-Air-Force und ihren willigen Vasallen. Weil nur diese Allianz dem Schutz der Menschenrechte dient, der Demokratie und der Friedenssicherung, gelle?
Genuinen Schwachsinn darf man einem DLF-Chefredakteur nicht unterstellen. Clement war immerhin abgebrochner Jurastudent, bevor er im Journalismus dilettierte. Kein Schmuckstück unseres Berufsstands, aber ein Segen fürs bundesdeutsche Justizwesen. Man stelle sich vor, der Clement hätte es zum Richter oder Staatsanwalt gebracht. ...


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 07. November 2014 schrieb Jupp DerWal:

Is aber auch mal gut jetzt. Ich finde, diesem Mann wird viel zu viel Unrecht angetan. Er setzt schließlich da an, wo selbst der FDP-Witzemacher Dieter Nuhr nicht mehr weiter weiß. So muß politisches Kabarett sein. Daß mangelnde rethorische Fähigkeiten kein Hindernis sind, in diesem Gewerbe groß heraus zu kommen, ist dieser Tage ausführlich zu genießen, wenn er vom IS-Prozeß in Stuttgart berichtet. Ein nicht vorhandenes Gedankengebäude so unpräzise zu artikulieren, ist nicht jedem gegeben und zeigt vortrefflich auf, daß gut gemachter nonsense nach wie vor eine Zukunft hat. Seien wir froh, daß uns noch mindestens vier Jahre erhalten bleibt. Immer nur Thevesen oder Sigmund Gottlieb macht auch keinen Spaß. Des Weiteren bleibt zu wünschen, daß er auch die entsprechende Anerkennung dieser Kreise ( http://tinyurl.com/omj7oh9 ) findet.


Am 06. November 2014 schrieb Wolfgang Riedel:

Vielen Dank für die sachlichen Darstellungen und die Offenlegung der bewußten Hetztiraden der öffentlich rechtlichen Sender. Diese sind leider Vertreter der Politiker der Bundesregierung, was ich heute selbst feststellen musste. Eine Anfrage zur Verbesserung der Beziehungen zu Russland wurde als polemisch bewertet und abgewiesen, nur weil ich die Politik der USA, NATO, EU, BRD, PL ursächlich für die Ukrainekrise ansehe. Anfrage gestellt auf "direktzu" Seite der Bundeskanzlerin!


Am 04. November 2014 schrieb v. Heinrich:

Und diese KaltenKrieger werden durch Zwangsgebühren finanziert, weshalb ich mich auch weigere die Propagandaabgabe zu zahlen, da sich jeder, der diese zahlt, mitschuldig macht, bei dem was diese Berufslügner und Kriegstreiber so verbrechen.

Mit dem zahlen der GEZ, wird der internationalen Terrorismus finanziert, wie es der Kriegstreiber Clement so schön herzeigt.


Am 04. November 2014 schrieb Bert Zudorsten:

Bevor der Mann seinem Kriegsminister zu Guttenberg 2010 von Herzen "einen schönen Geburtstagskaffee heute Nachmittag und einen schönen zweiten Advent" wünschte, stellte er in einem Interview seines Senders die Kernfrage, die von Mr. Copy&Paste dann auch indirekt bejaht wurde: "Hat Deutschland, hat die NATO, auch die westlichen Staaten nicht ein elementares geopolitisches Interesse an einer stärkeren, an einer langfristigen Präsenz – gerade in diesen Krisenregionen Afghanistan, Pakistan, Iran?" Wie wir wissen, ging vonG dann von der Stange und Afghanistan in die Hose, von Iran mal ganz zu schweigen. Da könnte man ja jetzt doch kompensatorisch wenigstens ein paar Russen abschießen. Oder den alten Haudegen Clement über Pakistan abwerfen - zur Befriedung des Swat-Tales etwa.


Am 04. November 2014 schrieb Frank Weber:

Die Rationalgalerie gehört inzwischen zu meinen Stammseiten. Für mich sind diese Art Artikel eine Möglichkeit mit all dieser elenden Propaganda, die uns in unseren Qualitätsmedien vorgesetzt wird, entspannter umzugehen.
Die Ironie in diesem Beitrag brachte mich zum Lachen - wenn auch ein kein fröhliches.
Super geschrieben!


Am 04. November 2014 schrieb Aleksander von Korty:

Anfang der Siebziger Jahre habe ich mal auf der IG-Metall-Schule bei einem Gewerkschafts-Seminar in Sprockhövel zum Thema. "Die Rolle der bürgerlichen Medien im Spätkapitalismus", vom Dozenten Udo Achten gelernt, dass die BILD-Zeitung täglich mit einem Sprachschatz von maximal 300 Wörtern auskommt.
Dies und die stilistische `Qualität´ dieses `Stürmer-Nachfolge-Hetzblattes´ wird locker von dem abgebrochenen Juristen meilenweit unterboten. Vermutlich schreibt er seine Texte per SMS auf dem Handy.


Am 03. November 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Der Chefredaktion von Deutschlandradio ins Stammbuch:
Ungeschick lässt grüßen!
Wie man ´s auch wendet, verdreht und nimmt:
Man fühlt die Absicht und ist verstimmt!
Der Ehrenkodex der schreibenden Zunft vergießt Tränen und ruft: Finger weg vom Journalismus, Clement!


Am 03. November 2014 schrieb Pat Hall:

Vielleicht sollte ich mal meinen ferngelenkten Hubschrauber mit Kamera einsetzen und am Fenster seines Büros hin & her Fliegen?
Ob dann die NATO-Kampfflugzeuge kommen werden?


Am 03. November 2014 schrieb Paul-Wilhelm Hermsen:

So sieht jedenfalls ein echter Luftschlag aus!
Glänzender Artikel!


Am 03. November 2014 schrieb Markus Schmitz:

Bravo Herr Bräutigam. Exzellent und weiter so!!!
Danke für diesen gelungenen Artikel.

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