Programm-Beschwerden-Versenken

Ein grausames NDR-Spiel für Geografie-Kenner

Autor: U. Gellermann
Datum: 26. Februar 2018

Es war ein gewöhnlicher Tag in der Redaktion der Tagesschau. Ungewöhnlich war der große bunte Lappen über dem Schreibtisch des Chefredakteurs: Eine riesige Landkarte. Denn gerade eben erst war mal wieder eine Programmbeschwerde der Herren Klinkhammer und Bräutigam eingetroffen: Sie hatten der Redaktion Nachhilfe in Geografie angeboten. Es ging um die korrekte Bedeutung des Wortes Enklave. Dieser und jener Redakteur hatte es schon semantisch versucht: Ob das Wort Enklaven wohl vom Begriff ‚Sklaven‘ kommt, fragte Doktor Gniffke in die Runde und löste gequältes Grinsen aus. Jemand begann heimlich zu googeln, doch der Chefredakteur fuhr dazwischen: „Wir haben Recht, völlig egal, was Bräutigam oder dieser Doktor Gugel sagen, wenn wir eine Enklave bestimmen, dann ist sie es auch, bestimmt!“ Zögerndes Kopfschütteln in der Runde. Doktor Gniffke, auf dem Schreibtisch stehend: „Enklave hin, Enklave her. Auch diese Programmbeschwerde übergeben wir dem Rundfunkrat. Der hat schon ganz andere Beschwerden in seinem Papierkorb versenkt!“ Sprach´s, faltete aus der Beschwerde ein Papierschiffchen und hub an zu singen: „Auf Matrosen, ohé - In die wogende See - Schwarze Gedanken, sie wanken - Und fliehn geschwind - Uns wie Sturm und Wind.“

Hunde heulten in der Nachbarschaft, Hans Albers rotierte im Grab, Geografen stürzten sich aus dem Fenster, und die Stimmung in der Redaktion war von verzweifelter Heiterkeit geprägt.


"Kurdenenklave"
Programmbeschwerde
Stuss – oder Perfidie – mit einem Wort
http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-24235.html (u.a.)
http://www.tagesschau.de/ausland/syrien-kurden-tuerkei-103.html
http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-24253.html

Sehr geehrte Rundfunkräte,

erlauben Sie die schlichte Rückfrage: Wenn´s bei ARD-aktuell schon im Kleinen nicht sauber klappt, wie sollte es dieser Redaktion dann im Großen gelingen? Guckt eigentlich der promovierte Chefredakteur Gniffke die Sendungen selbst noch an, die er zu verantworten hat? Wissen Sie was darüber? Oder ist Ihnen das inzwischen auch schon egal?
Text einer Studiomeldung am 19. Februar in den Tagesschau-Ausgaben 17 Uhr und 20 Uhr (frühere Sendungen dieses Tages haben wir nicht mehr überprüft):
Einen Monat nach Beginn der türkischen Offensive in Nordsyrien will die Regierung in Damaskus offenbar die kurdische Miliz YPG unterstützen. Syrische Medien berichten über eine entsprechende Einigung. Danach sind regierungstreue syrische Kräfte bereits in dem Gebiet im Norden im Einsatz. Sie stünden kurz vor dem Einmarsch in die umkämpfte Enklave Afrin (...)
Auch auf der Internet-Seite tagesschau.de wird der Quatsch verbreitet:
Syriens Kurden und die Regierung in Damaskus haben sich über die Entsendung von regierungstreuen Kräften nach Afrin geeinigt, um dort den Luftraum und die Grenze gegen türkische Angriffe zu verteidigen. Nach einem Bericht des syrischen Staatsfernsehens stehen regierungsnahe Truppen, sogenannte Volkskräfte, kurz vor einem Einmarsch in die kurdische Enklave Afrin im Nordwesten des Landes.
Zwar verläuft die Grenze zwischen der Türkei und Syrien in dieser Region nicht geradlinig, sondern das syrische Afrin ragt etwas ins türkische Staatsgebiet hinein, so wie Tschechien im Oberfränkischen in das deutsche Gebiet hineinragt; die syrische Provinz Afrin liegt aber nicht als vom Mutterstaat vollständig abgetrennte Insel im türkischem Staatsgebiet. Erst dann könnte von einer „Enklave“ gesprochen werden. Das hätte die Tagesschau-Redaktion mit einem Blick auf ihre eigene Landkarte feststellen können, mit der sie ihre Meldung illustrierte.
Hilfreich wäre ein zweiter Blick in den Brockhaus gewesen, bitte nachschlagen unter „E“ (wie „Eselei“). Aber dazu langt es offenbar zeitlich in der Redaktion nicht mehr, und nicht mal die jederzeit greifbare Wikipedia wurde zu Rate gezogen:
Eine Enklave (von französisch enclaver, ‚umschließen‘) ist ein Staatsgebiet, das vollständig vom Gebiet eines anderen Staates umschlossen ist, also keine Grenze zu einem zweiten Staat und keinen eigenen Zugang zur hohen See hat. Beispiele sind Büsingen am Hochrhein, Lesotho, San Marino und die Vatikanstadt. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Enklave
Am 20. Februar wurde der „Enklave“-Quatsch bei ARD-aktuell noch immer nicht abgestellt, sondern in einer neuen Variante geboten: „Kurdenenklave“. Sowohl in der Studiomeldung als auch als Schriftzug auf zwei Fotos zur Hintergrund-Illustration. Ein halbwegs nachdenklicher Redakteur hätte den Stuss schon deshalb nicht verzapft, weil selten verwendete Fremdwörter in einer Informationssendung für ein Millionenpublikum nichts verloren haben.
Pure Gedankenlosigkeit von gestressten Nachrichtenredakteuren? Die neue Wortverbindung „Kurdenenklave“ nährt einen anderen Verdacht: Sie ist typisch für die Sprachschöpfungen der prowestlichen Nachrichtenagenturen, und die dienen nun mal dem Transport transatlantischer Propaganda.
Die USA wünschen sich schon lange ein kurdisches eigenstaatliches Gebilde in dieser Region, weil es einen Dauerkonflikt begründen würde zwischen Türken, Syrern, Irakern, Iranern, Armeniern und Aserbeidschanern; „balkanisieren“ ist seit der Zerschlagung Jugoslawiens der gebräuchliche Begriff für diese Politik. „Teile und herrsche“: Die Scheingründe für ein permanentes militärisches Engagement der USA zur Kontrolle der gedamten Region wären geschaffen. Das entsprechende Interesse Washingtons ist nachweisbar, Außenminister Tillerson hatte erst jüngst angekündigt, eine kurdische 30 000 Mann starke „Grenztruppe“ in Nordsyrien schaffen zu wollen. Die plötzlich häufige Verwendung von „Kurdenenklave“ passt gut in den Rahmen einer US-konformen Akzeptanzstrategie.
Kritische Distanz zu Dergleichen und Nachdenklichkeit bei der Arbeit sind allerdings nicht Sache von Qualitätsjournalisten der ARD-aktuell. Die haben für sowas keine Zeit. Sie müssen als Wasserträger Einsatz zeigen. Und liefern nur Gründe für Beschwerden über die Verletzung ihrer staatsvertraglichen Pflichten. Zu nennen sind besonders die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit, Vollständigkeit der Informationen, Verarbeitung nach „anerkannten journalistischen Grundsätzen“. Zu denen gehört es nicht, entweder nur idiotische oder gar doch perfide propagandistische Wortschöpfungen wie „Kurdenenklave“ mit ihren giftigen Widerhaken in die Welt zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer

Uli Gellermann zur Russophobie in deutschen Medien:

https://youtu.be/kogQyL_TPC8


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 03. März 2018 schrieb Ole Bienkopp:

Ja, der Gebrauch dieses Wortes ist mir in den letzten Tagen auch mehrfach unangenehm aufgefallen. Vor allem die medienübergreifende gleichgeschaltete Verwendung desselben. Man schöpft offenkundig aus denselben trüben Quellen (dpa, reuters, AP...) und trinkt dss Wasser ohne Sicht- oder Geschmacksprobe.

Mir war vor allem die Bezeichnung Gazas als "palästinensische Enklave" aufgefallen. Sogar in der Steigerung "am Mittelmeer" (ARD). Daß sich das ausschließt, scheint man ebensowenig mitzubekomen, wie die Grenze Ägyptens zu Gaza. Allerdings beschreibt der Begriff hier wenigstens korrekt den Status quo einer durch Israel betriebenen vollständigen Umklammerung und Belagerung Gazas. Auch um die Erdgasvorkommen vor der Küste zu vereinnahmen. Geografisch und völkerrechtlich bleibt es Unsinn. Und wer die Bezeichnung "Journalist" verdienen will, muß das erkennen.

Und gestern sah ich noch eine Überschrift aus der tagesschau-Website, die von der "Enklave Ost-Ghouta" schrieb. Frage an die Gniffkes: WESSEN Staatsgebiet soll Ost-Ghouta denn sein, wenn nicht die des umklammernden ("enclaver") Syrien? Etwa des Islamischen Staates? Lese ich da analog zu Gaza ein weiteres Eingeständnis einer Realität, die in den Medien eigentlich nicht erwähnt werden darf?

Ergänzend zum Artikel und meinem Kommentar dazu mal ein Link auf einen aktuellen Artikel von Spiegel online:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ost-ghuta-regierungsarmee-intensiviert-angriffe-a-1196406.html

Da wird der Begriff der "Enklave" insgesamt 5 mal auf Ost-Ghouta bezogen! Quelle, laut SPON dpa/reuters und der Autor ist wohl ein "abl", wozu ich nichts finden konnte. Wäre schön, wenn man mal zeitnah erfahren könnte, wessen, von Syrien als Fremdstaat umschlossenes Staatsgebiet Ost-Ghouta denn sein soll? ;-)


Am 28. Februar 2018 schrieb Werner Mantteufel:

Die Programmbeschwerden sind ein eine Lehrsunde in Sprache und Demokratie!


Am 26. Februar 2018 schrieb Rita Brenner:

Dieser Vorspann zur Programmbeschwerde ist wirklich hohe Sprachkunst. Aber die Beschwerde ist auch wirklich super.

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