MICHAEL STÜRMER

Ein Gespenst, dass sich für Geist hält

Autor: U. Gellermann
Datum: 19. Juni 2014

Silbern fällt ihm das Haar vom Scheitel in die Stirn, überaus seriös, trocken die Stimme, ein Bild von einem Journalisten gibt der Chefkorrespondent der WELT ab. Er ist einer, der die Zeiten erklärt, ein Herr der Interpretation: "Es ist schwer, nicht an ein Jugo-Endspiel der Extraklasse zu denken und dabei das Gruseln zu lernen" tätowiert uns der gelernte Historiker zum Ukraine-Konflikt in die Hirnrinde. Und wer so den damaligen Jugoslawienkrieg, die blutige Demontage eines Staates, als ein sportliches Endspiel bezeichnet, der weiß sich an der Macht, zumindest an der Deutungsmacht.

Hinter seinem Schreibtisch interpretiert er nicht nur das Welt-Geschehen, er hofft es auch zu verändern: "Europa ist zu nah, um den Brennraum zwischen Golf und Mittelmeer sich selbst zu überlassen" schreibt der Großstratege über den Bürgerkrieg im Irak. Dass es ein Raum ist, in dem Menschen verbrennen, na und? Dass die implizit verlangte Einmischung "Europas" in den Bürgerkrieg diesen bisher nur angeheizt hat, was soll´s? Dass eine wesentliche Ursache des andauernden irakischen Zerfalls in der "Koalition der Willigen" liegt, jenem Bündnis, das unter Führung der USA einen Krieg im Irak führte, wer will das heute noch wissen?

Dem Feldherrn auf dem WELT-Hügel ist sein Geschreibsel von gestern ins Vergessen geraten: "Der Zeitpunkt einer Militäraktion (im Irak) muss in der zweiten Januarhälfte liegen: Vorher sind die britischen Challenger-Panzer nicht wüstenfähig, ab April wird das Klima kriegsuntauglich. Washington-Insider rechnen damit, dass die Luftwaffe diesmal in sechs Tagen erreicht, wofür sie 1991 sechs Wochen brauchte", diktierte er damals die Strategie und erkannte von Berlin aus: "Anzuerkennen ist, das sich Bush nicht… davonschleicht, sondern mit weiteren Truppen Ordnung und Demokratie im Irak durchsetzen will", so ist es mit dem Brennraum, wenn man nicht selbst drin ist, weiß man alles und das auch noch besser.

Wie wird ein eigentlich normaler Student der Geschichte zu jenem kaltblütigen Monster, dessen verächtliche Sprache ihn als wiedergeborenen Herrenmenschen kennzeichnet? Sicher ist, dass die zehn Jahre, in denen er Direktor der "Stiftung Wissenschaft und Politik", dem wesentlichen Beratungsinstrument der Bundesregierung für Außenpolitik, den furchtbaren Journalisten wesentlich geprägt haben. In diesem ursprünglichen Projekt des Bundesnachrichtendienstes wurde Stürmer Nachfolger von Klaus Ritter, der als Wehrmachtssoldat am Überfall auf Polen und am Krieg gegen die Sowjetunion beteiligt war und für den ersten Chef des BND, Reinhard Gehlen und dessen Spionagetruppe "Fremde Heere Ost" gearbeitet hatte. Hier ist die braune Spur zu erkennen, hier wurzelt Stürmer in einem Boden, der mit Blut gedüngt wurde.

"Der Worst Case wird denkbar", schreibt Stürmer über die Entwicklung im Irak. Und wenn er das Denkbare schreibt, dann schreibt er den Krieg herbei: "Bundespräsident Gauck spricht endlich Tacheles", jubelt er nach der Münchner Gauck-Rede über die "gewachsene deutsche Verantwortung". Und wenn er den Israel-Palästina-Konflikt zu analysieren vorgibt, geht ihm der eklige Biologismus glatt von der Zunge: "Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geht es . . . vor allem aber um die unaufhörliche Bevölkerungsexplosion unter den Palästinensern." Nicht um Völkerrecht, nicht um Gerechtigkeit geht es nach Stürmer im geschundenen Land. Nein, dem Herrn Professor werfen die Araber einfach zu viel.

Dass sie selbst der "Worst Case" sind, der schlimmste Fall von kriegslüsternem Manipulations-Journalisten, der einem Land widerfahren kann, das kommt den Stürmers in den deutschen Redaktionen nicht in den Sinn. Mit ihnen hat sich das Land zu seiner "neuen Verantwortung" voran gerobbt, mit ihnen soll das deutsche Wesen wieder zur Genesung der Welt beitragen und ist doch nur eine kranke Deformation aus der Vergangenheit, ein Gespenst, das sich für Geist hält.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. Juni 2014 schrieb Theo Tier:

Der DLF gibt diesem Kriegshetzer heute wieder 90 Minuten lang ein Forum. Es ist einfach erbärmlich.


Am 21. Juni 2014 schrieb Rainer Wehrt:

Ein echter Gellermann: Scharf formuliert und gedacht. Danke.


Am 20. Juni 2014 schrieb Ingrid Böhm-Duwe:

Das durch solche Schreiberlinge wie Stürmer entstehende Problem ist das der Mediengläubigkeit jener Leute, die ach so gerne gebückten Hauptes ihre Kotaus vor denjenigen machen, die sich den Anstrich von besonderem Wissen und Intellektualität geben. Na ja, nicht nur, manchmal reicht den hörigen Verehrern der Dummheit, der Ignoranz, der Arroganz – und weiterer in den Rahmen negativer Eigenschaften gehörenden No-Goes – bereits, wenn ein Titel oder eine Position vorhanden ist. Denn ein "Gau©kler" oder eine "Mutti" zum Beispiel erfüllen sicherlich nicht den Anspruch, den man früher mal an ein Land der Dichter und Denker stellen konnte!

Und wenn man so jemandem wie Herrn Stürmer sein Ohr oder Auge schenkt, wobei man letzteres einem Medium wie der Welt zuwendet, das sich als seriös anbietet und so gelesen werden will, und wenn man dann sowieso das „Denken den Pferden überlässt, weil die größere Köpfe haben“, sprich: gläubig an den Zeilen solcher Journalisten hängt, dann ist derjenige fürwahr gesuchtes Opfer der Indoktrination.

Brecht ist immer noch aktuell: Der Schoß ist fruchtbar noch!


Am 19. Juni 2014 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

In Deinem Artikel ist erneut ein weiteres Ekelexemplar auf hervorragende Weise beleuchtet, das womöglich sonst hätte übersehen werden können im ganzen unübersichtlichen MORAST der aktuellen Realität - man kommt ja kaum noch nach.
Ein großes Danke!


Am 19. Juni 2014 schrieb Doris Zeilinger:

Mit anhaltendem Interesse und großer Zustimmung lese ich seit geraumer Zeit Ihre Artikel. Mir ist nach und nach aufgefallen, dass ich in allem (!) mit Ihnen übereinstimme, was doch einmal gesagt werden muss - verbunden mit herzlichem Dank für Ihre Arbeit! Die Artikel sind ein Geschenk für jeden, der am Mainstream der politischen Propaganda Tag für Tag verzweifelt.

Obwohl ich meine Anerkennung schon öfter äußern wollte, es aber doch immer wieder für aufdringlich gehalten habe, war mir der heutige Beitrag zu MIchael Stürmer ein besonderer Anlass. Ich habe wenige Vorlesungen seinerzeit in Erlangen bei ihm gehört - vieles hat sich schon damals angekündigt. Er war schon damals ein national-propagandistischer Lehrer. Den wesentlichen Unterschied zu anderen, meinetwegen konservativen, Kollegen konnte ich auch als junge Studentin sofort, und mir höchst unangenehm, wahrnehmen, auch im persönlichen Auftreten.

Ich freue mich jeden Morgen auf den nächsten Gellermann, der dann auch immer wieder erscheint!


Am 19. Juni 2014 schrieb Heinrich Triebstein:

Der Gründer von Welt und Bild, Axel Cäsar Springer, drückt sich so aus: "Ich war mir seit Kriegsende darüber klar, dass der deutsche Leser eines auf keinen Fall wollte, nämlich nachdenken. Darauf habe ich meine Zeitungen eingerichtet." Die Verantwortlichen in den anzeigen- und quotenabhängigen Medien haben ihren Macchiavelli verinnerlicht: Brot und Spiele. Und wenn die Untenhaltung durch Unterhaltung nicht mehr funktioniert, wird die große Angsterzeugungsmaschine angeworfen. Angst essen Seele auf, heißt der Filmtitel von Rainer Werner Fassbinder. Und sie frisst Hirn gleich mit. Was sie mit der Gier gemeinsam hat.


Am 19. Juni 2014 schrieb Johannes M. Becker:

...stark, mein Lieber!


Am 19. Juni 2014 schrieb curti curti:

Es ist offensichtlich, daß politischer und medialer mainstream emsig bemüht ist das ewig-gestrge zu aktivieren und zukunftsfähig zu machen. Teile des deutschen Wesens bieteen scheinbar Potential derartig zu "genesen".

Stürmer steht in diesem Reigen zweifelsfrei an vorderster Front und vermag vom Schreibtisch aus vermutlich viel zu bewegen. Die Bereitschaft zur Gewalt und in weiterer Folge der Finger am Abzug werden erst aktiv durch die passende Losung im Kopf. Alle Achtung ist geboten.

Ein Schmock, den Stürmer sich wahrlich "verdient" hat. Hochachtung für die Courage des Verleihers!


Am 19. Juni 2014 schrieb Joe Bildstein:

Die "WELT", nicht wert sich im Winter damit die Scheiben frosfrei zu halten, da bieten GALA oder TITANIC weit mehr intellektuelle Herausforderung.


Am 19. Juni 2014 schrieb Rainald Irmscher:

Ja, Uli, da hast du den Richtigen richtig erwischt! Einen, der sich mit einer ewig-gestrigen Grundmeinung hochgearbeitet hat an Schaltstellen der Propaganda-Maschine. Man könnte vermuten, Göbbels hätte so seine Freude an ihm.

Es ist so schade, dass auch da wieder ein schlaues Kerlchen ganz schlimm wirksam wird, das noch nie wirksame Hilfe bekommen hat, hinter sein kriegstreibendes Geschreibsel zu schauen und zu fragen, was ihn denn gemacht hat zu solch einem Gespenst.
Die Frage, was die schrecklichen Erziehungsempfehlungen einer Frau Dr. Johanna Haarer denn zu tun haben mit seinen martialischen Glaubenssätzen hat er sich wohl noch nicht gestellt.
http://www.pachizefalos.de/liebende-eltern.htm


Am 19. Juni 2014 schrieb Miriam Schneider:

Elegant und gnadenlos: Mal wieder eine wunderbarer Schmock aus Kellermanns Feder!


Am 19. Juni 2014 schrieb Werner Holtkamp:

Brillant? Schwachsinnig? Der Artikel ist brillant, die Stürmers sind genau das Gegenteil.


Am 19. Juni 2014 schrieb Gerd Gust:

Der Name des Herrn erinnert in fataler Weise an das Hetzblatt der Nazis !


Am 19. Juni 2014 schrieb Hannes Stütz:

Was soll das jetzt ? Frau Dr. Angela Merkel war in der Kabine.

Kürzlich...

28. November 2016

Wie NENA in den Journalismus kam

Doktor Gniffke baut die TAGESSCHAU aus Sand
Artikel lesen

24. November 2016

Dr. Gniffke: Ohne Palau keine Nachricht

Wie die TAGESSCHAU mal Rücksicht auf eine Insel nahm
Artikel lesen

21. November 2016

Heiligsprechung eines Mörders

Wie die TAGESSCHAU den Obama-Besuch zelebrierte
Artikel lesen

17. November 2016

Rundfunkrat ohne Konsequenz

US-Wahlkampf der TAGESSCHAU für Clinton
Artikel lesen

14. November 2016

Erklärung von Dr. Gniffke zu den US-Wahlen

Die Außenpolitik der USA wird auch künftig unsere Innenpolitik sein
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen