Me too in der Tagesschau

Ein spontaner Chor bei ARD-aktuell

Autor: U. Gellermann
Datum: 08. Januar 2018

„Me too, me too, for me and auch for you“. Doktor Gniffke, der Chefredakteur der Tagesschau, hatte das Fußbänkchen erklommen und schwang den Taktstock. Brav hatte sich die Redaktion um ihn gruppiert, man hüstelte sich frei und hub zu singen an: „Me too, me too, for me and auch for you“. Wer jetzt glaubte, dass die Redaktion sich der US-Kampagne gegen sexuelle Belästigungen angeschlossen hatte, der irrte. Doktor Gniffke und seine Truppe feierte nur die endgültige Rückkehr der Tagesschau zum Feld-Wald-und-Wiesen-Journalismus. Die Abkehr vom Qualitäts-Journalismus hatte schon vor Jahren begonnen, als die privaten Sender auftauchten. Doch inzwischen – am Bespiel der Berichterstattung über ein Eifersuchtsdrama in Rheinland-Pfalz deutlichst sichtbar – konnte das Niveau noch mal abgesenkt werden. Lange hatte man sich an der Apotheken-Umschau orientiert, jetzt versuchte die Redakation krampfhaft in die Nähe der BILD-Zeitung zu gelangen. So sangen denn die Knaben der Tagesschau munter weiter: „Ich auch, ich auch, das ist ein schöner Brauch. Der Blick geht auf´s Private, nur das ist faul im Staate. Wir machen Quoten, auch gern mit Toten. Denn wir sind Gniffkes Abschreib-Truppe. Der Staatsvertrag der ist uns schnuppe.“


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ARD-aktuell praktiziert Rudeljournalismus
https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-360725.htmlhttp://blog.tagesschau.de/2017/12/28/kandel-wie-die-tagesschau-damit-umgeht/

Sehr geehrte Rundfunkräte,

am 27.12.2017 erstach ein 15jähriger afghanischer Jugendlicher seine gleichaltrige deutsche Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt in Rheinlandpfalz. Er wurde auf frischer Tat gefasst, alle Tatumstände sind bekannt, das Motiv ebenfalls: Eifersucht. Es gründet nicht auf ethnischen Unterschieden. Es ist vielmehr eines der drei kriminalwissenschaftlich häufigsten Motive für Mord. Ein 0815-Verbrechen, von allenfalls lokalem Interesse.
Dennoch berichtete ARD-aktuell einen Tag später, am 28.12., breit in allen ihren Formaten darüber.
Einige statistische Daten: 2016 ereigneten sich in Deutschland 373 Morde. 2014 waren es noch 298. Das Zahlenverhältnis zwischen deutschen Tätern und solchen mit Migrationshintergrund änderte sich aber nur geringfügig: Der Anteil der nicht-deutschen Täter ging etwas zurück. Ferner: Wegen Mord oder Totschlag wurden anno 2014 nur 17 Jugendliche verurteilt (14 im Westen, 3 im Osten). Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kriminalitaet-die-maer-von-der-steigenden-jugendkriminalitaet-a-1119162.html 
Welcher journalistische Grund sprach dafür, dem Geschehen in Kandel bundesweite Bedeutung beizumessen und in der Tagesschau darüber zu berichten? Keiner. Auch die ARD-aktuelI-Redaktion kam am Tattag zu dem einzig richtigen Schluss:
„(...)Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. (...) Tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen.“ Quelle: http://blog.tagesschau.de/2017/12/28/kandel-wie-die-tagesschau-damit-umgeht/
Warum verwarf ARD-aktuell diese richtige, journalistischen Prinzipien folgende Überlegung? Warum brachte die Redaktion einen Tag später die Null-Nachricht trotzdem? Die Redaktion antwortet selbst:
"(...) Seit einigen Stunden wird uns in den Sozialen Netzwerken vorgeworfen, die Tagesschau würde darüber nicht berichten. Wir würden bewusst etwas verschweigen. (...)Andere Medien haben dies bereits groß berichtet.(...)“ Quelle: blog.tagesschau, s.o.
Welch ein charakterloser, billiger Opportunismus, welche Unterwerfung unter den Massengeschmack. Die Mannschaft auf dem „Flaggschiff des deutschen Nachrichtenjournalismus“, wirft ethische und journalistische Grundsätze aus Rückgratlosigkeit und Angst vor unqualifizierter Kritik in den sozialen Netzwerken über Bord – und schließt sich dem Rudeljournalismus an. Auch noch seiner besonders widerwärtigen Spielart: Sie informiert nicht, sondern verursacht irrationale Ängste. Der Kriminologe Wolfgang Heinz, Uni Konstanz:
"(Irrationale) Angst vor Kriminalität entsteht meist nicht durch eigene Erfahrungen, sondern durch sensationsheischende Berichterstattung." Quelle: Spiegel online, s.o.
Schlimmer noch: Sensationsheischende Berichterstattung bedient hier außerdem rassistische Einstellungen und leitet Wasser auf die Mühlen fremdenfeindlicher rechter Bevölkerungskreise, die sich von der AfD angesprochen fühlen. 
Das mag von der ARD-aktuell-Redaktion nicht eigens beabsichtigt gewesen sein, sie hat es aber billigend in Kauf genommen. Die Mitteilung, der Täter stamme aus Afghanistan, hatte wegen des ordinären und eben nicht ethnisch bedingten Motivs „Eifersucht“ keinerlei eigenständigen Informationswert. Sie war vollkommen überflüssig. Es beweist nur primitiven Populismus, sie entgegen berufsethischen Grundsätzen gemacht zu haben.
Wenn die Veröffentlichungen anderer Medien maßgebend für redaktionelle Entscheidungen der Tagesschau werden, gibt sie ihre Eigenständigkeit auf und macht sich überflüssig. Rudeljournalismus wird bereits ausreichend geboten, sogar gebührenfrei. Aber: „Die anderen haben es auch so gemacht“ ist ein typischer Rechtfertigungssatz in Stellungnahmen des ARD-aktuell-Chefredakteurs Dr. Gniffke. Er hat sich damit längst selbst disqualifiziert. Und Sie, die Rundfunkräte, haben sich Ihres Amtes unwürdig erwiesen, weil Sie Gnffkes Glaubwürdigkeitsverlust nicht einmal bemerkt haben - oder, falls doch, ihn hingenommen  haben.
ARD-aktuell ist auf die Programmgrammvorgaben des NDR-Staatsvertrags verpflichtet: Journalistische Grundsätze, Minderheitenschutz und die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sind verbindlicher Auftrag der Redaktion. Sie hat ihn hier fraglos verletzt und zugleich ihrem Ansehen erheblich geschadet.
 
Mit freundlichen Grüßen

Friedhelm Klinkhammer, Volker Bräutigam


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. Januar 2018 schrieb marie becker:

die Grande Dame ist schon ziemlich alt ...was macht die Männerwelt ohne sie?
und Frage an die Damen: gibt's nix wichtigeres, das in einer solchen Flut im Netz behandelt werden müßte. Selbst viele kleine Klagen , bringen keine Lösung von individuellen Problemen


Am 12. Januar 2018 schrieb Uschi Peter:

Schon der Generation meiner Oma (keine Mimin, sondern Hausfrau) war die "Besetzungscouch" ein Begriff. Das heißt, JEDE angehende Schauspielerin wusste und weiß, wie man gute Rollen bekommt und gut verdient, nämlich durch die Förderung eines einflussreichen Mannes. Die heutigen Me-too-Schreierinnen haben erst die erhoffte Höhe erklommen über einen (siehe oben). Jetzt, um viele gute Rollen und viel Geld reicher, können sie ihre Proteges in den A... treten und sich als Opfer darstellen. Mir erscheint das alles als wieder eine große Schau und fischen nach Aufmerksamkeit.
Da bin ich ganz bei Frau Deneuve.


Am 11. Januar 2018 schrieb marie becker:

Dann bleibt zu hoffen, dass dieser Shitstorm endlich aufhört ; aus meiner Sicht blamiert sich die Damenwelt eh dadurch; mir gibt's da viel zu viel an Indiskretion....


Am 11. Januar 2018 schrieb Ulrike Spurgat:

Die große Dame des französischen Films ist für Millionen von anständigen Männern in die Bresche gegangen.
Meine Verehrung, Frau Deneuve, und halten sie Kurs. Sehr gerne schließe ich mich dem an.


Am 11. Januar 2018 schrieb marie becker:

meine Frage geht auch dahin: Wo bleibt der Protest der Männerwelt gegenüber dieser Flut an Anklagen? Sind die Frauen wirklich die besseren Menschen und die Männer die moralisch minderwertigen? Warum setzen sie sich in keiner Weise zur Wehr gegen all diese Pauschalisierungen?

Antwort von U. Gellermann:

Das macht gerade Catherine Deneuve für uns.


Am 09. Januar 2018 schrieb Stefan Kromer:

Dies ist die erste Programmbeschwerde der Herren Klinkhammer und Bräutigam die ich nicht voll undvganz unterstützen kann.Die Berichterstattung der Tagesschau in diesem Fall war richtig,aber wie so oft unvollständig.Aus meiner Sicht hätte der Fokus bei dieser Nachricht auf dem offensichtlich falschen Alter des Täters und der daraus resultierenden nicht stattgefundenen Kontrolle der Papiere des Delinquenten an der Grenze gehört.Auch die brutale Ausführung der Tat (Entstellung des Gesichts vor dem finalen Herzstich) und das fehlende Interesse für den daneben stehenden Nebenbuhler spricht mehr für Ehrenmord als für eine Beziehungstat.Das Weglassen dieser Tatumstände müssen sich dieses Mal leider auch die ansonsten großartig arbeitenden Beschwerdeführer gefallen lassen.Ändert aus meiner Sicht aber nichts an den vergangenen,allesamt hervorragenden Programmbeschwerden.

Antwort von Volker Bräutigam:

Ehrenmorde“ sind nach dem Verständnis jener Kulturen, in denen sie noch Zustimmung haben, beschränkt auf den Ehebruch-Zusammenhang und auf Beziehungen junger Frauen außerhalb des von ihren Familien Erlaubten. Beides lag hier nicht vor, allenfalls kann sich der Täter als der von seiner Ex-Freundin Verlassene in seiner Eitelkeit gekränkt gefühlt haben.
So oder so bleibt der Vorfall aber eine Beziehungstat, selbst wenn es sich um einen „Ehrenmord“ gehandelt hätte; die Tagesschau hat zunächst durchaus verständig und angemessen reagiert, als sie erklärte, sie berichte nicht über Beziehungstaten, schon gar nicht, wenn es sich um besonders schutzwürdige Jugendliche handele. Das entspricht im übrigen journalistischen Grundsätzen, die der Staatsvertrag der ARD-aktuell-Redaktion orientierend vorgibt.
Unsere Kritik richtete sich dagegen, dass die Tagesschau ihre eigenen Grundsätze aufgrund befürchteter Unterstellungen und Anwürfe in den sozialen Netzen über Bord warf und damit nicht die Bohne Standfestigkeit und Überzeugungstreue bewies, sondern nur Anbiederei an den Massengeschmack.
Das, so meinten wir, ist in unserer Beschwerde auch deutlich zum Ausdruck gekommen.


Am 08. Januar 2018 schrieb Claire Fontaine:

Nach schweren Lachanfällen bin ich von der Tagesschau gesundet. Dank der Methode Gellermann: Nichts von dieser Verdummungs-Sendung mehr ansehen! Ansonsten: Weglachen.

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