Erkältung bei der Tagesschau

Zurückrudern macht auch Fahrtwind

Autor: U. Gellermann
Datum: 24. Juli 2017

Jüngst im Keller des Hauses Hugh-Greene-Weg 1 in Hamburg: Man unterhält sich leise miteinander. Doktor Gniffke, Chef der Tagesschau: „Wir müssen zurückrudern. Lange Zeit sind wir aus Enttäuschung über den verlorenen Clinton-Wahlkampf auf der Anti-Trump-Welle gesurft. Aber das geht ja nicht ewig. Der Mann ist schließlich ein Darling der Saudis. Und so ein Königshaus genießt überall auf der Welt Respekt. Deshalb zitieren wir im Katar-Saudi-Arabien-Konflikt einfach mal Trumps Außenminister. Kein Kommentar, keine Analyse, kein Hintergrund. Einfach eins-zu-eins.“ - Meldet sich ein anderer aus der klandestinen Keller-Runde: „Und warum flüstern sie so, Herr Doktor?“ - „Ich habe einen Katarrh!“ - Und in das unterdrückte Gelächter hinein noch mal Doktor Gniffke: „Zurückrudern macht auch Fahrtwind!“ - Leise aber immer noch lachend geht die Runde auseinander.

Eingabe
Katar-Tillerson
 
http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-20765.html
http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-308391.html
 
Sehr geehrte Rundfunkräte des NDR,
Die Tagesschau meldete am 14. Juli:
US-Außenminister Tillerson sieht Chancen für direkte Gespräche in der Katar-Krise. Nach einem mehrtätigen Besuch in der Region sagte er, es geben nunmehr die Bereitschaft, wenigstens offen dafür zu sein, miteinander zu sprechen. Das sei vor seiner Ankunft nicht der Fall gewesen. Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain haben Anfang Juni ihre Beziehungen zu Katar gekappt. Sie werfen dem Land unter anderem vor, Terroristen zu unterstützen.
Das hätte der Sprecher des US-Außenministers Tillerson auch nicht viel anders, höchstens wortreicher formuliert. Eine den Programmrichtlinien und dem Programmauftrag des Staatsvertrags entsprechende Nachricht, objektiv und vollständig, über Tillersons Aktivitäten in Nahost (wie zum Verständnis und zu einer fundierten Urteilsbildung der TV-Kundschaft erforderlich), sieht anders aus.
Den Tagesschau-Satz
„Sie" (gemeint sind Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain) "werfen dem Land " (gemeint ist Katar) "unter anderem vor, Terroristen zu unterstützen"
muss man sich als  Halbwahrheit auf dem Trommelfell zergehen lassen. Er wäre mindestens mit dem Hinweis zu ergänzen gewesen, dass Saudi-Arabien und die VAR ebenfalls massiv „Terroristen unterstützen“, sie sind schließlich die Begründer der al Kaida und finanzieren den Terror der Söldner und Dschihadisten in Syrien. Doch davon abgesehen: Tillerson und sein katarischer Kollege al-Thani schlossen in Doha ein Abkommen für den Anti-Terrorkampf. Vorgebliches Ziel: Die Finanzierung des Terrorismus zu unterbinden. Was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass Tillerson höchst effektiv war bei dem Versuch, den Terrorismus in Syrien zu koordinieren, den US-amerikanischen Einfluss darauf zu vergrößern und den Söldnern und Dschihadisten strategische Linien gemäß US-Interesse zu vermitteln.
Fakten: Die Kataris finanzieren wie die Saudis zahlreiche Söldner in Syrien und im Irak und beliefern sie mit Waffen und Milizionären. Die USA versuchen jetzt jedoch ähnlich wie Russland, die Kämpfe in Syrien und Irak hauptsächlich von regulären Armeen führen zu lassen. Bereits im Januar wurde mit US-amerikanischem Segen in Syrien eine neue Söldnertruppe mit dem Namenskürzel HTS gebildet (Hayat Tahrir al-Scham). Es handelt sich um den Zusammenschluss der berüchtigsten Mörderbanden der al-Kaida in der Levante: Al-Nusra-Front, Nour al-Din al-Zinki, Ansar al-Din Front, Jaysh al-Sunna, JFS (Front for the Conquest of Syria) und Liwa al-Haqq.
Quelle: http://www.longwarjournal.org/archives/2013/11/yesterday_a_new_isla.php
Zur Erinnerung: Mitglieder der al-Zinki-Bande waren es, die einen zwölfjährigen Palästinenserbuben beschuldigten, „Kindersoldat“ Assads zu sein und die ihm vor laufender Kamera langsam den Kopf abschnitten.
Die HTS verfügt mittlerweile über eine Armee von 31 000 Mann unter Waffen. Quelle: https://www.wilsoncenter.org/article/al-qaedas-latest-rebranding-hayat-tahrir-al-sham.
Wesentlich ist die einheitliche Orientierung dieser Gruppierung: Sie richtet sich gegen Russland und gegen die Türkei. Quelle: https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/07/12/saudis-nervoes-usa-schliessen-anti-terror-vereinbarung-mit-katar/
Bisher haben die USA die HTS nicht zur Terrororganisation erklärt. Auch dies ist ein Signal, denn über Nacht ist eine solche Armee nicht entstanden. Sie ist Ergebnis langer Bemühungen, die Streitigkeiten unter den Dschihadisten in Syrien zu beenden, die Gruppierungen unter dem Dach der al Kaida zusammenzuführen und sie auf einen „Endsieg“ in Syrien zu orientieren. Dessen Ergebnis eine Aufteilung Syriens in eine US-beeinflusste und in eine russisch beeinflusste Zone wäre, mit geringen Anteilen für die Türkei. Quelle u.a.: http://www.defenddemocracy.org/media-hit/thomas-joscelyn-hayat-tahrir-al-sham-leader-calls-for-unity-in-syrian-insurgency/
Tillersons Auftritt in Katar demonstriert den Machthabern in Saudi-Arabien, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain, dass sie ihren Streit mit Katar zu beenden und das geostrategische Ziel der USA in Nahost zu berücksichtigen haben. Mit Erfolg: Der Katarische Botschafter konnte mittlerweile nach Saudi-Arabien zurückkehren. Quelle: https://deutsch.rt.com/international/54129-saudi-block-brockelt-katarische-diplomaten/
Die knapp und harmlos erscheinende Tagesschau-Meldung ist nicht einfach nur dümmlich-verkürzend. Sie folgt getreulich der transatlantischen Propagandalinie, die USA unternähmen wirksame Schritte zur Beendigung des unmenschlichen Terrors in Nahost. Das Gegenteil aber ist der Fall: Die USA koordinieren den Terrorismus nur in ihrem Sinne neu. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Washington seine Zielsetzung des „kreativen Chaos“ als Grundlage für ihren Herrschaftsanspruch auf den Nahen Osten geändert hat. Die USA wollen dieses Chaos nur taktisch anders organisieren.
Die Tagesschaumeldung ist deshalb nicht nur unvollständig. Sie ist irreführend. Mit den staatsvertraglichen Vorgaben unvereinbar.

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer

Das Buch zum Artikel

hop.papyrossa.de/Gellermann-Uli-Klinkhammer-Friedhelm-Braeutigam-Volker-Die-Macht-um-acht


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 26. Juli 2017 schrieb Petra Schneider:

Euer Tagesschau-Buch ist bei Amazon wieder auf Platz 2 der Medien-Beststeller. Das habt Ihr sicher der Super-Rezension in der Jungen Welt zu verdanken. Ihr solltet dem Autor Rüdiger Göbel unbedingt einen ausgeben.

Antwort von U. Gellermann:

Wir legen zusammen.


Am 25. Juli 2017 schrieb Karola Schramm:

Die Tagesschau, der liebe Dr. Gniffke und wie sie alle heißen bei der sz. spiegel-online, etc. Sie alle wissen das genau und behaupten prompt das Gegenteil, weil es besser in ihre Ideologie und Idiotie passt.

Am warmen Ofen und mit vollem Bauch lässt sich gut für Kriege trommeln, das erhöht den Reiz des Ganzen und das Gefühl, ein toller Hecht zu sein. Zudem dezimiert sich dort die Bevölkerung - ist doch auch nicht schlecht....und der weiße Mann kann zeigen, was geradezu als weißer Mann seine angestammte Pflicht ist, wo "der Hammer hängt" und wer wem zu gehorchen hat und dass ihm alles gehört - auch Afrika.

Wird uns das nicht unaufhörlich indirekt vermittelt ?
Der unterwickelte, schwarze Kontinent gegen den hochentwickelten Westen, dessen Aufgabe es ist, die zerstritttenen, archaischen Stämme zu befrieden.

Gaddafi, der Libyen als sozialistisches Land zu voller Blüte gebracht hat, in dem Gesundheitsfürsorge und Bildung völlig kostenlos war bis zur Beendigung eines Studiums, der wurde vom Westen ermordet und das Land ins Steinzeitalter zurück gebombt. Ähnliches mit Ägypten und jetzt Syrien, wobei Afghanistan daran gehindert wurde, sich jemals richtig frei zu entwickeln.
Es ist die Gier der vielen alten, weißen Männer und Frauen nach Macht und Ruhm, die verhindern, dass diese Länder in Frieden und Wohlstand existieren können. Man gönnt es ihnen einfach nicht und tut so, als ginge es um große, schwierige Politik.


Am 24. Juli 2017 schrieb Jan Volkmann:

Könige können keine Terroristen sein. Das wird bei der Tagesschau konsequent berücksichtigt. Und wer in diesen Tagen die devote Berichterstattung der ARD über den Besuch von Prinz William und seiner Familie in Deutschland verfolgt hat, der kann jetzt Hofknicksen.

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