Ein Rundfunkrat der ARD schreibt Schnee

Und was da schmilzt ist der gesetzliche Sendeauftrag

Autor: U. Gellermann
Datum: 25. Januar 2016

Schon seit Monaten kämpfen die unermüdlichen Kollegen Bräutigam und Klinkhammer um journalistische Sorgfaltspflicht und die Einhaltung des gesetzlichen Sendeauftrags der ARD. Routiniert bekommen sie belanglos Antworten des Senders auf ihre Kritik, wahrscheinlich hat man schon ein Formblatt entwickelt. Doch mitten in den bürokratischen Ablehnungsschreiben taucht dann der Brief eines Rundfunkrates auf, der eigentlich das „im Sinne des vom Gesetzgeber erdachten Vielfaltssicherungskonzepts die Offenheit des Zugangs zum Programm der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten für verschiedene gesellschaftlich relevante Gruppen garantieren“ soll. Eigentlich. Erstmal versucht der Rundfunkrat, die Veröffentlichung seines Briefes an eine Zuschauerin mit „juristischen Konsequenzen“ zu verhindern. Jetzt wird er doch in Teilen veröffentlicht. Von eben Bräutigam und Klinkhammer. Sie schreiben:

Eine Frau aus dem Publikum – sie verortet sich selbst in der bürgerlichen Mitte – fand unsere Beschwerden über die zahllosen Mängel und propagandistischen Entgleisungen in den TV-Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedenkenswert. Sie beließ es nicht beim Lesen, sie schrieb an den NDR-Rundfunkrat. Suchte sich als persönlichen Adressaten den vom DGB ins Gremium delegierten Uwe Grund aus. Eine gute Wahl, sollte man annehmen: "kampferprobt,  gesellschaftskritisch, mißtrauisch gegenüber politischen Eliten, unverbogen, kurz: ein Block in der Brandung widerstreitender Interessen.
Oh weh.

„Liebe Frau ...,
schrieb ihr der liebe Rundfunkrat Uwe Grund,
ich stimme Ihnen zu, dass die Medien insgesamt in einer Legitimationskrise sind.“
So, das wäre schon mal geschafft! Standardrepertoire eines politischen Funktionärs: Zunächst mit einem schönen Allgemeinplätzchen das kritische Publikum sedieren. Dabei aber Obacht geben, dass das Sedativ nicht gar zu homöopathisch ausfällt. Der Gedanke ‚Die einen Medien haben mehr, die anderen weniger Probleme mit ihrer Legitimation’ –  darf gar nicht erst aufkommen. Es könnte sonst ja jemand darauf verfallen, die Tagesschau mit sputnik-news oder der RATIONALGALERIE abzugleichen und auf eine Krise bei ARD-aktuell zu schließen.
Und wie es so typisch ist: Für einen gewerkschaftlichen Alibi-Vertreter in einflussreichen Gremien hat Vorrang erst einmal die Darstellung der eigenen Kompetenz:
„Meine Erfahrung ist, dass aktive Medienbeeinflussung in Zeiten von Krieg und Terrorismus zum Instrument der Auseinandersetzung werden.“
Gelungen. Das trifft. Ins eigene Auge.
Lösen wir den Blick vom verkorksten Deutsch. Uwe Grund zeigt seiner Adressatin seine gedankliche Größe: Die Medien sind das Opfer. Ihre aktive Beeinflussung ist ein „Instrument der Auseinandersetzung.“ Man ahnt, der Rundfunkrat Grund hat Wichtiges mitzuteilen, man versteht nur noch nicht ganz, was. Wahrlich schlimme „Zeiten von Krieg und Terrorismus“.
„Das ist hoch brisant, weil die Arbeit der Journalisten immer stärker unter Beeinflussungsversuchen steht.“
Das kommt dabei heraus, wenn Rundfunkrat Grund ein Problem unter die Lupe nimmt und nicht merkt, dass sie das Fernglas ist und er von der falschen Seite durchblickt. So merkt er nicht, dass das Publikum zunehmend von Politikern und Journalisten propagandistisch indoktriniert wird, sondern sieht die Arbeit der Journalisten bedroht, fungiert freundlicherweise auch noch für"Reporter ohne Grenzen":
„Vor wenigen Jahren noch unvorstellbar, heute traurige Realität: Journalisten und ihre Familien werden bedroht und auch - wie gestern in Leipzig angegriffen oder davor in Paris - sogar getötet.“
Jeden Tag wird in Hamburg-Lokstedt ein Redakteur von ARD-aktuell massakriert. Deshalb muss sich der Beschützer des bedrohten Journalismus, Uwe Grund, vor den armen Nachrichtenredakteuren in seiner ARD-aktuell-Zentrale groß aufbauen. Und lichtvolle Erkenntnisse weitergeben:
„Vertrauen ist eine sensible Haltung, schwer zu gewinnen und leicht zu verlieren.“
Das ist – edel. Und schlicht. Vertrauen. Eine Haltung als solche.
„Ich will Ihnen nur versichern, dass im ÖR tausende hoch engagierte Menschen sich täglich dafür professionell einsetzen durch aktuelle und objektive Berichterstattung -guten Journalismus eben- Glaubwürdigkeit zu erhalten oder wo nötig neu zu schaffen.“
Auch mit diesen Worten zeigt unser Gewerkschafter Kompetenz: Fast genauso klingen die PR-Anweisungen im NDR, dem "Besten am Norden"
Und welch ein Schicksal:
„Dass dabei -wie belegt und eingeräumt- auch Fehler gemacht werden, scheint mir allerdings unvermeidlich.“
 
Mag sein, dass Dr. Gniffke im Rundfunkrat regelmäßig zur Beichte gehen muss, wenn er von uns mit journalistischen Mogelpackungen erwischt wurde. Öffentlich bekannt wurden die Beichten bisher aber nicht. Wenn es sie denn tatsächlich gibt, sie sind der Öffentlichkeit verwehrt, bleiben Geheime Kommandosache, wie in dunklen autoritären Zeiten.
 
„Abschließend noch der Hinweis: Einen Vergleich der Qualität journalistischer Arbeit mit den privaten Rundfunkanstalten in Deutschland, Europa oder gar in der Welt braucht der ÖR hierzulande nicht zu scheuen.“
 
Wie ehrlich der Uwe Grund doch ist. Nicht unter das kommerzielle Niveau  sinken, das sagt er damit indizenter – ein wahrlich ehrgeiziges Ziel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Das hatte seine Adressatin allerdings längst gemerkt: 
Sehr geehrter Herr Grund,
vielen Dank für eine Antwort, sie lässt mich allerdings unzufrieden zurück. Es bleibt mein Misstrauen in Politik und Medien und das aus der bürgerlichen Mitte heraus, ich bin nicht alleine, ich kenne in meinem Umfeld niemand der das anders sieht. Aber halten Sie sich nur weiter an Ihre diversen Untersuchungen, die Ihnen Glaubwürdigkeit suggerieren. Ich mache mir weiter Sorgen um unsere Demokratie und unseren sozialen Frieden.“
(...)
Epilog:
Uns geht es nicht darum aufzuzeigen, warum wir bei Uwe Grund das sensible Geschick im Umgang mit Leserbriefen, die Logik und das völlige Beherrschen der deutschen Sprache vermissen, sondern dass er ein Rundfunkrat ist, der offenkundig seine Aufgabe als Vertreter einer gesellschaftlich relevanten Gruppe mißversteht und nicht begreift, dass er im Dienste der Öffentlichkeit die Programme des NDR kritisch zu begleiten hat. Er schwingt sich ganz im Gegenteil zum Verteidiger derer auf, die er auf mangelhafte Arbeit hinzuweisen hätte. Er identifiziert sich mit jenen, die er zu kritisieren hätte. Einfachen Gewerkschaftmitgliedern ist diese Haltung ihres Oberfunktionärs kaum zu vermitteln. Uwe Grund wird sich trösten: Es ist es kein neues Phänomen mit Gewerkschaftern in Aufsichtsgremien.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 26. Januar 2016 schrieb Anke Zimmermann:

Schreibt den Rundfunkräten, sie wollen unsere Anwälte sein.


Am 25. Januar 2016 schrieb Lutz Jahoda:

INSIDERGESTÄNDNIS

Die Macht operiert mit stiller Gewalt.
Ein wichtiger Punkt im Systemerhalt.
Ein dunkles Geflecht aus Parteienfilz
drückt zwar auf Galle, Leber und Milz,
belastet Magen, Herz und Nieren,
besorgt aber sicher das Funktionieren.
Da helfen weder Proteste noch Klagen,
anonym jedoch wage ich mutig zu sagen,
auch wenn ihr euch die Haare rauft:
Demokratie ist längst aufgekauft!


Am 25. Januar 2016 schrieb Peter Djordjevic:

Ich kann nichts zu den Fernsehräten sagen, ich kenne sie nicht. (Mag sein das es das "Problem" ist, sie nirgends zu hören)
Aber ich kenne die Gewerkschaft der ich seit 40 Jahren verbunden bin und von der Idee überzeugt, nicht aber von der Organisation.
Als ich die Äußerungen gelesen habe war für mich unstrittig das es um einen Gewerkschaftsfunktionär handelt. Auch das die Äußerungen zurückgenommen werden wollten. Das ist das größte Problem (nicht nur beim ÖR) das die Vertreter der einzelnen Schichten eher im Rücken zu spüren sind.


Am 25. Januar 2016 schrieb Jörg Oimel:

Also, was haben wir:
Einen Rundfunkratsvertreter, der die Ansicht äußert, dass nicht durch die Bank alle an den ÖR-Nachrichten beschäftigten als Propaganda-Schufte aus eigenem Antrieb zu betrachten seien,
sondern, dass sie unter Beeinflussung stehen und Instrument der Auseinandersetzung sind !
Na sowas aber auch !

Da kann man dann schon so ein Wortgetöse entfachen, um jemanden, der eine andere Meinung -schriftlich auch noch (!)- äußert (die immerhin die Deutung gar nicht ausschließt, dass Dr.Gniffke und andere Konsorten in Leitungsebene und dahinter massiv beeinflussen) niederzumachen.


Am 25. Januar 2016 schrieb Michael Kohle:

Die Gute hat vielleicht eine Traute, schreibt sie einfach - so mir nichts, dir nichts - einen Rundfunkrat an, und auch noch einen Abgesandten vom DGB. Der bzw. das war gut! Sollten wir fortsetzen, mit einem an einen Vertreter der katholischen Kirche bspw.. Um hier nicht gleich wieder einen bestimmten Vorwurf zu provozieren, verzichte ich auf die Erwähnung des Dritten aus Leibnitzens Bunde. Wobei wir dabei aber dann schon beim Richtigen wären, die Tagesthemen Dienstag letzte Woche waren schließlich in ähnlicher Weise alles Andere als ganz koscher.

Dass Herr Grund sich auch noch an die transatlantischen Sprachregelungen hält und das ganze Geplappere von "Krieg und Terrorismus" für dümmliche Erwiderungen herbeizieht, mit einem "Haltet den Dieb" glaubt, den "Tatbestand" bzw. den Spieß umdrehen zu können (wer behelligt denn wen mit Beeinflussunsgsversuchen?),. ist schon ein starkes Stück. Dass der Herr Grund dann auch noch meint, dass täglich tausende hoch engagierte Menschen im ÖR durch professionelle, gute aktuelle und objekte Berichterstattung auffallen, schlägt dann doch dem Fass die Krone aus dem Gesicht. Kann jeder halbwegs aufgeweckte Zuschauer doch in den abendlichen ÖR-Vorlesestunden meist wortgleiche Themenbeiträge vermelden, die er frühmorgens schon im Mäusekino der Online-Medien von Friede und Liz - wohl als Vorgabe - zur Kenntnis nehmen durfte.

Wir sollten Herrn Grund aufrichtig dankbar sein. Bestätigt er uns doch nachhaltig und ganzheitlich, dass selbst ein schüchternes Angehen gegen vom Gebührenzahler erkannte Regelverstöße rundfunkvertraglicher Auflagen ohne Wirkung bleiben, im Gegenteil sogar noch als Unverschämtheit abgetan werden. Haben wir doch damit den endgültigen Beleg, dass sich die Wächter des Staatsfunkes ihres absoluten rechtsfreien Raumes sehr wohl bewußt und vorallem sicher sind.


Am 25. Januar 2016 schrieb Klaus Madersbacher:

Glaubwürdigkeit neu schaffen - da lacht das Herz des Funktionärs, denn dazu braucht´s neue Abteilungen, neue Stellen, neue Funktionäre ...
Schöne neue Welt, Funktionärswelt ...
Ist ja nur unsere Zukunft, um die es da geht, und die ist bei den Funktionären wohl am besten aufgehoben?

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