Dietmar Bartsch

Das verrutschte Lächeln

Autor: U. Gellermann
Datum: 06. Dezember 2011

Gut sieht er aus, der Kandidat: Blondes Haar über festem Lächeln, ein Mann, der sich in den Medien gut schlägt, der Antworten manchmal schneller gibt als Fragen gestellt wurden. Dietmar Bartsch ist einer, der von sich selbst überzeugt ist: Auch deshalb kandidiert der gebürtige Stralsunder für den Parteivorsitz der Linkspartei. Seine solide Ausbildung als Wirtschaftswissenschaftler, als ehemaliger Schatzmeister der PDS und als deren Bundesgeschäftsführer geben ihm jene Karriere-Grundierung, die ein Kandidat braucht. Was ein Kandidat sonst noch mitbringen sollte, Inhalte und Positionen, lieferte der Mann auf seiner Kandidatur-Pressekonferenz sonderbar karg.

"Antikapitalismus allein reicht nicht", wusste der Bundestagsabgeordnete und unterstellte dem bisherigen Kurs seiner Partei damit eine antikapitalistische Begrenzung. Sieht man davon ab, dass die Mitglieder seiner Partei jede Menge Kommunal- und Landespolitik bewegen, in der sie fraglos unterhalb des puren Antikapitalismus agieren, steckt in Bartschs Satz eine verächtliche Kritik des Antikapitalismus, die er schnell mit dem Satz ergänzt: "Die alte radikale Linke hat sich überlebt." Mitten in der tiefsten Krise des Kapitalismus seit langem soll sich die radikale Linke überlebt haben, soll der Antikapitalismus unzureichend sein?

Der Mann, der in den Medien als "Praktiker" firmiert und gern gegen die "unpraktischen" linken Linken ausgespielt wird, hat von seiner eigenen Partei, deren Kurs er offenkundig als überlebt begreift, ein sonderbares Verständnis: In einem Gespräch mit dem SPD-Vorsitzenden Gabriel, dokumentiert vom "Stern", reagierte er auf dessen Angebot doch in die SPD zu kommen mit einem bemerkenswerten Satz: "Um mich dorthin zu kriegen, müsste die Linke sich so entwickeln, dass sie nicht mehr meine Partei wäre." Nicht die SPD müsse sich ändern, damit Dietmar Bartsch sie in Betracht zöge, nein, er befürchtete, dass die eigenen Truppen sich so ändern könnten, dass er ins sozialdemokratische Exil ziehen müsste.

Und damit klar wird, worum es dem Linkspolitiker geht, verkündet er: "Die Linke braucht einen neuen Aufbruch" und sie solle "ihren Weg klar beschreiben und konsequent gehen". Unterhalb des hübschen Marketinggeklingels schwimmt dann ein Satz wie dieser: "Nun wird das Programm auf seine Politikfähigkeit getestet." Nicht, dass das Erfurter Programm seiner Partei umgesetzt werden solle, steht auf der Agenda des Kandidaten. Er will es erstmal testen um dann, wenn die LINKE "lernfähig" ist, "anderen die Hand zu reichen". Wem zu welchen Konditionen die Hand gereicht werden soll, mag Dietmar Bartsch nicht sagen, doch fällt ihm noch ein, dass es nicht reiche, nur Druck auf die SPD auszuüben. So, als ob das alles wäre, was die Linkspartei bisher zu bieten habe. Und so, als nähme man den linken Druck von der SPD - wie mit den Koalitionen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern geschehen - die LINKE dann herrlichen Zeiten entgegen schreiten könne. Die Wahlergebnisse im Resultat der Anpasser-Koalitionen sprechen eine andere Sprache.

Nur manchmal verrutscht dem Kandidaten das Dauerlächeln. So jüngst bei einer Diskussion in Berlin-Mitte, als er auf die Frage, wie er sich denn die vielen widerstreitenden Meinungen und Fraktionskämpfe in der Linkspartei erkläre, einen interessanten Blick in seine Psyche ermöglichte: Da in Zeiten schlechter Wahlergebnisse die Mandate knapper seien, würden sich die Abgeordneten der Linkspartei um die Posten streiten wie "die Hartz-Vierer um den Alkohol". Wer so über seine Leute denkt und offenkundig annimmt, dass der Suff das Erkennungsmerkmal der Arbeitslosen ist, der kann, auf dem Weg in die FDP, die Mitgliedschaft in der SPD gleich überspringen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 20. Dezember 2011 schrieb Christine Kühnl-Sager:

Zum Leserbrief von Herrn Mario Böger vom 15.12. (und früheren Briefen ähnlichen Inhalts) kann ich nur sagen: die Äußerung von Herrn Dietmar Bartsch ist im "Schmock des Monat" richtig zitiert, ich habe sie so gehört und wütend notiert.


Am 15. Dezember 2011 schrieb Mario Böger:

Ihr Kommentar zu Herrn Bartsch mit dem angeblichen Zitat zu den Hartz-Vierern ist einfach unanständig. Deshalb hat er auch in Seiner Stellungnahme dazu eindeutig formuliert: "Ein solches Zitat von mir gibt es nicht."

Antwort von U. Gellermann:

Tja, aber er hat es eindeutig gesagt.


Am 13. Dezember 2011 schrieb Gert Winterbauer:

Ganz offensichtlich haben Sie eine Kampagne losgetreten, mit der Absicht Herrn Bartsch zu schaden. Er bestreitet das Zitat und die Leiterin des "Gesprächskreises" will es nicht bestätigen. Auch dass Sie für die Zeitung "Die Welt" nicht erreichbar waren macht deutlich, dass Sie nicht an der Aufklärung des Sachverhaltes interessiert waren, sonder nur dem Ruf von Herrn Bartsch schaden wollten.

Antwort von U. Gellermann:

Die "Welt" ist ein Springer-Blatt. Die nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau: Die Dame der "Welt" hat mich mit zwei mails gebeten, ich möge sie kontaktieren. Das habe ich getan. Frau Zimmermann hat der "Welt" mitgeteilt, Herr Bartsch habe einen "unglücklichen" Vergleich benutzt. In Kenntnis des Bartsch-Zitates kann man dem nur dringend zu stimmen: Unglücklich für Herrn Bartsch, der damit eine Kampagne ausgelöst hat, die nur er zu verantworten hatte.


Am 11. Dezember 2011 schrieb Christene Anders:

Ob das Postengeschachere wie die Streiterei um den Alkohol bei Hartz-Vierern, Landes- oder Bundespolitikern ausschaut, ist mir herzlich egal.

Überall ist die Alkoholquote annähernd gleich.

Rund 10 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind ebenso Alkoholiker wie Landtagsabgeordnete und Kommunalpolitiker und gut fünf Prozent sind reichlich gefährdet sich zum Profilsäufer zu entwickeln.

Unterschied zum Hartz-Vierer. Das Alkoholmanagement - der H4 muss richtig gut einteilen und sowas konnten Politiker noch nie - es sei denn, es geht in die eigenen Taschen.

Wenn Bartsch es gesagt haben sollte - kein Problem. Die Alkoholiker von der CDU/CSU/FDP/SPD streiten sich auch um die weniger werdenden Posten.

Und die Alkies von der NPD erst recht!


Am 10. Dezember 2011 schrieb M. König:

Kann das sein, daß das der Welsch von der Saarbrückener FDP, welcher auch in Augsburger UNION, sowie Eventmanager ist? Der Welsch der jeden, sogar den DFB-Präsidenten und den Nichtraucherbund wegen Nichtigkeiten verklagt und jeden und alles anzeigt? Hab mal ´n bissl gegoogelt ... so wie der Typ aussieht ( ich weiß man soll nicht von Äußerlichkeiten ausgehen .... der erste Eindruck ist aber zu 90% immer der Richtige ), hat der den ganzen Tag Langeweile. Der war früher im Sandkasten bestimmt immer der, mit dem keiner spielen wollte. Heute sagen Psychologen "emotionale Störungen" oder "emotional verwahrlost" dazu. Deswegen ist der wahrscheinlich auch in der FDP .... wo sonst finden solche Leute Platz?
Nehmen Sie´s gelassen und lassen Sie sich in Ihrem tun bitte nicht von solchen Leuten beeinflussen.
Weierhin viel Erfolg und weiter so.

Antwort von U. Gellermann:

Danke für die Aufmunterung. Wer auch immer der Leserbriefschreiber Welsch sein mag: Sein Brief weist Ihn als wenig kenntnisreich aus.


Am 09. Dezember 2011 schrieb Mirko Welsch:

Sollten Sie bis zum 15.12.2011 Ihre Aussage nicht zurück nehmen erfolgt eine Strafanzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede. Desweiteren auch eine Beschwerde beim Journalistenverband um Ihnen die Lizenz zu entziehen.

Qualikativer und niveauvoller Journalismus sieht anders aus als Ihre Variante der Stasi-Kader-Methode

Antwort von U. Gellermann:

Na, dann zeigen Sie mal straf.


Am 08. Dezember 2011 schrieb Herbert Rubisch:

Können Sie verifizieren wann, wo und in welchem konkreten
Zusammenhang Herr Bartsch
dieses abgesondert hat?

Sollte diese Äußerung nachprüfbar sein muss er aus allen Mandaten entfernt werden.

Antwort von U. Gellermann:

Das Bartsch-Zitat fiel am 31. 10. 2011 in einem Gesprächskreis in Berlin-Mitte, auf der Torstraße. Anwesend waren ca. 20 Leute.


Am 08. Dezember 2011 schrieb Frank Forsch:

Die Behauptung auf die sich Ihr Artikel bezieht erlaubt aber auch ein Blick in deren Psyche derer die behaupten das dies, seine Äusserung zu Hartz V lern, eine Wahrheit sei. Den wenn es eine Lüge ist ist deren Psyche wohl ehr belasteter als die die von Wahrheit spricht. Also müsste man den helfen die Lügen oder diesen Lügen glauben schenkten. Kennen sie die Vorgehnsweisen innerhalb der Linken zwischen Strömungen. Hier in Hannover wird Bewusst mit Lügen und Intrigen zwischen den Stömungen operiert. Dies fässt der Artikel noch nicht mal als Möglichkeit in seine Betrachtung mit ein. Vielleicht sollten sie sich besser über Vorgehnsweisen innerhalb der Linken Informieren.


Am 08. Dezember 2011 schrieb Wolfgang Oedingen,:

Ihren klaren und deutlichen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen.
Dennoch. Die Aussage des Herrn Bartsch wäre für mich überraschend, wenn ich der Meinung bin,
dass es sich bei der Partei Die Linke um Linke handelt - keineswegs. Wer sich vom Klassengegner das Vokabular vorschreiben lässt kann niemals links sein.
Ich sagte Klassengegner weit gefehlt. Für Leute vom Schlage Bartsch sind das potentielle Bündnispartner in den Regierungen in denen sie zu sitzen wünschen.
Man kann sich vorstellen, welche Anstrengungen von den linken Genossen um Bartsch unternommen werden, Hartz-IV-Betroffenen das Leben leichter zu machen
oder sogar dafür zu kämpfen Hartz IV aus der Welt zu schaffen. Bitte keine Illusionen hier äußert sich nur der rechte Ungeist aus der Mitte der Gesellschaft.
Insofern sollte man Herrn Bartsch für seine klare Ansprache dankbar sein.

Antwort von U. Gellermann:

Anders als Sie glaube ich, dass die Mehrheit der Linksparteiler auch und gerade in der Hartz IV-Frage klare Positionen bezieht: Für die arbeitslosen Kollegen und gegen jene, die Arbeitslosigkeit verursachen. Man muss keine Liebesverhältnis zur LINKEN haben, aber sie war und ist die einzige im Bundestag, die sich von Beginn an gegen den Afghanistan-Krieg und die asoziale Agenda-Politik gewehrt hat. Herrn Bartsch halte ich für einen Ausrutscher.


Am 07. Dezember 2011 schrieb Georg Bach:

Mit Ihrem Artikel über Dietmar Bartsch haben Sie mir aus dem Herzen geschrieben. Er gehört zu einer Gruppierung, die ich für mich "Nordlichtmafia" nenne. Dazu gehören neben ihm die Herren Holter, Bockhahn, Liebig, Lederer und vielleicht noch ein paar andere. Sie stammen allesamt aus meiner Heimat, aber das ihnen "inhaltlich" Gemeinsame ist, daß Inhalte für sie nicht mehr so wichtig sind. Vorrangig ist für sie – jedenfalls nach meiner Beobachtung –, daß die anderen endlich anerkennen, daß die Linken nun auch »in der Bundesrepublik angekommen« sind. Sie »wollen geliebt werden« und spielen deren Spiel mit. Es geht ihnen um die "Macht" und die "Fleischtöpfe". Das habe ich schon länger so empfunden, und es hat dazu geführt, daß ich zur Berlin-Wahl unlängst nicht mehr hingegangen bin. Ich schicke Ihnen vielleicht einen Brief an das ND mit, wo ich mein früheres Unbehagen aufgeschrieben hatte. Ich habe ihn, glaube ich, nach der vorigen Bundestagswahl, mich auf einen Leserbrief beziehend, abgeschickt – gedruckt haben sie ihn nicht.


Am 07. Dezember 2011 schrieb Thilo Urchs:

Ich habe mit Interesse den Beitrag von U. Gellermann vom 06.12.2011 gelesen. Er bezieht sich im letzten Absatz auf eine jüngst in Berlin-Mitte stattgefundene Diskussion. Ich vermute, er meint damit das Basistreffen mit Dietmar Bartsch vom 22.11.2011. Sollte dem so sein, kann ich als Moderator der Veranstaltung versichern, dass das von U. Gellermann verwandte Zitat: „Da in Zeiten schlechter Wahlergebnisse die Mandate knapper seien, würden sich die Abgeordneten der Linkspartei um die Posten streiten wie "die Hartz-Vierer um den Alkohol".“ weder von Dietmar Bartsch noch von einem anderen Teilnehmer der Veranstaltung so oder in ähnlicher Form verwandt wurde. Dies können ca. 90 weitere Teilnehmer der Veranstaltung bestätigen. Falls sich U. Gellermann auf das von mir erwähnte Basistreffen bezieht und überhaupt an dieser Veranstaltung teilgenommen haben sollte, ist diese Aussage von ihm frei erfunden. Falls er sich auf eine andere, jüngst stattgefundene Veranstaltung mit Dietmar Bartsch in Berlin-Mitte bezieht, würde mich interessieren, um welche es sich hierbei handelt.

Antwort von U. Gellermann:

Tatsächlich handelt es sich um eine Diskussion am 31.10. 2011 an dem eben dieser diskriminierende Spruch von Dietmar Bartsch gefallen ist. Außer mir nahmen an die 20 weitere Menschen an der Debatte teil.


Am 07. Dezember 2011 schrieb Thomas Nippe:

Zum ersten Artikel: einfach klasse. Zum zweiten fällt mir nichts mehr ein, Kommentar überflüssig. Mit solchen Leuten und Positionen macht sich die LINKE einfach lächerlich und wird bei Fortgang bald verschwinden.


Am 07. Dezember 2011 schrieb Rita E. Groda:

Da entgleitet einem tatsächlich die Physiognomie, wenn man erst kürzlich Herr Schirrmacher und den braven Matussek als Konvertiten erleben mußte, die behaupteten, die Linke hat doch Recht. Schirrmacher hat natürlich und angeblich jemand anderen gemeint, aber gesagt bleibt gesagt.

Schirrmacher und Matussek zum Gegensatz steht jetzt der Satz von von Bartsch entgegen "Die alte radikale Linke hat sich überlebt.".
Wäre ich ein Philosoph würde ich resümieren: Es gibt Sätze die sind falsch, und es gibt Sätze, die sind richtig. Fatal wird es, wenn Sätze, die falsch waren plötzlich richtig werden.

Herr Bartsch erinnert mich unheimlich an Bert Brecht, der kurz vor seinem Tod plötzlich wieder fromm wurde und die Vergebung der Kirche anflehte, die er vorher so unerbittlich attackierte.

Man könnte der Verzweiflung anheim fallen, ob solcher Verwirrung. Wer von den Genannten zählt jetzt zu den Feiglingen und Opportunisten?

Gregor sei Dank könnte ich immer noch die Illusion hegen, daß die Linke womöglich doch Recht hat, aber nur, wenn Herr Bartsch keinen Porsche fährt. Pardon, jetzt bin auch ich total durcheinander, denn hat sich nicht auch die linke Bescheidenheit überlebt?


Am 06. Dezember 2011 schrieb Harry Hagedorn:

Ihre diffamierende Behauptung, Dietmar Bartsch habe über Hartz IV-Leute schlecht geredet, entbehrt jeder Grundlage. Sie war nirgends zu lesen.

Antwort von U. Gellermann:

Aber ich war dabei als er sie machte.


Am 06. Dezember 2011 schrieb Uwe Petersen:

Streichen Sie mich aus Ihrem Verteiler. Ihr Artikel zu Herrn Bartsch ist unsolidarisch.

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