Die Union der Feigheit

Vorläufige Festnahme von Evo Morales

Autor: U. Gellermann
Datum: 04. Juli 2013

Evo Morales, der bolivianische Präsident, saß zwölf Stunden im EU-Knast. Zwölf lange Stunden der Freiheitsberaubung, weil die USA glaubten, dass der Whistleblower Edward Snowden mit ihm in der Präsidenten-Maschine sitzen könnte. Und weil servile europäische Staaten, den anscheinend leckeren Speichel der USA noch auf der Zunge nachschmeckend, dem Befehl des amerikanischen Unrechts-Systems nachkommend, dem Mann aus Lateinamerika, gegen jedes Völkerrecht den Überflug über ihre Vasallen-Länder verweigerten, mussten Beamte des österreichischen Duodez-Staates kühn das Flugzeug des Präsidenten untersuchen und fanden Snowden nicht, jenen Mann, der den Europäern die Wahrheit über ihren Rang offenbarte: Kleine, dumme Objekte der unerträglichen Spitzelei der USA und des mit ihr verbündeten Großbritannien, dem sie kurz zuvor auf eine der üblichen Geschwätz-Konferenzen mal wieder einen Preisnachlass auf die EU-Mitgliedschaft gegeben hatten.

Mit welcher Sorte freiwilligen Zwergentums haben wir es zu tun? Aus der Reihe der Über- und Weiterflugs-Verweigerer, der US-Hilfspolizisten, der Kastraten europäischer Freiheit hier ein paar Klassiker:

Der Faymann-Werner, heute österreichischer Bundeskanzler, der so tapfer aus einer Deckung des Schweigens seine Grenzbeamten ins Morales-Flugzeug abkommandierte, ist vom Job des Konsulenten der österreichischen Zentralsparkasse über die sozialdemokratische Karrieremaschine ins hohe Amt geglitscht. Er ist der erste Kanzler der Republik Österreich, gegen den strafrechtlich ermittelt wird. Natürlich in einer Medien-Korruptions-Sache. War der Faymann doch lange Jahre ein intimer Freund des Inhabers der "KRONEN-ZEITUNG", jenes Blattes, zu dem die BILD-Zeitung bewundernd aufschaut: So hinterfotzig wäre sie auch gern. "Onkel Hans" hat der Faymann den Herausgeber der KRONEN-Zeitung immer genannt, und wirklich, der gute Onkel Hans Dichand hatte immer Schokolade für den Werner, Medien-Zuckerl für die Karriere.

Es war die spanische Regierung, die auf eine Durchsuchung des Morales-Flugzeugs gedrängt hatte. An der Spitze des spanischen Staates, ein Land, das sich immer noch der Offenlegung der Franco-Verbrechen verweigert, steht Mariano Rajoy, die Sumpfblüte einer Partei, die an schwerer Perma-Korruption krankt und mit ihrer Nähe zum düstersten Flügel des Katholizismus das Mittelalter in Wahrheit noch nicht verlassen hat. Seine Karriere begann Rajoy in diversen spanischen Liegenschaftsämtern, also dort, wo der übliche spanische Bauskandal seinen Anfang und kein Ende findet.

Der nächste Überflugsverweigerer ist der italienische Ministerpräsident Enrico Letta. In der italienischen Version der Jungen Union groß geworden, ist er die bleiche Verkörperung der Büroklammer auf zwei Beinen. Er gehörte zu den Partei-Züchtern, die Europa mit einer Kreuzung aus dem schäbigen Rest der Christdemokraten und einem kommunistischen Wechselbalg in Gestalt der italienischen Sozialdemokratie verschlimmbesserten: Dem Partido Democratico, einer Partei, die kontinuierlich vor Berlusconi einknickte. Einer ehrlichen Arbeit nachgegangen ist Letta nie: Erst war er Chef der Jugendorganisation der Europäischen Volkspartei, dann irgendein Ausschuss-Vorsitzender, dann italienischer Europa-Minister und jetzt sitzt er einem Italien vor, dass noch immer eine große Geschichte hat aber kaum noch eine politische Zukunft. Geschweige denn eine demokratische Ehre.

Ach, der Pedro Manuel Mamede Passos Coelho ist zur Zeit portugiesischer Premierminister. Zwar laufen ihm gerade die Minister seiner Regierung weg. Zwar hasst ihn sein Volk als Gehilfe der Merkelschen Sparpolitik. Zwar hat er kein noch so kleines Konzept für das wirtschaftlich und sozial kaputte Portugal, aber für ein Fummeln an den Überflugsrechten des bolivianischen Präsidenten langt der Mut des ehemaligen Finanzmanagers allemal.

Der ungelenke Franzose hatte sich damals freiwillig zum Wehrdienst gemeldet. Obwohl er schon ausgemustert war. Warum macht so einer so was? Patriotismus kann es nicht sein, sonst hätte François Hollande die Franzosen nicht mit seiner Präsidentschaft behelligt. Er, der so ziemlich jedes Wahlversprechen brach, das er gegeben hatte, musste unbedingt in Mali militärisch eingreifen, weil seine Umfragewerte sanken. Und als die immer noch nicht besser wurden, plädierte er für ein militärisches Eingreifen in Syrien. Denn vergossenes Blut in fremden Ländern könnte doch vielleicht seine Unfähigkeit übertünchen. Man sollte den Kriegsfreiwilligen Hollande über Syrien abwerfen: Da könnte er dann fallend den Überflug üben, den er Evo Morales verweigert hat.

Kichernd wäscht sie ihre Hände in der Milch scheinheiliger Denkungsart: Angela die Freiheitskämpferin. Als es um einen freien Platz für Snowden ging, als es um dessen Aufenthalt in Deutschland ging, um Schutz vor der amerikanische Daten-Gestapo, ließ sie ausrichten: "Die Voraussetzungen für eine Aufnahme liegen nicht vor". Keine Mauer-Feier ohne Angela Merkel. Kaum eine Gelegenheit ohne nachdrückliche Erwähnung ihres Dreiwochen-Widerstandes nach Jahrzehnten duckmäuserischer Anpassung in der DDR. Aber jetzt, als eine kleine Geste der Freiheit möglich und notwendig gewesen wäre: Bürokratisches Geseire einer Kanzlerin, die klug erscheinen möchte und doch nur raffiniert ist.

Die Europäische Union war mal ein Projekt der Freiheit. Freiheit der Grenzen, Freiheit der Meinungen und auch ein wenig Freiheit gegenüber den übermächtigen USA standen auf der Agenda der vereinten Europäer. Seit gestern darf man getrost von der Union der Feigheit reden. Von der Union der Schande. Von einer Union, die sich selbst aufgegeben hat.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 07. Januar 2014 schrieb Joe Bildstein:

"Die Europäische Union war mal ein Projekt der Freiheit. Freiheit der Grenzen, Freiheit der Meinungen und auch ein wenig Freiheit gegenüber den übermächtigen USA standen auf der Agenda der vereinten Europäer. Seit gestern darf man getrost von der Union der Feigheit reden. Von der Union der Schande. Von einer Union, die sich selbst aufgegeben hat" Besser kann man es nicht in Worte fassen was gerade abgeht. Die Erkenntnisse der NSA/CIA Taetigkeiten zeigen uns wie hundsmaessig unterwuerfig Europa ist. TAFT wird kommen, ohne Gegenwehr und wir werden der 51. Staat der USI.


Am 04. Juli 2013 schrieb Reyes Carrillo:

MEHR, Mann! Boah, Sie machen mich heute regelrecht süchtig nach Ihren wohlgesetzten Worten zu diesem unfassbaren Skandal, zu diesen unfassbar feigen, schwanzwedelnden Betthündchen der USA, die gierig jede vom hässlichen Ami hingepisste Pfütze auflecken und ihr dümmlich-artiges Männchen am Stöckchen machen. Was für eine lachhafte, zum Erbarmen armselige Schar ferngesteuerter Regierungschefdarsteller! Nicht der genialste Meister der Karikatur, nicht einmal Tomi Ungerer könnte diese Witzfiguren in lächerlichere Striche bannen als sie ihre eigene dumpfe Lakaienrealität schon gebannt hat! Denkt man z.B. an dieses Fleisch gewordene Subjekt sozialistischen Fremdschämes, Monsieur Hollande, dann sehnt man sich geradezu nach solchen us-kritischen Köpfen wie einem de Gaulle, Pompidou oder Chirac zurück! Und das will etwas heißen! Haha, "Grande Nation" - da lachen ja die Hühner! Außer angewendete und angedrohte Gewalt, Blut und Tod fällt ja diesem imperialistischen, alt-kolonialen Kriegshetzer nichts ein, wie Sie völlig richtig subsumieren. Und überhaupt vielen, warmen Dank für die wunderbaren kleinen, auf den Punkt gebrachten Mini-Curricula unserer lieben, opportunistischen Musterknaben mit dem Bettnässerproblem. Wenn ich Ihnen, lieber Herr Gellermann, nicht schon längst verfallen war, dann spätestens mit diesem Artikel! Signore Letta als "die bleiche Verkörperung der Büroklammer auf zwei Beinen"; das sind köstlich tröstende Schalmeienklänge inmitten dieser grotesken, ja auch verstörenden Szenerie.

Einer schrieb in einem anderen Blog: "Man stelle sich A. Merkel vor, deren Luftwaffenjet in Iran zur Landung gezwungen worden wäre, da vermutet wurde, ein iranischer Dissident befände sich in ihrem Flugzeug"... Ohne Worte.
Und diese verlotterte, verkommene, jeden Anstand, jedes Maß, jede auch nur halbwegs objektive Perspektive verloren habende hiesige Propaganda-Journaille behandelt diesen krassen, verbrecherischen Vorfall wie eine Pressemeldung zu jeder beliebig anderen Kuriosität an einem beliebigen Tag. Schon heute ist das Thema so gut wie tot. Mein Gott, das alles geht weit, weit über jedes sonst übliche Kotzen-Müssen hinaus! Man fühlt sich geradezu nur noch als ein einziges, riesiges Kotzorgan. Mein Gott, was für Pinscher!

Aber, liebe Freunde, in Lateinamerika ist dieser Vorgang noch lange nicht tot: Das hat erst angefangen! Geradezu der gesamte Kontinent schließt sich seit gestern zusammen und wird innerhalb verschiedener Institutionen und Gremien über die Konsequenzen beraten. Eines ist aber jetzt schon glasklar: In den Beziehungen zwischen (großen Teilen) Lateinamerikas und den USA und (zumindest) Teilen Europas wird nichts mehr so sein wie vor Evo Morales' Zwangslandung in Wien!
Wollte man also etwas Positives aus dieser grandiosen Demütigung ziehen, so ist es dann eindeutig die unmissverständliche Botschaft an diese Länder, an diesen Kontinent, dass der Neokolonialismus in Verbund mit klassisch "alt"kolonialem Gestus und Habitus der USA und Europas die ungebrochene, jederzeit wie sich zeigt, abrufbare Realität der (kapitalistischen) Herrenrassen diesseits und jenseits des Atlantiks ist. Aus dieser hoffentlich dann tief implantierten (Neu-)Erkenntnis kann sich nur Fruchtbares entwickeln!

Vor allem aber: Armes Europa! Was ist aus dieser wunderbaren Idee unter diesen Merkels, Rajoys, Sarkozy-Hollandes usw. innerhalb des Symptomkomplex eines massenhypnotischen Gruppenkotaus vor dem "großen Freund" mit den Monsterohren jenseits des Teichs geworden?!?


Am 04. Juli 2013 schrieb Antonio Garcia:

Sie sind ein großer Hasser. Mir gefällt das.


Am 04. Juli 2013 schrieb Georg Winterfeld:

Ihre Pöbeleien sind doch nur Ausdruck Ihrer Verzweiflung. Sie würden die genannten Herren und die Dame gerne hängen, aber Sie kommen nicht dran.


Am 04. Juli 2013 schrieb Karin Hannemann:

Ein feige Bande von Arschlöcher. Mir fehlen die Worte. Gut, dass Sie sie gefunden haben!


Am 04. Juli 2013 schrieb Arnulf Rating:

Klare, notwendige Worte!

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