Der Russe vor der ARD

Ein Denkmal für ein Feindbild

Autor: U. Gellermann
Datum: 21. März 2016

Feierlich klingt Marschmusik auf: Vor dem TAGESSCHAU-Studio haben sich Damen im Kostüm und Herren im Dreiteiler versammelt. Mit ernstem Gesicht tritt Dr. Gniffke an das Mikro: „Wenn wir uns heute und hier versammelt haben, um das Denkmal des RUSSEN zu enthüllen, dann wissen wir warum. Der RUSSE ist der wahre Anchorman unserer Nachrichten. Denn er ist der Feind. Und wer einen Feind hat, der hat auch eine Richtung. Und - wie ich schon in meinem Handbuch zum Thema „Wie Journalismus auch einfacher geht“ geschrieben habe - ohne Richtung ist alles nichts! So verneigen wir uns denn vor einem Denkmal, das uns immer daran erinnern soll, dass unsere Väter nicht umsonst vor Stalingrad gefallen sind!

Hinten, in der dritte Reihe der Denkmal-Einweihungs-Gemeinde stehen die Kollegen der ARD-Beobachtungsstelle (Bräutigam & Klinkhammer). Sagt der eine: „Umsonst?“. Sagt der andere: „Quatsch, Vergeblich!“ Aber lesen Sie weiter unten:


Programmbeschwerde:
Tendenzjournalismus- Rückzug russischer Truppen aus Syrien
TS 15.03. 2016, 20 Uhr
 http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-13075.html
 
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
 
der Bericht über den Beginn des Abzugs russischer Kampfflugzeuge aus Syrien ist ARD-aktuell in der Hauptausgabe der Tagesschau einmal mehr zu einem Musterbeispiel feingesponnener antirussischer Propaganda geraten. Diesmal nicht mit dezenten Falschangaben, auch die missbräuchliche  Wortwahl überstieg nicht das übliche Maß.  Vielmehr verhinderte das Weglassen wesentlicher Zusatzinformationen, dass sich der Zuschauer ein stimmiges Gesamtbild machen konnte. 
Studio-Text:
 
„Nach der überraschenden Ankündigung von Präsident Putin gestern hat Russland damit begonnen, seine Truppen aus Syrien abzuziehen. Erste Militärmaschinen haben nach russischen Angaben bereits ihre Heimatbasis erreicht. US-Außenminister Kerry will kommende Woche in Moskau Gespräche über den Teilabzug führen. Der Beginn des Syrienkrieges jährt sich heute zum fünften Mal.“
 
Das klingt außerordentlich sachlich und ist es doch nicht, weil die Darstellung so tut, als sei Russland seit fünf Jahren mitverantwortlich für diesen Krieg. Es wird nichts über Kontext und Ziel der Reise des US-Außenministers gesagt und verschwiegen vor allem, dass die USA Haupttriebfeder des Syrienkrieges sind, s. u.a.:
 
„Indiens Botschafter bestätigt: Krieg in Syrien wurde von aussen angezettelt“
http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=2366
Robert F. Kennedy Jr.:„Warum die Araber uns in Syrien nicht wollen“
http://www.nachdenkseiten.de/?p=32213
 
Es folgt eine Grafikserie „Fünf Jahre Krieg in Syrien“, auch diese versetzt dem Bericht im Kontext des russischen Abzugs einen propagandistischen Drall. Statistischen  Angaben:
 
250 000 Tote (davon 90 000 Soldaten der regulären syrischen Armee).  4,8 Mio. Flüchtlinge in Nachbarländer (!) 6,6 Mio. Binnenvertriebene im eigenen Land.
 
Anzumerken ist zu diesen Daten, dass die EU-Staaten sicher keine Nachbarländer Syriens sind, aber ein Viertel der syrischen Asylsuchenden aufnahm; die Bezeichnung „Binnenvertriebene“ für die Gesamtheit der 6,8 Mio Binnenflüchtlinge ist unzutreffend, weil nur ein sehr kleiner Teil dieser Ärmsten Vertriebene im Wortsinne sind.
 
Der anschließende Korrespondentenbericht enthält als Unappetitlichkeit einen Satz, den Th. Aders von ungenannter Diplomaten an nicht genanntem Ort aufgeschnappt haben will:
 
„Mit dem Ende des rund fünfmonatigen russischen Kampfeinsatzes an der Seite der syrischen Armee – so Diplomaten heute – wachse der Druck auf Präsident Assad, sich an den Genfer Verhandlungen ernsthaft zu beteiligen.“
 
Das äußert der gleiche Journalist, der erst wenige Wochen zuvor im Interview von Präsident Assad den Satz überlieferte: „Wenn das syrische Volk will, dass ich diesen Platz räume, dann habe ich das sofort und ohne Zögern zu tun“. Abwegig ist die Andeutung über Assads bisher mangelhafte Verhandlungsbereitschaft, weil der Syrer sich lediglich geweigert hatte, mit Terroristen der al Nusra und des IS zu verhandeln; fehlenden Willen, sich „an den Genfer Verhandlungen ernsthaft zu beteiligen“, kann ein Korrespondent ihm nur unterstellen, wenn er sich dabei hinter nicht genannten Diplomaten unbekannter Herkunft und Bedeutung versteckt.
 
Erwartungsgemäß enthält der Bericht wieder die ARD-aktuell-typische propagandistische Unterscheidung zwischen guten und bösen Kopfabschneidern. Die Russen hätten bei ihrem Kampfeinsatz:
„Stellungen von Rebellen und islamistischen Milizen unter Beschuss genommen“
Gekrönt wird die ganze Agit-Prop-Darbietung mit einem kontextfreien und dieser Form vollkommen unsinnigen Ban-Ki-Moon-Zitat
„5 Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges steht die Welt vor einer humanitären Katastrophe von nie dagewesenem Ausmaß“
 
Erstens ist „humanitäre Katastrophe“ eine blödsinnige contradictio in adiecto und ein Produkt der Schaum-vorm-Maul-Journaille. Zweitens hat es in der Menschheitsgeschichte bedauerlicherweise sehr viel größere Katastrophen als die in Syrien gegeben, davon mehrere wie die syrische ausgelöst von unseren „Freunden“ in Washington.
 
Zusammenfassung: Die Tagesschau bildete den Eindruck ab, Russland führe den Krieg in Syrien, habe ihn zumindest mitverursacht. Kein Wort darüber, dass der Luftwaffen-Einsatz der Russen von Anbeginn begrenzt war und es dabei ausschließlich um das Zurückdrängen bereits siegreicher Terroristenbanden des IS, der al Nusra und der al Kaida ging, von Verbrecherorganisationen also, die sich nach Originalrezepten und mit erheblicher materieller Unterstützung der USA gebildet hatten. Kein Wort über den notwendigen Fortgang des Kampfes gegen den IS, kein Hinweis generell auf die kriegstreiberische Rolle der USA, die Mitwirkung der Blutsäufer-Regimes in Riad und Doha sowie über das kriminelle und kriegsfördernde Treiben des Regimes Erdogan.
 
Mit einer Berichterstattung aus neutraler Distanz und im Bemühen um genaue und objektive, vor allem vollständige und stimmige Information hatten die TS-Nachrichten in dieser Sendung über den russischen Teilabzug wieder einmal nichts zu tun.
 
Höflich grüßen

Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 21. März 2016 schrieb Lutz Jahoda:

Mit Dank und Gruß
an die Herren Klinkhammer und Bräutigam

Wo keiner klagt,
Braucht niemand zu richten!
Drum unverzagt
Weiterhin sichten!
Blitzgescheit hinhören,
Zur Einsicht bewegen!
Das Konzeptmuster stören
Und widerlegen!


Am 21. März 2016 schrieb Sven Korte:

Der Russe ist an allem schuld: Am Syrienkrieg, am IS und natürlich auch an den Flüchtlingsströmen. So wird es derzeit in den Mainstream-Medien gebetsmühlenartig propagiert. Keiner stellt die wahren Zusammenhänge klar. Unsere grenzenlose Kanzlerin lud Syrer ein. Gekommen sind aber alle Flüchtlinge ? auch selbsternannte. Seien Sie Merkel aber nicht mehr böse, denn jetzt wissen wir es besser: Putin war es! Er schickt Flüchtlinge als Geheimwaffe, um Europa zu vernichten.
Sogar die Terrormiliz IS gilt ab sofort als Chor der Waisenknaben, weil Putin so viel schlimmer ist. Sie nennen diese zwei Behauptungen zynischen Blödsinn? Putinhasser George Soros nennt das »Wahrheit«. Westliche Medien verbreiten Soros »Wahrheit« und NATO oder US-Regierung wiederholen den Irrsinn im Chor: Merkels Flüchtlinge = Putins Waffe.
Die deutschen Medien sind beim hausgemachten Putin-Bashing aber auch nicht besser: Sie haben dem Finsterfürsten aus dem Kreml praktisch Telepathie angedichtet. Jedenfalls konnte Putin in Berlin ein 13-jähriges Mädchen fremdsteuern oder auch nicht. Das Mädchen wurde angeblich von Flüchtlingen gekidnappt oder auch nicht. Sie hatte angeblich Gruppensex mit ihren Entführern oder auch nicht. Was in diesem paranoiden Durcheinander noch echt ist, wissen nicht mal unsere Medien. Hauptsache: Putin war mal wieder irgendwas.
Das ZDF hat seine Putin-Doku nicht selber gefälscht. War auch Putin. Der Ukrainekonflikt? Putin, Putin, Putin! Mit der AfD steuert Putin eine fünfte Kolonne - und mit PEGIDA gleich nochmal eine. Nebenbei unterwandert er ganz Europa - ach was, die freie Welt -, denn raten Sie mal, wer jede islamkritische Partei auf dem Erdball manipuliert. Putin!
Selbst das Wort "Lügenpresse" hat dieser russische Teufelskerl erfunden. Glaubt Tagesthemen-Legende Ulrich Wickert: "Wir müssen darüber nachdenken!"
Fünf Jahre lang sahen Europa und die USA zynisch dabei zu, wie in Syrien Hunderttausende starben, Millionen flohen, eine ganze Region kollabierte, der IS wuchs und gedieh. Seit Russland dem endlosen Schrecken ein Ende gemacht, ist Putin der Schlächter.
Der selbsternannte Friedensförderverein NATO rüstet hingegen gerade Osteuropa für einen neuen Kalten Krieg auf. Verkehrte Welt also? Oder zynische Politik?


Am 21. März 2016 schrieb Ulrike Spurgat:

Wo kommt dieser nicht enden wollende Hass her?
Überall, aber besonders wird es deutlich an den Stellen, die von vielen "konsumiert" werden.
Guten Appetit.
Kritik an Russland, wenn nötig, immer. Kontroverses, auch immer.
Ist es das deutsche, schlechte Gewissen einem Land gegenüber zu treten, die jeden Grund der Welt haben, Deutschland tief zu verachten. Wird jedesmal, wenn es um Russland geht in den Spiegel geglotzt, und wird "Vergessenes" immer wieder reaktiviert? Wird an unfassbares erinnert?
Und ist es vielleicht die Unfähigkeit die ausgestreckte Hand Russlands als das zu sehen was es ist, weil es fast unvorstellbar ist, dass es einem Land möglich ist, nach den Greuel, die es erfahren hat eine gute Nachbarschaft zu wollen?
Die Unfähigkeit, derer die an diesen Stellen sitzen und die eigene Entkernung durch die Betrachtung und dem Hängenbleiben an der Oberfläche vorantreiben macht das alles noch schwieriger. Umso wichtiger sind die Informationen und die Dar- und Klarstellung des Geschehenen.
Wie mag das in Russland ankommen?
Bei den Familien, die generationsübergreifend mit den menschlichen Verlusten, die DEutschland verursacht hat immer wieder durch dieses dumme Geschwätz über Russland auch an die Zeiten erinnert werden, wo der Mensch kein Mensch war?
Licht ins Dunkel bringen ist doch ne gute Sache.


Am 21. März 2016 schrieb Michael Kohle:

Die Edel-Manufakturen transatlantischer Denk-Fabriken haben mal wieder - für viel von dem jedem deutschen "Haushalt" zu dessen eigenen Wohle eingezogenen Obolus - ihre Leistungsfähigkeit beim Erstellen der scripts - zu deutsch Drehbücher - bewiesen. Denn seien wir doch ehrlich, wer von uns Konsumenten der eigentlich ausschließlich für die Katz erstellten Programmbeschwerden traut Dr. Gniffke und den Seinen überhaupt zu, solche ausgebufften Schweinereien und Hinterhältigkeiten in der Güteklasse und Menge zu produzieren. Nie und nimmer würden doch diese "Geistesgrößen" gewährleisten können, dass alles Sendegut NATO- und Transatlantica-weit immer so gut abgestimmt rüber kommt.

Wenigstens das "P" in der oberen rechten Ecke des Bildschirms sollte es schon sein, damit der "Zuschauer" auch weiß, dass er verarscht wird. Besser wäre natürlich das probate Verfahren wie beim vorher ausgestrahlten Wetterbericht. "Das Wetter wird ihnen heute präsentiert von ..."

Quatsch! Geht doch nicht, dann wäre ja die rundfunkvertragliche Objektivität und Neutralität nicht mehr sichergestellt. Und Sicherheit geht vor Seltenheit, sagte schon Karl Valentin.


Am 21. März 2016 schrieb Aleksander von Kort:

Das was die Beiden (Bräütigam und Klinkhammer) da nun schon sehr lange betreiben, erinnert stark an die griechische Mythologie vom Sissiphus, der täglich den Stein den Berg hochschleppte und der jedes mal wieder hernieder rollte.
Sie genießen meine Hochachtung ! ! !

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