ARD-Redakteur zum Rücktritt aufgefordert

Die TAGESSCHAU berichtet fast täglich über den Fall

Autor: U. Gellermann
Datum: 31. März 2016

Es gibt ein deutsches Internet. In ihm tummeln sich ständig deutsche Dissidenten. Wo sollen sie auch sonst hin? Nato-Gegner, Israel-Kritiker oder gar solche der US-Regierung finden in den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum statt. Außer als „Verschwörungstheoretiker“ oder „Antisemiten“. Und nicht selten sind die Netz-Dissidenten auch noch schneller und mit mehr Informationen und Fakten unterwegs. Das macht sie für die Mainstream-Medien besonders unleidlich. Wenn der jeweilige Dissident aber im russischen oder chinesischen Netz seinen Stoff platziert, dann findet er auch und gern in der ARD ein Plätzchen. Dann darf die Quelle durchaus ein „anonymer Online-Artikel“ sein oder auf „Angaben von Aktivisten“ beruhen, wie sie in der Programmbeschwerde der ARD-Beobachtungsstelle Bräutigam & Klinkhammer anvisiert wird. Wir wollen mal eine solche Meldung im ARD-Duktus neu formulieren: „Wie uns von anonymen Online-Aktivisten mitgeteilt wurde, soll der ARD-aktuell-Chefredakteur zum Rücktritt aufgefordert worden sein. Bis heute haben die Zensoren des Senders die Veröffentlichung der Forderung verhindert. Unterzeichnet ist die Forderung von treuen Gebührenzahlern“. – Ganz sicher wird diese Nachricht umgehend in der TAGESSCHAU eine Rolle spielen. Oder?

Programmbeschwerde:  ARD-aktuell: Jemen-China
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
 
wenn Saudi-Arabien im Jemen während eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges ein Bombardement auf einen Gemüsemarkt veranstaltet und 106 Besucher umbringt, berichtet das die Tagesschau nicht. Es entspricht also einer inneren Logik, dass die Tagesschau auch mit keinem Wort darüber informierte, dass am 27. März, dem Jahrestag des Kriegsbeginns, eine halbe Million  Jemeniten in ihrer Hauptstadt Sanaa zu einer Protestdemonstration gegen diese Bombenangriffe zusammengekommen waren. Gegen diese abermalige Verschwiegenheit erheben wir eine weitere Programmbeschwerde.
 
Es entspricht unserem Verständnis vom Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dass er umfassend und vollständig zu unterrichten und damit einen Überblick über das Weltgeschehen zu geben hat. Die Vorgänge auf der arabischen Halbinsel sind nicht zu ignorieren. 
Die Demonstration hat zwar erwartungsgemäß in den MSM (Mainstream-Medien) und deren Zulieferern, den „prowestlichen“ Nachrichtenagenturen, kaum Aufmerksamkeit gefunden.  Informationen gab es aber trotzdem, vor allem beim katarischen Sender Al Jazeera.  Eine deutsche Zusammenfassung im Internet zum Beispiel auch hier:
http://einarschlereth.blogspot.de/2016/03/jemen-riesen-demo-zum-jahrestag-der.html
Wir sind an einer Klärung der gesamten, aus unserer Sicht äußerst tendenziösen Nachrichtengestaltung über das Geschehen im Nahen Osten in den Sendungen der Hauptabteilung ARD-aktuell interessiert. Wir sehen durchaus Zusammenhänge, wenn 

- über Massaker und Kriegsverbrechen im Jemen nicht berichtet wird
 
- die Herrschaften in Riad in höfischen Formeln tituliert und nicht als menschenfeindliche Diktatoren bezeichnet werden
 
- die Wortwahl der Tagesschau in konformistischer Linientreue den Vorgaben der Berliner Regierung folgt, im Fall Saudi-Arabien gemäß Steinmeierscher Diktion also von „Regierung“ und „Herrschern“ die Rede ist, im Fall Syrien hingegen von „Regime“ und „Machthaber“ 
 
- und im Fall Ägypten Schweigen im Walde herrscht.
 
Dieser Stil ist fern aller Anforderungen, die die Staatsverträge an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stellen. Er erfüllt weder das Erfordernis der Objektivität, noch der Vollständigkeit, noch der Sachlichkeit. So ist das Programm nicht der Information der Rundfunkteilnehmer dienlich und schon gar nicht dem Ziel der Völkerverständigung.
 
Er ist vielmehr nur Ausdruck von Agitation und Propaganda.
Ein Passstück dazu ist im übrigen der Beitrag über eine angebliche Repressionskampagne in der VR China.
 
http://www.tagesschau.de/ausland/china-xi-101.html
 
Zwar bisher nur in der Nischenveranstaltung tagesschau.de, also nur für eine absolute Minderheit von ARD-aktuell-Rezipienten, wird hier der Beleg geliefert, dass, kaum gibt es keinen schönen Aufhänger für ein Putin-bashing oder antirussische Giftspritzen, ARD-aktuell sogleich ersatzweise zum chinesischen Watschenmann umschwenkt. Ein Popanz muss ja immer angeführt werden, nicht wahr? Im vorliegenden Fall ein Korrespondentenbericht mit einer Story, deren Vorwürfe „Verschleppung von Dissidenten“ mit nichts belegt sind, ein Bericht voller Bezugnahmen auf ungenannte Informanten, teils mit nicht belegten Aussagen von fraglos befangenen Angehörigen, ohne Stellungnahmen von Seiten der beschuldigten Behörden, dafür voller „offenbar“ und „anscheinend“, den Paradebegriffen für reine Spekulation. Betroffen rund zwei Dutzend möglicherweise fragwürdig behandelte Personen.  Möglicherweise  fragwürdig behandelt. 
 
Und das reicht trotzdem für einen Bericht dieses Umfangs? 
Und nichts über den Protest von 500 000 Jemeniten, für diese Leute reicht der Platz nicht? Von den 106 Massakrierten gar nicht zu reden?
 
Wir ersuchen um ordnungsgemäße Prüfung und Beratung im Rundfunkrat.
 
Höflich grüßen
 
Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 31. März 2016 schrieb Lutz Jahoda:

UNBESTÄTIGTE MELDUNG

Wie zu erfahren war,
stand noch zu Ostern
in einigen deutschen Haushalten
der Weihnachtsbaum.
Somit möge es der RATIONALGALERIE
gestattet sein, gemäß kostensparender
Wiederholungspraktik nach Art
Öffentlich Rechtlicher Fernsehanstalten,
ein Lied anzustimmen, das zu "Ehren"
der "Tagesschau" bereits im Dezember 2015
erklang:

O TAGESSCHAU
(mit oder ohne
Blockflötenbegleitung zu singen)

O Tagesschau, o Tagesschau,
du Star im Schwadronieren!
Du spinnst nicht nur zur Abendzeit,
nein, auch tagsüber, lang und breit.
O Tagesschau, o Tagesschau,
schwer, dich zu ignorieren!

O Tagesschau, o Tagesschau,
du magst das Wort "verschärfen".
Auch "eskalieren" hast du gern,
gibst gern die Schuld dem Russenstern.
O Tagesschau, o Tagesschau,
du kostest uns viel Nerven!


Am 31. März 2016 schrieb Lisa Grünberg:

Ihre Parodie auf eine TAGESSCHAU-Meldung aus dem Netz ist unübertrefflich! Danke.

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