ARD: Der Türke ist der Freund des Freundes

Dr. Gniffke: „Wie Journalismus auch einfacher geht“

Autor: U. Gellermann
Datum: 17. März 2016

Machmal sitzen sie in der Redaktion von ARD-aktuell, dann kommt eine Meldung rein. Sagen wir mal über ein Attentat in Ankara. Schlimm, sagt der eine Redakteur. Ja, sagt der Andere, aber „schlimm“ das reicht nicht, da müssen wir schon mehr sagen. Der Dritte erwägt, ob die Verwicklung der Türkei in die Unterstützung des IS-Terrors oder das brutale Vorgehen der türkischen Armee gegen die Kurden nicht Hintergrund des Attentats sein könnten. In dem Moment tritt Dr. Gniffke den Raum: „Das ist nun wirklich zu kompliziert. Da zitieren wir schnell mal den türkischen Präsidenten, der erklärt das so schön einfach.“ Und schwupps kann man es bei ARD-aktuell nachlesen: "Diese Angriffe, die die Unversehrtheit unseres Landes und die Einheit und Solidarität unserer Nation bedrohen, werden unsere Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus nicht schwächen - im Gegenteil." So geschehen in der unten angeführten Tendenzberichterstattung, die von den ARD-Experten Klinkhammer & Bräutigam filetiert wird.

Wie mag das kommen, dass eine Redaktion jedes journalistische Prinzip über Bord wirft und einen am Geschehen Beteiligten den Kommentar machen lässt? Das kommt wegen der Regeln bei ARD-aktuell: 1. Die USA sind unsere Freunde (hat die Kanzlerin doch gesagt!), 2. Die Türkei ist ein Freund der USA (schließlich haben die dort eine Air Base und Atomwaffen, sowas hat man doch nicht bei Feinden!), 3. Wenn der Türke der Freund von unserem Freund ist, dann ist er auch unser Freund (zitiert aus Dr. Gniffkes Handbuch zum Thema „Wie Journalismus auch einfacher geht“).


Programmbeschwerde: Unkritische Tendenzberichterstattung über das Attentat in Ankara (13.3.16) 
 http://www.tagesschau.de/ausland/ankara-187.html,  Stand: 14.03.2016 09:57 Uhr
 
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
 
ARD-aktuell ließ sich einen Tag nach dem Attentat in Ankara zu folgender hochkreativer Darstellung des gesamtpolitischen Hintergrundes herbei: 
„Die Türkei sieht sich mehreren Bedrohungen seiner Sicherheit ausgesetzt. Zum einen ist das Land Teil der von den USA angeführten Koalition im Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien. Zugleich kämpft sie gegen kurdische Extremisten im Südosten der Türkei. Dort ist es nach dem Ende der Waffenruhe im Juli zum schwersten Ausbruch von Gewalt seit den 90er-Jahren gekommen. In den vergangenen Monaten waren türkische Städte mehrfach Ziel von Anschlägen. Einige wurden nach offiziellen Angaben vom IS verübt. Aber auch lokale Islamistengruppen und linke Aktivisten waren an Attentaten beteiligt. (...)“ 
Bevor wir das im Detail kommentieren, sei hier zunächst eine weitere Meisterleistung der Qualitätskompanie Gniffke zitiert:
(...) „Die US-Regierung bekräftigte seine (sic!) "starke Partnerschaft mit unserem NATO-Verbündeten Türkei im Kampf gegen die gemeinsame Bedrohung des Terrorismus", erklärte Außenamtssprecher John Kirby. Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg verurteilte die Bluttat von Ankara. "Es kann keine Rechtfertigung für solch heimtückische Gewaltakte geben", erklärte er.“ (...)
Die beiden Zitate aus dem gleichen Bericht haben eines gemeinsam: Sie sind klassische Beispiele für einfältige und anbiedernde Hofberichterstattung.
ARD-aktuell liefert nun auch von dem Attentat die türkische Regierungslesart pur und hält diese Offerte offensichtlich für Journalismus. Das Echo des „Westens“, also unserer „Wertegemeinschaft“, wird gleichermaßen ungedämpft weitergetrötet.
Zitat 1, nach Problematik zerlegt:
„Die Türkei sieht sich mehreren Bedrohungen seiner Sicherheit ausgesetzt.
Hier fehlt ein klärender Hinweis, dass diese „Sicht“ nur vorgeblich ist und in Wahrheit die türkische Repressionspolitik gegenüber der kurdischen Minderheit im Land die „Sicherheitsprobleme“ verursacht. Der Satz ist türkische Propaganda pur.
Zum einen ist das Land Teil der von den USA angeführten Koalition im Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien.
Hier fehlt der Hinweis, dass die Regierung Erdogan nur formal der USA-geführten Koalition gegen den IS angehört und dass sie praktisch mit dem IS kollaboriert, ihn logistisch unterstützt, seinen Kämpfern Waffen liefert, ihnen Unterschlupf, medizinische Versorgung und Ruheräume in der Türkei gewährt und Schwarzmarktgeschäfte mit seinem in Syrien und Irak geraubten Öl macht.
Zugleich kämpft sie gegen kurdische Extremisten im Südosten der Türkei.
Hier fehlt der Hinweis, dass es sich bei den „Extremisten“ um die PKK handelt. Es fehlt eine Erklärung, dass die PKK von den UN nicht mehr auf der Liste der als terroristisch geltenden Gruppen geführt wird. Unerwähnt bleibt, dass es sich bei dem „kämpfen im Südosten" um eine türkische Offensive handelt, um einen Angriff, nicht um eine Verteidigung; die propagandistische Absicht in diesen Verkürzungen ist unübersehbar.
Dort ist es nach dem Ende der Waffenruhe im Juli zum schwersten Ausbruch von Gewalt seit den 90er-Jahren gekommen.
„zum schwersten Ausbruch von Gewalt gekommen“ ist eine bodenlose Verfälschung der Ereignisse. Die Türkei hat eine militärische Offensive gestartet, weil sie die kurdischen Autonomiewünsche im Keim ersticken will. Das wird ein Regierungssprecher in Ankara natürlich so nicht sagen. ARD-aktuell hätte es erkennen lassen müssen.
In den vergangenen Monaten waren türkische Städte mehrfach Ziel von Anschlägen. Einige wurden nach offiziellen Angaben vom IS verübt. Aber auch lokale Islamistengruppen und linke Aktivisten waren an Attentaten beteiligt. (...)“
Hier fehlt der Hinweis, dass diese Anschläge mit dem terroristischen Einsatz des türkischen Militärs – es handelt sich in der Tat um blanken Terror einer skrupellosen Spezialtruppe – gegen die Kurden im Südosten des Landes nichts zu tun haben und ihn ohnehin nicht rechtfertigen könnten. 
Eine Gesamtbewertung nehmen wir am Schluss dieser Beschwerde vor. Hier erst noch
Zitat 2, nach Problematik zerlegt:
(...) „Die US-Regierung bekräftigte seine (sic!) "starke Partnerschaft mit unserem NATO-Verbündeten Türkei im Kampf gegen die gemeinsame Bedrohung des Terrorismus", erklärte Außenamtssprecher John Kirby.
Hier fehlt jeder Versuch einer Objektivierung und Relativierung. Die „starke Partnerschaft“ hatte vor wenigen Tagen ihren Ausdruck darin gefunden, dass Washington das Regime Erdogan mit scharfen diplomatischen Mitteln von dessen Versuchen abbringen musste, sein Militär auf syrisches Gebiet vorrücken zu lassen. Auch gibt es erhebliche Spannungen zwischen den USA und Ankara, seit die türkische Luftwaffe ein russisches Kampfflugzeug völkerrechtswidrig über Syrien abschoss.
Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg verurteilte die Bluttat von Ankara. "Es kann keine Rechtfertigung für solch heimtückische Gewaltakte geben", erklärte er.“ (...)
Hier wird nicht einmal ansatzweise merklich, wie überflüssig diese „Information“ ist, wie rein propagandistischen Zwecken gewidmet.  Dass der NATO-Vormann heuchlerisch moralisiert, da die Drohnenangriffe und anderen völkerrechtswidrigen Bombardements der „transatlantischen Verteidungsorganisation“ nicht minder heimtückische und durch nichts zu rechtfertigende Gewaltakte darstellen, das hätte zumindest den Verzicht auf diese einseitige verbale Widerwärtigkeit erfordert. 
Und hier nun unsere Gesamtbegründung für die vorliegende Beschwerde: ARD-aktuell liefert in typischer PR-Diktion Regierungspropaganda, ohne auch nur einen Versuch gemacht zu haben, distanziert zu berichten und die Sprücheklopferei der Kriegstreiber in Washington und Ankara auf ihren objektiven Informationsgehalt zu reduzieren. Ein solcher- auch handwerklich schlechter  - Journalismus ist mit wohlverstandenem Auftrag und Ziel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht in Einklang zu bringen.
 
Höflich grüßen

Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 20. März 2016 schrieb Uschi Peter:

@Frieder Meiningen
Da ja die Türkei am Atlantik liegt wie die BRD und die osteuropäischen Staaten, was ja die NATO impliziert, kann man sie auch in die EU aufnehmen. Im ARD-Teletext las ich neulich, dass "man"über einen Beitrítt der Türkei zur EU nachdenkt. Heißt die dann Eurasische Union? Oder gemeindet man Kleinasien einfach in Europa ein? Russland hat "man" ja schon "ausgemeindet". Da kann man bequem auf Bündnisverpflichtungen hinweisen, wenn sich die Türkei "von Russland angegriffen" fühlt. Und dann kann die USA endlich den ersehnten Krieg gegen Russland führen - natürlich in Europa. Die in der Türkei dann Zuflucht gesucht habenden Flüchtlinge werden gleich mit entsorgt.


Am 20. März 2016 schrieb Uschi Peter:

"Die Türkei sieht sich mehreren Bedrohungen seiner Sicherheit ausgesetzt."
Da kommt mir doch ein Gedanke. Nach dem klugen Spruch der alten Römer "cui bono? " könnte man ja mal fragen, wem die Attentate in der Türkei nützen. Den Kurden bestimmt nicht. Genauso wenig haben die "Flugzeuge, die ins WTC geschossen" sind, den Moslems im Nahen Osten genützt, weder den Afghanen noch den Irakern. Da geht das Grübeln noch weiter: Auch die Attentate der RAF, des NSU usw. haben wem genützt? Mit den RAF-Untaten wurden die "Kommunisten" und mit den NSU-Morden die DDR-Nachkommen in Verbindung gebracht. Alle diese Ereignisse haben aber den USA und ihren Brüdern im Geiste eine wundervolle Steilvorlage geliefert ihre Gegner zu bekämpfen und zu diskreditiern.


Am 17. März 2016 schrieb Benny Thomas Olieni:

"Wie mag das kommen, dass eine Redaktion jedes journalistische Prinzip über Bord wirft und einen am Geschehen Beteiligten den Kommentar machen lässt? Das kommt wegen der Regeln bei ARD-aktuell: 1. Die USA sind unsere Freunde (hat die Kanzlerin doch gesagt!), 2. Die Türkei ist ein Freund der USA (schließlich haben die dort eine Air Base und Atomwaffen, sowas hat man doch nicht bei Feinden!), 3. Wenn der Türke der Freund von unserem Freund ist, dann ist er auch unser Freund (zitiert aus Dr. Gniffkes Handbuch zum Thema ?Wie Journalismus auch einfacher geht?)."

Die beste Erklärung des unsäglichen ARD-Nachrichten-"Journalismus", die ich je gelesen habe.

Nur: Was noch fehlt ist der Hinweis auf das Schmiermittel fast aller Presstitution:

Auch bei der Journalisten-Presstitution dürfte es so sein, daß als Schmiermittel Geld fließen muß.

Denn aus "Liebe zur Presstitution" würde wohl kaum jemand seinen Ekel vor dem morgendlichen Blick in den Spiegel überwinden wollen - da hilft ein hübsches hohes Einkommen, wie auch die Aussicht auf eine höhere Rente doch bestimmt? - Falls man nicht schlicht aus Angst vor Arbeitsplatz-Verlust, aus Rückgratlosigkeit beim Mitschwimmen in der Seilschaft handelt - oder gar, weil man erpreßt oder sonstwie bedroht wird?

Oder gäbe es auch ehrenhafte, der Menschwürde entsprechende Erklärungen für die "Morbus Gniffke"?


Am 17. März 2016 schrieb Lutz Jahoda:

ORIENTIERUNGSVERMERK

Damit dies später keiner bestreitet:
den "Tagesschau"-Sinkflug eingeleitet
hat - zur Kenntnisnahme der Fahnder:
Doktor Gniffke, der Chief-Commander.


Am 17. März 2016 schrieb Frieder Meiningen:

Der Türke ist schon seit den 50er Jahren in der NATO. Seit dieser Zeit ist re ein treuer Freund der USA, also auch der Bundesrepublik. Jetzt aber ist er noch etwas treuer: Er soll uns die Flüchtlingen vom Hals halten. Gleich wie. Dr. Gniffke hat die Freundschaftslage begriffen. Nur sie Kritikaster kapieren nix. Deshalb sind Sie auf beim NDR nix geworden . . .


Am 17. März 2016 schrieb Ulrike Schulze :

Könnten Sie dem Gniffke nicht mal ein neues Handbuch schenken? Oder ihm das Lesen beibringen? Aber wahrscheinlich ist der Mann einfach zu stumpf . . .

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