Zweierlei Mass?

Die Berichterstattung über Russland und Amerika

Autor: Walter van Rossum
Datum: 07. März 2013

Der Journalist Walter van Rossum hat jüngst in einem Radio-Feature des DEUTSCHLAND-RADIOS (am 01.03.2013 um 19:15 Uhr) die doppelte Moral deutscher Medien skandalisiert, wenn es um die Berichterstattung aus Russland, bzw. den USA geht. Wir veröffentlichen - mit der freundlichen Genehmigung des Autors - eine gekürzte Fassung des erhellenden Beitrags.

Noch kurz vor Jahresende musste Moderator Claus Kleber am 28. Dezember 2012 im ZDF heute-journal seinem Publikum wahrhaft Abscheuliches berichten. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte soeben ein Gesetz unterzeichnet, dass US- Amerikanern untersagt, russische Kinder zu adoptieren. In den letzten 20 Jahren hätten 60 000 solcher Kinder in den USA ein Elternhaus gefunden, meist behinderte Kinder, die in Russland keiner wollte.

Mit diesen bestürzenden Nachrichten eröffnete das heute-journal seine Spätausgabe und berichtete volle vier Minuten über diesen – wie man nicht müde wurde zu betonen: - barbarischen Akt der russischen Regierung. – Die Kollegen von den Tagesthemen der ARD hängten den Fall nicht ganz so hoch, doch auch sie stellten den politischen Zusammenhang her:

O-Ton Tagesthemen, 28. 12.12

"Damit reagierte Russlands Führung auf ein kürzlich erlassenes US-Gesetz. Es verbietet russischen Beamten die Einreise in die USA, wenn diese unter dem Verdacht stehen, Menschenrechte verletzt zu haben."

Wer nicht gleich vor Betroffenheit in die Kissen sank, konnte allerdings stutzig werden. Sollte Wladimir Putin allen Ernstes so kleinlich sein, mit behinderten Kindern ein politisches Spiel zu betreiben? Ein paar bekümmerte US-Amerikaner verprellen, um Weltmachtpolitik zu betreiben? Und noch schlimmer: Müsste man ihm nicht voll- endete Dummheit unterstellen? Denn nichts war absehbarer als empörte moralische Reaktion innerhalb und außerhalb Russlands.

"Es war ein Uhr nachts, als sich der achtjährige Daniel Alexander Sweeney
aus dem Haus stahl und bei Nachbarn anklopfte. Der kleine Junge berichtete, er werde von seinen Adoptiveltern regelmäßig verprügelt, und bat um Hilfe. Auf seinem Körper fanden sich zahlreiche blaue Flecke und andere Spuren äußerer Einwirkung (...). Daniel wurde als Daniil Krutschin 2003 im russischen Tula geboren und 2006 von einem amerikanischen Ehepaar [aus Virginia] adoptiert."

So heißt es in einem Artikel, der im August 2012 in der deutschsprachigen Moskauer Zeitung erschien. In diesem Text - verfasst von den angesehenen deutschen Journalisten Tino Künzel und Anna Magdalena Claus - ist die Rede von 19 adoptierten russischen Kindern, die in den vergangenen zehn Jahren in den USA ums Leben kamen - misshandelt oder vernachlässigt von ihren us-amerikanischen Adoptiveltern.
"In den USA leben 423 000 Kinder ohne feste Familien im foster care system, im System der Pflegeunterbringung. 115 000 dieser Kinder sind zur Adoption geeignet, aber fast 40 Prozent dieser Kinder werden mehr als drei Jahre in der Pflegeunterbringung warten, bevor sie adoptiert werden." (Bericht des Congressional Coalition on Adoption Institute)

Geht man in den USA bei einheimischen Waisen sorgsamer bei der Auswahl von Adoptiveltern um? Sind die Bedingungen hier schärfer, so dass es leichter ist, in Russland fündig zu werden? Tatsache ist, dass auch Kindheit in den USA nicht immer ein Zuckerschlecken ist.

Jede Woche wird in den USA über annähernd 60 000 Kinder berichtet, die missbraucht oder vernachlässigt worden sind, mit bestätigten 900 000 Missbrauchsopfern im Jahr 2004. Jedes Jahr enden ungefähr 520 000 dieser Kinder in Pflegeunterbringung - doppelt so viele wie vor 25 Jahren. Jedes Jahr haben ungefähr 800 000 Kinder mit Pflegeunterbringung zu tun. (ABC News)

Der 28. Dezember 2012 ist ein Freitag. Die Nachrichtenlage ist wie üblich zwischen Weihnachten und Silvester nicht gerade prickelnd – zumindest nicht für Journalisten, die Nachrichten in Erregungswerten messen. Immerhin droht in den Vereinigten Staaten von Amerika der Finanz-Kollaps.

O-Ton Heute-Journal:

"Bis Montag muss die Einigung her. Die Konsequenzen tragen nicht nur die Amerikaner, sondern in der Weiterung auch die Weltwirtschaft, die ein bewegtes Krisenjahr hinter sich hat."

Demokraten und Republikaner können sich nicht auf den Haushalt für das kommen- de Jahr einigen. Es droht die sogenannte Fiskalklippe, das automatische Inkrafttreten außerordentlich folgenreicher Gesetze. Im heute-journal widmet man dieser dramatischen Situation wenige Sekunden.

O-Ton Heute-Journal:

Noch einmal Nachrichten von Gundula und zurück zu einem Politkrimi, in dem nicht weniger auf dem Spiel steht als die wirtschaftliche Gesundheit der USA und damit der Welt.

Es liegt fast ein ganzes Jahr us-amerikanischen Wahlkampfgetümmels hinter einem. Offenbar kann niemand mehr das Gemälde der erbarmungslosen Schlacht ertragen, das die amerikanische Zweiparteien-Demokratie da abgegeben hatte. Glücklicherweise gibt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten Gelegenheit, aus großer Zeit, von einem großen Mann zu berichten:

O-Ton Heute Journal:
"Der US-Generalund ehemalige Oberkommandierende im Irakkrieg Norman Schwarzkopf ist im Alter von 78 Jahren in Florida gestorben. 1991 führte er die inter- nationalen Streitkräfte zur Befreiung Kuwaits an. Der Golfstaat war zuvor von Iraks Diktator Saddam Hussein besetzt worden. Die von Schwarzkopf befehligte Operation „Wüstensturm“ gilt als großer militärischer Erfolg."

Die Süddeutsche Zeitung titelt zu Schwarzkopf:
"Haudegen, Hüne, Kriegsheld"

Die ZEIT erinnert sich:
"Seine hünenhafte Gestalt war fast täglich auf den Bildschirmen zu sehen, während er den Fortgang des Krieges erklärte, den die Zuschauer quasi `live´ mitverfolgten."

Ob man hin und wieder bei der ZEIT nochmal darüber nachdenkt, wie ein Zuschauer wohl einen Krieg zuhause ‚quasi live’ mitverfolgen können sollte, der ihm vom General einer der Kriegsparteien aus dem Quartier dargestellt wird?

Und auch der ARD-Hörfunk-Korrespondent würdigt den us-amerikanischen Wüstenfuchs:

O-Ton ARD-Hörfunk:
Doch als Held wurde er von vielen hier in den USA jahrelang verehrt: "Stormin' Norman", stürmender Norman, lautete der Spitzname des aufbrausenden und 1,95 Meter großen Generals Norman Schwarzkopf, der (...) mit seinen Operationen "Desert Shield" und "Desert Storm" nachkurzem Bodenkrieg dafür sorgte, dass der irakische Diktator in Kuwait bedingungslos kapitulieren musste."

Flächendeckend wird des toten Kriegshelden in pompösen Worten gedacht. Journalisten haben diesen Golfkrieg von 1991 offenbar schon schnell und gründlich vergessen. Wie sich bald nach dem gefeierten Sieg herausstellte, war die Legitimati- on dieses Krieges in einer aberwitzigen Propagandaschlacht lanciert worden, in der fast alle Journalisten eine erbärmliche Rolle gespielt hatten. Dabei darf als erwiesen gelten, dass der Oberkommandierende Norman Schwarzkopf allabendlich die versammelte Weltpresse vorsätzlich belog – wie der ehemalige US-Justizminister Ramsey Clark bestätigt:

O-Ton Ramsey Clark:
"Eine typische Aussage der US-Militärs war z. B., dass die Bombardierung des Irak auf den Punkt gewesen sei. Nichts entspricht weniger der Wahrheit. 11000 Lufteinsätze, 88500 Bomben, siebeneinhalb mal so viel wie in Hiroshima in 42 Tagen. Die Wahllosigkeit der Bombardements war offensichtlich. Die Bombardierungen belegen ohne jeden Zweifel, dass die Vereinigten Staaten die Zerstörung der wirtschaftlichen Versorgung des Irak vorsätzlich planten.

Und worin soll die strategische Meisterleistung von General Norman Schwarzkopf bestanden haben? Die High-Tech-Armeen der Vereinigten Staaten und ihrer Koalitionäre führten 680 000 Mann in die Schlacht gegen 400 000 schlecht bewaffnete und miserabel ausgebildete Iraker.

O-Ton Ramsey Clark:
Der Angriff hatte absolut nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun. (...) Es gab keinen Krieg. Der Irak war wehrlos."

"Irgendwann in diesem Herbst verstand ich, dass ich dabei war, vom Auslands- korrespondenten zum Gefängnisreporter zu mutieren. Es war der Moment, als ich mich hinsetzte, um einen weiteren Brief mit einem langen Fragenkatalog an Nadeschda Tolokonnikowa zu schicken, die in einem Lager 400 Kilometer südlich von Moskau einsitzt." So heißt es in einem Jahresrückblick des Russland-Korrespondenten des Spiegel Matthias Schepp Ende 2012.

"Wenn aber die aufsehenerregendsten Geschichten aus der Region zwischen Kiew und Wladiwostok aus dem Gefängnis kommen, dann stimmt etwas nicht. Ich werde zum Knastreporter, weil 21 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion die Freiheit auf dem Rückzug ist. Von Minsk über Moskau bis ins Astana."

Besser als der Spiegel-Mann kann man wahrscheinlich die Russlandwahrnehmung deutscher Journalisten auf ein paar Zeilen kaum zusammenfassen. Klarer kann man nicht beschreiben, wo diese Journalisten „die aufsehenerregendsten Geschichten aus der Region zwischen Kiew und Wladiwostok“ suchen.

"Es entstehen Fragen und Unverständnis, wenn man sieht, WAS in Deutschland über Russland geschrieben wird und WIE es geschrieben wird." Schrieb Michael Gorbatschow 2008 in einem offenen Brief:

"An meine Freunde, die deutschen Journalisten. (...) Nicht von ungefähr habe ich das WIE hervorgehoben. Denn die Fakten, die Anlass zur Kritik bieten, stammen ja oft aus der Realität oder werden aus russischen Zeitungen übernommen. (...) Beim aufmerksamen Blick auf die Flut von Veröffentlichungen in Deutschland wird man jedoch schwer den Eindruck wieder los, als ob man es mit einer gezielten Kampagne zu tun hat, als ob alle aus einer einzigen Quelle schöpften, die eine Handvoll Thesen enthält (in Russland gebe es keine Demokratie; die Meinungsfreiheit werde unter- drückt; eine arglistige Energiepolitik werde durchgesetzt; die Machthaber drifteten immer weiter in Richtung Diktatur ab – und so weiter und so fort.) Diese Thesen wer- den in verschiedenen Tonarten wiederholt. Die Zeitungsmacher scheinen auch keinerlei Interessen jenseits dieser Aussagen zu haben."
Der frühere sowjetische Parteichef und Präsident Michail Gorbatschow hat bekannt- lich selbst scharfe Kritik an bestimmten russischen Strukturen und Entwicklungen unter Putin oder Medwedjew geäußert. So etwa kurz vor seinem 80. Geburtstag. Dafür wurde er von der westlichen Presse ausführlich gelobt und zitiert. Als er aber am folgenden Tag den höchsten russischen Orden durch Präsident Medwedjew ver- liehen bekam, schwieg man sich darüber entweder aus oder wähnte sich mal wieder im Bilde - wie etwa die Deutsche Presseagentur: "Sogar Putin gratuliert Gorbatschow zähneknirschend."

Gorbatschow erwähnte in seinem Brief das Buch der ehemaligen ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz. Der Titel: Was passiert in Russland?

"Der allgemeinen Mode zuwider beschränkte sie sich nicht auf eine Aufzählung der Schattenseiten, sondern führte vielfältige Tatsachen aus dem Leben meines Landes auf, die sich nicht in das Prokrustesbett der modisch gewordenen Anschuldigungen zwängen lassen. Was geschah danach? Erst taten renommierte Zeitungen so, als hätten sie die Buchveröffentlichung nicht bemerkt, dann griffen einige von ihnen die Autorin mit Anschuldigungen an, die an die Kritik aus der Zeit des Kalten Krieges erinnern.

"Zudem neigt sie bei ihrer Russland-Erörterung zur manipulativen Vereinfachung (Beispiel: Vergangenheitsbewältigung) und zur verwässernden Relativierung.", hieß es z.B. in der Süddeutschen Zeitung.

Gorbatschow weiter:
"Das ist nur ein Einzelbeispiel, das aber eine Tendenz widerspiegelt. Worum handelt es sich dabei? Woher kommt diese Tendenz?"

Wahnsinn Amerika heißt das Buch des ehemaligen ARD-Korrespondenten Klaus Scherer. Und der Titel spiegelt genau diese gestaffelte Perspektive wider: Der pathologische Wahnsinn, der das Land heimsucht und mit dem Klaus Scherer durchaus nicht hinterm Berg hält, und dann der "Wahnsinn!“ - als staunender Jubel über die innere und äußere Größe, über dieses alles europäische Maß Überschreitende, als befänden sich die USA auf einer mythisch-utopischen Reise ins Heil. Das ist ein Blick, der erlaubt, viele Zustände bei ihrem hässlichen Namen zu nennen, ohne daraus jemals hässliche Schlüsse ziehen zu müssen. Für diesen Blick gab es im vergangenen Jahr reichlich Anlass - im Jahr der Präsidentschaftswahlen. Zeitungen und Fernsehen überschlugen sich mit Reportagen, Berichten, Interviews über das Land im Allgemeinen und den Wahlkampf im Besonderen. Und die mediale transatlantische Verbundenheit wurde dabei manchmal auf eine harte Probe gestellt.

O-Ton Scherer:
Das, glaube ich, gab es in dem Maß noch nicht, also wirklich eine polarisierte, hass- erfüllte Stimmung im Lande. Stellen Sie sich vor, der [Barack Obama] musste jeden Tag Argumenten oder Pseudoargumenten entgegentreten, er sei kein Amerikaner, er sei insgeheim Muslim, der das Land auf Islamkurs bringen wolle, er sei Sozialist und was gabs da nicht alles."

Vermutlich haben deutsche Medien nach dem 2. Weltkrieg nie kritischer über die USA berichtet als im vergangenen Jahr. Ein Land, in dem die mal bloß wirren-irren, mal faschistoiden Thesen der Tea Party die öffentliche Debatte erheblich be- stimmten, ein Land, in dem die Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung von großen Teilen der Bevölkerung als Sozialismus geächtet werden konnte, daran ging die Berichterstattung in Funk, Fernsehen und Zeitungen nicht vorbei. Doch über welchen Missstand oder „Wahnsinn“ auch immer die Korrespondenten berichteten, niemals kamen sie von ihrem amerikanischen Glauben ab.

O-Ton Scherer:
Die Vorwahken sind Demokratie zum Anfassen. Die Kandidaten gehen über das Land, wie durch einen Wanderzirkus, um sich den Fragen zu stellen, um sich vorzustellen."
Sagte Klaus Scherer im Interview - und verschwieg dabei, dass sich an dem monatelangen Vorwahlspektakel durchschnittlich 17 Prozent der Wähler beteiligen, während sich die Kandidaten in Tausenden von teuren Werbespots gegenseitig ihr angeblich liederliches Privatleben um die Ohren hauen. Bei den eigentlichen Präsidentschaftswahlen treibt es dann in der Regel nicht einmal die Hälfte der Wähler zu den Urnen. Leidenschaftliche Demokratie sieht anders aus.

O-Ton Scherer:
Wenn Sie jetzt och wissen, seit der Supreme Court die Schleusen geöffnet hat für unbegrenzte Großspenden, und zwar anonym von Konzernen z. B., da ist natürlich immer auch die Gefahr dabei - wie auch konservative Wähler sagen und beklagen -, dass man das Weiße Haus kaufen kann."

Der Umstand, dass die teure Wahlschlacht der beiden großen US-Parteien mit drei Milliarden Dollar von Wallstreet & Co finanziert wurde, hat weder Scherer noch andere Journalisten zu einer präzisen Analyse über die Verzahnung von Finanzwelt und Politik in den USA bewegen können. Während in der Berichterstattung über Russland der Filz zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen sog. Oligarchen und Politikern selbstverständlich als Merkmal eines diktatorischen Systems gewertet wird, besteht im Falle der USA nur vage ‚die Gefahr’, man könne Politiker kaufen.

Tatsächlich könnten die Vereinigten Staaten von Amerika heute mühelos als Paradebeispiel herhalten für das, was der britische Politologe Colin Crouch "Postdemokratie" nennt:
"Während die demokratischen Institutionen formal weiterhin vollkommen intakt sind, entwickeln sich politische Verfahren und die Regierungen zunehmend in eine Richtung zurück, die typisch waren für vordemokratische Zeiten: der Einfluss privilegierter Eliten nimmt zu, in der Folge ist das egalitäre Projekt zunehmend mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert."
Doch sind in den USA die demokratischen Institutionen tatsächlich noch ‚weiterhin vollkommen intakt’? Die Präsidentschaftswahlen des Jahres 2000 wurden z.B. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zugunsten von George W. Bush verfälscht. Über den Manipulationsvorwurf wurde zwar in den deutschen Medien damals berichtet, Zweifel an der Stabilität der amerikanischen Demokratie sind aber offenbar ein mediales Tabu. Und 2012, also zwei Wahlen später, wurde daran nicht einmal mehr erinnert, obwohl in den USA selbst kritisiert worden war, dass etwa in Gegenden mit überwiegend schwarzer Bevölkerung die Hürden für eine Wahlbeteiligung absichtlich hoch gelegt worden sein sollen. Geht es aber um Russland, steht das Thema Wahlmanipulation in deutschen Medien selbstverständlich im Mittelpunkt. Dort kam es im vergangenen Jahr zwar tatsächlich zu Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentschaftswahl, doch die hatten, nach Auskunft neutraler Wahlbeobachter gar keine wahlentscheidende Bedeutung. Gleichwohl steht für das Gros der deutschen Journalisten irgendwie fest, dass Russland keine Demokratie ist.

"Formal existieren die demokratischen Institutionen noch, die Jelzin gründete. Aber sie gleichen einem leeren Gehäuse. Zensur, Taschenparlament, willfährige Justiz, strikte Zentralisierung der Macht und eine übertriebene Rolle für Geheimdienste und Bürokratie - das ist das Putin-System. Nicht der Bürger, der Staat blieb das Maß aller Dinge." Wusste der Spiegel zu berichten. Doch nicht Wladimir Putin, sondern Barack Obama hat den National Defence Authorization Act unterschrieben, jenes Gesetz, dass es us-amerikanischen Geheimdiensten erlaubt, überall auf der Welt als Terroristen verdächtigte Menschen auf unbestimmte Zeit und ohne offizielle Anklage einzusperren.

Von diesem rechtsstaatliche Prinzipien verletzenden Gesetz war in unseren Medien nur am Rande die Rede. Es ist aufschlussreich zu sehen, wie deutsche Medien etwa mit Aktionen der CIA umgehen, obwohl sehr gut belegt ist, dass Mord, Entführung und Folter zum geheimdienstlichen Arsenal des Dienstes gehören. In vielen Ländern der Erde unterhält diese Firma geheime Gefängnisse, meist in nicht gerade ‚lupen- reinen Demokratien’ in denen sie ohne richterlichen Beschluss, ohne zivile Gerichtsbarkeit Verdächtige festhalten und foltern lässt. Von diesen Machenschaften wird in Deutschland meist berichtet, als handele es sich lediglich um eine kleine Unwucht auf der Achse des Guten.

Vergleicht man die deutsche Berichterstattung über die beiden Präsidentschaftswahlkämpfe in Russland und den USA, fallen die unterschiedlichen Maßstäbe sofort ins Auge: Während im Zusammenhang mit der russischen Wahl vornehmlich über Putin als alten neuen Zaren vor dem Hintergrund einer zur Demokratie noch gar nicht befähigten Gesellschaft berichtet wurde, ging es im US-Wahlkampf angeblich heiß und richtig demokratisch zu. Die teure Schlammschlacht der zwei Parteien verdiente sich wenigstens noch das Prädikat: hässliche Auseinandersetzung, aber eben eine demokratische. Nach dem Pluralismus im us-amerikanischen auf nur zwei Parteien reduzierten Politikbetrieb, wurde da gar nicht erst gefragt. Im Unterschied dazu stehen bei der Russlandberichterstattung die Antworten von vorneherein fest.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 09. März 2013 schrieb Knut Becker:

Will uns van Rossum einreden, die russische Demokratur sei besser als die amerikanische Demokratie? So ein Blödsinn.

Antwort von U. Gellermann:

Nein, van Rossum weist nur nach, dass die Demokratie in den USA keine ist.


Am 08. März 2013 schrieb Robert Kleinschulte:

Dieser van Rossum ist ein echter Gewinn. Mehr davon!


Am 07. März 2013 schrieb Linde Sommer:

Ist das der van Rossum, der das köstliche Buch "Meine Sonntage mit Sabine Christiansen geschrieben hat?

Antwort von U. Gellermann:

Ja. Und: "Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht", ebenso, gemeinsam mit Gabriele Gillen, "Schwarzbuch Deutschland. Das Handbuch der vermissten Informationen".

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