Zeitreise ins Wunderland

Fotos aus den Fünfziger Jahren

Autor: U. Gellermann
Datum: 04. August 2011
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Buchtitel: Klein Paris
Buchautor: Dirk Alvermann
Verlag: Steidl

Eine Zeitreise ermöglicht der Steidl-Verlag mit seinem Fotoband "Klein Paris", eine Reise in die 50er Jahre der jungen Bundesrepublik und deren Stadt Düsseldorf. Kaum eine anderer Ort war eine bessere Bühne für die aufstrebende Republik und ihre sozialen Dissonanzen. Im "Schreibtisch des Ruhrgebietes" protzte das Stahlviertel mit seinen Sandsteinburgen, unweit ihres Zentrums wohnte Friedrich Flick, der unheimliche Herrscher Westdeutschlands, die Persil-Henkels lebten vornehm im Zooviertel und die Düsseldorfer Königsallee war der Laufsteg der Schönen und der Neureichen. Nur Steinwürfe entfernt ragten geschwärzte Ruinen in den Himmel, Zeugnisse des Krieges, an dem die Stahlindustriellen sich dumm und dusselig verdient hatten. Im Schatten der kaputten Mauern bettelten die Kriegskrüppel und schlugen die kindlichen Radschläger ihr Rad. "Eeene Pennning" sagten sie und streckten nach gelungenem Kunststück die Hand aus und wehe man gab nur einen Pfennig, das Leben war teuer für die Armen, da schienen zehn Pfennige schon angemessener. Das alles hielt der damals junge Fotograf Dirk Alvermann fest: Die Fettlebe und die Bettelei, die Notunterkunft und das mondäne Café. Alvermanns Blick sezierte die Verhältnisse und gibt sie bis heute der Kritik preis.

Männer von 16 - 70 gehören in den Einsatz und nicht in den Bunker, steht an einem der Überbleibsel des deutschen Krieges und vor dem Stahlbetonbrocken spielen kleine Mädchen. In ein paar Jahren werden sie in die "Große Wohnzimmer-Sonderschau" gehen, deren Werbeplakat im selben Foto gut zu lesen ist: Alles sollte neu sein in der Bundesrepublik, die Wohnzimmer mit dem falschen Barock und die Politik, hinter deren falscher Fassade die heftig verdrängte Nazizeit lauerte. "Zur Liebe verdammt" schreit ein Filmplakat im Vorraum eines Bunkerkinos, dessen Programm, unter dem Vorwand der Aufklärung über Geschlechtskrankheiten, hastige Sichten auf ein Bisschen Frauenhaut ermöglichte. Eine andere Sorte Aufklärung täte Not, wissen vor einem anderen Kino die jüngeren Leute, die gegen den Nazi-Regisseur Veit Harlan protestieren, auch das Häuflein, das schon damals gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen demonstrierte, vermittelt diese Erkenntnis. Die Düsseldorfer Bohème, die noch nicht weiß, dass sie die Saat für die 68er Bewegung legt, ist in Alvermanns Buch dokumentiert: Der Avantgardist Flötchen Geldmacher, der Liedermacher Dieter Süverkrüp, die Grand Dame des Kabarett Lore Lorentz und der Bruder des Fotografen, H. P. Alvermann, der später das Republikanische Centrum gründen sollte, ein schneller Brüter der alternativen Bewegung.

Angestrengt sehen sie aus, die minderjährigen Tanzmariechen des Karnevalszuges, am Straßenrand, im Publikum des Umzuges, wieder wohlgenährte Gesichter unter einer Leuchtreklame, die Ausschank verheißt. Verheißung auch bei einer Karnevalssitzung: Das Spitzenhöschen einer Tänzerin verspricht mehr, als die verklemmte Republik zu halten bereit war. Nichts war und ist gespenstischer als der offizielle Karneval in Düsseldorf, eine im Datum verankerte Lustigkeit. Erbarmen findet das Auge des Betrachters in Fotos wie jenem, das dem selbstvergessenen Theaterspiel der Kinder auf einem Hinterhof gewidmet ist: Morgen, verspricht das Bild, morgen werden wir die Bühne betreten, Beifall ist uns gewiss. Alvermanns Bilder haben die Reise gut überstanden, immer noch wirken sie intensiv auf Verstand und Gefühl des Betrachters ein, und sie verlangen Raum, einen, der ihnen die Gestaltung des Buches nicht immer einräumt: Manchmal finden sich vier oder fünf Fotos auf einer Seite, da geraten Themen dann zu Briefmarken. Aber die Doppelseiten im Fotoband, wie jene, auf der zwei Jungen voller Sehnsucht auf ihre automobile Zukunft starren, entschädigen den Betrachter großzügig. Am Ende einer Reise in das alte Wirtschaftswunderland sind die Gene zu erkennen, die der heutigen Bundesrepublik ihre aufgedunsenen Züge verliehen haben: Wer hat, dem wird gegeben.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 06. August 2011 schrieb Maria Sassenbacher:

Die Düsseldorfer "Radschläger" als Bettler zu verunglimpfen ist ganz abscheulich. Sie gehören zum folkloristischen Straßenbild der fröhlichen Stadt am Rhein.

Antwort von U. Gellermann:

Bei Radschlägern kenne ich mich aus: Ich war selbst einer.


Am 05. August 2011 schrieb Dirk Alvermann:

Hab Dank für Deine Rational-Kritik, die mir in ihrer ebenso deftigen wie sinnlich konkreten Sprache durchaus "zusagt", doch sicher nicht jedermann schmecken wird.

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