Wie man Antisemitismus erfindet

Barbara Honigmann über Adolf Dresen

Autor: U. Gellermann
Datum: 12. August 2011
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Buchtitel: Bilder von A.
Buchautor: Barbara Honigmann
Verlag: Hanser

"A. ist jetzt tot." Mit diesem Satz beschwert Barbara Honigmann die Enden vieler Kapitel in ihrem Buch, das "Bilder von A." zeigen soll und sich als Roman einer Liebe ausgibt. Nach wenigen Seiten wird dem Leser deutlich, dass es sich bei A. um Adolf Dresen handelt, den großen Theaterregisseur, der einst vom Osten in den Westen wanderte, als das noch Bedeutung hatte, und der vor zehn Jahren starb. Folgt man der Autorin, dann währte eine Form von Liebe der beiden, längst von der engen Bindung in ein grobmaschiges Netz von liebenswerten Botschaften gewandelt, fast bis zum Tod des Regisseurs: "Nach 26 Jahren und neun Monaten beendete ich unsere Korrespondenz" notiert Honigmann penibel, und was bei anderen Kapiteln wie eine Klage klang, das klingt beim letzten wie: "A. ist jetzt endlich tot."

Die Liebe begann in Ostberlin, in den 70er Jahren, rund um das Deutsche Theater, sie hatte ihren Anfang in einer Leichtigkeit, die nur vom neuen Preußen belastet wurde: Von einer DDR, die den Liebenden zu eng ist und deren Kritik das Paar in Kleists Auseinandersetzung mit seinem Preußen wiederfinden: "Dies Land ein Grabeshügel aus der See." Es wird ein Kleist-Projekt sein, das die beiden bis zum Ende begleitet, und es wird das Theater sein, dem sie lange ihre Hingabe widmen, Dresen ein ganzes Leben lang, Honigmann bis zu einer Aufführung der gemeinsam geplanten Kleist-Montage "Dichter in Preußen", die an der Zensur scheiterte. Wenn deren Inszenierung Jahre später im selben Theater, das nun in jenem Westen lag, der zwischenzeitlich überall sein Wesen trieb, aus "technischen" Gründen erneut zerplatzte, dann ist die Ironie zu greifen: "Als wir später in den Westen kamen . . . als wir uns dort gezwungen sahen, unsere Rollen einzunehmen und in dieser Komödie mitzuspielen, während wir das in der DDR noch dramatisch verweigert hatten . . ." schreibt die Autorin über den Wechsel in andere politische Verhältnisse.

Dresen begreift sich als ein "Fluchttier", als jemanden, der bindungsunfähig ist. Selbst in dem einen Jahr, in dem das Paar ihr "Verhältnis Liebe nannte", wird es kein gemeinsames Frühstück nach einer gemeinsamen Nacht geben. "A" hatte "diese Frau" und Honigmann hatte deren Namen "Gott sei Dank" nie erfahren. Der um Jahre ältere Mann war für die damals junge Frau auch ein Mentor, jemand, der sie beschützte und dessen Liebe sie zugleich als Leibeigenschaft empfand, gegen die sie sich lange nicht auflehnen konnte und wollte. Erst als sie für sich, das Kind von Emigranten, die sich bewusst für die DDR als Heimat entschieden hatten, ihre jüdische Herkunft neu entdeckt, beginnt ein Ablösungsprozess vom "Marxisten, Sozialisten, Antifaschisten, Atheisten" Adolf Dresen. Diesen Prozess macht die Autorin ihrer alten Liebe in einem so nie geführten Dialog, der zum Kernstück ihres Buches geworden ist.

Wo Dresen sagt, sie seien beide Menschen und Deutsche, ist Barbara Honigmann die jüdische Herkunft "kulturell und ethnisch" wichtiger als dem Mann, der im Ethnischen auch den Rassismus wittert. Wo sie beharrt, dem "jüdischen Volk" anzugehören, sieht er kein Volk, nur Religion, wo er das Jüdischsein als Flucht begreift, stellt sie eine gescheiterte Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen fest. Der erfundene Dialog stützt sich natürlich auf Sätze aus Briefen, die es gab. Und er mündet in einer letzten Botschaft von ihm, in dem er, nach dem Ende der DDR, den Kampf gegen den Kapitalismus über die "jüdischen Sachen" stellt.

Während man dieser divergierenden Entwicklung ein wenig unentschlossen gefolgt sein mag - wer will schon angesichts einer alten Liebe Partei ergreifen - wacht man bei einem der Honigmann-Schlussätze heftig auf: "Und weil der Antikapitalismus nie sehr weit vom Antisemtismus entfernt ist . . ." schreibt sie im Streit mit Dresen. Der linke Reflex zwingt, an Marx zu erinnern, auch an Luxemburg oder Tucholsky, alles Leute, die als Juden aufwuchsen und fraglos Antikapitalisten waren. Doch noch klarer ist diese infame Bemerkung der Honigmann mit dem jungen Israel und seinen Kibuzim zurückzuweisen, die sehr bewusst Juden waren und ebenso antikapitalistisch. Aber das wird sie nicht hören wollen, die Frau, die unter dem dünnen Mantel eines Romans Teile ihrer Biografie ausbreitet, wortmächtig, literaturfähig, nur leider denunziatorisch, wenn sie Adolf Dresen, der sich nicht mehr wehren kann, einen Antisemiten nennt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 16. August 2011 schrieb Maik Hamburger:

"Und weil der Antikapitalismus nie sehr weit vom Antisemtismus entfernt ist . . ."
Bei einer Autorin, die Sie als 'wortmächtig' und 'literaturfähig' bezeichnen, ist dieser Halbsatz ungeheuerlich. Implizit werden, unabhängig vom Kontext, jüdische Opfer zur Legitimierung des Kapitalismus missbraucht.
In dem halben Jahrhundert unserer Freundschaft habe ich nie eine antisemitische Äusserung von A. gehört. Eine solche Haltung war ihm wesensfremd.


Am 14. August 2011 schrieb Wolfgang Oedingen:

Ich nehme an der Kurzschluß von Frau Honigmann geht so:
da Kapital mit dem Juden halluziniert wird ist Antikapitalismus
nicht weit vom Antisemitismus entfernt. Das hat natürlich was
für sich.
Andererseits: so können Gedanken Purzelbäume schlagen.


Am 14. August 2011 schrieb Rüdiger Stetten:

Sie machen Frau Honigmann den ungeheuerlichen Vorwurf Adolf Dresen als Antisemiten zu beschuldigen, liefern aber keinen Beweis dafür sondern nur eine Schlussfolgerung aus einer Bemerkung der Schriftstellerin, die einen Nähe von Antikapitalismus und Antisemitismus vermutet. Das ist nicht zulässig!

Antwort von U. Gellermann:

Frau Honigmann vermutet nicht, sie behauptet. Und auf der Seite 130 in ihrem Buch steht: "Ich hielt ihn (Dresen), wegen der Art, wie er nun sprach und dachte, für verloren in einer Ideologie, und, schlimmer noch, für einen Antisemiten."


Am 14. August 2011 schrieb Albrecht Kemper:

Natürlich ist der Antikapitalismus auch häufig antisimetisch eingefärbt, weil es gegen die "reichen Juden" geht. Schon der Sozialdemokrat Franz Mehring hatte 1891 formuliert: "Man darf diesen praktischen Antisemitismus zwar nicht billigen, aber man kann ihn verstehen." Es ist das "Verständnis", das die Antikapitalisten zu Antisemiten macht".

Antwort von U. Gellermann:

Frau Honigmann denunziert Adolf Dresen als "Antisemiten". Das folgert sie, weil der große Theatermann Dresen antikapitalistisch war. Da unter den Kapitalisten, neben diesem oder jenem Juden, auch jede Menge Christen, Islamis, Budhisten und sogar Atheisten sind, ist Dresen, nach dieser verdrehten Logik, also auch Antichristlich, Antislamisch, Antibudhistisch und Anti-Atheistisch. Zählen wir manchen kapitaiistischen Japaner hinzu, dann ist der Mann auch noch Antianimistisch. Da unter den Kapitalisten, neben diesem oder jenem Juden, auch jede Menge Christen, Islamis, Budhisten und sogar Atheisten sind, ist Dresen, nach dieser verdrehten Logik, also auch Antichristlich, Antislamisch, Antibudhistisch und Anti-Atheistisch. Zählen wir manchen kapitalistischen Japaner hinzu, dann ist der Mann auch noch Antianimistisch. Diese wirren Haltung unterstützen Sie mit einem Zitat von Franz Mehring, das Sie aus jedem denkbaren Zusammenhang gerissen haben. Wer den Mehring komplett nach lesen will:

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/mehring/1891/xx/philo-anti.html


Am 13. August 2011 schrieb Sylvie Landauer:

Die Honigmann-Erfindung des vorgeblichen Antisemitismus von Adolf Dresen liegt auf der Linie, die Linkspartei des Antisemitismus zu beschuldigen: Es ist eine Totmacher-Behauptung. Jetzt wird der Antikapitalismus zum Antisemtismus erklärt. Gegenüber einem toten Menschen ist das besonders infam.

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