Was ist ein Staatsverbrechen?

Wer erschoss Mundlos und Böhnhardt?

Autor: Wolfgang Pfeiffer
Datum: 26. November 2015
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Buchtitel: Die schützende Hand – Denglers achter Fall
Buchautor: Wolfgang Schorlau
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Verblüffung zuerst: für die allwissende Internet-Enzyklopädie „WIKIPEDIA“
existiert ein Stichwort: „Staatsverbrechen“ nicht. Vielleicht wartet man ja noch
auf den Ausgang des NSU-Prozess, um in deren Ergebnis das Stichwort neu
zu definieren.

Der Krimi-Autor Wolfgang Schorlau hat zu Recht nicht darauf gewartet. Sein
Buch „Die schützende Hand - Denglers achter Fall“ serviert dem Leser
jedenfalls – vermittelt durch den Erzählstrang rund um den Privatermittler
Georg Dengler – alle Zutaten zu einem Kriminalfall, der die Bezeichnung
„Staatsverbrechen“ verdient.

Die schlichte Frage „Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?“, mit der
ein anonymer Auftraggeber Dengler in die Spur setzt, verbunden mit einer
saftigen Geldspritze für den ewig klammen ehemaligen BKA-Zielfahnder,
erweist sich als so explosiv, dass sich für Dengler selbst bald eine Frage auf
Leben und Tod stellt ...

Schorlau gibt Dengler und dem Leser nach und nach alle mittlerweile öffentlich
zugänglichen Fakten und Lügen rund um den „NSU-Komplex“ an die Hand.
Über 70 Anmerkungen, teils Dokumente, teils Zeitungsartikel und Tatort-Fotos,
belegen, dass bei der „Aufklärung“ der vorgeblichen Selbsttötungen der
Rechtsterroristen Mundlos und Böhnhardt seitens der Ermittlungsbehörden
geschlammt, gelogen und vertuscht wurde, dass sich die Balken biegen. Dazu
passt gut die neueste mdr-Meldung, dass – nach sechs Jahren – im Rahmen
einer „diskreten Durchsuchung befasster Dienststellen“ - plötzlich die verloren
geglaubten Originalfotos vom Tatort wieder aufgetaucht sind, samt
umfangreichen Aktenmaterials.

Und schon sind wir mittendrin in der aktuellen Debatte über „Verschwörungstheorien“. Der geneigte Leser, zu Beginn genauso naiv oder skeptisch wie Dengler, wird von Seite zu Seite in ein kriminelles Konstrukt von so
unglaublichem Ausmass hineingezogen, dass ihm zunächst nur die Charakterisierung „Fiktion“ einfällt. Wenn da nicht die Belege wären, die fast
wissenschaftlich exakt den Anmerkungsapparat füllen.

Schorlau stellt sich dramaturgisch mit seinen Krimis in der Tradition von F.
Forsyth (z. B. „Der Schakal“, „Die Akte Odessa“, „Die Todesliste“) oder auch
von John Le Carré (z.B. „Das Russlandhaus“). Die Verbindung von realen
(politischen) Verhältnissen mit fiktiven Romanfiguren gelingt ihm sprachlich
allerdings nicht so brillant. Trotzdem nimmt die Handlung schon durch die
Einführung der unumstösslichen Fakten in die Romanhandlung nach etwas
zähem Anlauf ständig Fahrt auf. Dengler und mit ihm sein fiktiver
Unterstützerkreis wird schliesslich vom Jäger zum Gejagten.

Fazit: Wolfgang Schorlau fasst auf unterhaltende (?) Art eine Frage zusammen,
die schon der letzte Satz in dem Buch „Heimatschutz - Der Staat und die
Mordserie des NSU“ (2014 erschienen im Pantheon Verlag) von Stefan Aust
und Dirk Laabs nahelegt: „Mit jeder weiteren vernichteten Akte, mit jeder nicht
beantworteten Frage, mit jeder neuen Lüge verstrickt sich das Bundesamt für
Verfassungsschutz nun weiter in einen Kampf, den es vor über 20 Jahren
begonnen hatte – und der Satz des Geheimdienstkoordinators und ehemaligen
Vizepräsidenten des BfV Klaus-Dieter Fritsche vor dem NSU-Ausschuss, hallt
mit jedem Tag lauter, schriller, aber auch klarer nach: „Es dürfen keine
Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln
unterminieren.““ - Die Frage lautet: wie weit ist der Schritt vom
Staatsgeheimnis zum Staatsverbrechen bereits gegangen?


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 13. Dezember 2015 schrieb Uschi Peter:

Allein die Tatsache, dass die vermeintlich Schuldigen medienwirksam verstarben, sagt mir , dass etwas faul an der offiziellen Lesart ist. Das war bei den /dem Mörder von Kennedy schon so, weiter bei Uwe Barschel, bei den 9/11-Hijackern, heute bei den Charlie Hebdo-Attentätern, beim Boston -Attentat, bei den angeblichen NSU-Mördern usw. Und m.M. nach sagt die Zschäpe genau das aus, was sie ohne die wirklichen Hintermänner zu benennen, aussagen darf. Ich glaube sogar, dass das ganze Konstrukt NSU so nicht stimmt.


Am 27. November 2015 schrieb Albrecht Storz:

Habe zwar selber noch nicht gelesen, aber wenn dieser Krimi in der selben Klasse spielt wie die anderen Dengler-Romane nur zu empfehlen:

Wolfgang Schorlau
Die schützende Hand


Am 26. November 2015 schrieb Lutz Jahoda:


DEM UNRECHT
INS STAMMBUCH GESCHRIEBEN

Wer sich alter Schablonen bedient,
muss damit rechnen, kläglich zu scheitern.
Unentfernt Böses, ungesühnt,
wird eitern.


Am 26. November 2015 schrieb Andreas Schlüter:

Ich erlaube mir, auf meinen Artikel hinzuweisen:
"Aug in Aug (?) mit dem Monster (1)": https://wipokuli.wordpress.com/2015/11/18/aug-in-aug-mit-dem-monster-1-der-nsu-prozess/


Am 26. November 2015 schrieb Hans Rebell-Ion:

Seit Beginn der patriarchalen "KULTUR" sind
a l l e STAATS-Formen ein "VERBRECHEN gegen die MENSCHLICHKEIT"! Das "PARADIES" der "besitzlosen" Wildbeuter ging vor ca. 10T.J. für immer verloren! "KULTUR - STAAT - RELIGION - KRIEGEN" sind Synonyme!


Am 26. November 2015 schrieb Henner Greiner:

Ihr seid aber verdammt schnell: Erst gestern war das Buch bei Kulturzeit von 3Sat, heute wird es bei Euch rezensiert. Bravo!

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