Vor die Tagesschau hat Gott die Börsennachrichten gesetzt

Dankesrede des Bertolt-Brecht-Preisträgers der Stadt Augsburg Ingo Schulze

Autor: Ingo Schulze
Datum: 20. Februar 2013

Sehr verehrter Herr Brecht,

Mir wurde es nicht leicht gemacht, Sie lesen zu wollen. Denn in dem Land, aus dem ich komme und das es nicht mehr gibt, kannte Sie jeder, zumindest vom Hören und Sagen. Straßen, Kindergärten, Schulen und Bibliotheken trugen Ihren Namen, Ihre Gedichte, die im Lesebuch standen, wurden von Jungen Pionieren zum Schuljahresanfang und am Kindertag rezitiert. Sie, so hieß es, seien ein Freund der Kinder und ein Freund unserer jungen Republik. Da verwundert es Sie ganz sicher nicht, dass ich als Schüler der neunten Klasse keine Lust hatte, freiwillig an einer Feierstunde zu Ihrem 80. Geburtstag teilzunehmen. Und das ging nicht nur mir so. Unser Klassenlehrer hatte Schwierigkeiten, das von uns zu stellende Kontingent zur Feier Ihres Geburtstages zusammenzubekommen. Da er keine Argumente hatte, drohte er: „Hat denn jemand etwas gegen den Dichter und (Pause – und dann sehr betont:) Kommunisten (Pause) Bert Brecht?“ Ich weiß nicht mehr wie, aber ich schaffte es, mich Ihrer Feierstunde zu entziehen.

Wahrscheinlich würde ich mich nicht mehr daran erinnern, wenn ich nicht ein paar Tage später in derselben Schule vor einer Vitrine stehen geblieben wäre, in der eine Fotografie von Ihnen zu sehen war, jene mit der Zigarre in der Hand, den Daumen unter oder an der Unterlippe, lächelnd. Lächelten Sie wirklich oder wäre es besser, von einer freundlich distanzierten Aufmerksamkeit zu sprechen? Unter der Fotografie lag aufgeschlagen ein Buch mit Gedichten von Ihnen, relativ kurze Gedichte, nicht so lang wie Ihre Fragen eines lesenden Arbeiters oder das von den Teppichwebern von Kujan Bulak, die wir auswendig zu lernen hatten. Wahrscheinlich las ich auch nur, weil die Gedichte so kurz waren. Das eine trug den Titel Die Lösung. Es gibt nicht so viele Augenblicke, in denen sich die Redewendung „Ich traute meinen Augen nicht“ im Wortsinn bewahrheitet. Ich starrte auf die Zeilen und traute meinen Augen nicht. Da war vom Aufstand die Rede (und nicht von „Konterrevolution“), es gab auch keinen Zweifel, dass es um jenen 17. Juni 1953 ging, über den ich kaum etwas wusste, nur, dass es besser war, nicht daran zu rühren, jedenfalls nicht in der Schule. Die Zeilen: daß das Volk / Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe, war ja genau das, was wir täglich zu hören bekamen: Wer das Abitur machen wolle, genieße eine besondere Förderung durch die Arbeiter und Bauern und müsse deshalb auch zu besonderen Gegenleistungen bereit sein - dazu wäre ich ja bereit gewesen, aber das hieß: Offizier zu werden oder mindestens drei Jahre zur Armee zu gehen. Und das wollte ich nicht. Als ich die Schlussverse las, glaubte ich, die Schule müsse einstürzen: Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes? Es gab keinen Zweifel, Sie meinten tatsächlich diese Regierung, die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik. Was gab es denn noch mehr zu sagen als das? Einen besseren Vorschlag als Ihren gab es nicht!

Aber selbst wenn das Gedicht wirklich von Ihnen sein sollte, wie konnte es dann passieren, dass es in der DDR veröffentlicht und damit quasi offiziell anerkannt worden war? Und wie kam dieses Buch in die Vitrine neben dem Lehrerzimmer, aufgeschlagen an dieser Stelle?! Wer hatte das versucht, gewagt, und wer hatte das zugelassen und genehmigt? Am nächsten Tag lag das Buch immer noch da, und am übernächsten auch, bis zu den Winterferien. Ich schrieb mir das Gedicht ab und war glücklich, als hätte ich das Goldene Vlies geraubt. Fortan nannte auch ich Sie einen Kommunisten. Und das hat ein Kommunist geschrieben!

Im Herbst 1989 dann, als die Regierung ihr Volk einfach nicht auflösen wollte, löste das Volk, unter dem ausdrücklichen Hinweis, dass es das Volk sei, die Regierung auf. Wie Sie sehen, es hat ein paar Jahrzehnte gedauert, aber Ihr Vorschlag war gehört und verstanden worden.

Ich erzähle Ihnen diese alte Kamelle nicht ungern, aber auch nicht ganz freiwillig. Heute ist es doch besser, man signalisiert möglichst schnell, dass man schon von früher Jugend an ein kritisches Verhältnis zu jenem Land hatte, das es nicht mehr gibt, und das man deshalb auch immer mit dem Epitheton „ehemalig“ versehen muss, als könnte es sonst zu Verwechslungen kommen. Andererseits besteht kein Grund, sich Illusionen zu machen. Auch Geschichten wie diese bewahren einen nicht davor, als einer bezeichnet zu werden, der am liebsten dorthin zurück wolle. Sie müssen heute nur Kritik am Heute üben und dürfen sich dann sicher sein: Bevor sie bis drei gezählt haben, schlägt ganz in der Nähe ein Pawlowscher Hund an und verbellt Sie: Der will zurück in das ehemalige Land, das es nicht mehr gibt! Verzeihen Sie diese Abschweifung.

Das Volk, das sich über die Maßen schnell vor der eigenen Courage zu gruseln begann, nannte sich aus lauter Unsicherheit dann doch lieber etwas unbestimmt nur noch ein Volk und übergab den Beamten des anderen ein Volk die eben erst errungene Macht. Dazu gab es auch gar keine Alternative, sagten die Beamten. Denn wer es in vierzig Jahren nicht gelernt hat, richtige Autos und Straßen zu bauen, sollte doch bitte nicht glauben, jetzt plötzlich selbstständig regieren zu können. Ein Volk bejahte das.

Das hatte zumindest den Vorteil, dass ich als Ostdeutscher nun dem Geltungsbereich Ihres Werkes beitrat, oder sagen wir, dem Geltungsbereich des Großteils Ihres Werkes. Wir lernten also endlich in fortentwickelter Form jene Welt aus eigener Anschauung kennen, die den Bezugspunkt für die meisten Ihrer Werke abgab. Erst jetzt wurden Sie für unsereinen richtig interessant, ja geradezu aktuell. Hätte man meinen können.

Als ich Ende 1992 als Geschäftsmann nach St. Petersburg ging, um dort ein Anzeigenblatt zu gründen, explodierten die Lebensverhältnisse unter dem Zugriff eines Kapitalismus, der auf einer alles durchdringenden Korruption, Prostitution und vor allem auf dem Recht des Stärkeren beruhte. Die Vergangenheit wurde in die Gegenwart gesaugt. Plötzlich war nicht nur alles gleichzeitig präsent, sondern auch gleichwertig: Die Zarenherrschaft der Zeit Puschkins und der Dostojewskis, das Laboratorium der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Petrograd der Oktoberrevolution, das stalinistische Leningrad und dessen deutsche Blockade, die Zeit von Chrustschow und Breschnew, die Zeit Gorbatschows und das alles verschlingende Jetzt. Ging man über den Newski, drängten sich die Anhänger des Zaren neben denen Lenins oder Stalins, und auch jene der Oligarchen waren dabei, selbstverständlich die Nationalisten und auch einige Demokraten. Und niemand konnte sagen, wer das Rennen machen würde. Nichts war überlebt, nichts modern. Kehrte ein Zar zurück? Oder putschten die Stalinisten erneut? War die Orthodoxie nicht so diskreditiert, dass sie verboten werden müsste? Wurde jetzt alles Privatbesitz?

Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich zu diesem Zeitpunkt zu schreiben begann. Ein Grund war, um mich selbst zurechtzufinden. Aber wahrscheinlich schrieb ich, weil es mir jetzt plötzlich möglich war. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, über diesen in jeder Beziehung disparaten Ort mit einer Stimme zu sprechen. Ich zog heran, was ich fand, nutzte die verschiedenen Stile, die sich mir anboten. Statt danach zu streben, die Sonne sein zu wollen, wurde ich zum Sputnik. Nicht ein Autor sollte dieses Buch schreiben, sondern dreiunddreißig. Heute noch mehr als damals kann ich mir das eigene Schreiben nicht ungebrochen, nicht ohne das bewusste Vorweisen der eigenen Relativität, der mitgelieferten Distanz, denken.

In den Besprechungen des Buches wurde immer wieder kritisch angemerkt, der junge Autor habe noch nicht seinen Stil gefunden. Ich jubelte. Nie soll er ihn finden! Und damit wären wir wieder bei Alfred Döblin. „Von Döblin“, so schreiben Sie zu dessen 65. Geburtstag, „habe ich mehr als von jemand anderm über das Wesen des Epischen erfahren.“ In Döblin – wenn schon vermessen, dann richtig – treffen wir uns. Denn über das hinaus, was Sie ihm zugute halten, ist es vor allem sein Umgang mit dem Stil. In Döblins Romanen wie in seinen theoretischen Schriften fand ich die Bestätigungen und Erklärungen für mein eigenes Schreiben. In dem Aufsatz „Epilog“ von 1948 heißt es: „Zudem hatte jedes Buch seinen Stil, der nicht von außen über die Sache geworfen wurde. Ich hatte keinen ‚eigenen’ Stil, den ich ein für allemal fertig als meinen (‚Der Stil ist der Mensch’) mit mir herumtrug, sondern ich ließ den Stil aus dem Stoff kommen.“ Döblin ließ sich nicht auf den Berlin Alexanderplatz festlegen, sondern entwickelte den Stil jedes Buches immer neu, so dass sich ein Buch am anderen relativiert, ja episiert würde ich sagen. Und ist das nicht auch Ihre Auffassung von Stil? DAS EINZIGE, WAS HERR KEUNER ÜBER DEN STIL SAGTE, ist: "Er sollte zitierbar sein. Ein Zitat ist unpersönlich. Was sind die besten Söhne? Jene, welche den Vater vergessen machen!"

Und da wir schon beim Keuner sind: Was hat der Keuner stilistisch mit den Flüchtlingsgesprächen und diese mit den Geschäften des Herrn Julius Cäsar zu tun? Und entstehen nicht auch Ihre Stücke und Ihre Gedichte jedes Mal von Grund auf neu?

Bei Ihnen wie bei Döblin – es ließen sich noch andere Autoren finden, aber bei jedem liegt der Fall ja doch etwas anders – würde ich für Episierung als den ständigen Wechsel von Nähe und Distanz beschreiben, von hineingezogen werden und wieder herausgestoßen werden, so dass man einerseits gebannt ist, und wissen will, wie es weiter geht, aber der Nachvollzug kritisch geschieht, sozusagen in einem ausgeschlafenen Zustand.

Am sichersten erkennt man eine gelungene Episierung, eine gelungene Verfremdung daran, dass man gebannt ist, aber nicht erpresst wird, betroffen, ohne hilflos zu sein, nachvollziehen und verstehen kann, ohne die eigenen Erfahrungen verleugnen oder als minderwertig klassifizieren zu müssen. Ja eigentlich daran, dass man ermutigt wird, nun selbst zu erzählen, dass die eigene Erinnerung zu sprechen beginnt und Erlebnisse wach werden, die sich jetzt, nach der Lektüre, in einem anderen Licht darstellen.

Ich schreibe Ihnen darüber so ausführlich, weil es mich zu einer Überlegung, zu einer Frage führt: Die Machart eines Romans oder eines Stückes oder eines Gedichts hat ihre Entsprechung in der Haltung des Autors zur Welt. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, ließe sich die These wagen: Sehe ich als Leser schon allein durch die Art und Weise, wie einer sein Buch und seine Bücher schreibt, auf die Welt als eine gemachte oder eine gegebene? Das bedeutet ja mehr als literarische Technik, auch wenn ich weiß, dass Sie selbst – und ich finde das wohltuend – technisch beurteilt werden wollten und selbst technisch urteilten. Um nicht missverständlich zu sein, darf ich an die Keuner-Geschichte Form und Stoff erinnern, in der Keuner berichtet, wie ihn ein Gärtner beauftragte, einen Lorbeerbaum zur Kugel zu schneiden. Das gelingt Keuner lange nicht. Schließlich aber schafft er es. Der Gärtner jedoch kommentiert enttäuscht: „Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?“ Nachdem nun klar ist, dass sich Kugel und Lorbeer nicht voneinander trennen lassen, wage ich die Frage: Gibt es nicht eine Analogie zwischen der Offenlegung und Nicht-Offenlegung der Machart von Texten, kurz gesagt der Verfremdung/Nichtverfremdung, der Episierung/Nichtepisierung von Literatur und den offengelegten und vor allem nicht offengelegten, sondern verborgenen Ideologien, die in unsere Computer und Maschinen, in unsere öffentlichen Strukturen und Formate eingespeist werden? Ich kann nicht, wie geschehen, die Börsianer reglementieren wollen, wenn ich die Algorithmen ihrer Computer unangetastet lasse. Kann man das Anschalten eines Computers verbieten? Das Vorsätzliche liegt doch in der Art und Weise, wie diese Computer programmiert werden und darin, dass man diese Programmierung akzeptiert.

Ein Pendant dazu finden Sie in der Strukturierung der Medien. Wie Information und Aufklärung all abendlich unterlaufen und in ihr Gegenteil verkehrt werden, lässt sich an der meistgesehenen Nachrichtensendung in Deutschland verfolgen. Vor die Tagesschau hat Gott die Börsennachrichten gesetzt. Deren Moderatoren sind die besten. Sie machen aus Nichts eine Geschichte. Sie können aber auch den Ton abstellen und sich ganz auf die vertrauenerweckende pyramidale Erscheinung des Moderators oder der Moderatorin konzentrieren, die Ihnen das Gewusel im Hintergrund allein durch ihre innere Stimmung, die sich differenziert in ihrem Mienenspiel ausdrückt, mitteilt und damit kongenial die Kursentwicklung wiedergibt. Der eigentliche Skandal dabei ist nicht, dass steigende Kurse als gut und fallende Kurse als schlecht dargestellt werden - man könnte ja auch fragen: gut für wen?, schlecht für wen?, ganz zu schweigen von der Frage nach den Konsequenzen -, sondern dass durch diese Plazierung der Börsennachrichten suggeriert wird, das Weltgeschehen und damit auch mein eigenes Leben findet zwischen zwei Urgewalten statt: der Börse und dem Wetter. Beides wird mit derselben Haltung besprochen: Wir müssen unser Handeln danach ausrichten! Was hier der Regenschirm oder die Sonnencreme ist, bedeutet dort der Tarifabschluss oder der Zinssatz. Der Unterschied besteht darin: beim Wetter dämmert uns allmählich, dass wir es beeinflussen können. Dass es Aufgabe der Politik wäre, die Spielregeln für die Börsen zu ändern und deren Berechtigung zu befragen, ist dagegen tabu. Die Politik will für alle nur das Beste, und so tritt sie weiter in der Rolle der Heiligen Johanna der Schlachthöfe auf und singt ihre Lieder.

Lassen Sie mich, sehr verehrter Herr Brecht, als selbstbewusster Leser sprechen: Ich brauche eine Literatur, die nicht nur scharfsichtig in jeder Beziehung ist, sondern die durch ihre ganze Machart einen Gegenentwurf darstellt. Ich halte das, was Sie Verfremdung und Episierung nennen und was ich in verschiedenen Ausprägungen und Entfaltungen nicht nur bei Autoren wie Döblin oder Sorokin, sondern auch bei Kertész und Esterhazy und etlichen anderen finde, für eine notwendige Schulung der Wahrnehmung, eine Schulung der Verantwortung. Wir müssen das Selbstverständliche und Bekannte als das Fremde und Unbekannte zeigen. Die Literatur muss auf Schritt und Tritt staunen und nichts als Gegeben hinnehmen. Das wäre die Voraussetzung, um jene zu attackieren, die die Welt nach ihren Interessen und Bedürfnissen einrichten, um sie dann als gegeben und unveränderlich hinzustellen. Und es geht darum, den eigenen Anspruch auch als einen gesellschaftlichen Anspruch zu formulieren: Wann sag ich wieder ich und meine wir? Andernfalls arbeiten die Maschinen gegen uns.
Dass sich mit dem Ende des Stalinismus auch der Sozialismus erledigt haben soll, ist die Botschaft, die aus dem Mauerfall gemacht wurde. Auch wenn der Ostblock keine Alternative darstellte, so wurde zumindest solange es Ost und West gab über eine Alternative nachgedacht. Das Aufbegehren im Herbst 1989 hätte der Beginn einer Alternative sein können, aber bald wurde klar: Wer über den Status quo hinaus wollte, dem fehlte schnell ein Format in der Öffentlichkeit.

Sie haben einen Blick in die Zukunft tun können, als Sie ins Exil nach Hollywood gingen. Dort erfuhren Sie, was „öffentliche Einsamkeit“ bedeutet. Bedeutsamer als die geheimdienstliche Beschattung war die Tatsache, dass für Ihr Theater überhaupt kein „Format“ existierte, um es zu erproben. Sie wollten entlarven, aber man verstand gar nicht, was sie wollten. Denn wie prangert man an, was als selbstverständlich gilt.

Heute erklären wir Sie für historisch. Würden wir es andernfalls überhaupt wagen, ein nach Ihnen benanntes Festival zu veranstalten? Wer Sie ernst nähme, müsste doch um den Status quo nicht nur in Augsburg fürchten.
Lassen Sie es sich aber bitte zu Ihrem Geburtstag sagen: Nicht

Sie, Bertolt Brecht, sind historisch geworden – unsere Gegenwart scheint es zu sein, und wir mit ihr. Denn wir verhalten uns so ruhig und still, als hätten wir das Gerede vom Ende der Geschichte tatsächlich akzeptiert.

Schon im Jahr 2000 sprach Rolf E. Breuer in der Wochenzeitung "Die Zeit" die Kriegserklärung aus, die bis heute Gültigkeit hat: "Politik muss (...) heute mehr denn je mit Blick auf die Finanzmärkte formuliert werden. (...) Offene Finanzmärkte erinnern die Politiker allerdings etwas häufiger und bisweilen etwas deutlicher an diese Zielsetzungen, als die Wähler dies vermögen. Wenn man so will, haben die Finanzmärkte quasi als `fünfte Gewalt´ neben den Medien eine wichtige Wächterrolle übernommen. Wenn die Politik im 21. Jahrhundert in diesem Sinn im Schlepptau der Finanzmärkte stünde, wäre dies vielleicht so schlecht nicht."

Und Dr. Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, also ein Vertreter unseres Gemeinwesens, sagte auf einem Wirtschaftsforum im Juni 2012: "Für den Fall, dass sich ein Land nicht an die Haushaltsregeln hält, ginge nationale Souveränität automatisch in dem Ausmaß auf die europäische Ebene über, dass dadurch die Einhaltung der Ziele gewährleistet werden kann. (…) Denkbar wäre zum Beispiel das Recht, Steuererhöhungen oder proportionale Ausgabenkürzungen vornehmen – und nicht bloß verlangen – zu können. (…) In einem solchen Rahmen könnten Konsolidierungspfade durch die europäische Ebene sichergestellt werden, auch wenn sich hierfür keine Mehrheiten in dem jeweiligen nationalen Parlamenten finden sollten.“

Sie zucken wahrscheinlich zusammen, lieber Herr Brecht, aber die Mehrheit stößt sich daran nicht. Solche Töne sind mehr als nur salonfähig, das ist de facto offizielles Regierungsprogramm, eben genau das, was die Kanzlerin der Deutschen, die zugleich den Titel der beliebtesten Politikerin des Landes führt, unter "marktkonformer Demokratie" versteht. Warum überhaupt noch Demokratie? Warum überhaupt noch Wahlen? Warum soll ich denn zur Wahl gehen, wenn dann, wenn es hart auf hart kommt, die gewählten Vertreter nichts mehr zu sagen haben und die Kommissare übernehmen. Wem aber sind diese Kommissare überhaupt rechenschaftspflichtig? Ganz gewiss nicht dem Parlament in Straßburg, und auch nicht ihren Regierungen, die sie entsandt haben, denn deren Geschäft sollen sie ja jetzt übernehmen. Wem also dann? Niemandem? Oder vielleicht doch den Finanzmärkten, der fünften Gewalt? Sollte nicht mit Blick auf die Finanzmärkte Politik gemacht werden? Also, ab ins Schlepptau!

Sie lächeln nicht, sehr verehrter Herr Brecht, zu Recht. Denn wenn ich weiter variierte und etwas genauer sagte: „Wäre es da nicht doch besser, Herr Dr. Weidmann löste die Parlamente auf und wählte andere“, wiederhole ich ja tatsächlich nur, was er, ein Vertreter unseres Gemeinwesens, bereits gesagt und gefordert hat. Deshalb sollte es besser heißen: Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Logik einer Bank?

Sehr verehrter Herr Brecht, es ist höchste Zeit, dass ich zum Schluss komme. Lassen Sie sich sagen: Sie fehlen uns. Aber das liegt nicht an Ihnen, sondern an uns. Sie haben Ihr Teil getan, und mehr als das. Es kommt aber darauf an, Sie und uns selbst wieder ernst zu nehmen und Ihre Texte zu nutzen. Welche Texte sollten geeigneter sein für unser Hier und Jetzt? Unter diesem Aspekt ist ein Festival Ihnen zu Ehren nicht die schlechteste Idee.

Im Rückgriff auf mein wahrscheinlich erstes mit Bewusstsein gelesenes Gedicht von Ihnen, wollte ich leicht abgewandelt enden: So nützten sie sich, indem sie ihn ehrten, und / Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn / Also verstanden. Mit ihn sind in meinem Fall Sie gemeint, aber da an diesem Abend vor allem ich den Nutzen habe und das angesichts der Augsburger Euros gar zu simpel verstanden werden könnte, schließe ich meinen Brief mit den Worten: Ich halte Ihre Werke für eine Fundgrube des Genusses und der Belehrung und hoffe, dass meine eigenen Arbeiten Funde daraus enthalten. Ich glaube, ich kann mich in keiner würdigeren Form als der des Exploiteurs bei Ihnen einstellen.

Mit den allerherzlichsten Grüßen in der trübsten Zeit

Ihr Ihnen sehr ergebener . . .


Die Rede wurde behutsam für das Internet gekürzt.

Der ungekürzte Text ist hier zu lesen.

 


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 21. Februar 2013 schrieb Rena Feldmann:

Die Rede von Ingo Schulze ist ein angenehmer, kluger Kontrast zum allgemeinen Wortgeklingel. Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung.


Am 20. Februar 2013 schrieb Lina Horstmeier:

Die Rede von Ingo Schulze ist einfach fabelhaft: Man wird unterhalten und belehrt!


Am 20. Februar 2013 schrieb Roman Harder:

Es ist erstaunlich, dass es wesentlich Intellektuelle aus dem Osten sind (Schulze, Dahn), die mit einer kritischen Position in die Marktwirtschafts-Debatte eingreifen. So, als ob die im Westen (sieht man von Günther Grass ab) längst den Mut verloren haben. Für die Veröffentlichung der Rede bin ich sehr dankbar, sie hat mit Nachdenken und Aufklärung zu tun.

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