Viel Meinung, wenig Fakten

Timothy Garton Ash betrachtet die Welt

Autor: U. Gellermann
Datum: 29. Oktober 2010
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Buchtitel: Jahrhundertwende
Buchautor: Timothy Garton Ash
Verlag: Hanser

Vielleicht ist alles nur ein Missverständnis, vielleicht hat der gewichtige Titel des Buches "Jahrhundertwende" den falschen Fingerzeig auf das neue Werk vom Timothy Garton Ash gegeben. Auch der Untertitel "Weltpolitische Betrachtungen" deutet auf Tiefgang. Aber wenn der Titel "Hin-und her-Wende" geheißen hätte und der Untertitel vielleicht "Welt-am-Sonntag-Betrachtungen", also Hinweise auf die eher feuilletonistische Anschauung der Welt enthalten hätte, dann wäre vielleicht der Kaufanreiz zu gering gewesen. Immerhin formuliert das Vorwort eine brutalstmögliche Offenheit, wenn der Autor darauf hinweist, dass im Mediengeschäft häufig nach der Maxime "Der Kommentar ist frei. Aber die Fakten sind teuer" gehandelt wird.

Es ist ein Reigen einzelner Betrachtungen, die in "Jahrhundertwende" gebündelt sind. Beobachtungen von Ausschnitten, alle schon mal irgendwo veröffentlicht und nach nicht erkennbaren Regeln zusammengefasst sind. So beginnt der Tanz der Kommentare mit dem Sturz des Slobodan Milošević. Wer jetzt die Erkenntnis erwartet, dass mit dem Fall Serbiens für die USA und die NATO eine wichtige politische und militärische Brücke zwischen der Adria und dem Schwarzen Meer geschlossen wurde, dass der Historiker Ash also Interessen erkennen könnte, der irrt. Es wird die übliche Mischung geliefert, die Milošević als üblen Finger beschreibt und sonst alles ausblendet. Ash lässt sich zwar von einem Mitglied der "Otpor"-Organsiation, die ziemlich wichtig beim Fall des Milošević war, erzählen, "Otpor" sei "vom Westen" finanziert, fragt aber nicht weiter. Deshalb erfährt er auch nicht, dass die Millionen von Dollars im Wesentlichen vom US-Außenministerium und der CIA stammten. Auch, dass der Präsidentschaftskandidat der jugoslawischen Opposition gegen Milošević am 17. Dezember 1999 im Berliner Hotel "Interconti" von der amerikanischen Aussenministerin Madeline Albright und Joschka Fischer ausgeknobelt wurde (Spiegel, Nr. 15/1999), ist ihm heute keine Nachbemerkung wert.

Bei der Betrachtung der "Orangenen Revolution" notiert er als einzigen historischen Verweis, dass die Nazis die Ukrainer "brutal behandelten", weiß aber anscheinend weder von der ukrainischen 14. Waffen-Grenadier-Division der SS, noch von deren begeisterter Mithilfe beim Judenmord und dem Flirt der ukrainischen Nationalisten mit der NSDAP. Wenn Ash sich dann einige Seiten später der Frage zuwendet, ob Großbritannien europäisch sei, schreibt er konsequent nichts von den Wikingern und den Normannen, die Großbritannien erst zu dem gemacht haben was es ist. Ein ähnlich mangelhaftes Geschichtsbewusstsein stellt er unter Beweis, wenn er über die moralische Begründung der europäischen Macht schreibt und den "deutschen Widerstand" ausschließlich rund um Stauffenberg verortet, obwohl der antifaschistische Widerstand breiter und früher außerhalb der Reichswehr begann. Nur logisch, dass er im selben Kapitel en passent die DDR mit Hitlerdeutschland gleichsetzt, obwohl man von der wirklich nicht behaupten kann, sie habe einen Weltkrieg begonnen oder die Verantwortung für den deutschen Judenmord.

So ungenau informiert (oder desinteressiert) kann er dann Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" als Floskel zur Unterstützung seiner Meinung addieren ohne zu erwähnen, dass damit das innerdeutsche, intellektuelle Scherbengericht über jene begann, die in der DDR geblieben waren. Auch wenn er über Kanada schreibt, das Land sei eigentlich das perfekte EU-Mitglied, trage aber leider "kaum etwas zur Verbesserung der Welt" bei und dann diese Kritik mit dem niedrigen Verteidigungshaushalt des Landes begründet, muss man dringend an seiner wissenschaftlichen Fähigkeit zweifeln: Als ob die USA mit ihrem Rüstungshaushalt im Irak, in Afghanistan und anderswo die Welt verbessern würden. So lässt er sich für die Definition, was denn ein Terrorist sei, ausgerechnet von einem "britischen Offizier, der lange in Nordirland eingesetzt war" beraten, oder bejubelt immer noch Obama als "unseren Kandidat", obwohl der schon im Wahlkampf den Krieg in Afghanistan begründet hatte und ihn bis heute weiter führt. Irgendwann, spät im Buch, als Ash über die Haltung der Iranis zu den USA reflektiert und nicht einmal den Namen Mossadegh (der einzig demokratisch gewählte Präsident des Iran, der mit Hilfe der USA weggeputscht wurde) erwähnt, gibt der Rezensent auf. So wenig historische Bezüge dürfen einfach nicht als "die erste aktuelle Bilanz des 21. Jahrhunderts" (Verlagswerbung) verkauft werden. Viel Kommentar, wenig Fakten, eine tour d´ horizon, bei der man sicher ist: Hinterm Horizont geht´s weiter - leider nicht mit Timothy Garton Ash.

Buchpräsentation am 1. November 2010, 19.30 h
Museum Berlin-Dahlem, Lansstraße 8
Mit dem Autor im Gespräch:
Prof. Dr. Gesine Schwan. Moderation: Christian Richter, schleichersbuch


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 01. November 2010 schrieb Rainer Wendt:

Mit dem Satz "Der Kommentar ist frei. Aber die Fakten sind teuer" zitiert Timothy Garton Ash nur die Realität des Journalimus. Daraus solten Sie ihm keinen Strick drehen.

Antwort von U. Gellermann:

Er zitiert zugleich seine Arbeitsweise.


Am 30. Oktober 2010 schrieb Regine Harprecht:

Thimothy Garton Ash war immer schon ein gur formulierender, aber eher schlichter Journalist. Zur Aufregung besteht jein Grund.

Antwort von U. Gellermann:

Aber wenn er doch als Jahrhundert-Erlärer angekündut wird . . .

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