Vermächtnis der Machtlosen

Ken Loachs Film „I, Daniel Blake“

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 24. November 2016

Eigentlich hatte der vielfach ausgezeichnete britische Regisseur Ken Loach schon seinen verdienten Abschied aus dem aktiven Filmbetrieb nehmen wollen. Dass er nun, 80-jährig, doch wieder einen neuen Film gedreht hat, darf man getrost den verschärften sozialen Konflikten in seinem Land zuschreiben, die auch viele seiner früheren Werke geprägt haben. „I, Daniel Blake“ heißt seine neue Anklage gegen die Sozialpolitik der konservativen Regierung, und wer von dem kämpferischen Linken Loach nun altersweise Mäßigung oder gar Resignation erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt.

Noch bevor die ersten Bilder auf der Leinwand erscheinen, liefert Loach ein kleines Bravourstück seiner Inszenierung, sozusagen die Essenz des ganzen Films: Nur zu hören ist ein Dialog zwischen der Titelfigur Daniel Blake und einer Dame vom Gesundheitsamt, die seinen Anspruch auf Sozialleistungen prüfen soll – nein, kein Dialog, eher zwei parallele Monologe, denn während Blake über seinen kürzlich überstandenen Herzinfarkt reden will, muss die Dame einen Katalog absurder Fragen im Antragsformular abarbeiten, deren Ziel es ist, Blake für arbeitsfähig zu erklären – entgegen ärztlichem Befund.

Die Fronten sind damit geklärt, und Loach und sein Stammautor Paul Laverty lassen niemanden im Unklaren, auf welcher Seite sie stehen: auf der Seite der Underdogs, solcher wie der Zimmermann Blake oder die junge Mutter Katie mit ihren zwei Kindern von zwei Vätern. Im teuren London verlor sie ihre Wohnung wegen einer Beschwerde, nun muss sie erleben, dass auch im billigeren Newcastle am Ende des Geldes noch zuviel Monat übrig ist und gegen den Hunger auch die kostenlosen Tafeln nur wenig helfen. Als sie mit ihrem Anliegen an zwei bornierten Ordnern abprallt, springt Blake wie ein Kavalier alter Schule ihr zur Seite, erfolglos auch er, aber sein Geschick als Handwerker kommt Katie ganz gelegen – zwei Ertrinkende, die sich an den Strohhalm klammern...

Loach, in Nuneaton in Mittelengland geboren, kennt sich aus unter den einfachen Leuten der Unter- und unteren Mittelschicht seines Landes, er hat mit Drehbuchautor Laverty in Sozialämtern und Tafeln recherchiert und versteht ihre Sprache. Sein Prinzip, bei der Besetzung auf bekannte Gesichter zu verzichten, geht mit Dave Jones als Blake und der jungen Hailey Squires als Katie voll auf, schafft seinem Film die richtige Mischung aus Realismus, Bodenständigkeit und Humor. Dass ihm auf der Gegenseite einige der Amtspersonen hier und da ein wenig klischeehaft geraten sind, ist verzeihlich – die Sozialbürokratie kann ohne Klischees und Routine den Andrang nicht bewältigen, und eine Angestellte, die mehr als nur abfertigen will, wird von der Chefin sofort zurückgepfiffen. So ist die soziale Rutschbahn für Blake und Katie vorgezeichnet, und auf der gibt es kein Happyend.

Laverty hat erzählt, eine verstärkte Hetzkampagne rechter Zeitungen in Großbritannien gegen Sozialhilfeempfänger sei der Anlass für Loach gewesen, das Thema wieder aufzugreifen, dass er schon mehrfach behandelt hatte (1966 zuerst in „Cathy come home“). Vor diesem Hintergrund bekommt eine fast kuriose Szene im Film besonderes Gewicht. Von den ständigen Absagen genervt, vom endlosen Ämtermarathon auch physisch am Ende, sprayt Blake seinen Protest an die Häuserwand gegenüber dem Amt: I, Daniel Blake, sein trotziges Graffito, das Loachs Film den Titel gab und aus der Versicherungs- und Aktennummer wieder einen lebendigen, Respekt fordernden Menschen macht. Und siehe da! Während die Polizei gegen Blake und seine Unterstützer das Hausrecht des Amtes durchsetzt und den Pressefotografen die Bilder für die Kampagnen liefert, spenden Passanten und neugierige Zuschauer, die Blake und seinesgleichen sonst kaum wahrgenommen hätten, dem Helden mit der Spraydose nun Beifall - aus sicherer Entfernung, versteht sich.

Man hat Loachs Filmen gelegentlich eine gewisse Plakativität vorgeworfen, und in der Tat gerät ihm vor allem in seinen „internationalistischen“ Filmen über Nicaragua („Carla's Song“ 1996), den Spanischen Bürgerkrieg („Land and Freedom“ 1995) und die Gewerkschaftsbewegung in den USA („Bread and Roses“ 2000) so manche Parole in die Dialoge, manch hohles Pathos in sein politisches Bekenntnis. Nichts von alledem findet sich in seinem neuen Meisterwerk. Die Anonymität und Sprache der Ämter, das Wechselspiel von Ratschlägen und harten Sanktionen, das nur Ausdruck von Hilflosigkeit ist, die Gleichgültigkeit der noch nicht Betroffenen, aber auch die praktische Solidarität der durch das soziale Netz Gefallenen – all das fügt sich hier nahtlos zum Panorama einer Gesellschaft ohne Zukunft. Und gerade die unaufgeregte, verhaltene Tonlage, die Loach und Laverty bis fast zum Ende durchhalten, macht die Schlussszene zu einem wahren Tsunami emotionaler Erschütterung, bei dem auch Hartgesottene zum Taschentuch greifen.

Der Film ist ab heute in den Kinos!


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 06. Dezember 2016 schrieb Ernst Blutig:

Das ist kein Film, das ist eine Live-Dokumentation.

Woher ich das weiss?
Ich erlebe es regelmässig und ich sehe und höre es regelmässig. Ob nun bei Deutschen oder bei Flüchtlingen. Nach der Freislerisierung der Veröffentlichtheit manifestiert sich nun reibungslos die Eichmannisierung der Öffentlichkeit Deutschlands.

Wie das geht?
Ganz einfach durch Existenzangst. Also das, was nun seit ein paar Tagen durchweg die Veröffentichungsmaschine den Bürgern als "Globalisierungsangst" der Bevölkerungsteile weißmachen will, die man gedenkt als "Abgehängte" zu bezeichnen.

Denn "Globalisierungsangst" lässt sich leichter als diffuse irrationale Gefühlswelt ohne Grund der "Abgehängten" abtun, denn "Globalisierung" (die Latrinenparole für "Neoliberalismus") ist gut und ungefährlich.

Nackte "Existenzangst" des Proleten ist einfach zu real, zu konkret und vor allem zu gefährlich für die Bourgeoisie,also für diejenigen, die den eigentlich Kern von AfD. Pegida und Co. darstellen und gesellschaftlich gleich über den Proletariern angesiedelt sind und die Schutzfront nach unten ganz im Sinn der "1%" bilden. Funktionierte auch damals gut.
Aber konnte ja keiner wissen das mit Freisler und Eichmann und so...


Am 28. November 2016 schrieb Uschi Peter:

Sicher ein interessanter Film. Aber man muss auch die andere Seite sehen. Ist das nicht ein herrliches Leben im Goldenen Westen? Es gibt "Tafeln" und Kleiderkammern, Obdachlosenheime und Frauenhäuser, Hartz IV und Charitas. Wie herrlich ist doch das Leben! Man bekommt preiswerte Autos sofort aus dem Laden, billige Urlaubsreisen und herrliche Kleidung in jeder Preisklasse. Wenn man keine Lust mehr hat zu arbeiten, bekommt man für`s Faulenzen ALG. Die Kinder (die es sich leisten können) besuchen die Gymnasien und studieren mit BaFög. Alle Wege stehen ihnen (und uns) offen. Man kann sogar mit Unterstützung der Bundeswehr viele Länder besuchen und, als charitative Leistung, Brunnen und Schulen mit aufbauen. Nicht vergessen die täglichen Bananen, der Lachs, all die Leckereien, die ständig verfügbar sind!
Was will man mehr?


Am 26. November 2016 schrieb Michal Kohle:

Weiß zwar nicht was der Filmkritiker Dicks meint, auf was er sich bezieht, wenn er sich über die Parolen, den hohlen Pathos in früheren Filmen von Loach bezieht. Weder der Regisseur noch die Filme sind mir erinnerlich, kann mir aber gut vorstellen, wie bei Filmen über Nicaragua, den spanischen Bürgerkrieg oder auch den bejammernswerden Zustand von US-Gewerkschaften einem jüngeren als Achtzigjährigen der Gaul durchzugehen vermag. Dicks gibt sich ja selbst die Antwort, warum nichts mehr davon anzutreffen ist, nichts außer Hilflosigkeit und Ohnmacht, Müdigkeit. Ich kenne das tränenmelkende Filmende nicht, aber es wird wohl was mit "eh Wurscht" zu tun haben.

Gesellschaft ohne Zukunft nennt es Dicks und so fühlt wohl auch Loach, zusammengeklöppelt aus bereits Angekommenen und jenen Gleichgültigen der (noch) nicht betroffenen. Werde das saudumme Gefühl nicht los, dass so mancher hier und draußen in diesem Lande der hehren Wertegemeinschaft jetzt unwirsch abwinkt, womöglich ergänzt um ein spitzes "Kokolores". Aus dem sechsten Stock des KaDeWe ist auch nichts anderes zu erwarten. In einem Land, in dem ein Uli H. nach wenigen Jährchen wieder als Vorturner in seinem einträglichen Gladiatorenverein auftreten kann, gewiss auch nicht. Sanktionen für angebliche HartzIV-Verbrecher bis ins letzte ausgetüftelt, penibelst und sachgerecht betrieben, ähnlich einer Garotte, die gibt es stattdessen. Leistungsträger mit Abermillionenbonus per anno, die Weltkonzerne zu Sack und Asche runter zu dimmen vermögen und Hunderttausende damit womöglich ins Elend stürzen, während sie selbst bis ans Ende ihrer Tage ihre Unschuld mit Dom Perignon begießen dürfen, in St. Moritz oder anderswo, je nach Saison eben.

Wahrscheinlich werden wir - sofern es uns später noch geben wird - vom November 2016 mal als jenem Umbruch reden ins Endgültige, ins Unvermeidliche, Eleven-eight sticht Nine-eleven. Natürlich will es wieder keiner mitbekommen haben, verstanden, geahnt, befürchtet schon gar nicht. Wir waren - von der Zukunft her betrachtet - damals ja so wahnsinnig beschäftigt. Soll kein Vorwurf sein - bestimmt nicht: allein die Themen die hier in der Galerie dem Publikum vorgetragen werden, das kurz vor dem Ende stehende Siechtum der Sozen beispielsweise, Angela for ever, Gniffke und kein Ende und, und, und - alles nur ein Spaziergang durchs Aquarium. Alles schön separat hinter bruchsicheren Scheiben verwahrt, als wenn alles nichts miteinander zu tun hätte. Letzte Woche im Reichstag! Die Oppositionsführerin hält eine Rede, eine beeindruckende zumal, auch und gerade zum Thema des Zustandes der Gesellschaft, auch der ohne Zukunft, siehe oben. Kanzlerin und Vizekanzler tuscheln und tauschen Vergnügliches aus derweil. Wenig später oder vorher - egal - verkündet Ebendiese, dass die westliche Wertegemeinschaft die hehre Aufgabe habe, die Werte auch in die Brache der mit Werten unterversorgten Restwelt zu vermitteln. Weiß die gute Frau überhaupt von was sie so daher plappert? Seit der Imperator da war - leicht verunsichert wg. Donalds Putsch - stimmt da aber auch gar nichts mehr. Der Gute hat wohl beim Dinner im Adlon die Reichsprotektorin besoffen geredet und ihr was von der großen Verantwortung als Kaiserin von Ostrom ins Ohr geflüstert.

Ich weiß, ich langweile. Blöd nur, das genau das das Problem ist. Würden sich die Herrschaften nämlich darauf besinnen, zu was und weshalb sie in ihr ehrenwertes Amt berufen wurden, zu bedenken was es tatsächlich hieße, auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung zu stehen und zu agieren, dann wäre es eine Leichtigkeit, den mit dem Kanzlereid versprochenen Absichten nachzukommen, das Wohl des Landes zu mehren und Schaden von ihm zu wenden. Aber statt dessen: nur mal tausend Mail checken und dann schnell die Welt retten! Ich weiß, der Galerist hat die Diskussion ?Trump? für beendet erklärt. Ich weiß auch, ahne es zumindest, dass es durchaus noch schlimmer werden könnte mit der US-Paranoia, dem uferlosen Größenwahnsinn. Wenn wir dennoch etwas Glück haben, treibt Donald es hoffentlich so dicke, dass unsere Wertegemeinschaftler am Herzkasper nicht mehr vorbei kommen werden. Vermute stark, es reicht vollkommen aus, wie Waldorf und Stadler bei den Muppets in der Loge zu sitzen und dem Schauspiel zu folgen, gelegentlich einen despektierlichen Kommentar abzudrücken. Dumm nur, einem Daniel Blake und den Seinen wird es wohl kaum helfen. Da hülfe der Ratschlag - wie schon einmal - Kuchen zu essen, wenn kein Brot im Zugriff steht schon eher. Nahrhaft war er nicht der Hinweis damals, aber durchschlagend, in der Folge zumindest, so manches Genick hat es zu spüren bekommen.

Der Film ab heute in den Kinos? Würde mich wundern, wenn das Thema allzu Viele von hinter dem Ofen aus ihrem virtuellen Wolkenkuckucksheim vorholen würde. Auch wenn es nichts helfen dürfte, wäre gerne bereit eine Spende für die Bedürftigen auf der Regierungsbank abzudrücken für eine Sondervorstellung. Vielleicht gar im Reichstag, bevor von der Lubbe wieder vorbei kommt?


Am 24. November 2016 schrieb Ulrike Spurgat:

Mit Herz und Verstand haben sie mir den Film so nahe gebracht, dass ich ihn auf jeden Fall ansehen werde.
Vielen Dank.
Die gesellschaftliche Realität in unserem Land ist mindestens genau so schlimm, so tragisch, so entmenschlicht, aber vor allem so würdelos, wie es tagtäglich zu sehen und zu erleben ist. Die gesellschaftlichen Bedingungen ähneln sich im Neoliberalismus, denn das Prinzip, wer nicht arbeitet, aus welchen Gründen auch immer, soll auch nicht essen. Gut, soweit geht man denn nicht, doch soll es nur soviel sein, um nicht zu verhungern, doch auch das gibt es mittlerweile wieder in den neoliberalen Gesellschaften.
Der Film mag ein Teil der gesellschaftlichen Realitäten zeigen, und die Zuseher auffordern, sich darüber im Klaren zu werden, was denn aus den erkämpften Errungenschaften der Arbeiterbewegungen geworden ist, und wie Angst und Unterdrückung den Menschen entmenschlicht, zum Bittsteller macht, erniedrigt, und sie auch noch selber verantwortlich gemacht werden für das, was andere vermasselt haben.
Sie gibt es wieder: Die Tagelöhner, und immer dieses, dass es sogenannte "Einzelfälle" sind. Nein ! Tausende sind im Land von dieser unsäglichen Politik betroffen, die wohl mehr als deutlich wird, in der inhaltlichen Darstellung des Films.Nur, die Not der Menschen, die in den Job Centern, in den Sozialämtern hocken ist real, und genauso, und nicht anders, macht einen Film, wie diesen wichtig und wertvoll. Manchmal muss es sogar plakativ sein, um deutlich zu zeigen, wie sich die Verhältnisse, seitdem der Kapitalismus nach 1989 "gesiegt" hat, verändert haben und die Macht- und Kräfteverhältnisse mit Hilfe der Steigbügelhalter, und denen, die das alles mit machen möglich machte.
"Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss," einer von diesen "unvergessenen" Filmen, der in einer anderen Zeit, mit anderen, gesellschaftlichen Bedingungen, und doch sehr ähnlich, den Finger in die Wunde gelegt hat.
Hans Günther Dicks, vielen Dank, dass sie einen so tiefen Einblick gegeben haben, in die realen Zusammenhänge vieler Gesellschaften, besonders in der EU.


Am 24. November 2016 schrieb Lutz Jahoda:


BLICKWINKELSINGEN INTERNATIONAL
Die einen sehen es so,
die anderen wiederum so

Bafel, bafel, bafel,
wir hassen das Geschwafel!
Es reicht nicht vorn, es reicht nicht hint´,
so klagen Mutter, Vater, Kind,
die von der Neuen Armut sind.
Sie leben von der "Tafel".

Bafel, bafel, bafel,
wir lieben das Geschwafel!
Weil es sich prächtig damit lebt,
zwar nicht den Wohlstand andrer hebt,
doch wortreich stets zum Guten strebt
an der Regierungstafel.


Am 24. November 2016 schrieb Marie Prendergast:

Das ist eine überzeugenden Filmkritik. Ich sehe mir den neuen Ken Loach auf alle Fälle an.

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