Verlotterter Nato-Journalismus

Wenn hinten weit die Völker aufeinander schlagen

Autor: Olaf Cless
Datum: 03. Juli 2017

Olaf Cless ist Redakteur des Düsseldorfer Straßenmagazins fiftyfifty. 2015 erschien seine Glossensammlung „Botox für alle“ mit Zeichnungen von Dieter Süverkrüp.

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen. (
Goethe, Faust – Eine Tragödie)

Die Informationen bzw. Versatzstücke für solch gemütliches Räsonieren, ob nun an Sonn- oder Werktagen, die liefert uns bequem die Tagesschau. Wer sie täglich auf sich wirken lässt in ihrer offiziösen Glätte und ritualisierten Routine, hat beste Aussichten, ein braver Bürger zu werden und zu bleiben. Sein Weltbild wird im Großen und Ganzen trefflich harmonieren mit der jeweiligen amtlichen Regierungslinie und dem, was sich noch immer als „westliche Wertegemeinschaft“ ausgibt.

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten,
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Als sich 2014 der Ukrainekonflikt zuspitzte, einseitige Schuldzuweisungen an Russland üblich wurden und sich ein Rückfall in den Kalten Krieg abzeichnete, wandten sich 60 Prominente mit dem Appell „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ an die Kanzlerin, die Regierung, den Bundestag und die Medien. Zu den Erstunterzeichnern gehörten ein Ex-Bundespräsident, ein Ex-Bundeskanzler, Minister, Staatssekretäre, bekannte Kulturschaffende und Wissenschaftler. Weder die Tagesschau noch das ZDF berichteten darüber. Der Aufruf passte einfach nicht in ihre reflexhaft „prowestliche“ Doktrin. Er störte nur. Nachrichtenunterschlagung als Nachrichtenpolitik.

Der Fall gehörte zu den ersten, die Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer, zwei ehemalige NDR-Mitarbeiter, veranlassten, die Berichterstattung der Tagesschau – und des Gesamtbereichs ARD-aktuell – kontinuierlich zu begleiten, symptomatische Schlagseiten und Schnitzer festzuhalten und sie dem Sender und seinen Gremien in Form von Programmbeschwerden ein ums andere Male auf den Tisch zu pfeffern. Als Schwerpunkte drängten sich wie von selbst die Ukraine- und die Syrien-Berichterstattung mit ihrer besonders flagranten Verlotterung des journalistischen Niveaus auf. Da wurden und werden ukrainische Nazis eskamotiert, immer wieder die trübe Quelle der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ bemüht, politisch genehme Terroristen zu „gemäßigten Rebellen“ veredelt, unbequeme Studien zum Maidan-Massaker oder zum Giftgas in Syrien ignoriert usw. usf.

Hunderte solcher Beschwerden reichten Bräutigam und Klinkhammer ein, wovon nun eine Auswahl von knapp 30 als Kernstück des gemeinsam mit Uli Gellermann (rationalgalerie.de) verfassten Buches „Die Macht um acht – Der Faktor Tagesschau“ erschienen ist. Zusätzlich bringt das Bändchen Erhellendes über die Geschichte der Tagesschau und über die marktbeherrschenden Nachrichtenagenturen. Wir erfahren auch, wie die Antworten der Zuständigen ausfielen, nämlich samt und sonders abschlägig: „Der Rundfunkrat konnte keinen Verstoß gegen die geltenden Grundsätze der Programmgestaltung gemäß NDR-Staatsvertrag feststellen“, lautet ein stereotyper Textbaustein. „Im Übrigen“, heißt es dann noch, „bittet Sie der Rundfunkrat, künftige Programmbeschwerden sachlich zu formulieren und auf Polemik zu verzichten.“
Ja, es stimmt, Klinkheimer und Bräutigam werden gern mal polemisch. Sie verspotten die Moskauer Korrespondentin Golineh Atai als „Barrikadenbraut“ und die ARD-aktuell-Redaktion als „Qualitätskompanie Gniffke“. Auch verbeißen sie sich im Eifer des Gefechts schon mal in Zweitrangigem. Würde wahrscheinlich jedem passieren, der sich mit dieser Meinungsmaschinerie anlegt und auf so viel geballte Selbstgefälligkeit stößt wie die Autoren.
Aber lieber die Wut bewahren als, wie bei Goethe so süffisant geschildert, falschen Spießerfrieden zu machen:

Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim alten.

Zu Hause, ja, da meldet sich dann um acht mit Fanfarenklang die Tagesschau, teilt die Welt nach ihrer Art und ihrem gesunden Nato-Volksempfinden ein in Hell und Dunkel, Gut und Böse, und alles bleibt, bis auf Weiteres, beim alten.

DIE DEBATTE
ZUR MACHT UM ACHT
Einige Freunde der Rationalgalerie haben das Buch „Die Macht um Acht“ gelesen und werden ihre Rezensionen Zug um Zug an dieser Stelle veröffentlichen. Sie alle beteiligen sich seit Jahren an der intellektuellen Diskussion in unserem Land. Ihre Beiträge können und sollten die Leserinnen und Leser anregen ihre Meinung zur Medien-Verfassung unseres Landes zu äußern. 

Viele Köpfe denken mehr.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 05. Juli 2017 schrieb Grit Wegener:

GNIFFKE DENKT NACH

"Das Herz eines Journalisten darf nie übers Hirn bestimmen." sagte jüngst Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, in einem Interview mit dem Medienmagazin journalist. Deutsch kann er auch nicht, der Herr der Tagesschau. Aber ob sein Herz "übers" Hirn bestimmt? Voraussetzung wäre ein Herz und ein Hirn.


Am 04. Juli 2017 schrieb Jana Bergmann:

Es wäre schön, wenn die Debatte um die Macht der des Öffentlich-Rechltilchen nich nur in der RATIONALGALERIE geführt würde. Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte, wenn wir die Meinungsbildung in die eigenen Hände bekommen wollen!


Am 04. Juli 2017 schrieb SIERA:

Dank der „Macht Um Acht“ und seiner Rezensenten sowie der Rationalgalerie und seiner Leser kann mensch immer wieder Hoffnung schöpfen! Hoffnung darauf , dass immer mehr Menschen erkennen , wie extrem sie manipuliert werden und warum -und daraus ihre Schlüsse ziehen und Handlungen ableiten. - Heute hörte ich „nebenbei“ Kulturradio und war verärgert über zwei Buchempfehlungen, die ich hier nur nenne, weil sie beispielhaft für geschickte Meinungsmache und Kriegsvorbereitung sind. Der Titel des einen lautet „Putins russische Welt:Wie der Kreml Europa spaltet“ - ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, auf welche Schiene der Autor, ein Herr Quiring,den Leser bringen möchte -; das andere Machwerk heißt „Führungsmacht Deutschland: Strategie ohne Angst und Anmaßung“-Zitat zum Buch „Wie kann Deutschland mehr Führungsverantwortung übernehmen, ohne sich selbst und anderen Angst einzujagen?“ -Eine gute Frage , die dann auch detailliert beantwortet wird; u.a. ist von einer „servant leadership“ Deutschlands die Rede. Wenn es nicht tatsächlich planmäßig so durchgeführt würde , könnte mensch sich amüsieren. Die beiden Autoren L.Mangasarian und J.Techau -mir bisher unbekannt- haben sich mit ihrem Buch in bestimmten Kreisen sicher gute Freunde und Gönner gemacht.
-Werde dem Kulturradio „Die Macht Um Acht“ vorschlagen ! Schaun wir mal , wie die Redaktion darauf reagiert.


Am 03. Juli 2017 schrieb Karola Schramm:

Sehr schön, dieser Bericht über das Buch "Macht um acht."

Er bringt alles richtig auf den Punkt. Und was das Schlimme ist: Ich fühle mich ertappt. An Sonn-und Feiertagen, nicht nur dann, über Kriege und Kriegsgeschrei, nachzudenken und mich hier zu Wort zu melden. "Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten", das Alles bin auch ich Selbst der Krach mit den Nachbarn:"Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib?s beim alten. " Und jetzt ? Gut, die Tagesschau gucke ich schon lange nicht mehr und versuche auch immer, sie anderen auszureden. Doch die meisten glauben mir nicht....


Am 03. Juli 2017 schrieb Inge Holter:

Nach einer langen Reihe von Professoren und Medienspezialisten nun einer von der Sozialfront: Redakteur bei beim Straßenmagazins „iftyfifty“. Einer Zeitung von und für Obdach- und Arbeitslose. Das nenne ich ausgewogen!

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