Stell Dir vor, es geht und keiner kriegts hin! *

Ein Interview mit Dieter Süverkrüp zum 90. Geburtstag von Wolfgang Neuss

Autor: U. Gellermann
Datum: 11. November 2013

Sie kommen alle, die Kabarettisten Martin Buchholz, Arnulf Rating, Werner Schneyder, Frank Lüdecke, der Liedermacher Dieter Süverkrüp und die Neusschen Weggefährten Gisela Groenewold, Karl Dall, Gaston Salvatore, Jürgen Miermeister, Juppy Becher und Volker Kühn; Moderation: Prof. Dr. Hansjürgen Rosenbauer. Sie kommen in das Berliner Wintergarten Varieté am 3. Dezember. Denn am 3. Dezember jährt sich zum 90. Mal der Geburtstag des wunderbaren Querdenkers Wolfgang Neuss.

Die RATIONALGALERIE sprach im Vorfeld der Veranstaltung mit Dieter Süverkrüp.

Wie kommst Du zu dem Vergnügen bei einer Veranstaltung zum 90. Wolfgang-Neuss-Geburtstag im Berliner Wintergarten aufzutreten, kanntest Du Wolfgang Neuss persönlich?

Es kann ein veritables Vergnügen werden, wenn Neuss persönlich kommt. Er öffnet die Tür vorsichtig skeptisch, sieht uns, prescht herein und hat für jeden von uns einen angemessenen Schrägspruch. Schließlich haben wir allesamt mit ihm zu tun gehabt: gemeinsame Arbeiten, Auftritte, Sendungen und lauter so Zeug. - Wenn er nicht kommt, womit man auch rechnen muss, werden wir selber sehen müssen, wer uns gedanklich aufmischt.

Wenn Du Wolfgang Neuss auch in seiner Wirkung beschreiben musst, was kommt dabei raus?

Na, stell Dir vor, einer der Berühmtesten aus Filmfunkfernsehen schwenkt langsam und unerwartet ab von der wohlgesitteten Staats- und Wirtschaftsfrömmigkeit, treibt dann weiter und weiter und noch immer weiter, macht schließlich mit bei politischen Demonstrationen, bei Aktionen, die sich immer grundsätzlicher artikulieren, stellt den demokratischen Charakter der gängigen Demokratie-Praxis immer deutlicher in Frage . . . sowas kann nicht ohne Wirkung bleiben! Auch hierzulande nicht.

Begonnen hatte er eher harmlos, wenn auch schon ziemlich ungebärdig mit den Filmen "Wirtshaus im Spessart" und "Wir Wunderkinder"; das ließ sich noch als zwar scharfe, aber immerhin als Satire beschmunzeln. Parallel machte Neuss jede Menge Kabarett, war in vielen Hör- und Kucksendungen präsent, gleichzeitig entwickelte sich politische Unzufriedenheit, hie und da im sonst so braven Volke, später wurde das Ostermarsch, Studentenbewegung. - Er mischte sich ein, witzig, hintersinnig oder grell, manchmal giftig, wütend, ohnmächtig, meistens sehr zielsicher, ohne Angst vor offizieller Gelehrsamkeit, und genussvoll plebejisch. Wie eine jäh auftauchende Elektrisiermaschine, die sich auch selbst elektrisieren konnte.

Du lebst ja seit Jahr und Tag im beschaulichen Düsseldorf, fürchtest Du Dich ein wenig vor einem Besuch in der Reichshauptstadt?

Im zarten Alter von neun oder zehn Jahren war ich mal dort. Anhalter Bahnhof, Zwischenstation auf unserer Flucht von Tilsit. Es wimmelte von ängstlichen, nervösen Reisenden. Überall, zwischen den dicht gepferchten Erwachsenen, Uniformen: Militär, SA, Bahnbeamte, Polizisten, Technische Nothilfe, Sanitäter, Flakhelfer, wasweißich. Ein Verwandter mit Parteiabzeichen besuchte uns, weißbärtig, groß, ernster Wissenschaftler, Professor; seine tiefe Stimme sagte, es werde so schlimm nicht werden, noch hätten wir den Führer, der sei schon mit ganz anderen Problemen fertig geworden. Und wir haben es geglaubt. (Er wohl auch.) - Viele Jahre später gab es Berlin im Doppelpack; ich war oft da, hüben und drüben, Auftritte, Konzerte, Fernsehen, Radio, Kneipen . . . aber das weißt Du doch alles, oder? Ich erinnere mich an Phasen, in denen ich mich dort heimlich heimischer fühlte als in Düsseldorf, kurze Phasen wohlgemerkt. Außerdem bin ich in Düsseldorf geboren: seinen Geburtsort zu ändern ist heutzutage sehr umständlich, und wer weiß, wo man dann angesiedelt wird. Davor fürchte ich mich, wenns sein muss, schon eher.

Deine wilden Zeiten - vier Auftritte im Monat, eine Demonstration in der Woche, immer wieder Diskussionen - sind vorbei. Wie vertreibst Du Dir heute den Tag?

Es waren nur zwei, höchstens drei Auftritte, aber in der Woche; Demonstrationen alle 14 Tage. Zwischendurch schreiben, komponieren, auswendig lernen, üben, korrigieren, diskutieren, wieder korrigieren, rumreisen quer durchs deutsche Sprachgebiet, rumgereicht werden, reagieren müssen auf Entwicklungen, Stimmungen, Nachrichten, immer schlimmere Nachrichten, Kopf hoch halten, Mut machen, anderen und sich selbst. Dabei kann man ganz schön wild werden! Das ist mir dann auch gelungen. Geplant war es keineswegs. - Aber schließlich ist man immer auch Zeitgenosse; das war ich als kleiner Junge während des Krieges, in der Adenauer- und Remilitarisierungszeit; ich sah aber ebenfalls, dass da Menschen waren, die gegen die unverblümte Restaurierung anzugehen versuchten, wenn ich das mal so pauschal sagen darf. Und am Ende war ich dann Polit-Sänger, der seinen Spaß an Spott, Wortspielerei, Musik, Gitarrenspiel, Grimassen und Gesang einigermaßen nützlich machen konnte, im Zusammenhang mit all den vielen Aktivitäten, Bestrebungen, Bewegungen, die auf Linkes-Demokratie-Sozialismus drängten. In diese Rolle bin ich gerutscht, aber sehr bereitwillig, fast begeistert, mitunter.

Und nun zum zweiten Teil der Frage (wie ich als Politiker im Fernsehen sagen müsste): Vertreiben muss ich meine Tage nicht! Wenn sie mich nur aufstehen sehen, flüchten sie von selber. Endlich, seit etwas mehr als zehn Jahren, komme ich dazu, das zu machen, was ich gelernt und studiert habe: ich male. Kaum habe ich morgens angefangen, sind die Stunden rum, acht, zehn, auch mal zwölf. Und ich bin noch immer aufgekratzt. Tag für Tag. - Aber in den Jahren davor? Was habe ich da gemacht? Viel Angewandtes, gelegentlich Freies. Wenn ich davon erzählen soll, das wird ein Griff in die Grabbelkiste, alles Durcheinander: Drehbücher, Opernlibretto, Theatertexte, Plakate, Illustrationen, Zeichentrickentwürfe, jede Menge von dem Zeug, lange Bildergeschichten, alles Mögliche für die Sendung mit der Maus, Poetik unterrichten in der Folkwang-Hochschule, aber auch Radierungen in allen Techniken, den Kupferstich lernen! Lassen wir das, es liegt noch genug herum in der Kiste, soll da bleiben. Die nächste Frage bitte.

Es gibt keinen neuen Neuss, auch keinen neuen Süverkrüp. Sind die Zeiten des scharfen linken künstlerischen Engagements vorbei?

Klonen kann man solche Figuren nicht. Hätte auch wohl keinen Zweck. Degenhardt sagte mal, als wir auf Neuss zu sprechen kamen, der hat als erster von uns begriffen, dass wir verloren haben. - Und ein wiedergeborener Wolfgang Neuss, was würde der heute sagen, wenn er sich ein wenig umgesehen hätte? Wer würde ihm zuhören, wer würde ihn verstehen? Wenn er Glück hätte, könnte er nochmal anfangen, aber nur mit sehr, sehr, sehr viel Glück. Wahrscheinlich würde er wohl doch nicht abrücken von seiner betrüblichen Einsicht, vermute ich. - Ist deswegen schon alles verloren? Glaube ich nicht. Vielleicht weil, quer durch die Gesellschaft, hie und da sich der Gedanke meldet, dass man nicht Weltgeschichte nach simplen betriebswirtschaftlichen Glaubenssätzen laufen lassen kann. Dass die großen Kapital-Beweger sich mental kaum unterscheiden von den aristokratischen Raufbolden der Bronzezeit, wie wir sie schon aus der Ilias kennen. Dass dieser Kapitalismus längst zu einer prinzipiellen Frage geworden ist: Sozialismus oder Barbarei. Etwas knackig formuliert von F. Engels; aber in einigen Texten von heute aktiven Satirikern taucht das auf, ganz unübersehbar, nicht so rotzig-ruppig wie bei Neuss, aber genau so grundsätzlich.

Ich kann mich erinnern, dass Dein Kinderlied vom Baggerführer Willibald ein Schul- und Kindergarten-Verbot durch die NRW-Regierung erreichte. Heute gibt es solche Regierungsreaktionen nicht. Liegt das an toleranteren Regierungen oder an zahmeren Künstlern?

Jüngst erzählten mir ein Lehrer, das Lied werde auch heute noch für den Schulunterricht nicht empfohlen. Ausdrücklich. Behördlicherseits. Um 1970 gab es eine Plenarsitzung im Landtag eben wegen dieses Liedchens. Angestrengt hatte das, wenn ich mich nicht irre, der Haus- und Grundbesitzerverein. Neulich nun fragte genau dieser Verein bei mir an, ob er in seiner Jubiläums-Festschrift das Ding abdrucken dürfe. Die hatten den Text schon damals ganz offenbar nicht kapiert. Ob das heute anders ist, wage ich nicht zu beurteilen. Unabhängig davon kann ich getrost sagen, die Zeiten haben sich geändert. Ist doch prima. Oder?

War früher alles besser?

Falls Du mich damit meinst, mache ich von meinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern.


* Wolfgang Neuss (1923-89), dt. Kabarettist u. Schauspieler


Hier geht´s zum Berliner Wintergarten:

http://www.wintergarten-berlin.de/de/programm/specials/wintergarten-spotlights/kuenstler/neuss-90.html

Und hier zum Baggerführer Willibald:

http://www.youtube.com/watch?v=wQWjiD2W6JM


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 12. November 2013 schrieb Doro Dombrowsky:

Das Neuss-Zitat der Überschrift des Artikels ist ja bestes DaDa. Aber dieses ist auch nicht schlecht: "Der Faschismus ist eine Spielart der freien Marktwirtschaft."


Am 12. November 2013 schrieb Mario Eckelkamp:

Ich bin ganz begeistert nach all den Jahren von Dieter Süverkrüp zu hören. Bitte richten Sie ihm meine Grüße aus, nach Berlin werde ich leider nicht kommen können. Aber falls es einen Mitschnitt der Veranstaltung geben sollte möchte ich zu gern informiert werden.


Am 11. November 2013 schrieb Wolfgang Breuer:

Wunderbar, Dieter Süverkrüp zu lesen! Mit gewohnt und geliebt feinen spitzen Formulierungen. Ihn in Berlin zu hören wird ein Vergnügen sein. Ihn bzw. seine Bilder bald einmal zu sehen ist meine große Hoffnung.


Am 11. November 2013 schrieb Hartmut Barth-Engelbart :

Ich würd so gern im Wintergarten, mit denen die noch übrigblieben
Auf Deinem Grab so tanzen, wie Gustav Regler es in Mexico beschrieben
Hat. Wir sind verflucht so alt geworden, verflucht, warum nur ohne Dich ?
Erst Gestern war ich wieder in der Kirche, bei „deutschen Requiem“ von Brahms
Dort hab ich ein Zitat gehört, gelesen, obwohl es biblisch war, ich nahms
Und HaBE es dann leider doch vergessen, ich such es, ich erinnre mich:
Die Toten wären selig, schrieb er,“von nun an“ und ein Götterwesen spricht:
„Sie ruhen von der Arbeit, nur ihre Werke ruhen nicht!“

Das steht so ähnlich in der Offenbarung des Johannes. Dort soll‘s auch gerne stehen bleiben.
Denn wo der Hannes Recht hat hat er Recht. Ich kann das ohne Bauchweh unterschreiben.

Im Westen Nix Neuss,
im Osten noch viel weniger
HaBE Glückwünsche zu Wolfgangs Geburtstag:

Ach Wolfgang, der Du hoch im Himmel
Vielleicht doch lieber unten in der Wärme,
In der Hölle schmorst,
Grüß mir bei der Gelegenheit den Horst-
I Schmandoff-Sänger
Der doch erst kürzlich bei Dir eingetroffen ist
Ja sags auch ihm, dass ich nicht dem Gebimmel
Der Pfaffenbrut erlegen bin
Der Brahms, der Gute, hat die Bibel etwas um-
Und dazu wunderbar Musik geschrieben
Und darum ging ich hin

Die Fortsetzung des Krieges
ist die Abfüllung von Flüchtlingen
mit NATO-Restmüll
und anderen Mitteln.

Weitere Texte werden folgen:
Gelernt ist gelernt:
Frei nach Breszinski
Naturkatastrophen, Kriege & Krisen
als Chance nutzen
Und wo es keine gibt,
da machen wir welche

bis wir die bedrohten Völker
erst krankenhaus- und schulfrei
und dann die Schätze
auf denen sie liegen
auch noch kriegen

und dann kriegen sie noch
ne Epidemie
und woher sie die haben
das weiß man nie
Es wird Advent so oder so
Nun singet und seid frohoho
Das NATO-Portofolio
Reichte noch für Polio


Am 11. November 2013 schrieb Johannes M. Becker:

...danke - vor allem - für das Interview!


Am 11. November 2013 schrieb Uwe Baer:

Mensch, Dieter Süverkrüp kommt nach Berlin. Da sichere ich mir sofort einen Platz im Wintergarten.


Am 11. November 2013 schrieb Vera Weber:

Welch eine Entdeckung: Es gibt Dieter Süverkrüp noch und er ist immer noch so klar und brillant wie vor Jahren. Dafür gebührt der RATIONALGALERIE Dank.

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