So fern liegt Chile

Die offene Rechnung mit den Mördern

Autor: U. Gellermann
Datum: 31. Dezember 2012
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Buchtitel: Die Erfindung der Kindheit
Buchautor: Alejandro Zambra
Verlag: Suhrkamp

So fern liegt Chile. Und so nahe rückte es der internationalen Linken, als es dort, Anfang der 70er Jahre, mit dem Stimmzettel gelang eine Form des Sozialismus einzuführen. Ein Sozialismus ohne diktatorische Gewalt, ein Modell für viele in Europa. Mit der freundlichen Hilfe der USA und warmem Beifall aus der Bundesrepublik gelang dem Militär ein Putsch gegen die gewählte Regierung Allende. Eine lange, düstere Zeit der Folter, der Morde und der Gefängnisse begann. Doch auch nach dem Ende der Diktatur, 1989, blieb das Land umschattet vom Schweigen und Verschweigen: Kaum einer der verantwortlichen Verbrecher aus den Reihen von Armee und Polizei wurde verurteilt, der oberste Mörder, General Pinochet, starb 2006 ungestraft in seinem Bett. In dieser verdrucksten, beschwiegenen Zeit spielt der Roman "Die Erfindung der Kindheit" von Alejandro Zambra.

Es ist ein noch junger Schriftsteller, der sich in Zambras Roman auf die Suche nach jenem Zipfel der Wahrheit begibt, die mit der Identität zu tun hat: Waren seine Eltern an der Diktatur beteiligt? Durch aktives Handeln oder durch Stillschweigen? Und warum hat ihn damals, als er noch Kind war, eine junge Frau dazu gebracht einen Nachbarn zu bespitzeln? Der Nachbar war in den Zeiten der Illegalität, als ein falsches Wort den Tod bedeuten konnte, einer von denen, die anderen halfen sich zu verstecken, außer Landes zu gegen, dem Tod zu entfliehen. Und der Nachbar war auch der Vater der jungen Frau, die der spätere Schriftsteller anhimmelte und die er sich durch die Beobachtung des geheimnisvollen Mannes geneigt machen wollte.

Es ist ein merkwürdiges Chile, das uns Zambra erzählt. Ein Land scheinbar ohne jüngere Vergangenheit, eines, in dem die Mörder unbehelligt umhergehen und den Opfern keine Stätte der Erinnerung gegeben wird. Der Schriftsteller sucht nach einer verlorenen Liebe, nach seiner eigenen Geschichte und nach der Geschichte, die er aufschreiben will. Auf dem Weg zurück in die finstere Zeit, belehrt ihn seine Mutter darüber, dass die Linken eben Terroristen waren und zu Recht verfolgt wurden. Und außerdem, "das mit den Klassen hat sich inzwischen gewaltig verändert, das sagen alle". Der elegische Text von Zambra, häufig mit der Konstruktion eines Romans im Roman beschäftigt, berichtet vom Schweigen. Vom Enthüllen weiß er wenig zu sagen.

Ein früher Morgen im September 1973. Ein Bus mit westdeutschen Linken ist unterwegs zu einem DDR-Kombinat. Politischer Tourismus. Im Autoradio die Nachricht: Präsident Salvador Allende ist tot, der linke chilenische Traum ist ausgeträumt. Vor dem Betrieb ziehen demonstrativ bewaffnete Arbeiter auf: So was wie in Chile, sagen sie, so was passiert uns nicht. War es wirklich nur ein Traum? Ist "das mit den Klassen" gänzlich zu Ende? Fragen, die Zambras Roman immerhin stellt. Die Antwort müssen die geben, die mit den Mördern und ihren Komplizen in den USA und der Bundesrepublik noch eine Rechnung offen haben.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 01. Januar 2013 schrieb Jürgen Hofmann:

Deine soeben eingetroffenen neuen Invektiven zeigen, daß Du so weiter machen willst wie bisher. Na, dann nur weiter so. Du wirst schon sehen !

Du weißt, daß Du in mir einen guten, sprich Deine unermüdliche Arbeit sehr anerkennenden und kritisch reservierten Leser hast (appelation reservée). Dem sei gestattet, daß er sich und damit Dir fürs neue Jahr ein paar kleine Akzentverschiebungen wünscht.

1. Überprüfung, ob der (zu) oft vorherrschende ironische Grundton wirklich Dein Hauptgestus bleiben soll. Du hast Realismus, Sarkasmus, mitunter auch Naivität und ganz gelegentlich sogar Poesie - warum gibst Du so häufig der Verlockung zum uneigentlichen Sprechen nach, das schnell ins Besserwisserische changiert !

2. Schwarz-weiß. Meines Erachtens, ja nach meiner Erfahrung, Beobachtung und Selbstbeobachtung : es gibt sie nur selten und als Dreher des ganz großen Rads - die Guten und die Bösen oder Schlechten. Die meisten von uns, Parteien und Menschen eingeschlossen, das meinten von Aristoteles bis Lessing auch meine Profi-Kollegen, sind gemischte Charaktere in gemischten Verhältnissen - streng genommen sogar Du. Selbst ein bißchen schwarz-weiß formuliert : mehr Dialektik, weniger Dogma.

3. Die DDR-Sentimentalität muß aufhören, auch da, wo sie - siehe Chile-blog, nur noch in Nebensätzen versteckt daher kommt. Sozialismus von oben war und ist zum Scheitern verurteilt, da beißt die berühmte Maus keinen Faden ab. Die DDR war von Anfang an ein Untergangsprojekt.

4.Und daß Du vielleicht noch ein bißchen Weltläufigkeit mehr gewinnen könntest, wenn Du das Pendeln zwischen Berlin, Türkei und Mallorca mal einer kosmopolitischen Innovation unterziehst - das wünsche ich Dir, sofern es in Deiner Macht steht (und nicht in der von einreiseverhindernden Behörden) nach unserer dialektischen Reise durch das imperialistische Hauptfeindesland USA obendrein !

Antwort von U. Gellermann:

Mit den Wünschen und der Akzentverschiebung es so eine Sache: Mein rheinischer Akzent zum Beispiel, eine angeborene Maulstellung, ist so spät nicht mehr zu ändern.

Zum 1. Punkt: Dem Wunsch nach einer größeren sprachlichen Variationsbreite kann ich nur zustimmen. Zwar hoffe ich mit Rezensionen und Filmkritiken eine gewisse sprachliche Vielfalt zu bieten, weiß aber, dass die politischen Artikel mehr unterschiedliche Farben vertragen könnten. Angesichts des politischen Personals im Land ist es allerdings sehr schwer dem Besserwissen zu entgehen.

Zum 2. Punkt: Grau ist die vorherrschende Farbe im Land: Wer die allfälligen Medien konsumiert, wundert sich immer über die grauen-hafte Gleichförmigkeit. Da sind Schwarz und Weiß schon eine hübsche Abwechslung. Und doch ist die Forderung nach Dialektik immer richtig. Aber es bleibt schwierig mit so viel gleicher Quantität zu neuen Qualitäten vorzudringen. Doch ich werde mich bemühen. Hoffentlich reicht es.

Zum 3. Punkt: Die DDR war unausweichlich: Selbst wenn man vom Willen der Sowjetunion hätte absehen können, wie hätten jene, die aus den Konzentrationslagern und der Emigration zurück kamen sich bedingungslos (denn das wäre die Voraussetzung gewesen) dem Globke-Staat anschließen können? Und die DDR musste, auch aus ihrem Mangel an Demokratie, unausweichlich zugrunde gehen. Das kann mich nicht hindern, mich an die vielen Fälle - von Vietnam über Chile bis Nicaragua - zu erinnern, in denen die DDR auf der richtigen, mein Land auf der falschen Seite stand.

Zum 4. Punkt: Die Weltläufigkeit folgt leider nicht automatisch aus dem Reisen. Sonst wären die Deutschen in ihrer Mehrheit Muster an Weltläufigkeit. Es ist auch nicht einfach - wie ich zum Beispiel aus meinen Artikeln über Zypern, Libyen, Syrien, die Ukraine oder Israel weiß - über Länder zu schreiben, in denen man nicht selbst war. Aus den Mainstream-Medien ist zu erfahren, dass die trotz ihrer aufwendigen Korrespondenten-Netze deutlich weniger Hintergrundwissen erzählen können oder wollen als ich. Mit scheint da schlage ich mich nicht schlecht. - Einer meiner großen Mängel ist meine geringe Kenntnis über die inneren Vorgänge der USA, die nach wie vor die Grundzüge der Weltenläufe bestimmen. Aber mit den USA geht es mir wie mit der Atom-Bombe: Ich lehne ihre Auswirkungen auf mich und die Welt radikal ab, obwohl ich noch nie eine Atom-Explosion besucht habe.


Am 01. Januar 2013 schrieb Frank Schindler:

Ihr Chile-Artikel enthält einen stupiden Verweis auf die DDR-Betriebskampfgruppen: Die waren ein Instrument zur Unterdrückung der DDR-Bürger und keine Solidaritäts-Einheit für Chile!


Am 01. Januar 2013 schrieb Bert Franzke:

Da kommt die Agenturmeldung zur Festnahme der Mörder Victor Jaras ja gerade recht.

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