Seicht, seichter, Huffington Post

Die Online-Variante der Illustrierten GALA

Autor: Sven Weidner
Datum: 14. Oktober 2013

Die Schauspielerlegende Helene Weigel – liiert mit Brecht, Intendantin des Berliner Ensembles und fester Bestandteil seines Theaters - ist in einer kontroversen Diskussion aufgestanden und rief aus: „Ich möchte was zu essen!“. Die ihr dargebotenen Argumente waren ihr zu lau, zu durchsichtig, zu allgemein. Kurzum: kaum plausibel. Schaut man sich das seit Donnerstag dieser Woche auf deutsch erscheinende Online-Magazin Huffington Post an, bekommt man eine Menge zu essen: es ist aber überwiegend, nein ausschließlich journalistischer Fast-Food, aufgewärmt, fantasielos, irreführend, dumm-manipulativ und suggestiv. Und vor allem geklaut und alles andere als fundiert recherchiert.

Seit Wochen tragen die Macher und Organisatoren jene Namen grell und penetrant durch die Medienlandschaft, die schon für die amerikanische Ausgabe des Online-Portals die Feder ergriffen haben: Barack Obama, Kirk Douglas, Hillary Clinton oder George Clooney haben schon Beiträge geliefert, Man befindet sich also in bester Gesellschaft. Ein buntes, ja attraktives Name-Dropping, das aber noch schöner wird, wenn man die Liste der deutschen Lobbyprominenz und E-Prominenz beäugt, die sich mit kostenlosen Beiträgen für das Qualitätsportal verdient machen: Ursula von der Leyen (ihr Beitrag "Anders arbeiten“ ist pure Unions-Propaganda), René Obermann, Boris Becker, Uschi Glas, Dorothee Bär bilden neben einigen anderen den gemischten Promi-Salat für eine Online-Variante der Illustrierten GALA.

Im Falle von Becker oder Glas muss man Nachsicht haben: bevor sie völlig versinken im Nichts, oder ausschließlich dumme Serien oder Werbeaufträge annehmen, denken sie halt, dass sie die Menschheit mit ihrem Erfahrungsschatz behelligen müssen. Warum aber von der Leyen und Obermann beispielsweise, die ohne wenn und aber handfeste Interessen vertreten, ein Magazin als Podium nutzen können, wo sie redaktionell nicht kritisch hinterfragt, ihren Käse verbreiten können, muss schon diskutiert werden.

Denn auf den ersten Blick, und dank der überbordenden Aufmachung ist für den Leser nicht sofort unterscheidbar, welche Texte nun von der Redaktion und welche von irgendwelchen Profilneurotikern verfasst worden sind. Die linke Spalte ist laut den Machern als "Engagement Platform“ konzipiert. Ein anglisierter, wendiger und verschleiernder Euphemismus für die Tatsache, das Hinz und Kunz zu allem und jedem irgendwas verzapfen, und spiralförmig, wie end- und sinnlos ohne Mehrwert rekommentieren kann.

Aber auch die mittlere und rechte Spalte, die jeweils von der Redaktion zusammengetragenen, oder eigens verfassten Beiträge –so recht weiss man nicht was was ist- enthält, sind auf Unterhaltung und billigen Thrill und Klatsch angelegte Versatzstücke. Als Medien- und Filmwissenschaftler hat der Verfasser vergebens eine Rubrik gesucht, die vielleicht mit "Film“, "Medien“ oder "Kino“ übertitelt ist. Nein, unter der Rubrik "Entertainment“ findet man dann einen üblen wie oberflächlichen Beitrag mit dem Titel "Die heißesten Serien für den Sofa-Herbst“. Das sind spätachziger Formulierungen, die man auf irgendwelchen schon verwelkten Boulevarblättern in einer biederen niederschwäbischen Arztpraxis finden kann. Von "Kulturjournalismus“ haben die angeblich "sehr gut bezahlten“ 15 Redakteure, die an der deutsche Ausgabe des Magazins arbeiten, keinen blassen Schimmer. Interessant auch, dass man nichts über die Textverfasser erfährt, also nicht wissen kann, ob sie vormals in irgendeiner Form journalistisch befasst waren, oder nackig auf einem Berg in Mexiko meditiert haben, bis die Erleuchtung von Miss Huffington über sie hereinbrach.

Das Magazin ist auf pures Entertainment - mit einem Anstrich von Infotainment - gebürstet, was schon in der grafischen Anordnung evident wird. Aufgedunsene Überschriften komplementär in rot oder grün abgesetzte Head- and Sublines, mit großspurigen Versalien sind die unästhetischen eye-catcher, reißerischer Artikel. Artikel, die nicht lange währen und schnell wieder verschwinden, denn über ihre Überlebensdauer entscheidet allein das Interesse des Lesers. Ziel ist es möglichst abertausende Beiträge auf der Plattform zu versammeln: Mit der scheinheiligen Begründung umfassend wirken zu wollen.

Ariana Huffington, Gründerin des Magazins, die auftritt wie eine versprengte Sektenführerin oder die milde Form einer Tea-Party Anhängerin, sieht samt ihrer Entourage in dem neuen Portal ein innovatives Neben- und Miteinander von Medienpartizipation, Unterhaltung und Information. Ihre Blogger, die bei weitem und mit großem Abstand den Löwenanteil der Beiträge verfassen, schreiben umsonst. Die Dame ist der Auffassung, dass alleine die Möglichkeit einer weitgehenden Bekanntmachung des Textes schon Lohn genug sind. Freilich kann die selbsterklärte Massenmedienqueen das locker flockig formulieren, hat sie doch Anteile des Unternehmens für satte 315 Millionen Dollar an AOL verkauft. Sowie es den Bloggern nicht um Geld gehen sollte, so geht es auch Frau Huffington mitnichten darum, und schon gar nicht der Burda Verlagsgruppe, die kräftig mitmischt, und unter deren Ägide hier in Deutschland die Huffington Post firmiert.

Das Magazin ist ein Podium für Aufmerksamkeitsneurotiker, für jene die sich an schlecht-geschriebenen Halbwahrheiten nicht stören; es ist nicht einmal neuer Wein aus alten Schläuchen; das Portal bedient die pathologischen Geltungssucht neurotischer Individuen, die ihr defizitäres Ego durch irgendeinen unheilvollen Quatsch, sowohl auf Sender wie Empfänger Seite zu kompensieren versuchen; immerhin kann man an diesem Portal sehr gut ablesen, wie um die Medien, und die Medienschaffenden bestellt ist. Sie sind mutlos, sie verwechseln Klasse mit Masse, sie sehen im wilden, unstrukturierten Durcheinander des medialen Meinungspluralimus einen Fortschritt. Und so bleibt das scheinbar neue Internet-Magazin doch nur seicht, seichter, Huffington Post.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. Oktober 2013 schrieb Der Buhmann:


Am 16. Oktober 2013 schrieb Dr. Seltsam:

Gute Einschätzung! Gala light. Die werden fluchen. Mit Gala ist doch kein Geld zu machen.


Am 14. Oktober 2013 schrieb Markus Bunse:

Seicht, seichter, Huffington Post" ist eher untertrieben: "Seicht, aber gefährlich: Huffington Post" wäre zutreffender:

http://www.huffingtonpost.de/rene-zeyer/vorwort-armut-ist-diebsta_b_4055906.html?utm_hp_ref=germany


Am 14. Oktober 2013 schrieb Heidi Schmid:

Sven Weidners Artikel gefällt mir sehr, vielen Dank dafür. An mir ist die Huffington Post bislang vorbei gegangen, das wird jetzt auch so bleiben. Scheint ja vergleichbar mit zB der Nachrichtenqualität der privaten TV-Programme zu sein und der allgemeinen Berichterstattung sowieso.
Ich will von den Leuten die da schreiben absolut nichts lesen....


Am 14. Oktober 2013 schrieb Dirk Müller:

Das Schwimmbecken jeder wohl finanzierten Meinung, hat immer seinen elitären Pinkelbereich für die kriecherische Konformität die zugehörig hoch finanziert wird und alles was von solchen Quellen kommt brennt deswegen irgendwie in den Augen, auch wenn mans auf den Chlor schieben kann, der ja angeblich alles demokratisch und politisch korrekt keimfrei machen soll, so saugt es einen schnell durch den Ausguß hinaus aufs Meer der kunterbunten Desinformation, dem Zeitdieb der von der wahren Problemlösung weg treibt, das Tränengas in die wachen uneinigen Augen und Ohren, aus nicht zurechnungsfähigen Mündern berieselt, verwirrt von virtuellen Freunden der zugekoksten Dekadenz, wo Geräusche zufällig wie Worte klingen und zufällig zum Thema passen, mit schönen edlen Motiven im Hintergrund, aber alternativem Ende und nur für den Frieden! Es sind die Etiketten die Meinungen machen, nicht der Antrieb der Verbesserung, die umoperierten B Prommi Abziehbilder zum tauschen, abgucken und sammeln im Sticker Album, wo man nur noch zum Tippelbruder wird, wenn das System einen entgültig ausspeiht. Kein Status=Keine Meinung mehr! Die mehrheitlichen Leser suchen keine Wahrheit die man verfolgt, sondern Hintergrundbilder für einen leeren Horizont, hinter denen sich schöne Geschichte verstecken und Opfer haben keinen schönen Geschichten, deswegen sind Konsequenzen unerwünscht, Einigkeit darf sich nicht entwickeln, darum hat jeder Charakter seine falschen Helden und jede moderne Rede schmeckt dort gleich, ohne Geschmack, Schärfe und Zielstrebigkeit

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