Sarahs Schlüssel

Ein Code zur Verantwortung

Autor: U. Gellermann
Datum: 09. Dezember 2011

Was es heißt mit gerade mal zehn Jahren die Eltern zu verlieren, den kleinen Bruder versehentlich dem Tod auszuliefern, selbst mal gerade dem Mord zu entgehen, wer kann das ermessen? Wir, in einem weitgehend satten Zentraleuropa kaum. Es ist der Film "Sarahs Schlüssel" von Gilles Paquet-Brenner, der eine Ahnung von jenem schauerlichen Gefühl vermittelt, das Sarah im Juli 1942 empfunden haben muss, als sie und ihre Eltern von der französischen Polizei aus ihrer Wohnung in Paris zuerst in ein Sammellager verschleppt wurden, um sie dann in eines der Vernichtungslager der Deutschen zu transportieren. Sarah gelingt es in letzter Minute ihren Bruder in einem Wandschrank zu verstecken, sie selbst schafft es aus einem Lager zu entkommen, bevor sie nach Deutschland in die Gaskammer deportiert wird. Der kleine Bruder aber wird den Wandschrank nie mehr verlassen. Sarahs Schlüssel zum Schrank, ihre Reliquie aus der alten heilen Welt einer jüdischen Familie, öffnet in der neuen Welt der Vernichtung kein Versteck mehr.

Es ist die Schauspielerin Kristin Scott Thomas, die als Journalistin über den Jahrestag der Razzia schreiben will und dabei en passant entdeckt, dass in der Wohnung, die sie mit ihrer Familie beziehen will, Sarahs Familie gelebt hat. So großartig wie die Scott, die eine spröde und doch mitfühlende Frau auf der Suche nach Sarah darstellt, so großartig ist auch das Drehbuch, von Serge Joncour und dem Regisseur, das den Film äußerst spannend, keinen Moment kitschig und immer mit kluger Nähe zum Heute anlegt. Die Journalistin ist zu jung und außerdem Amerikanerin, um irgendeine Schuld am Schicksal der Ermordeten zu haben. Und doch hat sie ein Gefühl von Verpflichtung gegenüber denen, die wir nicht mehr kennen lernen konnten, deren Schicksal aber wie ein Alp auf uns lastet.

Vor vielen Häusern in deutschen Städten gibt es die "Stolpersteine". Steine, mit Namen und Jahreszahlen der Deportation versehen, die darauf hinweisen, in wie vielen Häusern an unseren Straßen jüdische Nachbarn gelebt haben. Dass es die unmittelbaren Nachmieter offenkundig nicht gegruselt hat dort einzuziehen, dass es Jahrzehnte dauerte und ein langes Aktenstudium brauchte, um die Verschwundenen zu ermitteln, das redet von einem schweren deutschen Gemüt, das es sich in Raub und Mord gemütlich machen konnte. Antisemitismus ist in Deutschland seltener geworden. Landläufig ist der Sarrazynismus: Keine Anklage wegen Volksverhetzung hat den beamteten Ausländer-Hasser erreicht, nicht einmal seine taktierende Partei mochte den Mann ausschließen. Aus diesem gesellschaftlichen Umfeld stammen die braunen Morde: Die jüngsten sensationellen, und die über hundert wenig beachteten seit 1990. Das jetzt geäußerte Erstaunen der Politik-Größen über den Nazi-Terror ist verlogen, die Empörung geheuchelt. Auch darüber handelt der Film, ohne ein Wort darüber zu verlieren, auf einer zweiten Ebene: Der Verknüpfung von Geschichte und der Jetztzeit im Kopf des Betrachters.

Mit "Sarahs Schlüssel" wird uns ein Code zur Verantwortung gegenüber der Schuld, die unsere Eltern und Großeltern, und sei es auch nur durchs Wegschauen, auf sich geladen und uns vererbt haben, in die Hand gegeben Der Film ist ein glänzender Beitrag zum Dialog über die vielen toten Russen, Polen, Deutschen und Juden, über den Rassismus, der Opfer und Täter macht. Wenn wir begreifen, dass es sich nicht um einen historischen Film handelt.

Der Film kommt am 15. 12. 2011 in die Kinos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 11. Dezember 2011 schrieb Rita Termeer:

Eine berührende Rezension! Ganz sicher werde ich mit den Film ansehen!

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