Richard von Weizsäcker

Wenig Wasser, vollmundige Formulierung

Autor: U. Gellermann
Datum: 02. Februar 2015

Ja, Richard von Weizsäcker hat mit seiner Rede von 1985 als er die - über Jahrzehnte von ihm und seiner Schicht bedauerte "Niederlage Deutschlands", auch gern als "Kriegsende" verklappt - endlich als Befreiung bezeichnen mochte, einen Schritt gemacht. Ein Schritt für die Menschheit, als der seine Rede zurzeit auf allen deutschen Kanälen und in den gedruckten Schlagzeilen verkauft wird, war es natürlich auch damals nicht. Außerhalb der Bonner Republik wusste nahezu jeder, dass dieses zähe, nazistisch verrohte Deutschland von außen befreit werden musste: Selbst konnte es das nicht. Im anderen Deutschland, der DDR, gehörte der Begriff der Befreiung seit Gründung zur Staatsräson. Auch im Westen war die "Befreiung" solchen, die einen Verstand hatten und Anstand, lange und längst vor von Weizsäcker eine gewohnte Vokabel. Trotzdem musste man ihm ob seiner späten Erkenntnis danken. Hatte er doch das alte, mit dem Drecks-Reich verkrustete Eliten-Denken einer langsamen Auflösung anheim gegeben.

Nichts Schlechtes, sagt man, soll über die Toten geredet werden. Und wirklich war von Weizsäcker einer der besseren deutschen Bundespräsidenten. Gemessen am Ex-SA-Mann Karl Carsten, am senilen Sprachverdreher Heinrich Lübke oder dem singenden Scheel "hoch auf dem gelben Wagen" der aber auch mal in der NSDAP war. Vom Reisenden in billigem Pathos Joachim Gauck ganz zu schweigen. Unerreicht im westdeutschen Vergleich blieb und bleibt allerdings jener Bürgerpräsident Gustav Heinemann, der auf die Frage nach seinem Verhältnis zum Staat zu sagen wusste: "Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!" Doch immerhin, Richard von Weizsäcker, hatte so etwas wie Altersmilde und Altersweisheit kennen gelernt und mitgeteilt.

Einmal, in späten 90er Jahren, konnte ich den Richard von Weizsäcker als Ex-Bundespräsidenten bei Christa Wolf persönlich kennen lernen. Die Schriftstellerin hatte ihn in ihren monatlich tagenden Gesprächskreis eingeladen und der wichtige Mann kam. Das nötigt mir bis heute Respekt ab: Er hätte nicht dorthin kommen müssen, zu der Frau, die immerhin zeitweilig Mitglied der SED war. Zu der, die lange und beharrlich auf einer besseren, anderen DDR bestanden hatte und auch nach deren Ende deren verfehlte Möglichkeiten auslotete. Doch als von Weizzäcker im Wolfschen Gesprächskreis befragt wurde, wie man denn mit der Globalisierung und deren schlimmen Folgen für die gewöhnlichen Leute umgehen sollte, wusste er nur zu sagen, dass man sie "Püffchen um Püffchen zurückdrängen müsse." Selbst diese Antwort war verdienstvoll: Gab sie doch Auskunft darüber, mit wie wenig Wasser die deutschen Eliten kochten, wie sie zwar vollmundig formulieren mochten, doch zugleich wenig zu sagen hatten.

Reichsfromm trat Richard von Weizsäcker 1938 in jenes 9. (Preußische) Infanterie-Regiment ein, dass in den Jahren 1933 bis 1935 für die militärische Ausbildung von Hitlers SS-Leibstandarte zuständig war. Ebenso widerspruchslos, wie viele deutsche Männer seiner Generation, marschierte er erst in Polen ein, dann, wenig später, auch in Russland. Wahrscheinlich für die Teilnahme an der Hungerblockade Leningrads erhielt er das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Immerhin - das hob ihn und hebt ihn heraus - beging er gegen Ende des Krieges eine milde Form von Fahnenflucht. Dass er nach dem Krieg seine Karriere als Jurist erst bei der Mannesmann Röhrenschmiede, dann beim Chemie-Unternehmen Boehringer grundierte, war für seine Schicht üblich. Weniger üblich war, dass ausgerechnet Boehringer die chemischen Grundlagen für das in Vietnam verwandte tödliche Gift "Agent Orange" geliefert hatte. Als üblich wiederum darf gelten, dass von Weiszäcker davon nichts gewusst haben wollte.

Schon 1954 wurde von Weiszäcker Mitglied der CDU. Das war die CDU der Vertriebenen-Verbände, der Nichtanerkennung der deutschen Grenzen im Ergebnis des Hitlerkrieges und der Wiederaufrüstung. Doch andererseits, er war schon Regierender Bürgermeister von West-Berlin, nahm er 1983 an einer legendären Talkshow mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss teil, der ihn "Ritchie" nannte und mit dem fröhlichen Wunsch "Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen" begrüßte. Richard von Weiszäcker nahm es gelassen und mochte dieses Gespräch später positiv als "unvergesslich" werten. Auch und gerade deshalb darf man ihn vermissen. Denn der Wunsch nach einem guten König, in Zeiten der Kriegsgefahr besonders drängend, ist auch den Linken nicht fremd.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 04. Februar 2015 schrieb Klaus-Jürgen Bruder:

Ich freu mich, dass Du solche Liebeserklärungen bekommst:

"Denn der Wunsch nach einem guten König, in Zeiten der Kriegsgefahr
besonders drängend, ist auch den Linken nicht fremd", das ist einer der
Sätze, die ich in Uli Gellermanns Texten so schätze: Zwar kann er durchaus
manchmal den Scheitel mit dem Beil ziehen, dann aber ist er auch von
zarter Subjektivität. Da merkt man dann, dass "verständnisvoll" von
Verstand kommt."

Das schreibe ich, weil ich einfach auch mal wieder "Danke"! sagen möchte


Am 03. Februar 2015 schrieb Rudolf Steinmetz:

DER VATER die rechte Hand von Hitlers Aussenamt, DER BRUDER ein Mehrzweck-Philosoph mit klammheimlichen Patenten für eine Plutonium-Bombe:
http://www.welt.de/kultur/history/article13680234/Carl-Friedrich-von-Weizsaecker-hat-wohl-gelogen.html
WENN NICHT gar Schlimmeres dahinter steckte: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Klingsor-Paradox

UND NUN hat auch `er´ uns verlassen, "Der Agent Orange Praesident": http://cathrinka.blog.de/2015/02/01/agent-orange-praesident-tod-richard-weizsaecker-20042798/

HILF HIMMEL! UNS gehen die Vorbilder aus! KEIN WUNDER das PEGIDA so herumeiert.


Am 03. Februar 2015 schrieb Bert Nitschke:

Naja, nun gehen Sie mal nicht so verständnisvoll-nachsichtig mit dem angeblich nur "senilen Sprachverdreher" Lübke, Ihrem einstigen Bundespräsidenten, um. Immerhin hat die CDU nachwendlich mit viel Aufwand versucht, seine Unterschrift unter KZ-Baupläne als kommunistische Propaganda zu entlarven. Es blieb bei dem Versuch, und bald schon senkte sich beredtes Schweigen über die Angelegenheit.


Am 02. Februar 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Liebe Frau Jana Gerber,
darf ich mich Ihren Zeilen anschließen?
Ich tu es einfach! - Danke!


Am 02. Februar 2015 schrieb Marie Tibulski :

Die arme LINKE sondert zu Weizsäcker folgendes ab: "Gysi: Weizsäcker ein Mann der hohen politischen Kultur" und weiter: "Zunächst Offizier im Zweiten Weltkrieg, kam er Schritt für Schritt zu der Erkenntnis, welches verbrecherische Regime die Nazidiktatur war."

Die Schritte waren höchst langsam. Das lag auch daran, dass Weizsäcker wähhrend der gesamten Zeit seines Studiums während der 50er Jahre mit dem Arbeitsrechtler Wolfgang Siebert - in den 1940er Jahren Leiter des Jugendrechtsausschusses der Akademie für Deutsches Recht - eng verbunden war (Repetitorium, Assistenz, Doktorvater).

Dieser Mentor und väterliche Freund vertrat die Ansicht, dass gegenüber Entscheidungen Adolf Hitlers, die in Gesetzes- oder Verordnungsform gekleidet waren, kein richterliches Prüfungsrecht bestehen könne. Dasselbe gelte für das Programm der NSDAP: "Das nationalsozialistische Parteiprogramm ist die allgemeinverbindliche Rechtsgrundlage unseres gesamtvölkischen Lebens, und keine rechtliche Entscheidung darf sich zu einem seiner Punkte in Widerspruch setzen."

So geht "hohe politische Kultur". Peinlich.


Am 02. Februar 2015 schrieb Wolfgang Ringel :

von Richard von Weizsäcker ist mir vor allem der Gedanken in Erinnerung geblieben: „Der Sozialismus ist nicht tot; er hat zur Zeit nur keine Konjunktur.“ Solch einen Gedanken hören wir von kapitalistischen Politikern höchst selten. Dazu gleich noch ein Weizsäcker-Text aus der Weltbühne:

Der Sozialismus hat zurzeit keine Konjunktur. Aber ob er seine Funktion als Pedant zum Kapitalismus definitiv beendet, bleibt abzuwarten. Er hat Entscheidendes zur Kritik und damit zur Korrektur von Auswüchsen des lernfähigen Kapitalismus beigetragen. Mit dieser Rolle wäre es erst dann zu Ende, wenn es endgültig nichts mehr zu kritisieren gäbe. Wer aber will das im Ernst behaupten? Wir bleiben auf nüchterne Einsichten in Stärken und Schwächen des Marktes dringend angewiesen.
/* Richard von Weizsäcker (*1920 -2015), CDU-Politiker, Bundespräsident der BRD, 1984 - 1994, in der Weltbühne 7/90 */

Sich zu vereinen heißt teilen lernen, sagt der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker (*1920) bei einem Staatsakt in der Berliner Philharmonie anlässlich der Wiedervereinigung.
/* www.oppisworld.de/zeit/kalender/1003html */

Mit der Wahrheit können schon deshalb nicht Aufhören; weil es noch immer Menschen gibt, die die Wahrheit fälschlicherweise als Mist bezeichnen. Wie z. B. Herr Hans-Werner Schulze.


Am 02. Februar 2015 schrieb Manfred Ebel:

Was, besser wer mir bis heute Respekt abnötigt, ist Christa Wolf. Warum?
Besonders öffentliche Menschen bestehen i.W. aus ihrer privaten Person und dem öffentlichen Funktionsbild. Stimmen die überein, nennt man diese Menschen integer. Zwischen privater Person und öffentlicher Funktion steht die Moral. So fällt es nicht schwer, zu Wolf oder Weizsäcker, zu Merkel, Gauck oder Lieschen Müller zu sagen, was gesagt werden soll. Auch wenn sie tot sind.
Deutschland hätte eine gute Königin wie Christa Wolf, besonders in Zeiten der Kriegsgefahr (wann waren die nicht?), bitter nötig.


Am 02. Februar 2015 schrieb curti curti:

Bleibt zu hoffen das kein verklärender Hype aufkommt in Richtung `Einer der letzten Dies und Das´..

Was gerade bei einem Politiker zählen sollte sind nicht seine charmanten Worte, sondern Taten, verbindliche Standpunkte. Und hat RvW nicht den kalten Nachkriegs-Konfrontationskurs der CDU gg. Rußland mitgetragen, war er nicht auch strammer Atlantiker,..........

Es ist auch keine besondere Leistung sich von einem Turboheuchler Gauck abzuheben, denn so ausgiebig am Tiefpunkt agieren kann kein Mensch der wenigstens etwas von dem inne hat was ihn ausmachen sollte.

Einer seiner letzten medialen Auftritte dürfte in einer dieser unsäglichen Quasselshows gewesen sein zum Thema Alter Fritz. Das fühlte sich eher an nach unverbesserlichem Haudegen anstatt besonnener Geist!

Gleichwohl - RIP


Am 02. Februar 2015 schrieb Paul-Wilhelm Hermsen:

Zu Hans-Werner Schulze:

Aus diesem Artikel höre ich kein Dreckwerfen heraus - im Gegenteil. Herr Gellerman
begegnet in dieser Widmung Herrn Weizsäcker mit maßgeschneiderter Anerkennung. Ein durchaus akzeptables Ansinnen.
Die sogenannten Eliten ziehen sich nämlich selber und gegenseitig in der Regel Klamotten an, die mindestens eine Nummer zu groß sind. Damit will ich keinesfalls behaupten, dass das auch für Herrn Weizsäcker zutraf.
Und eine Erwähnung von Tatsachen sollte von einem Journalisten erwartet werden. Das macht ja gerade den Unterschied zur Lügenpresse aus.


Am 02. Februar 2015 schrieb Aleksander von Korty:

Erwähnenswert wäre immerhin gewesen, dass er zwar nicht zur Verantwortlichen Generation der Nazi-Zeit gehörte, da er 1933 erst 12 Jahre war, aber sein Vater.Und den verteidigte der Jurist dann natürlich auch im Kriegsverbrecherprozeß der Alliierten.. Ansonsten gehört er zu den sicherlich intelligenteren der deutschen bürgerlich Elite und so darf ihm nicht unterstellt werden, dass er von den Machenschaften der Chemiefirma Böhringer nicht wusste, dem er zwecks Profitmaximierung sein Geld anvertraute und deren Lobbyist er war. Er ist also klar als Kriegsgewinnler und Verbrecher zu bezeichnen. Und zu der Tatsache und seinem Geschwafel zum 40. Jahrestag des Kriegsendes ist der Volksmund zutreffend zu zitieren: "An ihren Taten sollt ihr sie messen, nicht an ihren Worten". Dem habe ich nichts weiter hinzu zu fügen. Der einzig wirklich honorige "Grüßaugust" der BananenRepublik Deutschland war bislang tatsächlich NUR Gustav Heinemann.


Am 02. Februar 2015 schrieb Hans-Werner Schulze:

Können Sie denn einmal mit dem Dreck werfen aufhören? Richard von Weizsäcker war ein honoriger Mensch, der gerade nach seinem Tod Respekt verdient.


Am 02. Februar 2015 schrieb Jana Gerber:

"Denn der Wunsch nach einem guten König, in Zeiten der Kriegsgefahr besonders drängend, ist auch den Linken nicht fremd", das ist einer der Sätze, die ich in Uli Gellermanns Texten so schätze: Zwar kann er durchaus manchmal den Scheitel mit dem Beil ziehen, dann aber ist er auch von zarter Subjektivität. Da merkt man dann, dass "verständnisvoll" von Verstand kommt.

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