Psychothriller mit doppeltem Boden

Jeff Nichols Spielfilm "Take Shelter"

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 19. März 2012

Ein Filmauftakt, der Böses ahnen lässt – oder passender: das Böse, denn laut Verleihwerbung soll Jeff Nichols’ zweiter Spielfilm ja ein Psychothriller sein. Über den weiten, friedlichen Ebenen des ländlichen Ohio zieht eine mächtige Wolke herauf, die sich fast zur Schwärze verfinstert und wortlos den Filmtitel „Take Shelter“ („Schutz suchen“) bekräftigt. Der 35-jährige Curtis LaForche, Vorarbeiter einer Firma für Sandgewinnung und treu sorgender Familienvater, tritt vor sein Haus, das er mit seiner Frau Samantha und der sechsjährigen gehörlosen Tochter Hannah bewohnt, und schon prasseln die ersten dicken Regentropfen auf ihn nieder. Mit einem eigenen Schutzkeller neben dem Haus könnte Curtis sich und die Seinen selbst gegen Tornados gut geschützt fühlen, wäre da nicht der irritierende Regen, der nicht wasserklar, sondern schmierig braun und ölig über seine Hand fließt.

Der Regen ist nur das erste von vielen übernatürlichen „Zeichen“, die für Curtis das Unheil ankündigen: Da ballen sich Vogelschwärme zu schwarzen Wolken, zucken Blitze minutenlang über den Nachthimmel, sogar sein geliebter Hund fällt ihn unvermittelt wie tollwütig an. Gewiss säße auch der Kinozuschauer an diesem Punkt bereits verängstigt und zitternd in seinem Sessel, hätte Regisseur und Autor Nichols ihn nicht rechtzeitig mit Erklärungen versorgt, die die Menetekel nur als Teil von Curtis’ Alpträumen ausweisen – oder doch die meisten davon. Wenn man dann noch erfährt, dass schon Curtis’ Mutter an Schizophrenie litt, ist die (Thriller-)Welt wieder in Ordnung: Curtis ist ein Fall für die Psychiatrie, er wird nach weiteren Schockeffekten und wundersamer Erlösung mit der treuen Samantha und Tochter Hannah glücklich bis ans Ende ihrer Tage…

Denkste! Nichols und sein Kameramann Adam Stone bedienen sich nur der Bilder und Klischees des Genrekinos, doch den gewohnten Zwei-Stunden-Kinohorror versehen sie mit subtilen Widerhaken, die ihre Geschichte ganz in dieser, der realen Welt verankern. So entsteht eine Zwischenwelt von Bildern, die auch nicht aus der Erinnerung verschwinden werden, wenn die dunkle Wolke drinnen längst von der Frühlingssonne draußen vor dem Kino verdrängt ist. Denn Curtis und seine Familie plagen sehr irdische Sorgen. Auf ihrem Haus lastet eine hohe Hypothek, eine weitere wird fällig für den von Curtis ohne Samanthas Zustimmung betriebenen atomkriegssicheren Ausbau des Tornadokellers. Sonderschulung und Therapie für Hannah sind längst nur zu bezahlen, weil Samantha Handarbeiten verkauft und gelegentlich Catering für den Lions Club liefert. Im Betrieb drängt der Boss auf mehr Leistung, und als Curtis’ Panikanfälle ihn auch noch mit seinem Arbeitskollegen und besten Freund entzweien, rächt sich dieser, indem er ihn beim Boss wegen einer heimlichen Geräte-„Ausleihe“ verpetzt. Die Folge: Curtis verliert den Job und damit die Krankenversicherung, die seine und Hannahs Therapie hätte bezahlen sollen.

Spätestens seit dem Zusammenbruch der großen Hypothekenbanken in den USA haben wir gelernt, dass zu den angeblich unbegrenzten Möglichkeiten des Landes auch Schicksale wie das der LaForches gehören. Das verfassungsmäßig zugestandene Streben nach Glück reduziert sich auf den Erhalt des Erreichten und die Ahnung vom kommenden sozialen Abstieg. Schlichte Gemüter wie Curtis mag das wohl in die Identitätskrise stürzen. Ehefrau Samantha dagegen, von Jessica Chastain glänzend verkörpert als nüchterne, spröde Frau mit Herz, steht mit beiden Beinen im Leben. Michael Shannon, der schon in Nichols’ Debütfilm „Shotgun Stories“ brillierte, ist die ideale Besetzung für den robusten, stillen und etwas vierschrötigen Curtis, der in wildem Aktionismus die Krise meistern will, zu deren passiven Opfern er gehören wird wie Tausende; als seine Verzweiflung endlich im Wortschwall aus ihm herausbricht, wirkt der sonst so wortkarge, verschlossene Mann wie ein hilfloser, verletzlicher Riese. Der Ausbruch ist zwar der Beginn seines Heilungsprozesses, der die Familie noch mehr zusammenschweißt, doch die nächste düstere Wolke zieht schon in der Ferne herauf. Sie wird – da lässt Nichols keinen Zweifel aufkommen - wieder schmierig und ölig sein.

Der Film kommt am 22. 3. in die Kinos


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 21. März 2012 schrieb Klaus-Jürgen Bruder:

Ich kann es einfach nicht lassen, Ich muss Ihnen schreiben, dass mir Ihr Beitrag zu "Gauck" sehr gefallen hat. Es tut gut, sich nicht allein zu fühlen, in diesem 1984.
Es ist einfach unglaublich, wie Sie gleich zu Beginn schreiben:
Dieselben Medien, die uns die "unpolitische" Soße über die Augen schütten, jubeln über das "unpolitische" Ergebnis. Ein sich selbst bestätigendes und beklatschendes Schauspiel.


Am 21. März 2012 schrieb Hanna Regensburger:

Das verfassungsmäßig garantierte Streben nach Glück wird in den USA immer schwieriger. Und so scheint die Wirklichkeit der USA, in der Spiegelung der Filmkritik von Dicks, eher von der schweren Paranoia des amerikanischen Mittelstandes geprägt als vom Glück.

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