Neues von der Treuhandokratie

Der Dokumentarfilm GOLDRAUSCH

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 24. August 2012

Der Titel erinnert an Chaplins Stummfilmgroteske, aber schon der Untertitel macht klar: Der Dokumentarfilm "Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand", der am 30. August in die Kinos kommen wird, ist leider überhaupt nicht zum Lachen. Eher schon ein Krimi oder Gangsterfilm im Milieu der organisierten Kriminalität, komplett mit Gewalt und Mord. Die Personen der Handlung sind jedoch nicht wie üblich frei erfunden, sondern haben bekannte Namen wie Kohl, Waigel, Breuel oder Rohwedder. Andere, weniger bekannte gehörten zur Führungsetage jenes kurzlebigen Megakonzerns namens Treuhandanstalt (THA), der es in knapp fünf Jahren seines Bestehens schaffte, die komplette Volkswirtschaft der DDR zu privatisieren oder "abzuwickeln", 2,5 Millionen Arbeitsplätze zu vernichten und dabei insgesamt 256 Milliarden D-Mark Schulden anzuhäufen – umgerechnet ca. 150 Millionen pro Tag!

Dabei war die Idee, mittels einer Treuhandgesellschaft die "Anteilsrechte der DDR-Bürger am Volkseigentum der DDR" zu wahren, ursprünglich aus den Reihen der "DDR-Bürgerrechtler" gekommen. Mit der Warnung vor einer "Volksenteignung in nie dagewesenem Ausmaß" hatte Günter Nooke für die Idee geworben, und Detlev Rohwedder, sein späterer Chef im THA-Verwaltungsrat, erwähnt im Film die "dummen Kälber, die sich ihren Metzger selber wählen". Bald aber ließ sich nicht mehr übersehen, dass bei der nun einsetzenden Plünderung der DDR-Betriebe hehre Absichten und gesetzliche Regelungen den ins Land einfallenden kriminellen Profiteuren wenig entgegenzusetzen hatten. "Hier wird jede Scham beiseite gelassen", klagte Rohwedder noch kurz vor seiner bis heute unaufgeklärten Ermordung im April 1991. Und Werner Schulz, Nookes Mitstreiter, bis der statt Schaf lieber Metzger sein wollte und in die CDU übertrat, bilanziert heute resigniert: "Von unserer Idee ist nichts mehr übrig geblieben."

An exemplarischen Fällen (Interflug, Pentacon, Leunawerke oder VEB Wärmeanlagenbau) legt der Film die Mechanismen aus fehlender Kompetenz, unzureichender Kontrolle und skrupelloser Gier frei, die in vielen Fällen am Werk waren. Dabei wird klar, wie spätestens nach der Ermordung Rohwedders unter Birgit Breuel die THA immer schneller vom Sanieren der Betriebe zum Liquidieren drängte, indem sie Managern für rasche "Abschlüsse" hohe Prämien in Aussicht stellte. Die kritische Überprüfung der westlichen "Investoren", die dabei zum Zuge kamen, unterblieb dabei fast völlig; der THA, die zwar zu 80% "Ossis" beschäftigte, aber in den Leitungsetagen fast ausschließlich Wirtschaftsmanager aus dem Westen, fehlte dazu das geeignete Personal - was von der unheiligen Allianz von BRD-Wirtschaft und Kohl-Regierung auch politisch so gewollt war.

Neben dem umfangreichen Faktenmaterial sind es vor allem klug geführte Interviews mit Beteiligten, die "Goldrausch" so spannend machen. Zentralfigur und Kronzeuge ist dabei der aus der DDR stammende Detlef Scheunert, THA-Direktor für die Glasindustrie und somit Täter und Opfer in einer Person, der in einer erschütternden Szene sogar den eigenen Freunden das Aus für ihren Betrieb verkünden muss. Sein Urteil über Birgit Breuel: "Sie hatte mit Sanieren gar nichts am Hut." Auch Klaus Klamroth, THA-Chef in Halle, hat Züge einer tragischen Figur: Nach seinem Ausscheiden aus der THA gründete er eine Beratungsfirma mit einem Kollegen, der "ein verurteilter Konkursbetrüger war", so Klamroth heute. Erstaunliches auch aus Politikermund: Da sieht ein Ministerialbeamter die Jahre der THA offenbar als Kriegszeit an, in der eine korrekte parlamentarische Beratung "wie in Friedenszeiten" unmöglich gewesen sei. Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner, spricht offen davon, vom "Investor" Elf-Aquitaine erpresst worden zu sein, und resümiert: "Wir waren auch als Ministerpräsidenten der Treuhand ausgeliefert." Noch Fragen zur Demo-, pardon, Treuhandokratie? (Anmerkung: Wegen Unstimmigkeiten über die Endfassung des Films hat der Regisseur, der auch Verfasser eines umfangreichen Buches zur THA ist, seinen Namen zurückgezogen.)

Am Sonntag, 26.8., findet um 17.00 Uhr die Premiere des Dokumentarfilms GOLDRAUSCH - DIE GESCHICHTE DER TREUHAND im Kino Babylon Mitte in Berlin statt.

Der Film kommt am 30. August bundesweit in die Kinos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 25. August 2012 schrieb Robert Grodski:

Die Filmkritik zu "Goldrausch" trifft die Treuhandzeit genau: Es waren kriminelle Aktionen, mit denen das Volkseigentum geraubt und verschleudert wurden.


Am 24. August 2012 schrieb Ev Mertens:

Danke für den Hinweis auf "Goldrausch", das sind die Tips die man braucht.

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