Mit Klavier und Klampfe gegen rechts

Rudi Gauls Dokumentarfilm "Wader Wecker Vater Land"

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 13. Dezember 2011

Alt sind sie noch immer nicht geworden, aber älter mussten sie werden, bevor sie sich richtig zusammenfinden und gemeinsam auf Tournee gehen konnten: die zwei so unterschiedlichen, in fast jeder Hinsicht gegensätzlichen Barden Hannes Wader und Konstantin Wecker. Der 1947 in München geborene Wecker, der „Bühnenmensch“, bekannt aus Film und Fernsehkrimis, schon im Elternhaus mit Oper und Musik vertraut gemacht, komponiert, singt und spielt mitreißend schräg Klavier. Fünf Jahre älter ist das Arbeiterkind Hannes Wader, Liedermacher mit Gitarre, selbstkritisch auch da noch, wo sein Publikum ihn bejubelt, Westfale und Eigenbrötler, dem nach eigenem Bekennen früher Weckers Auftritte „mit großen Gesten und Orchester lange gar nicht sympathisch“ waren. Der Biertrinker, der jahrelang sein Refugium in einer Mühle in Schleswig-Holstein hatte, und der Weintrinker mit Fluchtpunkt Toscana, der weiß, dass ihn manche für elitär halten. Die Wader-Welt und die Wecker-Welt, wie es einer der Bühnenarbeiter in Rudi Gauls Dokumentarfilm „Wader Wecker Vater Land“ formuliert.

Aus solchen Gegensätzen ein Bühnenduo zu schmieden, das Hallen und Arenen füllt, dazu brauchte es die politische Entwicklung in diesem Deutschland, das sie lieber Mutterland als Vaterland nennen. Damit ist schon eine der vielen Fragen angerissen, die beide beschäftigen, wenn sie im ICE von Konzert zu Konzert reisen: die nach ihrer politischen Orientierung. „Als Liedermacher war man automatisch links“, beschreibt Wecker die frühen Jahre, als man für Frieden und Abrüstung, gegen Ausländerhass und Rassismus sang, noch jeder für sich, aber schon als künstlerischer Motor von Demonstrationen und Protestmärschen. Besonders karrierefördernd war das nie, doch die Stärke der Proteste und ihre bunte Vielfalt konnten auch die Medien nicht ignorieren. Bald aber, als Drogentrips oder RAF-Terrorismus den starken Staat herausforderten, war Schluss mit lustig. Wecker kam wegen Drogenbesitz ins Gefängnis. Wader geriet in eine tiefe Schaffenskrise, nachdem er als - unwissentlicher - Gastgeber für Gudrun Ensslin ins Visier der RAF-Fahnder geraten und zehn Jahre lang observiert worden war. Seinen Eintritt in die DKP Ende der 1970er Jahre nennt er heute „lebensrettend“, weil er ihn davor bewahrt habe, in Alkohol zu versinken – seine Fans zahlten es ihm mit Boycott und 60 Prozent Einbußen bei den Plattenverkäufen heim. Noch später, 2010, wird Wader von seinem Entsetzen reden, dass inzwischen sogar Neonazis seine Lieder singen und in ihr Gegenteil verkehren.

Regisseur Gaul ist ganz nah bei seinen beiden Protagonisten, folgt ihnen ins eigene Heim und an den Esstisch. Ein besonderer Gewinn für seinen Film, der über einen Tourneereport weit hinausgeht, sind die Gespräche der beiden im Zugabteil oder die Beobachtungen hinter der Bühne: Weckers Begeisterung über das Gelingen der gemeinsamen Auftritt entlockt Wader erst zögerlich ein „Das machen wir morgen wieder!“ Daneben sind es die Veränderungen und Zeitsprünge, aus denen Gauls Film seine Attraktivität und Lebendigkeit bezieht – und natürlich die ansteckende Begeisterung des Publikums, die die Kamera bei allen Konzerten dieser Tournee immer wieder einfängt. Das wogt und schwingt, wenn Wecker mitten durch sein Publikum von „questa nova realtà“ singt, dieser neuen Realität nach Tschernobyl und der „Wende“ 1989, die auch den nachdenklichen Kommunisten Wader noch nachdenklicher gemacht hat. „Dass nichts bleibt, wie es war“, diesen Refrain aus Waders Song „Heute hier, morgen dort“ hört man bei den Konzerten aus tausenden Kehlen, und sein Liebeslied „Dat du min leefste büst“ gibt’s natürlich doppelt – auf plattdeutsch und auf bayrisch. Doch vor ein laues Friede-Freude-Eierkuchen-Geschunkel setzt Gauls Film immer wieder einen harten Schnitt in die Realität, die von gestern wie die von heute. Da singt Wader sein „Trotz alledem“, mal 2010, dann zu Bildern von einst mit Protestdemos, Wasserwerfern und erschossenem Benno Ohnesorg. Zur Jagd auf die Schleyer-Mörder singt er von möglicher Kumpanei zwischen Terror und Staat: „Die essen zusammen von einem Teller, die haben zusammen Leichen im Keller“. Da bekommt Gauls Film in Zeiten der Jenaer Rechtsterroristen eine Gänsehaut erzeugende Aktualität, auf die seine Protagonisten gewiss gerne verzichtet hätten.

Der Film kommt am 15. 12. in die Kinos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 14. Dezember 2011 schrieb Rita E. Groda:

Eine sehr gelungene Rezension, zeigt sie doch auch "Entwicklungsphasen" meiner 68-er Generation.

Beide überzeugen als die jungen Alten, die immer noch den Versuch wagen, unser "schauriges Vaterland", um mit Wecker zu sprechen, zu bessern.

Den Film schaue ich mir bestimmt an! Jetzt fehlt noch ein guter Film über Degenhardt, das könnte ja Herr Gellermann in Angriff nehmen.
Kürzlich, beim Stöbern in den alten runden Dingern, die sich LP nannten, fand ich meine erste Degenhard wieder;die Schmuddelkinder, aktueller als in den 60-ern, dachte ich bei mir.

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