Merkels Mantra: 2014! 2014! 2014!

Aus dem Tagebuch eines Kriegskorrespondenten

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 16. März 2012

Nur gut, dass es die Feldpost gibt! Auch einem hartgesottenen Kriegskorrespondenten wie dem einsatzfreudigen B. Richtersattter werden, selbst wenn er als "embedded journalist" akkreditiert ist, keine Extrawürste gebraten, geschweige denn ein kommodes Feldbett zugewiesen. Er darf während des Fluges weder telefonieren noch twittern noch mailen (wegen der empfind­lichen Elektronik der Kanzlermaschine und um deren Koordinaten nicht zu verraten), sondern muss sich am Feldpostamt anstellen wie alle andern auch. Dabei hatte er noch nicht einmal eine passende Briefmarke dabei; er musste mit etwas gutem Zureden und ein wenig Bakschisch nachhelfen. Mit größter Mühe und letzter Kraft gelang es ihm, seinen Blitzbericht an feind­lichen Linien vorbei, um unwirtliche Wetterlagen herum und über die Zensur des MAD hinweg zur RATIONALGALERIE duchzubringen. Wir machen uns in Deutschland ja kaum eine Vorstellung, was Krieg bedeutet!

Hubschraubergeknatter über zerklüfteter Felslandschaft. Schneebedeckte Bergketten unter stahlblauem Himmel. Eisiger Flugwind. Die Schiebetüren offen, damit der Bordschütze jederzeit losballern kann. Im Fall des Falles. Der Fall heißt Krieg. Einsatz in Afghanistan. Ein Fall für sich. Eine schwierige Causa. Eigentlich unlösbar. Keinesfalls gewinnbar. Nicht nur wegen völkerrechtlicher Bedenken. Nicht wegen terminologischer Fein­heiten aus versiche­rungsrechtlichen Vorbehalten. Da ist man durch. Das hat einen Bundespräsidenten gekostet. Und später einen vielversprechenden Kriegsminister - wenn auch wegen einer andern Sache. Die Kanz­­­lerin ficht das nicht an. Sie denkt jetzt nicht an Politik. Sie ist auf Truppenbesuch.

Unangemeldet, über­raschend, geheim­ge­halten bis zur letzten Sekunde. Drei Hubschrauber im Konvoi. In einem davon sitzt Mutti. Die Mutter der Kompanie. Der Spieß im Fleisch der Bundesrepublik. Ihr Lächeln lässt selbst hartgesottene Taliban erstarren. Hätten sie so eine, dann wäre längst Ruhe im Land. Die Warlords würden strammstehen vor ihr und die Waffenarse­nale vor sie hinwerfen und sich selbst in den Staub. Die Drogenbarone würden eigenhändig ihre Mohnfelder abfackeln und ihr das eine oder andere Pfeifchen anbieten zur Versöhnung. Die Waffenhändler brächten üppige Aufträge aus Indien, Saudi-Arabien oder Aserbeidschan mit nach Hause von ihren Akquisitionsreisen unter ihrer Verkaufsleitung. Sogar Israel würde überschüssige rumänische Mörsergranten ordern vom Hindukusch (so wie Griechenland überflüssige Panzer), hätte nur eine Angela wie sie die entscheidende Botschaft gesandt. Sie wäre die Idealbesetzung für die Männergesellschaft, die sie zur Räson brächte mit einigen geduldigen Glocken­schlägen. Führen kann sie. Führen durch Aussitzen.

Sie müsste nur lang genug bimmeln. Steinigungen von abtrünnigen Ehefrauen würde sie unterbinden allein durch die Andeutung einer missbilli­gen­den Geste. Ein Ziehen der Mundwinkel nach unten, und die eifrigsten Koranschüler würden ihr Gebet unterbrechen. Doch Frau Merkel kommt als Feind. Nein, also eigentlich als Verbündete. Vielmehr als Freundin des afghanischen Volkes. Als künftige Rettungsschirmherrin eines terrorfreien Afghanistan. Sie lässt ihre Leute alles tun, um die afghanische Armee aufzurüsten, damit die sich gegen Pakistan, gegen Al Quaida, gegen Armut und Rückständigkeit und gegen den klirrenden Frost verteidigen kann. 600.000 Mann sollen es werden, mit jeweils 100.– Euro Monatssold. Das ist selbst in Afgha­nistan manchem zu wenig. Daher kommen viele nicht zum Dienst, sondern laufen über zu den besser bezahlenden Kriegsherren, die ihrerseits von der Bundesrepublik Deutschland mit jeweils 30.000.– Euro monatlich befriedet werden, womit sie die frisch ausgebildeten Rekruten abwerben können. Zumindest beklagt das dieser kashmirpullovertragende Präsidentendarsteller (im SPIEGEL-Interview bereits im August 2008). Die befreundeten Staaten, die ihm bisher eine auskömmliche Bürgermeisterschaft in Kabul garantieren, scheinen ein doppeltes Spiel zu spielen. Sie bilden Polizisten aus für die Zentralmacht, kungeln aber mit den Regionalfürsten und Warlords, die nebenbei auch in der Regierung sitzen. Sie schießen auf Zivilisten, reden aber mit den (gemäßigten) Taliban. Mit der Frauenquote ist es noch nicht so weit. Auch bei der Polizei nicht.

Aber das wird schon noch. Bis 2014. Das ist die magische Marke, ab der alles anders wird. Dieses Datum kann sie schon so schön hersagen wie Schröder weiland "Agenda zwanzigzehn". Ist ja auch alles so geworden wie angepeilt, sogar schon vorher. Und noch schlimmer als befürchtet. Das Lohnniveau ist nachhaltig gesunken, das geht schon Richtung afghanisches Niveau, neue Arbeitsverhältnisse werden nur noch be­fris­tet und marginal bezahlt, die Lohnstückkosten wurden so niedrig, dass der Exportüberschuss halb Europa stranguliert. Deutschland zeigt Vorbildcharakter. So muss es gehen. Gerade auch am Hindukusch, dem 18. Bundesland (nach dem Kosovo). Deutsche Besatzungszone, wie das klingt! Wir sind wieder wer, denkt sich Frau Merkel. Wer hätte das gedacht?! So kurz nach der Wende! Sagen tut sie es nicht. Das ist in ihrem Gesicht zu lesen. Sie gibt sich sachlich. Macht sich fertig zum Aussteigen. Der Luftkonvoi ist gelandet. Mazar-i-Sharif. 13 Uhr. Die Frisur sitzt.

Sie steigt aus. Der erste Weg führt zum Ehrenhain. 52 sind es schon. Nicht gerechnet die Verwundeten und Traumatisierten. Naja, 2014 wird ja bald sein, hoffentlich. Dann geht es zur Kantine im Feldlager. Eigenhändig steht die Kanzlerin um Kohlrouladen an. Handys werden gezückt. Vor allem die Soldatinnen wollen sich mit ihr ablichten lassen. Die Männer wirken eher be­klommen ob des unverhofften Besuches. Die Chefin selbst also hier. Sie hat sie nicht vergessen. Sie begutachtet sogar ihre Waffen. An der Ausrüstung hapert es. Für einen richtigen Krieg ist das alles nicht genug. Und für den geordneten Abzug viel zu viel. Man wird einiges hier lassen müssen - als Morgen­gabe an ein terrorfreies, friedenstrotzendes Land. Den einzigen Ter­ror macht künftig ausschließlich das Gewaltmonopol des Staates. Alles andere ist verboten. Ab 2014.

Sie wird das den Kriegsherren noch verklickern müssen. Oder die monatlichen Zahlungen erhöhen. Dann bleibt wenigstens der Norden ruhig. Die deutsche Besatzungszone wird zum Musterländle unterm Dach der Welt: Keine Koranverbrennungen, keine Amokläufe, keine Hausdurchsuchungen bei Nacht. Bettruhe ab 22 Uhr! Nur noch gezielte Capture-or-Kill-Einsätze hin und wieder, falls nötig. Nur nachts, versteht sich. Das KSK operiert diskret. Ob es da ist oder wo und wann, weiß niemand genau. Jedenfalls nicht so tölpelhaft ballermann­mäßig wie die amerikanischen Spezialkommandos. Kundus ist schließlich nicht Kandahar! Obschon auch die Kanzlerin nur da sein kann bei ihren knapp 5000 Soldatinnen und Soldaten, weil Obama so friedensnobelpreiswürdig seine US-Truppen verstärkt hat auf über 130.000. Man kann bequem mitschwimmen in der großen Weltpolitik, wenn auch mit eher symbolischen Beiträgen. Hauptsache, dabei sein! Bis 2014, wie sie immer und immer wieder den eingebetteten Journalisten gebetsmühlend in die Blöcke diktiert.

Ihr Redenschreiber war gnädig zu ihr. Nur immer: "2014", auch wenn´s irgendwann nervt. Glauben tut's sowieso keiner, wenn die Militärs das sagen. Und wenn man sich die Liegenschaften der US-Army ansieht, die für die Ewigkeit gebaut scheinen, und dazu den Stationierungsvertrag bis 2025 liest. Da muss schon Mutti ran: 2014, 2014, 2014. Die Weltpresse wird in Trance fallen, wenn sie es nur oft genug wiederholt. Ihr Beharrungsvermögen hat ihr noch immer zum Erfolg gereicht. Hoffentlich fällt ihr de Meziaire nicht in den Rücken, indem er irgendwas brabbelt von "falls und inwiefern die militärische Lage es erlaubt". Ein Restkontingent (zur Truppenausbildung) wurde ohnehin schon offiziell ausgenommen vom Abzug. Und richtige Soldaten denken bei "Abzug" sowieso eher an den gekrümmten Hebel ihrer Knarren. Aber heute sind alle froh und friedlich. Keine Patrouillen, wegen der Aufstandsneigung der Einheimischen nach dem jüngsten Massaker. 16 Menschen, darunter viele Kinder, das sorgt für Empörung. Fast ein Drittel von dem, was die Bundeswehr in zehn Jahren verloren hat, an einem Tag! Ach ja, Kunduz steht auch noch auf dem Programm. Muss aber ausfallen wegen schlechten Wetters. Da nützt auch kein 3-Wetter-Taft. Also zurück nach Termez knapp hinter der Grenze zu Usbekistan. Dort wartet die Regierungsmaschine.

Die Hubschrauber-Rotte startet wieder. Staub wirbelt. Auch wenn sie längst angegurtet in einem der drei Helikopter sitzt und über ihre nächsten Reiseziele sinniert, glauben die zurückbleibenden Soldaten noch immer ihre winkende Hand zu erkennen. In der Rotationswolke knarzt knatternd diese verdammte Jahreszahl nach wie ein Ohrwurm, den keiner mehr hören kann und der dennoch nachhallt: Zweitausendvierzehn! Vielleicht wäre dann die Zeit gar reif für einen Griechenlandbesuch. Der geriete freilich wesentlich abenteuerlicher als dieser hier im beschaulichen Bundeswehrfeldlager. Der Sturm, der ihr dort entgegenschlüge, könnte sogar ihre Frisur ruinieren.

Aber lieber das als jetzt an die Bundestagswahl denken, die kommt ja noch zuvor. Man sieht ihr an: Sie muss unwillkürlich an Claudia denken und nimmt sich fest vor, den Drei-Liter-Panzer endlich ins Wahlprogramm zu schreiben, für eine nachhaltige und umweltschonende Kriegsführung, notfalls über das felsenfestgeklopfte Datum hinaus. Nur gut, dass die Presse gleich mitfliegt. Schnell noch eine SMS, als Überlebenszeichen nach Hause. Und eine an Claudia: "Habe keine verschleierten Frauen entdecken können". Das wird sie bestimmt freuen. Und noch eine an Joachim: "Alles gut in Aghanistan". Ein echt evangelischer Witz unter Pfarrerskindern.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 17. März 2012 schrieb Wolfgang Blaschka:

Merkels Mantra ist schon wieder Schnee von gestern. Heute (Freitag, 16. März) steht in der WELT KOMPAKT (Seite 7): „Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sieht in dem Drängen der afghanischen Regierung auf eine vollständige Übernahme der Sicherheitsverantwortung bereits im Jahr 2013 keinen Kurswechsel. ‚Der afghanische Präsident Hamid Karsai fordert etwas, das ohnehin schon geplant ist‘, sagte de Maizière.“ Aha. 2013, 2013, 2013! Das wenn seine Chefin gewusst hätte! Inzwischen wird schon wieder zum Rückzug vom Vorzug des Rückszugsdatums geblasen. Vielleicht wird ein Abzählreim draus: 2014, 2013, 2012, 2011. Am Ende sind unsere Jungs und Mädels schon gar nicht mehr dort, und wir haben es noch nicht mitgekriegt.


Am 17. März 2012 schrieb Rita E. Groda:

Merkels Besuch scheint auf Herrn Karsai die von Ihnen geschilderte Wirkung gehabt zu haben:

"Er warf sich vor Mutti in den Sand und bat um Abzug der Besatzungstruppen schon im Jahr 2013.
Hätten wir Mutti schon länger als die neue Deutsche Geheimwaffe, bzw. den Spieß im Fleische der Taliban betrachtet, hätte uns dies etliche Menschenleben erhalten."

Sie schreiben nicht nur anbetungswürdig, auch hellsichtig scheinen Sie zu sein.


Am 16. März 2012 schrieb Ev Lengkeit:

Dieser Blaschka kann was: "Und noch eine an Joachim: "Alles gut in Aghanistan". Ein echt evangelischer Witz unter Pfarrerskindern." das ist ebenso gemein wie treffend.

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