Literatur ist Freiheit

Eine unheimliche Reise in das Franco-Spanien

Autor: U. Gellermann
Datum: 25. Februar 2013
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Buchtitel: Der Feind meines Vaters
Buchautor: Almudena Grandes
Verlag: Hanser

Ein neuer Roman von Almudena Grandes liegt vor: "Der Feind meines Vaters". Schon mit ihrer Arbeit "Das gefrorene Herz" hatte sich die großartige spanische Autorin mit den Auswirkungen des spanischen Bürgerkrieges auf das Leben in ihrem Land beschäftigt. Mit ihrem jüngsten Buch schreibt sie ein herzzerreissendes Plädoyer dafür, das dumpfe Schweigen der spanischen Gesellschaft über das düstere Kapitel ihrer Geschichte zu brechen.

Längst ist der spanische Bürgerkrieg vorbei, jener böse Vorentwurf zum Zweiten Weltkrieg, ein Krieg der offiziell im April 1939 mit der Niederlage der Republik und dem Sieg der Franco-Faschisten endete. Auch der Weltkrieg hat im Roman der Schriftstellerin Almudena Grandes schon sein Ende gefunden. Es ist der Sommer 1947, in dem der kleine Nino das Andalusien der Grausamkeiten erlebt, die andauende Jagd auf die "Roten", die inzwischen illegalen Verteidiger der Republik, und ihren Widerstand gegen die Falange. Nino ist der zehnjährige Sohn eines Guardia-Civil-Beamten, der Vater ist Mitglied jener franquistischen Mörderbande deren Uniform verhasst, deren Hände blutbesudelt und deren Gesinnung von Brutalität bestimmt ist. Ninos Familie lebt in einer der vielen Guardia Kasernen und der Junge sieht und hört alles: Die Folterungen, die Vergewaltigungen, die Morde.

Wie soll ein kleiner Junge, der seinen Vater liebt, begreifen, dass er in den Mord geboren worden ist? Almudena Grandes schenkt dem Jungen und auch dem Leser einen geheimnisvollen Fremden: Der lebt nicht im Ort sondern am Rand der Berge, also dort, wo der Widerstand gegen das Franco-Regime seine Verstecke findet. Dieser Fremde wird zum Freund von Nino und erklärt ihm, wie der Vater eingebunden ist, gezwungen an den Verbrechen der Falange teilzunehmen. Das kommt ohne die billige Entschuldigung des Befehlsnotstandes aus, das wird aus der ständigen Todesdrohung begreifbar und steht den Erkenntnissen des Jungen entgegen, der von seine Zuneigung zu einer Tochter einer roten Familie nicht lassen will und weiß, dass die Guardia alle töten müsste, "so viele Menschen umbringen, dass überall Leichen wären und in Spanien könnte man nicht mehr atmen", wenn man die "Roten" besiegen wollte.

Das mit dem freien Atmen wird knapp im Spanien der Franco-Zeit und doch entdeckt Nino, dank der Hilfe des Fremden, sein Stück Freiheit in der Literatur. Die Romane von Jules Vernes werden ihm zum Versteck der Gedanken und zum Fluchtpunkt für sein Anderssein. Es muss, liest Nino, eine Welt außerhalb des großen spanischen Gefängnisses geben. Und diese Welt existiert nicht nur in der Literatur sondern auch bei den Kämpfern in den Bergen, wie jenem legendären "Cencerro" der sich zwar in einer ausweglosen Situation selbst umbringt, der aber sofort Nachfolger findet, die seine Art der Überfälle imitieren und ihn so scheinbar unsterblich machen. "Cencerro" ist ein Spitzname und bedeutet Kuhglocke, jene Glocke, die auch in einem harmlosen spanischen, populären Lied vorkommt und fortan in den Kneipen der Dörfer gern gesungen wird: In all seiner Doppelbedeutung, mit aller unterdrückten Wut, mit allem heimlichen Witz den Widerstand zu erwähnen und doch nicht straffällig zu werden.

Es ist eine unheimliche und zugleich ermutigende Reise in die Vergangenheit, die der Autorin gelungen ist. Doppelt unheimlich, weil das Spanien von heute seine Vergangenheit weitgehend ignoriert. Die Mörder von damals sind unbestraft, die Massengräber, in denen die "Roten" verscharrt wurden, sind zumeist nicht geöffnet und von einem Ort der Erinnerung an die rund 150.000 "Verschwundenen" ist Spanien weit entfernt. Und über all dem hockt die katholische Kirche, die damals die Morde segnete, die den "Roten" etwa eine Viertelmillion Kinder raubte, um sie in "anständigen" Familien groß werden zu lassen, und die bis heute nicht die Akten über den Kinderraub offenlegt. Ermutigend ist der Roman von Almudena Grandes, weil sie das verstockte Schweigen bricht, weil sie ihre Figuren mit wunderbaren Charakteren ausstattet und weil sie, wie nebenbei, eine späte Versöhnung der spanischen Kommunisten mit den Anarchisten herbeischreibt. La lucha continua.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 01. März 2013 schrieb Henning Schneiderereit:

Die spanische Gesellschaft hat ihre jüngere Geschichte kaum verarbeitet. Ein Buch wie das von Almudena Grandes ist ein großartiger Beitrag zur Öffnung der Debatte.


Am 26. Februar 2013 schrieb Felix Garcia:

Man sollte erinnern, dass Franco-Spanien selbstverständlich ein ordentliches Mitglied der NATO war und NATO-Staaten wie Deutschlandbeste Beziehungen zum faschistischen Spanien unterhielten.


Am 25. Februar 2013 schrieb Angela Herden:

Ihr Grandes-Text gefällt mir auergewöhnlich gut. Aber ist den der Kinder-Klau verbrieft?

Antwort von U. Gellermann:

Leider ja.

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