Jahodas lange Showtreppe

Von der DDR in die Traufe

Autor: Reyes Carrillo
Datum: 21. August 2017
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Buchtitel: Lustig ist anders
Buchautor: Lutz Jahoda/Reiner Schwalme
Verlag: Books on Demand

Mitte August vergangenen Jahres erfuhr ich zum ersten Male von Lutz Jahodas Arbeit an seinem neuen Buch: „Lustig ist anders“, solle es heißen, bebildert von „Eulenspiegel“-Altmeister Reiner Schwalme. Das ist aber eine prima Idee vom Lutz Jahoda, mal das heiter-nachdenkliche Best of seiner immer wieder köstlichen Politpoesie in ein Büchlein zu pressen und mit Reiner Schwalmes scharfem Strich zu veredeln. Dachte ich. Wie naiv! Herausgekommen ist auf satten 448 Seiten (sic!) ein fulminanter politischer Streifzug durch die jüngere deutsche Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Vormundschaft der USA. Überwiegend Prosa. Ich war gänzlich überrascht von diesem mir neuen, derartig hochpolitischen Lutz Jahoda. Es ist vor allem das tiefe, leidenschaftliche persönliche Bekenntnis eines ‚Unwendbaren’, eines aufrechten, unbeirrbaren Linken, mal Sozialist, mal Kommunist - und immer Humanist. Die verschwimmende Trennungsschärfe beider erster Zuordnungsprothesen tut dem Buch übrigens sehr gut, da es die erfrischende Ferne Jahodas zu allem Dogmatischen unterstreicht. Und es ist ein mutiges Buch, denn in solch einer Klarheit und Präzision hat dieser überzeugte Antikapitalist und Antifaschist noch nie zuvor seinen persönlichen politischen Blick, einen, wie wir wissen, in diesem Land geächteten und sanktionierten Blick, öffentlich gemacht.

Hinter Lutz Jahoda, dem heute 90-jährigen Buchautor, Schauspieler, Entertainer, Sänger und Autor leichterer Muse liegt ein spannendes, äußerst facettenreiches Leben, das ihn schließlich bis ganz an die Spitze der DDR-Fernsehunterhaltung brachte. Jahoda war ein absoluter Star in seinem Land. Er hatte, um nur ein Beispiel zu nennen, zwischen 1972 und 1982 eine eigene Personalityshow „Mit Lutz und Liebe“, die in ihrer für dieses Format typischen Konzeption und vor allem begeisterten Rezeption seitens des Publikums gern mit den damals in West-Deutschland äußerst populären „Peter-Alexander-Shows“ verglichen wurde. Es schadet nicht, sich diese Karriere zu vergewärtigen, hält man dieses der Aufklärung und damit der Freiheit des Menschen verpflichtete politische Tagebuch in Händen.

Das Werk ist unter vielem anderen natürlich auch eine erfrischend-bittere Abrechnung mit der „Wende“, dieses gigantischen, nur als verbrecherisch zu bezeichnenden Ausverkaufs der DDR. Trotz der drastischen Zäsur, die die „Wende“ freilich auch für Lutz Jahoda persönlich bedeutete, tropft dem Autor nicht eine einzige Träne des Selbstmitleids oder anderer selbstbezogener Sentimente ins Buch: Mit bemerkenswerter Konsequenz behält der Ich-Erzähler stets den Blick aufs Ganze. Die schiere Fülle der Chronik dieses Jahrhundertzeugen ist schlicht überwältigend: Ob die USA in ihrer inneren Zersetzung mit ihrer Asozialität, ihrem Rassismus, ihrer Waffenlobby, den Neocons und vor allem in ihrer Rolle als brutales, monströses Imperium und das eklige deutsche Vasallentum, ob die Abhandlung diverser Kanzler dieser Republik, ob Wiederbewaffnung oder die interessante Einordnung deutscher Bundespräsidenten, ob die Rollen Gorbatschows und Jelzins, ob Rüstungspolitik und Bundeswehr, sowie der dabei unvermeidliche Blick auf die Münchner Sicherheitskonferenz 2015 mit ihrem gefährlichen, abgesprochenen deutschen Dreiklang, ob die verlogene langsame Hinrichtung Griechenlands, der Putsch in Kiew, ob Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen, ob Israel und Palästina, der sich im freien Fall befindliche deutsche Journalismus, ob Banken- oder Flüchtlingskrise, ob Brüssel, Erdogan und die Wahl von Trump, VW-Diesel-Skandal… Die Summe von Hintergrundinformationen, Fakten und Details in diesem Buch ist geradezu ausufernd.

Dass Lutz Jahoda hervorragend, vor allem kurzweilig und unterhaltsam schreiben kann, hat er in verschiedenen Büchern bewiesen. Jahodas lockerer, eleganter und witziger Stil in diesem zudem durchaus spannenden Buch ist aber weder dem gerne genutzten Hilfsmittel der Erträglichmachung des Unerträglichen geschuldet noch, auf gleicher Ebene, der satirischen Transformation eines eigentlich zutiefst desillusionierten, im Depressiven dümpelnden Zeitzeugen. Denn das Phänomen Jahoda ist vor allem das sehr seltene Kontinuum eines von beneidenswert konstruktiv ausgleichenden Kräften „beseelten“ Charakters und der heiteren Grundgelassenheit des Sanguinikers. Ob Lutz Jahoda elegant die Große Showtreppe hinunterschwebte oder dieses Buch schreibt: Beides ist gänzlich ohne jeden erkennbaren Bruch von derselben Authentizität und mentalen Verfasstheit durchdrungen. Ein Phänomen, wie gesagt. Und ganz offenbar eine der Voraussetzungen für ein langes Leben. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Jahoda in seinem Buch oft wie ein politischer Conférencier (im besten positiven Sinne!) wirkt, der mit sicherer, humorvoller Hand durch die Irrungen und Wirrungen der deutsch-amerikanischen Beziehungen - und weit mehr - führt.

Lutz Jahoda wollte wahrscheinlich eigentlich „nur“ dichten und erzählen, aber es gelingt ihm gerade dadurch mit spielerischer Hand, ob er das beabsichtigt hat oder nicht, nicht weniger als eine überzeugende und beeindruckende Sektion des - neoliberalen - Kapitalismus und seiner verheerenden Folgen für Mensch und Natur jenseits jeglichem sattsam bekannten (nicht nur marxistischen) Politsprechs. Dass ich die eine oder andere politische Einordnung des Autors nicht mitgehen kann und anders bewerte, ist angesichts des großen gemeinsamen Traumes von einer derartigen Vernachlässigbarkeit, dass ich auf diese überflüssige wie gern selbstverliebte Pose des Kritikers lieber gleich gänzlich verzichte.

Für die bisherige stiefmütterliche Behandlung der auch in der „Rationalgalerie“ veröffentlichten, längst Kultstatus erreicht habenden politischen Poesie Lutz Jahodas und die wunderbaren, kongenialen Zeichnungen von Reiner Schwalme möchte ich mich entschuldigen. Aber ich kann nicht anders: Die quantitative und vor allem inhaltlich-faktische Wucht der erzählerischen Anteile dieser Chronik dominieren das Buch entscheidend. Vielleicht mehr, als dem Autor lieb war? Jahodas herrliche Dichtkunst, die dieses Buch überall durchzieht, sowie Reiner Schwalmes wirklich hinreißende Zeichnungen, 91 an der Zahl, können dabei leider nicht mehr, aber natürlich auch nicht weniger als den künstlerisch anspruchsvoll heiteren Rahmen dieses Werkes bilden. Jedoch ist für die Fans Jahoda’scher Dichtung und Schwalmes’ wirklich köstlicher Feder genug Raum übrig geblieben. Warum Lutz Jahoda dieses Buch mit einem vergleichbar bemerkenswerten Understatement bewirbt, ist sein Geheimnis. Ich finde es großartig. Gütesiegel: Garantiert durchgehend dem Vorwurf der Geschichtsfälschung und der Verbreitung von Verschwörungstheorien würdig!

Schon allein daher unbedingte Kaufempfehlung! Es wäre dringend zu wünschen, dass dieses aufklärerische Werk vor allem auch in die Hände der Nach-Wende-Generation gerät!


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 28. August 2017 schrieb Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Schon allein der Name JAHODA ist Herz erwärmend!
Absolut meisterhaft und verehrungswürdig sein Lebenswerk -
sein BUCH - Ehrensache das zu besitzen ....
DANKE LUTZ JAHODA!


Am 24. August 2017 schrieb Reyes Carrillo:

@ Barbara Bellmer
Ich komme aus Argentinien. Zwar habe ich eine zeitlang in Kuba gelebt, aber nie in der DDR.


Am 24. August 2017 schrieb Lutz Jahoda:

Liebe Uschi Peter,
das deutsch-amerikanische Lesebuch LUSTIG IST ANDERS enthält, kurzweilig ausgewogen, Politpoesie und Prosa, also auch Reimkonstrukte, die Reiner Schwalme zeichnerisch erfrischend aufzuwerten verstand.
Hier die Kennzeichnung zur Bestellerleichterung über den Buchhandel (auch in Österreich und der Schweiz): ISBN 978-3-7448-3766-8
Mit Dank und Gruß, Lutz


Am 22. August 2017 schrieb Barbara Bellmer:

Auch mir hat der sympathische Lutz mit seiner unvergleihlichen Art das (gute!!!) Leben in der DDR versüßt. Kann mir jetzt Lutz Jahoda gar nicht so politisch vorstellen, deshalb habe ich das Buch gleich bestellt und bin sehr gespannt darauf. Viele Hoffnungen hatte ich in die PDS, dann die Linke gesetzt, habe mich aber wegen dem Verräter Gysi oder dem Berliner Lederer zurückgezogen.

Danke auch von mir an Reyes Carillo für die toll geschriebene und einfühlsame Rezension. Reyes Carrillo klingt so spanisch. Sind Sie vllt aus Kuba und haben in der DDR studiert??


Am 21. August 2017 schrieb Uschi Peter:

Danke an L.J. und Reyes Carillo für die Rezension! Auch ich werde mich gleich in der Buchhandlung nach "Lutzl" erkundigen. Er hat meine Jugend begleitet als herzerfreuender Entertainer, Komiker, Schauspieler und vor allem Sänger. Gibt es auch ein Buch seiner Gedichte?


Am 21. August 2017 schrieb Hans Rebell-Ion:

Der von mir verehrte Lutz ist seit längerem mein Mail-Freund, dem ich oft aktuelle Collagen zum irren Zeitgeschehen sende!
Auch habe ich Lutz in meinen "Club der Aufrechten" eingeladen, was er freudig annahm! Sein Buch in jede deutsche Hand!!!

Antwort von U. Gellermann:

Ich bin auch für österreichische und Schweizer Hände.


Am 21. August 2017 schrieb Elke Zwinge-Makamizile:

Als sogen. Wessi muss ich feststellen, wieviel geistreiches , unterhaltsames und politisch "links" engagiertes künstlerisches Schaffen es in der DDR gab. Da war wohl die Mauer seitens des Westens, die eine Teilhabe daran nicht als wünschenswert betrachtete. Welche Einengung!
Reyes Carillo war mir auch als Kommentator zu Artikeln von U.G. aufgefallen. Ich erahne eine große Übereinstimmung zwischen beiden- und ich reihe mich gerne dazu ein. Das Buch von Jahoda/Schwalme muss ich haben, auch um das andere Deutschland besser zu verstehen. Erneut: danke an die Rationalgalerie und deren breites politisches und literarisches Engagement gegen kapitalistische Machtverhältnisse.


Am 21. August 2017 schrieb Lutz Jahoda:


DANKADRESSE

Die Zeit der schnellen Jahre hat begonnen.
Fest steht schon heute, wer gewinnen wird.
Was war, ist zur Erinnerung geronnen:
Es wärmt das Herz, sich kurz darin zu sonnen.
Wer seufzend mehr erwartet hat, der irrt.

Ich hab gesungen, hab getanzt, geschrieben.
Hab mich vor Ehebindung nie gescheut.
Mein Publikum war mir stets treu geblieben.
Es war ein Geben, Nehmen - auch im Lieben.
Ich blieb im Land und hab es nie bereut.

Nun bin ich neunzig, was mich schon sehr wundert.
Nicht immer hab ich meiner Pflicht genügt.
Es könnte sein, dass demnächst nichts mehr zundert,
Sagte mein Doc. Inzwischen runde hundert.
Da kann ich nur noch hoffen, dass er lügt.


Am 21. August 2017 schrieb Gerd Wegmann:

Wie kommt die Autorin auf die Überschrift "Von der DDR in die Traufe"? Soll hier unterstellt werden, dass in der DDR ständig geregnet hat?

Antwort von U. Gellermann:

Überschriften formuliere ich selbst. Soll ich Ihrer Zuschrift entnehmen, dass es in der DDR nie geregnet hat?

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