Italien retten

Ein frommer Wunsch

Autor: U. Gellermann
Datum: 05. April 2011
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Buchtitel: Italien retten
Buchautor: Paul Ginsborg
Verlag: Wagenbach

Das ist mal eine verführerische Überschrift: "Italien retten" das steht auf dem Umschlag des Buches von Paul Ginsborg und natürlich wollen alle wissen, wann und wie. Der englische Historiker beginnt sein Plädoyer zur Rettung Italiens damit, dass er Staatsbürger des Landes wird, an dessen florentinischer Universität er lehrt. Und gleich zu Beginn des Buches, 150 Jahre nach der Gründung des italienischen Nationalstaates, springt er ins "Risorgimento", jene Zeit der Wiedergeburt der italienischen Nation, in die Zeit, in der Mazzini, Buonarotti und natürlich Garibaldi an der Einheit des italienischen Flickenteppichs wirkten. Da Italien im Moment auseinander zu fallen droht, nicht nur in einen nördlich und südlichen Teil, auch in einen gebildeten und eine berlusconischen, scheint ihm der Rückgriff auf den Beginn der Industrialisierung Italiens und seinen von der französischen Revolution inspirierten Einigungspatriotismus, die Anleitung zum Fortschritt zu sein.

Der moderne italienische Staat wurde zweimal geschaffen: Erstmalig fraglos mit dem Risorgimento, dessen 150. Geburtstag in diesen Tagen viel Papier bewegt. Zweitmalig allerdings mit der "Resistenza", dem breiten politischen und bewaffneten Widerstand vieler Italiener gegen den hausgemachten Faschismus und die Kräfte des deutschen Nationalsozialismus. Die Resistenza ist, anders als die weiter zurückliegende Zeit des Risorgimento, seit Jahren Hauptangriffsziel des Berlusconi-Regimes. Denn sie war der Gründungsmythos der jetzigen italienischen Republik, die übergreifende Idee, von den Kommunisten bis zu den Christdemokraten. Warum Ginsborg sie bei seinem Rettungsplan nahezu ausblendet, ist schwer zu verstehen.

Ginsborgs wesentliche Quelle zur Erneuerung Italiens, mittels der Erinnerung an das Risorgimento, ist der Philosoph Carlo Cattaneo (gestorben 1896), dessen Ziel es war, die italienische Einheit in einer Konföderation zu finden und dessen Idee der kommunalen Selbstverwaltung der heutige Retter Italiens, Paul Ginsborg, als wesentliches Mittel zur Glättung der Widersprüche zwischen Nord und Süd begreift. Mit Cattaneo analysiert der Autor zu recht die historisch prägende Rolle der norditalienischen Stadtstaaten und deren Selbstverwaltungen, um zugleich den Mangel an Demokratie und Infrastruktur im Süden Italiens zu beklagen. Wenn in diesem Zusammenhang weder die enge Verbindung der amerikanischen Invasionsarmee mit der Mafia erwähnt, noch die Ende der 40er Jahre anlaufende CIA-Operation "Demagnetize" zur Zersetzung der italienischen Gewerkschaften in die Analyse einbezogen werden, dann erscheint die Nachkriegslücke des Buches besonders deutlich.

Die Schwäche der italienischen Linken, auch im Ergebnis des Zerfalls der sozialistischen Länder, ähnelt durchaus der Schwäche der europäischen Linken mit ihrem Mangel an Zukunftsmodellen und dem Verlust des "revolutionären Subjekt". Ginsborg glaubt, auf der Suche nach einer verändernden Kraft, eine "nachdenkliche Mittelschicht" in Italien zu erkennen, die ein Sensorium für die "nachteiligen Auswirkungen des rücksichtslosen Konsumismus" entwickelt habe und die aus dem öffentlichen Dienst, der Kulturindustrie oder dem Lehramt stamme und Träger vieler Bewegungen sei. Und tatsächlich lässt sich auch in Deutschland beobachten, dass die jüngsten Initiativen gegen die Atomindustrie zum Beispiel oder gegen "Stuttgart 21" in einem ähnlichen Milieu verankert sind. Doch viel mehr als ein kategorisches Nein ist auch in diesen Kräftefeldern nicht zu finden.

Der Autor wünscht sich eine "sanftmütige Nation", die die notwendige Änderungen zur Rettung Italiens betreiben soll. Dass der italienische Staat mit seiner brutalen Medienmacht und im Konfliktfall auch gewalttätiger Polizei keineswegs sanftmütig ist, schimmert im Buch kaum auf. So bleibt "Italien retten" ein frommer Wunsch, ein Beitrag zur Debatte, der kaum über deren Ist-Stand hinausragt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 07. April 2011 schrieb Arne Bethge:

Da hat sich Ginsborg entweder verhoben, oder der Verlag hat ihm einen zu schweren Titel aufgepackt. Weniger Anspruch wäre mehr gewesen.


Am 05. April 2011 schrieb Uwe Kersten:

Wenn man an ein Buch mit der Erwartung geht, das es Italien retten könnte, dann kann das nur schief gehen.

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