Ist Helmut Schmidt verstorben?

Ein Beitrag zur antikolonialen Debatte

Autor: U. Gellermann
Datum: 14. November 2014
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Buchtitel: Die Eroberung Europas durch die USA
Buchautor: Wolfgang Bittner
Verlag: VAT André Thiele

Ob der Alt-Kanzler Helmut Schmidt wohl verstorben ist? Diese Frage wirft Wolfgang Bittner in seinem Buch "Die Eroberung Europas durch die USA" implizit auf. Denn tatsächlich, nachdem Schmidt im Zusammenhang mit der Ukrainekrise "vor der Gefahr eines dritten Weltkriegs gewarnt und der EU Größenwahn vorgeworfen hat", ist der "Elder Statesman" aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er, der sonst jede dritte Talkshow zierte und Zeitungen von BILD bis ZEIT als das Orakel von Langenhorn galt, ist weg vom öffentlichen Fenster. Bittner nimmt diese und andere Erscheinungen des öffentlichen Kniefalls vor den Zielen der USA in Europa als Beweise dafür, dass "die Mehrheit der westlichen Medien . . . zu Werbeträgern insbesondere der US-Propaganda verkommen sind."

Doch neben dem Ausfall der Medien als Vierte Gewalt notiert Bittner auch die Verluste im Wirtschaftskrieg gegen Russland: Rund 19 Milliarden Euro Direktinvestitionen seien in Russland gebunden, das bilaterale Handelsvolumen zwischen Russland und Deutschland sei, im Gefolge der Sanktionen, im ersten Halbjahr 2014 um 6,3 Prozent zurückgegangen und die deutschen Exporte nach Russland schrumpften um 15,5 Prozent. Mit solchen Zahlen lässt der Autor den Leser selbst fragen, welchen Nutzen denn die Sanktionen haben sollen und erinnert daran, dass "Russland Deutschlands größter Energielieferant ist" und eine Verschärfung der Konfrontation erhebliche Schäden anrichten könnte. So vermittelt das Buch eine Fülle von Fakten, um nach dem Interesse am Ukrainekonflikt zu fragen und kommt zu dem klaren Fazit: "Die USA sind kein Vorbild für Frieden und Freiheit".

Als redlicher Intellektueller bezieht Bittner auch die russische Position in seine Überlegungen ein und zitiert aus der Rede Putins vor dem Deutschen Bundestag im September 2001, in der er für eine weitgehende Kooperation mit Deutschland und der EU plädierte. Und auch in der Rede des russischen Präsidenten im Kreml aus dem März 2014, entdeckt der Autor Verhandlungsbereitschaft der russischen Seite und die Werbung "um einen fairen Umgang miteinander". Fast resignierend stellt Bittner fest, dass Putins Überlegungen immer wieder als "Propaganda" abgetan werden, statt wenigstens deren Gehalt auszutesten. Und er kommt zu einer galligen Frage: "Aber was ist von einer Regierung zu halten (gemeint ist die deutsche), die ständig die eigene Verfassung bricht, um die hochbrisante Kriegstreiberei der USA mitzumachen?"

Von einer eindringlichen Skizze des ukrainischen Ministerpräsidenten Arsenji Jazenjuk, die ihn als Stellvertreter Washingtons in Kiew ausweist, über den Verfall des "Hoffnungsträgers" Obama bis hin zum offenen Brief von acht ehemaligen US-Geheimdienstlern an Angela Merkel, enthält Bittners Buch ein Ensemble von Beweisen und Gedanken, die den ziemlich gelungenen Versuch der USA zur Eroberung der EU belegen. Einmal allerdings sind Zweifel an Bittners Text angesagt. So, wenn er annimmt, dass nach Obamas Verkündung, "die USA würden in der Ukraine nicht militärisch eingreifen", die akute Kriegsgefahr in Europa gebannt sei.

Während Bittners Buch gerade die Leser erreicht verkündete der Nato-Oberkommandeur, der US-General Philip Breedlove: "Wir haben Kolonnen russischer Ausrüstung gesehen, vor allem russische Panzer, russische Artillerie, russische Luftabwehrsysteme und russische Kampftruppen, die in die Ukraine gebracht werden." Breedloves Behauptung wird ohne jeden Beweis von den deutschen Medien einfach weitergereicht. Die Kriegsgefahr ist nicht gebannt. Und genau deshalb ist Wolfgang Bittners Buch ein richtiger und wichtiger Beitrag zu jener antikolonialen Debatte, die in Europa geführt werden muss, wenn die Völker der alten Welt ihre Selbstständigkeit zurück gewinnen und den Frieden bewahren wollen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 14. November 2014 schrieb Aleksander von Korty:

"Die USA sind kein Vorbild für Frieden und FreiheitFür diese richtige Erkenntnis bedurfte ich nicht des neuesten Buches von Herrn Bittner. Aber immerhin ist es für ihn erfreulich, wenn er sie denn nun durch die Recherche zu seinem Buch selbst erlangt hat.
Nützlich sind dann auf jeden Fall die detaillierten Informationen, die er gesammelt und zusammen getragen hat und die ihn dann zu dieser Einsicht brachten
Und nützlich sollten sie dann auch für die hoffentlich zahlreiche LeserInnenschaft des Buches sein, die ihm zu wünschen ist.
Dass die fortschreitende, ideologische Übernahme der EU durch den GRINGOstaat vor allen Dingen dem landesverräterischen, verfassunswidrigen Treiben der bananrepublikanischen Polit-Elite zu danken ist und dabei an vorderster Stelle der Merkel-Marionette, ist gleichermaßen furchtbar wie tragisch.
Denn gerade die deutsche Geschichte sollte eigentlich angeraten erscheinen lassen, zu Russland endlich, nach zwei verlorenen Weltkriegen, mindestens ein sachlich vernünftige Verhältnis zu pflegen.
Doch vermutlich sind diese Kreise tatsächlich sogar so dumm auf einen dritten Eroberungsversuch zu hoffen, wenn sie diesmal dabei die Gringos im Rücken haben.
Politische Dummheit kann tatsächlich grenzenlos sein. Der Autor des Artikels hat Recht: Die Kriegsgefahr ist nicht gebannt! Aus dem jetzigen Schwelbrand kann schnell ein Flächenbrand werden.




Am 14. November 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Unbequemes auszublenden, Unbotmäßiges der öffentlichen Wahrnehmung zu entziehen: eine der leichtesten Übungen der Öffentlich rechtlichen Anstalten und der von Werbeschaltungen existierenden Druckmedien.
Nikotindampfplauderer Schmidt - an der großzügig langen Überwachungsleine von Feuerwehr und aufmerksamen Redaktionsohren - hatte bislang Narrenfreiheit. Als jedoch das Rotlicht der Konfrontationskurslampe zu rotieren begann, nachdem Exbundeskanzler Schmidts "verwirrter Geist" das fehlerhafte Verhalten Europas zu Russland benannte, war Schluss mit Lustig und der Freizügigkeit, im Studio rauchen zu dürfen.

Weitaus bitterer das Schicksal Gorbatschows: Der letzte Lenker der Sowjetunion, längst eingegangen in die Geschichte unter der scherzhaft grausamen Zeile "der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann kaum noch gehen", hat sich über den Tisch ziehen lassen, gab dem Warschauer Pakt die Peitsche und vergaß, der NATO als Gegenleistung vertragliche Zügel anzulegen.

Jetzt - 25 Jahre nach der Wende - sich verbal an Putins Seite zu stellen, war der Westpresse lediglich eine Fußnote wert. Das Urteil der Finanzwelt mit Auftrag an die Medien: "Aus den Augen mit dem Jammer! Vorerst in die Abstellkammer!"
Trost am Rande: Auch der mit Silberlingen Entlohnte aus dem Neuen Testament soll inzwischen einen Platz im Himmel haben.


Am 14. November 2014 schrieb Manfred Ebel:

Nun ja, lieber Uli, mein Kommentar mag jetzt etwas platt erscheinen: Man braucht doch nur mit offenen Augen durch unsere Welt zu gehen und vielleicht noch sich bemühen, seine Geschichtskenntnisse zu aktualisieren. Allein, wenn man das unzutreffende Geschichtsbild der Deutschen von ihrem Heimatland und akute Rudimentierung der Allgemeinbildung zur Kenntnis nimmt, die abartige Anglo-Amerikanisierung von Alltagsleben, Medien, Sprache, Kunst, Politik und Wissenschaft nicht übersehen will, kommt man zu den beschriebenen Schlussfolgerungen. Zudem machen ja weder GB noch USA einen Hehl aus deren vorrangigster Absicht, der Hegemonie in der Welt. Und gemäß selbst propagiertem "Projektmanagment" (`Wer hat´s erfunden?´) sind deren Zele klar definiert und bekannt. Auf dem Wege dahin wird alles unternommen und unterstützt, was reinpasst und bekämpft, was dem zuwiderläuft. Mich überrascht manchmal noch selbst, wie sehr einfach diese Denke ist.


Herr Schmitz, einerseits fürchte ich wie Sie, andererseits empfinde ich die gesellschaftliche Situation ähnlich der in den letzten Jahren der DDR. Es ist noch spontan, unstrukturiert, spekulativ, teilweise verbrämt hinter diversen Glaubensrichtungen - aber mehr und mehr Frust, Gnatz, Unzufriedenheit, Entrüstung. Ich hoffe, dass ich nicht nur hoffe.


Bezüglich Herrn Schmidt bliebe zu wünschen, dass Politiker nicht erst a.D. und im Alter weiser werden.


Am 14. November 2014 schrieb Markus Schmitz:

Wie Recht Sie wiedereinmal haben, Herr Gellermann! Ich fürchte allerdings, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen, sowie auch anderen Völker Europas weder wissen, welch hohes Gut der Friede ist, noch an der Zurückgewinnung der Selbstständigkeit interessiert sind.

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