Hodenprellung

Wie man einen linken Stadtrat beschädigt

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 30. Oktober 2014

VON UNSEREM KORRESPONDENTEN AUS BAYERN

Der Kalauer "Mann beißt Hund" stammt von gestern. Heute heißt es: "Stadtrat schlägt Polizisten". Egal ob das wahr war. Das kam so: In München trafen kürzlich zwei Männer aufeinander, gelegentlich einer Kurden-Solidaritäts-Demonstration am Stachus. Es kam zu einem verbalen Schlagabtausch. Und anschließend zu einem Ermittlungsverfahren. Klar, einer musste als Täter herhalten, der andere als Opfer. Schön schwarz-weiß, dafür mit großem Farbfoto garniert, prominent platziert auf der Titelseite.

Der eine war Polizist vom USK, jenem berüchtigten "Unterstützungskommando", das bei Demonstrationen gerne mal beherzt dazwischenhaut, wenn jemand es wagt gegen die Regeln des Versammlungsgesetzes zu verstoßen oder gegen restriktive Bestimmungen des Auflagen-Bescheids, wie sie die Polizei auslegt, manchmal sogar im Widerspruch zu vorher extra erwirkten Urteilen zugunsten der Veranstalter gegen allzu weitgehende Formulierungen. Dann wird dennoch gerempelt und geschubst, gekniffen und gekrallt, manchmal auch geknüppelt und gepfeffersprayt, bis ein zu konfiszierendes Transparent entrissen oder ein widerspenstiger Demonstrant aus der Menge gezerrt ist. Einem deeskalierenden Demo-Clown hatte ein baden-württembergischer Beamter mit der Handschuhfaust vor Jahren frontal auf die Nase geschlagen, die dadurch noch dicker und röter wurde und blutete. Der wurde zwar (letztlich aufgrund des eigenen Polizei-Videos) rechtskräftig verurteilt, doch versuchen sie immer wieder, wieweit sie gehen können.

Kampferprobte Spezialkräfte also, nicht zimperlich und skrupellos im Austeilen, gut gepolstert und durchtrainiert, passiv und aktiv bewaffnet. Man sollte nicht meinen, dass diese Heißsporne besonders zart besaitet oder gar überempfindlich sind. Es sei denn, ihr martialisches Auftreten sei pure Kompensation ihrer tief schlummernden Sensibilität und nur männliche Maskarade. Frauen sind bei diesen Greiftrupps (im Gegensatz zur normalen Bereitschaftspolizei) eher selten dabei.

Der andere war Zivilist, erst kürzlich in den Stadtrat gewählt für die Partei DIE LINKE, als "erster Kommunist, der eine Großstadt mitregieren würde", wie der neue Oberbürgermeister Reiter halb respektvoll, halb mit Schaudern und Abscheu bemerkte. Cetin Oraner ist Mitglied der DKP und stammt aus einem kommunistischen Elternhaus, kam also kaum umhin, als Türke auch die Sache des unterdrückten kurdischen Volkes zu seiner eigenen zu machen, denn er konnte sich nicht vorstellen als Türke frei zu leben, während seine Landsleute die Kurden drangsalierten. Er wurde Internationalist, für ihn gelten die Menschenrechte als universell und unteilbar. Das ist in der Türkei nicht unumstritten. Als Musiker singt er selbstverständlich auch kurdisch, wofür ihm seine Fans bei Konzerten in der Türkei zu Zehntausenden zujubeln. Als linker Türke wurde er also in den Stadtrat gewählt.

Wäre es zu einer rot-grünen Kommunalregierung gekommen unter Duldung der LINKEn und anderer Gruppierungen, wäre der sich großstadt-kompatibel gebende CSU-Kontrahent Seppi Schmid heute nicht Bürgermeister in einer Großen Koalition und könnte sich als Wiesnchef beliebt machen und für die nächste Wahl profilieren. Cetin opponiert nun also. Das macht verdächtig. Anscheinend traut man kurdenfreundlichen Linken das Schändlichste zu, vor allem wenn sie aus der Türkei stammen und nicht aus dem Nordirak, wo die "guten" Kurden-Clans wohnen, die neuerdings sogar mit deutschen Waffen verwöhnt werden. Die PKK ist auch hierzulande nach wie vor als "terroristisch" verboten, auch wenn sie die einzige Kraft ist, die den syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräften von der YPG konsequent beisteht in ihrer verzweifelten Abwehr-Schlacht um Kobane gegen die faschistoiden IS-Dschihadisten.

Tatsächlich steht Cetin auf der historisch richtigen Seite im Gegensatz zu den westlichen Staaten, die bis vor kurzem noch die Gotteskrieger ausgerüstet und finanziert haben im Verbund mit Saudi-Arabien und Katar. Das NATO-Mitglied Türkei gewährt noch heute den ISIS-Kämpfern Unterschlupf, Nachschub, Rekrutierungsfeld und medizinische Versorgung. Jeden Tag wechseln Öllieferungen im Wert von einer Million Dollar (zum halben Weltmarktpreis ein gern genommenes Schnäppchen) über die offene Grenze zur Finanzierung des Kalifats. Dafür lässt die türkische Regierung auf die Kurden im eigenen Land schießen. Für Kurden ist die türkische Grenze hermetisch dicht. Natürlich prangert Cetin Oraner das an, ganz öffentlich auf Demonstrationen. Peinlich für die Bundesrepublik Deutschland, die der Türkei Erdogans noch immer die Stange hält, Bayern ganz besonders eisern. Unangenehm auch für die Presse, die das treudeutsche dämonisierende Kurden-Kriminalisierungs-Spiel so lange kritiklos mitgetragen hat. So jemand musste mal demontiert werden.

Es gibt viele Methoden jemandem wehzutun, psychisch wie physisch. Männer können da besonders empfindlich sein, wo das Ego sitzt; bei manchen scheint das direkt im Gemächt zu hängen. Es gibt kaum Unfaireres als Tiefschläge unter die Gürtellinie. Die gelten als unsportlich und werden mit Disqualifikation bestraft. So ist es im Sport. So scheint es in der Politik nicht zu sein.

Und schon gar nicht bei den Medien. Da wird schamlos gelogen und verdreht, weggelassen und unzulässig verkürzt, was die Rotationsmaschinen hergeben ohne an mangelndem Wahrheitsgehalt zu zerspreißeln. Vom Rufmord im Einzelnen bis zur tendenziösen Berichterstattung im Allgemeinen ist alles drin. Die Boulevardpresse ist da besonders anfällig. Auflage lässt sich am besten mit Übertreibungen, Aufbauschungen oder glatten Falschmeldungen steigern, die sind nämlich exklusiv. Möglichst frei erfundene blutige Geschichten kann niemand nachprüfen, doch notfalls geht es noch billiger, weil phantasiesparend, mit ausgiebigen Episoden aus dem Polizeibericht oder einfach brav abgeschriebener Regierungspropaganda. Damit kann man nicht falsch liegen. Die meisten Redakteure wissen, was sie zu schreiben haben und wie. Immer für Oben und gegen Links. Auf den Titelseiten geht es kaum noch um Politik, sondern um Lifestyle- und Freizeit- oder Gesundheitsberatung. Kürzlich war das mal wieder anders: Stadtrat verletzt Polizisten ergab ein Paradestück zeitgenössischen Polit-Journalismus mit klaren Fronten.

Da wurde nun also "berichtet", der hochgewachsene Cetin Oraner hätte bei einer Protest-Intervention gegen die Festnahme eines Demonstrationsteilnehmers einem USK-Polizisten mit dem Fuß in den empfindlichen Genitalbereich getreten, und der hätte dadurch eine Hodenprellung erlitten. Nun weiß jeder Mann, der schon einmal einen "Schlag in die Eier" einstecken musste, dass das zwar momentan höllisch wehtun kann, der akute Schmerz jedoch nach wenigen Minuten abklingt, keinesfalls jedoch für vierzehn Tage Krankschreibung ausreicht, es sei denn, es wäre wirklich etwas Schlimmeres passiert. Dann wäre der Betroffene allerdings auch nach zwei Wochen nicht wieder (minne-)diensttauglich geworden. Zum Beleg für die ruchlose Tat musste ein angeblich beschlagnahmtes, in Wirklichkeit jedoch dem Landeskriminalamt freiwillig übergebenes Video herhalten, das die Version des Getroffenen zu stützen schien. So stand es in der Zeitung: Es hätte eine ruckartige Bewegung von Oraner gezeigt, und unmittelbar darauf eine zurückweichende Abwehrbewegung des Polizeibeamten rückwärts. Vom behaupteten Fußtritt war zwar nichts zu sehen, doch reichte es für eine draufsattelnde Meldung tags darauf, die Aufnahme belege die Polizeiversion.

Die völlig entgegengesetzte Schilderung des Beschuldigten wurde zwar auch erwähnt, jedoch mit dem "objektiven" Beweismittel umgehend konterkariert. Demnach habe der aggressive Polizist mit einem Ausfallschritt nach vorne geschlagen und sei dann schnell wieder zurückgetreten. Einen Fußtritt von ihm selbst hätte es freilich nicht gegeben. Er habe als Stadtrat schlichten wollen und nicht prügeln. Nun, wem glaubt man da zuerst? Je nach Erfahrungsschatz und Weltsicht, politischer Einstellung und Plausibilitäts-Abwägung: Dem "Beweismittel" natürlich, das die Polizei pfauenstolz hochhielt wie eine den Task-Force-Trupp entlastende Trophäe.

Inzwischen haben sich die LKA-Beamten die Szene immer und immer wieder angesehen und mussten zu dem objektiven Schluss kommen, dass der Ruckler nicht von Oraner herrührte, sondern ein Ruckler in der Kamera war. Das ganze Bild war verruckelt, nicht der linke Türke. Das zweifellos ungeschnittene Material gab ein "Vorruckeln" von Cetin einfach nicht her. Zumal der ein standfester Genosse ist und nicht wackelt. Mittlerweile ist von "Hodenprellung" seltsamerweise auch nicht mehr die Rede. Der Arzt, der das attestiert haben soll, könnte sich geirrt haben. Man spricht jetzt von einem "Schlag auf den Penis".

Vielleicht sind einfach die Dienstunterhosen beim USK etwas zu kratzig. Eigentlich sollte beim Vorpreschen eines Polizisten nirgendwo was klemmen außer vielleicht im Hirn ein letzter Rest von Skrupel vorm Zuschlagen. Davon stand jedoch in der Abendzeitung bisher nichts zu lesen. Süddeutsche und tz haben den Sachverhalt zumindest nachträglich richtiggestellt, nachdem Oraner eine Gegendarstellung verlangt hatte. Er hat längst auch Anzeige gegen den Schläger in Uniform gestellt, den armen Überreizten. Dem wird das freilich ganz schön auf den Sack gehen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 14. November 2014 schrieb Maik Hamburger:

Bin etwas verspätet, da gerade vom Urlaub zurück. Meine Urlaubslektüre: "Die Vergnügungsfahrt" von Walter Matthias Diggelmann - eine spannende Kriminalgeschichte und erschreckende Darstellung der Boulevardpresse in Zürich, wo es nicht anders zugeht als hier. Nach "Katharina Blum" das beste in der Art, das mir in die Hände gefallen ist. Kann ich jedem empfehlen!


Am 30. Oktober 2014 schrieb Aleksander von Korty:

Ich habe mich schon immer gefragt, warum unseren treuesten Staatsdienern, den deutschen Polizeibeamten zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn, also bei Dienstantritt, nur die Gehirne amputiert, und nicht gleichzeitig, sozusagen in einem Aufwasch, auch die Eier abgeschnitten werden?
Was im vorliegenden, ersten Fall den unübersehbaren Vorteil hat, dass nicht zum Einsatz beim Einsatz kommen kann, was nicht mehr vorhanden ist und somit die Grundlage für den bedingungslosen Befehlsgehorsam ist, würde im zweiten, möglichen Fall, den ebenso nützlichen, wie unschätzbaren Vorteil haben, dass nicht kaputt gehen, verletzt oder anderweitig in Mitleidenschaft gezogen werden kann, was dann ebenfalls nicht mehr vorhanden wäre. Was wiederum die Einsatz- und Kampfbereitschaft unsere treuen Recken erheblich erhöhen könnte.!
Dabei bildet doch gerade das vorliegende Beispiel der detaillierten Berichterstattung unserer der Wahrheit so überaus verpflichteten, bürgerlichen Presse ein exzellentes Lehrbeispiel dafür, wie man das effektiver regeln könnte.
Nicht so sehr der wohl nicht stattgefundene Angriff auf die gewissermaßen, Staats-treuen Polizei-Eier selbst, der nur dem Zurückzucken einer etwas zu nervösen Kamera zu verdanken war. Aber vom Kontrahenten des Geschehens, dem türkisch-stämmigen Ratsherrn, bzw. genauer gesagt von seinen osmanischen Vorfahren, könnte durchaus Nützliches gelernt werden. 
Diese Osmanen waren nämlich schon vor Jahrhunderten so clever und haben sich der absoluten Vasallen-Treue und Verlässlichkeit ihrer wichtigsten Staatsdiener dadurch versichert, dass sie sie - oft schon in frühester Kindheit - kastrieren ließen! 
Dadurch waren diese Staatsdiener, hinlänglich unter der Bezeichnung `Eunuchen´ bekannt, sogar in den absolut sensibelsten Bereichen einsetzbar, zum Beispiel im Frauenhaus, volkstümlich auch unter dem Namen `Harem´ bekannt.
Kluge Strategen wissen, dass man auch vom Gegner lernen kann. Im vorliegenden Fall also von den Vorfahren des Münchner Ratsherren. 
So sei dem zuständigen Innenminister ans Herz gelegt, sich zukünftig genauer mit der Geschichte des Osmanischen Reiches und seiner inneren Herrschaftsstrukturen zu beschäftigen und in absehbarer Zeit aus seinen daraus folgenden Erkenntnissen, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.
Wer sich Sorgen macht um den dann möglichen Verlust der jetzt so sehr geschätzten Volks-Nähe - `die Polizei Dein Freund und Helfer´ - unserer so liebevoll mit der volkstümlichen Bezeichnung `Bullen´ gekosten Polizeibeamten, kann beruhigt werden.
Dieser herzig-freundliche Begriff kann völlig problemlos durch die dann noch treffendere Bezeichnung (Horn)ochse ersetzt werden. Womit dann auch sprachlich die Welt - und nicht nur morgens um Sieben - wieder in Ordnung wäre!



Am 30. Oktober 2014 schrieb Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Mich schauderts! Diese Hodenpreller-Story paßt ins Bild - ist auch wieder so ein Mosaiksteinchen in der immer weiter fortschreitenden Verlogenheit der tendenziösen, medialen Berichterstattung!!

Unterm Strich kommt sie den Biedermännern und Brandstiftern zupaß und dient wohl auch als "Beleg" für gerechtfertigte Fremdenfeindlichkeit, die in diesem unserem Land bzw. europaweit ebenfalls rasant um sich greift.


Am 30. Oktober 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Empfehle für die bayerische Polizei aufgrund des Vorfalls, die Suspensorien (Tragbeutel zur stützenden Hochlagerung von Körperteilen) in Zukunft aus heiß gepresstem Silizium-Nickelstahl herzustellen und baldigst auszuliefern. Die Legierung hat sich unter der Kennzeichnung M1916 bereits im Ersten Weltkrieg bewährt - allerdings als Stahlhelm.


Am 30. Oktober 2014 schrieb Bernhard T.:

Polizeigewerkschaft raus aus dem DGB!


Am 30. Oktober 2014 schrieb Hans Jon:

Die Volksverdummung-Presse braucht was zum Flöten
und sei es um einen erfundenen Tritt in die Klöten!


Am 30. Oktober 2014 schrieb Martin Lechky:

Ja, hatte denn der Polizist nicht seine Standardausrüstung am Mann, zu der unter anderem auch ein Suspensorium gehört. ;-)
http://de.wikipedia.org/wiki/Unterst%C3%BCtzungskommando_%28Bayern%29#Ausr.C3.BCstung

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