Freiheit ist nichts für Arme

Eine Krimi aus dem Moskauer Goldrausch

Autor: U. Gellermann
Datum: 27. August 2012
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Buchtitel: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe
Buchautor: A. D. Miller
Verlag: S. Fischer

Der S. FISCHER-Verlag hat vor allem eins: Vergangenheit. Dostojewski, Tolstoi und Thomas Mann erschienen dort und die Nazis setzten die meisten Titel des Unternehmens auf die schwarze Liste, was fraglos eine humanitär-intellektuelle Ehrung bedeutete. Auch nach dem Krieg gewann das Haus große Autoren wie Tennesse Williams, Boris Pasternak und Arthur Miller. Inzwischen hat man eine Neigung zu mehr Banalem, wie die aktuelle Debatte um den bei Fischer verlegten Krimi "Der Sturm" zeigt, in dem die fiktive Leiche des "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher auftaucht und so immerhin das Sommerloch stopft. Ein anderer Kriminalroman spielt in Moskau und formuliert ganz eigene Liebesgrüße.

Er hat etwas James-Bondisches, der Roman "Die eiskalte Jahreszeit der Liebe" von A. D. Miller. Auch der relativen Spannung wegen, die sich in einem Moskau der Korruption, der Huren und der russischen und ausländischen Biznismeni rund um den englischen Rechtsanwalt Nick entwickelt. Natürlich ist Nick "jung und erfolgreich" und schon in der Beschreibung seiner Klamotten "fast neue Jeans, Wildlederschuhe und ein Hemd von Marks & Spencer" wird das Outfit-Bewußtsein der Bond-Romane wach: Man ist was man trägt. Als ihm zwei von diesen schicken, stilettobewehrten russischen Mädels begegnen, von denen man nie weiß, sind sie nun Bordsteinschwalben oder Begleiterinnen der neuen Gas-Barone oder beides, fällt der arme Nick in love mit Mascha und sagt in fließendem Russisch: "Da, eta prawda".

Ja, es ist wahr, dass der Rechtsanwalt in der wilden Volksvermögens-Verschiebungszeit des neuen Russland immer wieder juristische Ratschläge erteilt: Wie man eine Ölkonzession in eine Bank umwandelt oder sein Geld schnell aber legal außer Landes bringt. Natürlich ist legal ein relativer Begriff: Legal ist, wenn man den Formalitäten Genüge tut und sich nicht erwischen lässt. Diesmal soll Nick Kredite beurkunden, viel Geld westlicher Investoren für ein Joint-Venture mit dem Staatskonzern Narodneft sichern, dessen Vermögenswerte "den Oligarchen mit brutalen Methoden vom Kreml angenommen wurden" schreibt der Autor und man weiß wo man ist: In der Gesellschaft von Putin, Gasprom und Chodorkowski, einem dieser armen Oligarchen, der natürlich sein Vermögen auch geraubt hatte, aber jetzt als Märtyrer im westlichen TV gehandelt wird.

"Käse umsonst", erklärt ein russischer Nachbar unserem Nick, "gibt es nur in Mausefallen" und spätestens nachdem Nick über den "schlanken gazellenhaften Leib" seiner Mascha sinniert hat, weiß der Leser: Das wird nicht gut gehen, auch die Bond-Girls waren häufig nur der Speck in der Falle. Doch während Bond das häufig früh bemerkte, ist Nick eher so einer, der sich wirklich verliebt. Aber beide haben die klassischen Haltung des erfahrenen britischen Kolonialisten. So wenn Nick flüchtig über einen "dieser dreckigen kleinen Kriege, die beim Kollaps des Reichs des Bösen im Kaukasus ausgebrochen waren" nachdenkt. Das böse Reich wird nicht in Anführungszeichen geschrieben und man darf unterstellen, dass ein richtiger Brite nur an sauberen großen Kriegen interessiert ist. Natürlich kennt Nick die Russen: "Mal suhlten sie sich Jahrzehnten in Wodka und Dreck, dann aber . . . zogen sie in Null Komma nichts einen Wolkenkratzer hoch oder ermordeten an einem Nachmittag die ganze königliche Familie." Man hört die falsche Balalaika und ist verstimmt.

So nimmt denn der Roman seinen Lauf: Nick verliebt sich immer heftiger, das Geschäft mit Narodneft geht seinen Gang, noch fehlt eine Unterschrift, aber das wird schon werden. Wie aus dem Nichts taucht eine alte Kommunistin auf, sie ist irgendwie mit Mascha verwandt und wohnt in einer schönen großen Wohnung, die ihr Mann "von Kamerad Chrustschow" geschenkt bekommen habe. Dass zwar das englische Wort "Comrade" mit Genosse übersetzt werden kann aber das deutsche Wort Kamerad auf keinen Fall Genosse bedeutet: Was schert es den Lektor? Doch immerhin wird die "geschenkte" Wohnung in einem Nebenweg des Romans zu einem der finsteren aber alltäglichen Verbrechen des neuen Russland führen, das nicht verraten werden darf, aber dem Buch eine Farbe über das Bondische hinaus gibt.

Farbig wird A. D. Miller auch, wenn er über die Goldrauschtage in Moskau schreibt "als an der Hälfte der Gebäude im Stadtzentrum Rolex-Reklamen groß wie U.Boote hingen", als man vor den angesagten Restaurants über Nobelschlitten stolperte und der Kaviar zum Frühstück mit Champagner heruntergespült wurde. In dieser Atmosphäre trifft Nick auf den "Kosaken", einen Verbindungsmann zu großen Geschäften, einer der ahnen lässt, dass auch wasserdichte Verträge im Strudel russischer Geldströme untergehen gehen können. Es wird der Kosake sein, der ihn in ein lukratives aber wenig durchsichtiges Projekt in der Nähe von Murmansk verwickelt. Aus Murmansk kommt auch Mascha, die mit einem wunderbaren Satz im Roman brilliert: "Freiheit kann man nicht essen". So ermattet der Glanz des Goldrausches und schrumpft auf jene nackte soziale Wirklichkeit, die im kapitalistischen Russland so gut zu beobachten ist: Freiheit ist nichts für Arme.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 29. August 2012 schrieb Henner Hagebusch:

Warum soll Freiheit denn nichts für Arme sein?

Antwort von U. Gellermann:

Weil Reisefreiheit Geld zum Reisen voraussetzt, weil Meinungsfreiheit eine paar Millionen braucht, um die Meinung zu verbreiten, weil (zumindest in den USA) politische Wahlfreiheit, Milliarden für die Wahlchancen voraussetzt.


Am 27. August 2012 schrieb Jewgeni Wassiljewski:

Die Rezension spiegelt die selten blöde Haltung der Westeuropäer gegenüber "den" Russen. In ihr finden sich sowohl koloniale Arroganz als auch der alte Antikommunistische Reflex. Zum Kotzen.

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