Franz Josef Degenhardt (1931 - 2011)

Ein Nachruf von Dr. Diether Dehm

Autor: Dr. Diether Dehm
Datum: 09. Januar 2012
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Quelle: Das Argument

Manche Künstler erhalten ihre Bedeutung dadurch, dass sie buntes Konfetti über die Häupter ihrer Zeitgenossen streuen. Andere dagegen rollen feine Kassiber, die nach ihrem Ableben anstranden. Paul Celans "Schwarze Milch der Frühe" ist eine solche Flaschenpost an die "Nachgeborenen" ebenso wie das an dieselben adressierte Svendborger Gedicht von Brecht.

Degenhardts große Balladen in den Sechzigern waren zunächst auch zeitgenössisch. Später besang er die Menschenliebe der Kapitalfeinde in großen Charakteren: "Mutter Mathilde", "Natascha Speckenbach" und vor allem des Kommunisten "Rudi Schulte" der einst von (später in Grünen-, SPD- und PDS-Spitzenjobs angekommenen) Ultralinken als "Revisionist" beschimpft wurde ("Das erzählte er am Abend seinen Tauben/ Und da haben seine Tauben sehr gelacht (...)./ An der Kreml-Mauer lehnt Genosse Lenin/ und sagt: Schultenrudi – haste gut gemacht!").

Wer sein Lied »Arbeitslosigkeit« von 1977 hört ("Umdenken, Mister, und zwar schnell und zwar radikal«), hört einen Propheten. Das diffuse Wort "Neoliberalismus", das jene staatlich lizensierte Enthemmung nur ungenügend beschreibt, wurde in diesem Traktat zum Menetekel. Den hier zu hörenden Sprechgesang baute er aus zur zweiten großen Methode neben der Ballade, die er mit Villon, Brecht, Klabund und Brassens entfaltelte. Neben dem teilweise verschuütteten und noch nicht wiederentdeckten brillianten Liederlyriker Dieter Süverkrüp, mit dem er damals stets in einem Atemzug genannt wurde, schuf Degenhardt eine neue Atmosphäre einer antifaschistischen Souveränität, die wir brauchten, um mit dem Posthitlerismus zumindest abzurechnen.

In "Väterchen Franz" und der "Großen Schimpflitanei" ("Lieber Doktor
Degenhardt, Drecksack mit dem Ulbrichtbart...") leuchtet er die unterschwellige Siegesgewissheit der postfaschistischen Staatsterroristen Abs, Globke, Filbinger etc. aus. Dann, mit Degenhardts Liedern, durchschüttelte die Linke Westdeutschlands Kulturen, bis Anachronismus aus den Lodenmänteln rieselte und der Anschluss an das zivilisatorische Mindestmaß möglich ward: der Kniefall des Emigranten in die Pfütze vor dem Warschauer Mahnmal – im Namen Deutschlands.

In seinen Liedern war dem dialektischen Realisten Degenhardt noch ein anderer Typ gelungen: Der alte Nazismus verkumpelte sich dort mit visionärem Marktextremismus. Bei Besuchen sprach er stets vom modernen Nazinachfolger, der mit der EU und der israelischen Luftwaffe bombardierte. Der neue Rassismus fokussiert sein Ausmerzen auf sozial Beschädigte und Arme.

Eine knisternde Idee braucht keine explodierenden Farben. Feinheit malt Gemeinheit. Wenige in der deutschen Liedkultur haben Degenhardts Handschrift fortgeschrieben, meisterlich darunter: Manfred Maurenbrecher. Die Linke hat noch zu wenig dialektischrealistische Bilder vom terroristischsten Feind, dem Finanzkapital, von dem Brecht in seiner "Ballade von der Billigung der Welt" sagte, dass er auf dem Sprung sei, "der Menschheit jetzt die Gurgel durchzuschneiden" Keine wirkmächtige emanzipatorische Strategie kann ohne solche Geschichten und die Geschichte vom Menschheitsfeind auskommen. Ohne Rückgriff auf einen Antifaschismus, wie ihn Degenhardt erneuerte, werden jede Gewerkschaft und auch die Occupy-Bewegung zu kurz greifen.


Auf meiner letzten CD schrieb Degenhardt, mein Gesang sei am "anmutendsten von allen lebenden Eisler/Brecht-Interpreten [...] komödiantenhaft und poetisch, was es in der asketischen [...], drögen deutschen Arbeiterbewegung viel zu wenig gegeben hat." Wenn auch nur die Hälfte seines Lobes stimmt: Unsereiner hätte ohne Franz Josef Degenhardt kaum etwas hingekriegt.

Gekürzte Fassung aus der Zeitschrift DAS ARGUMENT / Ausgabe 6/2011 "Zukunft aus der Vergangenheit? Zum künstlerischen und kulturellen Erbe der DDR" - http://www.inkrit.de/argument/

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