Ein türkisches Drama

Als Tändelei aufgeführt

Autor: U. Gellermann
Datum: 19. Mai 2011
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Buchtitel: Wo wart ihr, als die Finsternis ausbrach
Buchautor: Mario Levi
Verlag: Suhrkamp

Manchen schien das Ende der 70er Jahre in der Türkei der Vorabend der sozialistischen Revolution zu sein: Die türkischen Kommunisten und die linke Gewerkschaftsbewegung konnten Millionen Menschen bewegen: An den Universitäten des Landes waren die Linken die Wortführer, seit dem letzten faktischen Militärputsch 1971 war die Armee nicht mehr die heilige, kemalistische Kuh. Es könnte, so glaubten manche, eine grundlegende linke Veränderung in der Türkei geben. Doch dann kam der Putsch von 1980: Über eine halbe Million politischer Gefangener bevölkerte die Gefängnisse der Türkei, hunderte von Todesstrafen wurde verhängt, Folter gehörte zum alltäglichen Geschäft. Diese Zeit nimmt Mario Levis Roman "Wo wart ihr, als die Finsternis ausbrach" als Ausgang für einen Rückblick, rund 30 Jahre danach.

Sie hatten ein Theaterstück verfasst und auf die Bühne ihres Istanbuler Gymnasiums gebracht, damals in den 70ern, der Türke Necmi, der Grieche Yorgos, der Jude Niso, die Jüdin Seli und die Türkin Sebnem. Über sie lässt der Autor den Erzähler Izak berichten. Denn Izak, inzwischen ein wohlhabender jüdisch-türkischer Kaufmann, vermisst plötzlich seine Jugendfreunde, die, alles Linke wie er, durch den Putsch den Kontakt zueinander verloren hatten. Nun will er sie finden und mit ihnen das Stück noch einmal aufführen: Als Erinnerung an die eigene Jugend, an die Träume und die linken Hoffnungen, als Tribut an die verflossene Zeit.

Welch ein Thema hatte Mario Levi in den Händen. Denn die türkischen Kommunisten sowjetischer Provinienz (als solche sind die Protagonisten seines Buches unschwer zu erkennen) haben ja nicht nur den Kampf gegen das türkische Militär und gegen die eigene Bourgeoisie verloren. Ihnen waren, wie Millionen Kommunisten in allen möglichen anderen Ländern, in den 90er Jahren, mit der Implosion des existierenden Sozialismus, erhebliche Punkte ihres politischen Bezugssystems, ihres Glaubensbekenntnisses verschwunden. Mit dieser dramatischen Ausgangslage wäre eine großartige literarische Reflektion und Analyse möglich gewesen: Was war falsch, was war richtig an der Haltung der Linken? War der Tod so vieler Kämpfer nötig? Haben sich die Opfer gelohnt? Wie geht der Einzelne mit seinen Verlusten um? Was ist geblieben?

Doch Levi lässt uns an einem tändelnden Spiel über verlorene Jugendlieben teilnehmen, erstickt die Fragen nach Schuld, Verrat und Einsicht in einer alles überwältigenden Alltagsgeschwätzigkeit, die von der detaillierten Beschreibung diverser Speisen bis zur koketten Kommentierung von im Buch erwähnten Personen reicht: "Wäre das ein Roman gewesen, wer weiß, was die Rezensenten in die Namen hineininterpretiert hätten . . . ". Auch die unterschiedlichen Nationen seiner Figuren, denen im Istanbul jener Jahre nicht selten Ablehnung entgegenschlug, geben dem Autor nur Anlässe zu Anekdotischem, nicht aber zu Erkenntnissen über eine immer noch nationalistische Wirklichkeit in der Türkei.

Man konnte sie überall treffen , die Türken, die ihr Land hatten verlassen müssen. Ob in den beiden Berlin der 70er und 80er Jahre, ob in Paris oder Moskau: Immer brachten sie Biografien mit, die von körperlicher und seelischer Pein geprägt waren. Sie waren unbeugsame Kämpfer gegen die Diktatur in ihrer Heimat und zugleich krank vor Sehnsucht nach ihrem Land. Levi macht aus seinen Exilanten solche, die einfach das Land gewechselt und sich in Griechenland oder Israel, eingefunden hatten. Das mag an Isak, dem Erzähler, selbst liegen, dem: ". . . die Liebe zu Fenherbace (dem Istanbuler Fußballklub) höher steht als alle politischen Feindschaften." Bis heute wird in der Türkei über die Verbrechen jener Tage kaum öffentlich gesprochen. Erste, wenige Dokumentarfilme erzählen schon aus den Gefängnissen. Doch ein Roman, der die Zeit mit allen Irrtümern und aller Kühnheit beschrieben hätte, wäre ein wichtiger Schritt gewesen. Doch Levi verharrt im Banalen.

Besonders ärgerlich ist die Behandlung der Figur Sebnem: Sie sei, so wird über mehrere hundert Seiten behauptet, wegen verstörender privater Erlebnisse in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden. Und ein ebenso anrührender wie wundersamer Prozess der Genesung führt sie raus in die Freiheit der Normalität. Doch irgendwann, auf Seite 559, erfährt der gequälte Leser vom Autor, dass sie wegen schrecklicher Erlebnisse in den Foltergefängnissen an sich und der Welt irre geworden ist. Welch ein stumpfer literarischer Trick. Sie wird nur noch von der Schilderung des Theaterstückes übertroffen, dem angeblich alle Figuren des Romans entgegenstreben, während dessen Aufführung aber leider ein wichtiges Fußballspiel im Radio läuft, dessen Nacherzählung im Buch gut die Hälfte der Textpassage frisst, die dem Stück am Ende des Romans eingeräumt wird.

Wäre die Türkei ein Land am Rande des Weltgeschehens, wie Merkel und Sarkozy es so gern behaupten, müsste man sich vielleicht nicht über die verschenkte Chance zum Nachdenken über die Verquickung von Diktatur und Aufstand erregen. Aber die Türkei ist immer noch der 'unsinkbare Flugzeugträger' der USA. Oder, wie die Botschaft aus dem US-Sicherheitsrat im Moment des 80er Putsches an den damaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter lautete: "Our boys dit it". Ja, die Jungs der USA haben den Putsch gemacht. Und wenn auch die öffentliche politische Debatte in der Türkei noch nicht reif für die Analyse jener Zeit sein mag, das Mittel der Literatur könnte die historischen Momente erhellen, die das scheinbar ferne Land ins Zentrum der Auseinandersetzung zwischen West und Ost schleuderten und die für eine ganz Generation junger Türken damals zum Trauma geworden sind. Diese große Möglichkeit hat Mario Levi gründlich verfehlt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 21. Mai 2011 schrieb Hüseyin Osman:

Sie sollten dem Autor zumindest zugute halten, dass er in einer immer noch schwierigen Situation lebt und wohl kaum die ganze Wahrheit über die Zeit der Diktatur ausbreiten kann.

Antwort von U. Gellermann:

Entweder man sagt es oder man schweigt.

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