Ein Erbe des Widerstandes

Was man den Lebenden schuldig ist

Autor: U. Gellermann
Datum: 05. Januar 2015
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Buchtitel: Machandel
Buchautor: Regina Scheer
Verlag: Knaus

Einmal rastete im Jahr 1987 der Friedensmarsch vom Konzentrationslager Ravensbrück zum Konzentrationslager Sachsenhausen in einem Dorf bei Oranienburg. Für Clara, die zentrale Figur in Regina Scheers Buch "Machandel", ist der Ort ein Teil der Familienerzählung. Ihr Vater war diesen Weg auch schon gegangen in jenen Apriltagen 1944 als die SS das Lager räumen ließ und auf diesem Marsch die Mehrheit der Häftlinge umbrachte. Ein Stein am Wegesrand, mit dem roten Winkel der "Politischen" geziert, erzählte, in Erinnerung an die Toten, von den "Vorkämpfern für Frieden und Sozialismus".

Clara, die in einer Familie des "Roten Adels" groß geworden war, setzte Hoffnung auf diesen Marsch, der von der DDR-Opposition organisiert, Veränderung erreichen, die Luft zum Atmen in der DDR bessern sollte. Als Clara Jahre später, längst war die DDR vergangen, den selben Ort besucht, ist der Stein weg. Ein großes Holzkreuz, jetzt auch den toten deutschen Soldaten und den KZ-Wachmannschaften gewidmet, markiert die Grabstätte. Die war nun mit der Inschrift "Den Opfern von Krieg und Gewalt" versehen. Gleichberechtigt die Gräber. Alle sind nun irgendwie Opfer. Gewalt kennt scheinbar keine Täter mehr.

Clara und ihr Mann hatten gegen Ende der DDR, von dem 1985 nicht einmal eine Ahnung in der Luft lag, in Mecklenburg eine Kate bezogen, einen ehemaligen Schafstall, den sie liebevoll als Refugium, als Ort der Zuflucht herrichteten. Zuflucht vor einer Atmosphäre öffentlicher Sprachlosigkeit und Bedrückung, der sich Claras Bruder durch die Ausreise entziehen wird. Mit ihm besucht sie erstmalig das Dorf Machandel, ein Nest, in dem ihr Bruder Zeiten seiner Kindheit verbracht hatte, ein Flecken nach den vielen Wacholderbäumen ringsum benannt, die im Plattdeutschen Machandel heißen.

Es wird im Buch auch um den Machandel-Baum gehen, jenes mythische Gewächs aus dem grausamen Märchen vom Bruder, den die Stiefmutter schlachtet, aus ihm "eine gute Suppe" kocht und dessen Gebeine die Schwester unter dem Machandel-Baum vergräbt, damit er wiederauferstehen kann. "Meine Mutter die Hur / die mich umgebracht hat / mein Vater der Schelm / der mich gessen hat / mein Schwesterlein klein / hub auf die Bein / an einem kühlen Ort", lässt Goethe das Gretchen in der Kerker-Szene des "Faust" singen. Eine Vorahnung schimmert auf: Clara wird mehr verlieren als nur ihren Bruder.

Von Machandel aus entrollt Regina Scheer den Stoff ihres Romanes, ein Gewebe deutscher Geschichte, wie ein brutales Märchen erzählt, begonnen im Widerstand der Kommunisten, fortgesetzt in der Gründung der DDR, eigentlich beendet mit dem Versuch der DDR-Opposition eine andere, bessere DDR zu erzwingen. Während des Sterbens der DDR treffen zwei Genossen aufeinander, die sich aus dem Konzentrationslager kannten. Und wo der eine nach den Waffen ruft, um die Opposition zu ersticken: "Das sind wir den Toten schuldig!"´, hält Claras Vater dagegen: "Den Lebenden sind wir auch etwas schuldig".

Woher mag die Schuld kommen, wenn man etwas schuldig bleibt? Schon längst ein Pflegefall erinnert Claras Vater, der alte Kommunist, wie er gemeinsam mit anderen aus dem KZ Bombenschäden in Hitlers Reichskanzlei beseitigen soll: "Wir gingen in diesen Saal - Deutsche, Tschechen, Russen, ein Franzose - , wir flätzten uns in die Sessel, johlten und lachten, während es draußen krachte und kreischte und blitzte. Diese Bomben, dachten wir sind nicht für uns." Für einen Moment waren die Häftlinge im Zentrum des mächtigen Verbrechens. Nach dem Krieg sollten nicht wenige von ihnen selbst die Macht sein. Und sie sollten verlieren.

Wer Regina Scheer liest, kann einen summenden Ton hören, so wie Teekessel summen, wenn die Nacht auf die Häuser fällt und zwischen den Buchdeckeln die Geschichten aufsteigen. Mit starker Nähe formt die Autorin ihre Figuren: Die Flüchtlinge aus dem Osten, die 1945 in Machandel eine Bleibe fanden - manche für immer. Die russische Zwangsarbeiterin, die in Machandel blieb und fast versehentlich eine Deutsche wurde. Die Frau aus der großen Stadt Hamburg, die vor den Bomben in das Dorf geflohen war und eine fremde Liebe fand. Den Vater von Clara, der dem KZ entkommen, eine kleine Zeit des Kurierens im Ort verbrachte und auf seine spätere Frau traf. Sie vergisst auch nicht den, der eine junge Frau dem Nazimord in einer Anstalt auslieferte und anscheinend ohne Schaden davon kam. Sie alle begegnen sich, manche berühren sich auch. Ganz sicher berühren sie den Leser. Wenn er sich einlässt auf eine Geschichte in Geschichten, auf die von der Autorin geschenkten Schicksale, auf jene warmherzige Nachdenklichkeit, die Regina Scheer zu eigen ist.

Der Bruder wird verloren bleiben: Ein Fotograf der Ereignisse im Prag des Jahres 1968, der seinem und Claras Vater ein Gewissen war, der auf der Spur nach einem anderen, einem besseren Leben für das Recht der Menschen an sich selbst, in einem fernen Land verschwindet. So wie scheinbar die Sehnsucht der Kommunisten nach einem anderen, einem besseren Leben für alle verschwunden ist, versunken im Verbrechen des Stalinismus, ertrunken im Sumpf der Bürokratie, entschlafen in grauem Alltag.

Einmal im Buch zitiert Clara den Dichter Jürgen Rennert: "Mein Land ist mir zerfallen. / Sein´ Macht ist abgetan. / Ich hebe, gegen allen / Verstand, zu klagen an." Der Verlust an Hoffnung, so erzählt "Machandel", darf nicht in der Verzweiflung münden. Was sich da aus dem Widerstand entwickelt hatte und an sich selbst zugrunde ging, hat ein Erbe hinterlasse: Den Widerstand. Den sind wir den Lebenden schuldig.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 05. Januar 2015 schrieb Grit Jaspers:

Ich neige nicht zu Superlativen. Aber die Wendung "das Recht der Menschen an sich selbst" gehört zu den schönsten Begriffs-Neuschöpfungen, die mir bekannt sind. Danke.


Am 05. Januar 2015 schrieb Sven Schönfelder:

Reaktionärsvorwurf von Leser Greven:

Mit diesem Vorwurf wird er nun wohl leben müssen, der Gellermann. Vielleicht tröstet, dass er nicht ganz allein steht. Ein anderer Reaktionär, Rudolf Leder alias Stephan Hermlin, hat 1992 formuliert: "Ich nehme zur Kenntnis, dass ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt."


Am 05. Januar 2015 schrieb Maik Hamburger:

Ein wunderbares Buch voll Klugheit, Empathie und Geschichtsverständnis.
In dieser Erzählung erkenne ich die widersprüchlichen Facetten der DDR wieder, in der ich 40 Jahre gelebt habe.

Mit dem literarischen Kniff, die Hauptpersonen je aus eigener Sicht erzählen zu lassen, vermag Regina Scheer eine Vielfalt von Stimmen zu bündeln, die zusammen erst ein ausgewogenes Bild der geschilderten Gesellschaft vermitteln. 

Zu DDR-Zeiten hätte diese Polyphonie der Autorin von Seiten einiger Betonköpfe den Vorwurf mangelnder Parteilichkeit eingebracht.
Heute existieren auch solche Betonköpfe, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.



Am 05. Januar 2015 schrieb Hans Jon:

Das Alles ist die sog. KULTUR, deren "WERTE" wir angeblich "verteidigen" müssen!
"Feste Jungs macht nur weiter so, ihr bekommt schon alles kaputt!"


Am 05. Januar 2015 schrieb Manfred Ebel:

Wie doch oft nah und prophetisch die Literatur am Zeitgeschehen ist! Ist das rezensierte Buch nicht genau die Beschreibung möglicher Reaktionen und Verhatensalternativen im Hauptessay dieser Woche? ... also unserer und die unserer Mitbürger? ... inklusive der Kommentare und Kommentatoren?
Nennt sie beim Namen, die wirklichen Reaktionäre! Und verzeiht es ihnen nicht!
"Wer liest, ist klar im Vorteil."


Am 05. Januar 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Liebe Frau Lena Räther
Sie machen mich sprachlos. Ihrer Einschätzung kann ich mich nur beifallspendend anschließen. Danke für Ihr Gellermann-Lob.

Und hier noch zur Gellermann-Beschimpfung meine Frage an Herrn Grewe:
Dass Europa kurz davor steht, alle Hoffnung fahren zu lassen, weil eine Rotte übler ausgekochter Gesellen im Begriff ist, die Weltgemeinschaft in Massenhaft zu nehmen, finden Sie gut?
Da kann ich nur sagen:
Mein lieber Grewe, Rainer,
Sie sind mir vielleicht einer!


Am 05. Januar 2015 schrieb Wladimir Iljitsch Uljanow:

Kleine Empfehlung an Rainer Greven: „Lesen, lesen, selber lesen…“


Am 05. Januar 2015 schrieb Rainer Greven:

Offenkundig bastelt der Roman - wider alle Vernunft - an einer Entschuldung der DDR. Dass Herr Gellermann das gut findet und daraus noch "Hoffnung" destilliert brandmarkt ihn als das was er ist: Ein linker Reaktionär.


Am 05. Januar 2015 schrieb Lena Räther:

Diese Rezension hat alles was eine Rezension haben muss: Eine poetische Sprache, eine Übersicht über den Inhalt und eine gesellschaftliche Analyse. Sie ist wirklich meisterhaft.

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