Ein Deutschland-Bild mit DDR

Christoph Hein schreibt zur Besserung der Verhältnisse

Autor: U. Gellermann
Datum: 26. Mai 2016
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Buchtitel: Glückskind mit Vater
Buchautor: Christoph Hein
Verlag: Suhrkamp

Ja, darf der das denn? Darf Christoph Hein einen Roman zur verblichenen DDR schreiben, in dessen Zentrum nicht die Staatssicherheit steht, nicht der Versuch einer Revolution im Jahr 1989, nicht mal die mangelnde Versorgungslage und auch nicht die Mängeln der Demokratie? Alles Themen, die, so der so, tatsächlich schon ihre Romane (oder was der Literaturbetrieb dafür hält) gefunden haben. Nun also Hein, wo doch alle DDR-Romane schon geschrieben sind, alle Messen gesungen, und die DDR als Unrechts-Staat amtlich gestempelt ist.

Zart sollte daran erinnern werden, dass Christoph Hein in der alten Bundesrepublik gern als Dissident gehandelt wurde. Ja, dissidiert er denn immer noch? Wo doch alle Wünsche nach Freiheit und Blühen östlich der Elbe von den Freiheitskämpfern aus dem Westen erfüllt worden sind. Wenigsten – aus der Sicht der DDR-Klischee-Hersteller – wenigstens ist die zentrale Figur in Heins Roman aus der DDR abgehauen. Aber der Grund! Er flieht die DDR weil er dem lange Schatten seines Vaters, einem im Nachkriegs-Polen gehenkten Kriegsverbrecher, entkommen will. Er kann die Last nicht tragen, der Roman-Protagonist Konstantin Boggosch, die Schwere der ererbten Schuld. Wo er selbst doch unschuldig ist, am KZ, das sein Vater hat bauen lassen, an der Ausbeutung der Kriegsgefangenen, an verbrannter Erde und verbrannten Menschen in Russland. Wie Flammenzeichen erscheinen ihm die SS-Runen am Himmel einer DDR, die streng antifaschistisch auftritt und doch den jungen Konstantin in Sippenhaft nimmt.

Ja, wo flieht er denn hin? Na, klar, erstmal in den guten alten Westen, dort trifft er auf den Bruder seines Vaters, der weiß genau, dass „wir“ den Krieg nur wegen der "Verräter" Rudolf Heß und Karl Dönitz verloren haben, und auch, dass der Vater von Konstantin nur ein tapferer deutscher Soldat war. Das meint der Sohn schlechter zu wissen und irgendwann fasst er den Entschluss zur Fremdenlegion zu gehen. Nun hat ja ein Autor, sollte man meinen, seine Figuren in der Hand. Hein hätte doch seinen jungen Mann in die Fremdenlegion gehen lassen und die Franzosen hätten ihn in dieser Zeit gut im Algerienkrieg einsetzen können. Aber nein, der Schriftsteller lässt ihn in einem Marseille Antiquariat auf die Reste einer Resistancegruppe treffen. Auf Antifaschisten. Ausgerechnet.

Christoph Hein, dessen Sprache sich schon früh durch eine solch kühle Präzision auszeichnete, dass es einem ganz warm werden konnte, sendet seine Leser in die klugen Zweifel der Nachkriegs-Zeit: Waren die Deutschen nach all den Verbrechen heilbar? Wo sollten sie nur gesunden? In der DDR, in der die Antifaschisten ein strenges Regiment zur Reglementierung der Freiheit, bis hin zum Bau einer Mauer, entwickelt hatten? Oder doch besser in der Bundesrepublik, die eine große Bewältigungsmaschine angeworfen hatte, die sich wesentlich auf die Verbrechen an den europäischen Juden konzentrierte und allerlei andere Nazi-Verbrechen in der Rubrik Krieg abhandelte? Hein lässt dem Leser keine Wahl, denn der junge Boggosch flieht ein zweites Mal, diesmal nicht aus sondern in die DDR, aber wieder seines Vaters wegen, den er auf einem Foto als Wächter in einem Lager entdeckt, in dem einer seiner französischen Freunde im Ergebnis der Resistance-Mitgliedschaft gelandet war. Scham – ein seltener Fluchtgrund.

Wer jetzt eine heile DDR erhofft oder befürchtet hat, der trifft auf eine Republik, die den Heimkehrer eher widerwillig aufnimmt und in dessen Akten der Verbrecher-Vater nicht zu tilgen ist. Einmal, auf seiner Wanderung durch die DDR-Institutionen, begenet der stigmatisierte Konstantin einer anderen Vater-Sohn-Bestimmung: Ein Bezirksschulrat, den die rigide DDR nicht Schuster bleiben ließ weil er der Sohn von einem war, der in den Zwanziger Jahren mit Max Hölz gekämpft und im Aufstand gegen die Reichswehr Kampf und Leben verloren hatte. Folgerichtig steckten die Nazis so einen Sohn ins Gefängnis und die DDR machte den, der kein Abitur hatte, in der Folge ebenso richtig zum Schulrat.

Es ist ein großes, deutsches Bild, mit dem Christoph Hein seine Leser beglückt. Ein Bild von einem braven Mann, der seine Scham produktiv wendet, der sein Erbe annimmt und es in Bildung wandelt, eine Bildung die den Schülern des Lehrers Boggosch zugute kommt, auch weil sie Herzensbildung ist. Wie nebenbei schenkt uns der Autor nicht nur eine kluges Porträt der DDR in dem auch die Bundesrepublik zu erkennen ist. Mit vollen Händen gibt er seine große literarische Erfahrung her, großzügig darf der Leser an einer Entwicklung teilhaben, die auf Besserung setzt: Jene der Verhältnisse.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 30. Mai 2016 schrieb Rüdiger Becker:

Großartiges Buch. Das westdeutsch dominierte Feuilleton hat es, gleich Ihnen, wohlwollend rezensiert (ganz anders als zuvor etwa "In seiner frühen Kindheit ein Garten").
Dort wurde es aber auch anders gelesen. Also eher erziehungsauftragszentriert.
Ihr Blickwinkel sollte den Autor deutlich mehr erfreuen - weil er vermutlich seiner Intention näher kommt. Schicken Sie bitte unbedingt einen Link an seinen Verlag.


Am 28. Mai 2016 schrieb Susi Sorglos:

Ihre Besprechung macht Lust auf das Buch!
Danke.

Zu Christoph Hein fällt mir der beschämende Umgang mit ihm durch das West-Berliner Establishment ein, als er für den Intendantenposten des Deutschen Theater vorgeschlagen wurde, und der ihn dann zum Verzicht auf das Amt bewog.


Am 26. Mai 2016 schrieb leo leontjew:

Das Druckfehlerteufelchen kommt dann und wann mit Charme daher. Wir lesen : " ... trifft auf eine Republik, die den Heimkehrer eher wiederwillig aufnimmt ...". Der Leser fragt sich also, nimmt sie ihn wieder willig oder doch eher widerwillig auf ?
Danke für die den Hinweis auf dieses Buch.


Am 26. Mai 2016 schrieb Lutz Jahoda:

Danke für die Besprechung des jüngsten Christoph-Hein-Romans "Glückskind mit Vater". Ich freue mich und gratuliere ihm auf diesem Wege zu diesem Wurf.
Anlässlich der "Eisernen Hochzeit" von Gustav Just und Ehefrau Heide (Gustav Just, Publizist und Übersetzer, siehe Wikipedia)
hatte ich das Vergnügen, mit Christoph Hein zu plaudern. Er gab mir Ratschläge zur Veröffentlichung meiner Romantrilogie "Der Irrtum", und ich brachte ihn zum Lachen mit dem Satz, dass Theodor Fontane gegenwärtig keinen Fuß zwischen eine Verlagstür bekäme. Gustav Justs Tochter schickte mir Erinnerungsfotos und schrieb: "Habe soeben Glückskind mit Vater´ verschlungen. Sehr gut!"

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