Dritter Weltkrieg verschoben

Aufrüstung muss erst noch angeleyert werden

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 02. Oktober 2014

Irgendwie erwarten Viele, dass es bald gewaltig rummst. Im Gegensatz zu vor 100 Jahren bleibt die Kriegsbegeisterung zwar weitgehend aus, dafür ist die Sorge umso größer. Man kennt das ja inzwischen hierzulande, wie Weltkriege auszugehen pflegen: Erst gehen sie aus, mit angestacheltem Enthusiasmus, blumengeschmückt aufgebrezelt und übermütig gelaunt, und dann kommen sie wieder nach Hause zurück, zerlumpt und ausgemergelt, in Schutt und Asche, verstümmelt und geschlagen. Irgendwann bekommt der Krieg Heimweh, doch findet er die Heimat kaum wieder, so zerstört und wie umgepflügt sie da liegt.

So zumindest war es bisher immer, wenn Deutschland sich zum Kriegen anschickte. Mag es anderswo Siegesparaden und verklärte Erinnerungen an das große Völkerschlachten geben, ein Gefühl der Genugtuung, der drohenden Niederlage getrotzt und das Kriegsglück gewendet zu haben, hat man hierzulande genug davon und sehr damit zu tun, das Militärische überhaupt noch salonfähig zu halten oder es wieder allgemein akzeptabel zu machen. Die Bundeswehr gibt sich da gewisse Mühe. Mit öffentlichen Gelöbnissen, Werbeoffizieren an Schulen und familienfreundlichen Kindergarten-Angeboten auf Kasernenhöfen ist es jedoch nicht getan. Daher greift man nun zu härteren Waffen: Man lässt den Barras alt aussehen in aller Öffentlichkeit, um Mitleid zu evozieren. Man lässt den Bundesprediger in die Bütt steigen und an "deutsche Verantwortung" appellieren.

Es grenzt schon an Geheimnisverrat, wenn aus dem Kriegsministerium Zahlen lanciert werden, die den erbärmlichen Zustand der Truppe vor aller Augen führen sollen, auch derer hinter den Sonnenbrillen, die fleißig mitnotieren und das Debakel der schimmelnden Wehr an ihre Geheimdinste melden. Die Taliban werden erzittern, die ISIS erbleichen und Putin verzweifeln angesichts der desolaten Bundeswehr. Vor der sollen sie Respekt haben? Das ginge doch nun gegen jede Soldatenehre. Die vaterlandsvergessenen deutschen Zeitungsleser sollen wohl an ihrem innersten Stolz gepackt werden, wenn sie das zu lesen bekommen am Fühstückstisch, und vor Mitleid eine spontane Eierspende ins Auge fassen für die nächste Standort-Kantine.

Skandalös: So viele Gefahren wie potenzielle Gegner, und sowenig einsatzfähiges Material! Angeblich sind nicht einmal die Hälfte der gepanzerten Transportfahrzeuge vom Typ "Boxer" startklar, nur 70 von 180. Von theoretisch 109 "Eurofightern" gehen gerade mal 42 in die Luft. Noch erbärmlicher sieht es bei den Hubschraubern aus: Nur 8 von 33 NH-90-Transportern trudeln halbwegs hoch, der "Tiger" taumelt immerhin zu einem Drittel (10) seiner Stückzahl (31), obgleich er schon mal seinen Waffenträger verliert wie neulich auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr, wo sich die Füchse erschreckt haben werden, aber nicht geschädigt wurden, da glücklicherweise keine Gefechtsköpfe dran montiert waren. Ganz übel sieht es auch beim "Sea Lynx" aus mit seiner Erfolgsquote beim Start von 4:22, kaum weniger trübe beim "Sea King", der gerade mal 3 von theoretisch 21 vorhandenen Exemplaren hochkriegt, immerhin ein stolzes Siebtel seiner Sorte. Damit ist kein Krieg zu gewinnen, schon gar nicht ein Weltkrieg. Keinesfalls dran zu denken ihn auch nur zu führen und erst dann zu verlieren.

Eigentlich eine gute Nachricht. Für die großmäulige NATO eine denkbar schlechte. Rasselt die doch gegen Russland mit ihren abgerissenen Panzerketten, Putin solle nur ja die Finger lassen von Polen oder den baltischen Staaten. Zwar hatte der nie davon gesprochen Warschau oder Talin besetzen zu wollen, sondern zum Beleg des Gegenteils davon, dass er könnte, wenn er nur wollte, allerdings von föderalen Strukturen innerhalb der Ukraine für eine Autonomie der südöstlichen Gebiete, die Novorossja genannt werden, doch ist in der Kriegspropaganda so gut wie alles erlaubt. Nur das mit der Selbstentblößung ist neu. Eine besonders perfide Finte, um die nächste Aufrüstungsspirale in Gang zu setzen. Soll heißen: Wenn schon keine Panzerdivisionen, um weiträumig vorzustoßen gen Osten wie anno dunnemal, dann doch zumindest ein paar schnuckelige Kampfdrohnen, vielleicht um Putin gezielt auszuschalten! Es könnte ein Schuss nach hinten werden. Vielleicht kratzt die Drohnen-Armada schon über dem Berliner Bendlerblock die letzte Kurve: Falsch programmiert. Oder vom Gegner gehackt ferngelenkt. Vielleicht aber auch nur einfach schlecht gewartet. Nein, harmlos ist das alles nicht, denn es soll ja noch werden.

Doch vorerst gilt: Auch wenn´s an allen Ecken und Enden brennt, muss das Kriegführen zunächst outgesourct werden: In Hammelburg werden die nordirakischen Peschmerga-Kämpfer ausgebildet und eingewiesen in den Gebrauch jener Waffen, die aus alten Bw-Beständen gespendet wurden für den Einsatz in Syrien und im Irak. Das ist Waffenexport auf allerhöchster Regierungsebene direkt ins Kriegsgebiet, da muss kein Rüstungsfabrikant mehr schummeln. Seht her, wir geben unser letztes Splitterschutz-Hemd, lautet die Botschaft, obwohl wir´s doch selber so bitter nötig hätten. Die Bettlerbande im Tarnfleck hält den Stahlhelm auf für bessere, modernere, zielsicherere, noch tödlichere Waffen. Dazu macht sie sich schon mal nackig. "Knartz 14" scheint das zu sein anstatt des üblichen 08/15. Bedürftigkeit soll wohl einen Rechtsanspruch begründen helfen.

Man sei derzeit für weitere NATO-Verpflichtungen nicht gewappnet. Will heißen: Für die laufenden Kriegseinsätze reicht es allemal. Geschickt formuliert! Man solle im Moment nicht alles auf einmal wollen, doch wisse man durchaus, wohin die Reise gehe: Unser Feld ist die Welt. Eine (Vor-)Kriegslist sondersgleichen! Das wirkt wie Verteidigungs-Viagra, um doch noch feurig angreifen zu können eines Tages. Bis dahin muss der Weltkrieg jedoch verschoben werden. Weltkriege ohne Deutschland sind nämlich eigentlich undenkbar. Das steht zwar so nicht in der NATO-Charta, darf aber als Gewohnheitsrecht beansprucht werden. Es war bisher immer so. Und sollte es tatsächlich einmal anders sein, dann stünde Deutschland bestimmt auf der Gewinner-Seite, hoffen die Kriegstreiber in den oberern Etagen. Dumm nur, dass das vermutlich nicht allzuviele Menschen überlebt haben würden in den Kellern darunter. Auch die nicht, die sich heute berechtigt Sorgen machen anstatt aufzustehen gegen die schamlose Stimmungsmache für Aufrüstung zum Krieg, welche in zivil-voyeuristischer Transparenz zelebriert wird.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 31. Oktober 2014 schrieb Stefan Wehmeier:

"Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater."

(Einheitsübersetzung / Markus_13,32)

Götter sind primäre bzw. vorherrschende künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten eines religiös verblendeten Kulturvolkes und "die Engel im Himmel" sind als sekundäre, daraus abgeleitete Intuitionen aufzufassen, von denen die Religiösen sowohl zu neuen Erkenntnissen als auch in die Irre geführt werden können. Schutzengel sind eindeutig als Denkblockaden zu verstehen, die die Religiösen in der Verblendung halten, damit sie nicht "über den Rand der Welt fallen", d. h. nicht in Gefahr geraten, dem Erkenntnisprozess der "Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion" vor dem Jüngsten Tag zu begegnen. Denn anderenfalls müsste die gesamte Kultur sofort zerfallen, solange das Wissen noch nicht zur Verfügung steht, um die Erbsünde zu überwinden.

Der "Sohn der Kultur" ist die Kreditnachfrage und der "Vater der Kultur" das Kreditangebot. Bei einer Liquiditätsfalle ist aufgrund marktwirtschaftlicher Konkurrenz der Zinsfuß in einer Volkswirtschaft so weit gesunken, dass die Zinsgeldersparnisse nicht mehr zum (mittel- bis langfristigen) Verleih angeboten, sondern zum Zweck der (kurzfristigen) Spekulation liquide gehalten werden. Der "Baum des Lebens" (der Geldkreislauf) bricht zusammen und eine entwickelte Arbeitsteilung wird unmöglich. Einziger Ausweg vor der Erfindung der Atombombe war für die Religiösen der Krieg, um soviel Sachkapital zu zerstören, dass der Zinsfuß wieder auf eine für den Kapitalismus lukrative Höhe angehoben wurde und somit wieder neues Zinsgeld in neue Sachkapitalien investiert werden konnte. Dieser Ausweg ist den Religiösen heute verwehrt, denn der 3. Weltkrieg wäre ein Atomkrieg, der nicht nur alles Sachkapital, sondern die gesamte Biosphäre des Planeten zerstört!

http://opium-des-volkes.blogspot.de/2014/09/der-jungste-tag.html

 


Am 06. Oktober 2014 schrieb Hans Jon:

Das vermeintliche Jammern über die maroden Kriegs-Waffen der Bundeswehr ("Wehr"!, nicht Angriff) ist ein böser Trick unserer "Führer", um dem kriegsmüden Volk Angst zu machen und um eine t e u r e Aufrüstung zu rechtfertigen! "Volk hör diese Signale!"


Am 03. Oktober 2014 schrieb Walter Bornholdt:

Jetzt könnte eine Aufrüstungskampagne gestartet werden, dass uns Hören uns Sehen vergeht!

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-pannen-von-der-leyen-in-der-kritik-a-995043.html

Besser so:
Aktueller Werbefilm der Trachtengruppe ? 1:28 min.

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/extra_3/Der-wahre-Imagefilm-der-Bundeswehr,extra8102.html


Am 02. Oktober 2014 schrieb Gerd Hammesfahr:

Verstehe ich Sie richtig: Ist die beschaffungskriminelle Waffenbeschaffung der Bundeswehr ein Beitrag zur Abrüstung?


Am 02. Oktober 2014 schrieb Flash Flash:

Im wesentlichen ein gelungener Atikel, der die derzeitige Situation an der "Heimatfront" zutreffend zeigt.
Nur das mit dem "Aufstehen" zum Schluß des Artikels ist gar nicht einfach.
Da hätte sich der Autor noch einige Gedanken machen sollen.

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