Die Schicksalssinfonie

Wie die Musiker den Aufstand proben

Autor: Rolf Fischer
Datum: 28. Januar 2011
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Regie: Michael Kliefert/Steffen Mensching

Verbürgte Aufstände von Orchestermusikern sind selten in der Musikgeschichte. Berühmteste Anekdote ist wohl die über die Entstehung der Abschiedssinfonie von Joseph Haydn. Vor knapp 20 Jahren probten die Musiker des Musicals "Linie 1" des Gripstheaters Berlin einmal den Aufstand, gegen ihre Schauspielkollegen, raus aus dem Graben, rauf auf die Bühne. Jetzt also: Orchester und Ensemble des Theater Rudolstadt.

Der Plot ist schnell erzählt: Während der Generalprobe zum Konzert - auf dem Programm steht besagte Schicksalssinfonie - sickern Gerüchte über eine mögliche Abwicklung des Orchesters im Rahmen einer Neustrukturierung der Theater- und Orchesterszene des Landes durch. Eine Evaluierungskommission werde zu diesem Konzert erwartet. Der Orchesterwart weiß wie immer alles und nichts. Auch wenn diese Geschichte einen sehr ernsten Hintergrund hat, ist es vergnüglich zu sehen, wie Schauspieler und Musiker künstlerisch damit umgehen.

Mit einer ordentlichen Probe ist es vorbei. Die Sorgen und Ängste der Musiker artikulieren sich über herbe Bosheiten untereinander, da missglücken Rettungsversuche in demokratischer Hilflosigkeit, ein zähes Ringen der Vorstände, der Gewerkschaft und der Orchestergruppen setzt ein, um in argen Handgreiflichkeiten gegenüber ihrem Dirigenten zu kulminieren. Dabei treten gefühlte und wahrhaftige Missstände zu Tage. Die Auseinandersetzungen erfolgen oft rüde mit unverhohlenem Sarkasmus, ja Zynismus. Der musikalische Kalauer hat hier Hochkonjunktur, beim Publikum bleibt kein Auge trocken. Herrlich, ist doch die Orchesterwelt wie die eigene, der Zoff genauso wie zu Hause, bei den Nachbarn….und alle wollten ja schon immer mal wissen, wie es in einem Orchester so zugeht und warum es so tolle Musikerwitze gibt.

Wie gehen Leute aus 8 (!) Nationen miteinander um ? Die historischen Ressentiments von Musikern würden dem Bundes-Sarrazin alle Ehre machen. Und wenn es am Ende gegen den Diktator Dirigent geht, sind alle "unisono", nichts mehr von "concertare" ... Dazwischen wird auch geprobt, jawohl! Das Publikum hört größere wie kleinere Ausschnitte aus den Highlights der Orchesterliteratur des 18./19. Jahrhunderts. Dann plötzlich haarsträubend witzige musikalische Bearbeitungen und arg trügende Schlüsse. Da fand sich auch was für musikalische Feinschmecker. Das beschließende Finale "I will surviv" in einer knackigen Parodie der Autoren im fetzigen Arrangement brachte einen durchaus programmatischen, wie versöhnlichen, vor allem knalligen Rausschmeißer.

Wie wurde das Ganze nun realisiert ? Schauspieler sind keine Orchestermusiker, die Musiker keine Schauspieler…. Hier galt es Grenzen der Konvention zu umschiffen und sich an scheinbar Unmöglichem zu versuche". Als Gäste wirkten die Musiker der Berliner Band "Schnaftl Ufftschik“ mit, die nicht nur Barrieren des Entertainments sprachlich wie solistisch leicht und locker bezwingen konnten (sie vermochten ihren sprechenden "Musiker-Figuren", neben den Schauspielern die schärfsten Konturen zu geben), sondern auch die musikalischen Klippen zwischen U- und E-Genres so zu nehmen, dass in den Bearbeitungen und Parodien ein wirklich leichter, heiter-souveräner Gesamtklang entstand.

Die Schauspieler als Musiker ... sie waren nicht zu hören, denn wie schön, im Orchester gibt sich der Einzelne zugunsten eines größeren Ganzen hin, wenn nicht auf. Das mag bei einem dirigierenden Schauspieler noch angehen. Einige agierten jedoch derart geschickt, dass der Betrachter annehmen musste, hier wurde Erlerntes aus Jugendzeiten reaktiviert und mit großer physischer Emphase vorgetragen. Und sicher konnte man sich bis zum Ende nicht sein, ob nicht einige ihre Stimmen tatsächlich mitspielten. Als "sprechende" Musiker waren sie natürlich die Säulen des Abends. Ihre Figuren bildeten die "Sprachrohre" des Orchesterkörpers.

Dazu "accompagnierte" in gebrochenem Deutsch und in einer Vielzahl von Dialekten beherzt und ungeniert, doch auf seriöser kabarettistischer Höhe die wahren Orchestermusiker. Ging auch hier und da mal eine Pointe verloren, so hatte alles Tempo und Spritzigkeit, da mochte man an mancher gestelzten Wendung nicht mäkeln, wurde doch alles mit großem Engagement vorgetragen.

Es ist üblich, besondere Leistungen einzelner Musiker durchaus hervorzuheben. Solch schöne Momente gab es einfach zu viele. Dass der echte Dirigent der Thüringer Symphoniker am Ende auch noch zum Zuge kam, sei hier nur nebenbei bemerkt, denn hier gab einer den ganz stillen Schwerenöter und spielte tatsächlich nicht die erste Geige.

Berlin, 13. Februar 2011
Um 15 Uhr und um 19.30 Uhr
Maxim Gorki Theater

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