Die RAF der USA

Robert Redford: Aus dem Untergrund auf die Leinwand

Autor: U. Gellermann
Datum: 16. Juli 2013

Aus der Pressevorführung kommend erblicken die blassen Gesichter junger Kritiker das Tageslicht: Ein Politthriller, na schön, von Robert Redford, wird auch älter, was? Die Geschichte von "Die Akte Grand" hat einen wahren Hintergrund? Echt? Ja. Es waren die 70er. Die Truppen der USA marodierten in Vietnam. Jahrgang für Jahrgang junger Männer wurde eingezogen, nahm am Völkermord teil, kam nicht mehr nach Hause, oder eben doch: Mal ohne Beine, mal ohne Seele. Eine ganze Generation junger Amerikaner wurde so verheizt. Überall auf der Welt erhoben zumeist junge Leute ihre Stimme gegen das Mörderland und seine Truppen. Auch und gerade in den USA. Und die Staatsmacht war bei der Niederschlagung der Proteste nirgendwo zimperlich. Auch und gerade nicht in den USA. Aus dem amerikanischen SDS (Studenten für eine Demokratische Gesellschaft) spaltete sich die radikale Gruppe der "Weathermen" ab, sie begriffen sich als eine "revolutionäre Organisation kommunistischer Männer und Frauen". Als einer ihrer Verbündeten, ein Black-Panther-Aktivist, von der Polizei regelrecht hingerichtet wurde, gingen die Weathermen in den Untergrund und erklärten dem Staatsapparat den Krieg. Soweit der reale Hintergrund für den Film.

Jahrzehnte später, erzählt der Film, längst haben sich jene Weathermen, die man nicht hatte fassen können, scheinbar legalisiert. Falsche Namen, falsche Biographien, aber eben richtige Menschen. Einer von Ihnen ist der angesehene Anwalt Jim Grant (Robert Redford). Es ist ein kluger Schachzug, mit dem die Regie (Robert Redford) die Zuschauer für den Protagonisten einnimmt: Er erzieht seine zwölfjährige Tochter (Jackie Evancho) allein, und schon die ersten Dialoge der beiden strahlen jene familiäre Liebe ab, die dem Hollywood-Film so gut steht. Doch in die Idylle platzt ein junger ehrgeiziger Journalist (Shia Labeouf), der den Illegalen auf der Spur ist. Jim Grant weiß, dass, wenn man ihn erwischt, er wegen eines Mordes sitzen wird, den er nicht begangen hat. Und er weiß auch, wer aus seiner Vergangenheit bezeugen könnte, dass er unschuldig ist. Jetzt beginnt jene Flucht, jene Jagd quer durch die USA, die den Film zurecht als Thriller ausweisen. Schon auf dieser Oberfläche - der Film ist mit Susan Sarandon, Julie Christie und Nick Nolte über die beiden Zentralfiguren hinaus gnadenlos gut besetzt - ist die Regiearbeit von Redford als intelligente Unterhaltung zu lesen. Doch Redford will offenkundig mehr.

In einer der Einstiegs-Szenen wird in einem furiosen Dialog zwischen Susan Sarandon, die eine der Weatherpeople war und nun aufgeflogen ist, und dem als Journalisten figurierenden Shia Labeouf jene Frage aufgeworfen, die von ewiger Gültigkeit ist: Darf man sich gegen Gewalt mit Gewalt zur Wehr setzen? Nicht, dass der Film eine gültige Antwort bereit hielte. Aber dass er sie aufwirft, dass er die Möglichkeit zulässt, über heutige Gewalt nachzudenken, über Drohnen und Rohstoffkriege, über die Abhorchgewalt und die Gewalt des Hungers und der Demütigung, das führt den Film weit über die Spannungserzählung hinaus. Abgefragt wird auch die persönliche Verantwortung des Einzelnen: Ja, die Weathermen waren Terroristen, ja, sie warfen Bomben auf militärische Einrichtungen. Aber sie wehrten sich gegen ein System, das Menschenleben vernichtet. Und nein, die persönliche Verantwortung des Einzelnen macht nicht vor der eigenen Tür halt. Bis heute muss jeder überlegen, wie weit er für das, was sein Land, seine Armee, seine Polizei im eigenen und anderer Leute Länder anrichtet, geradestehen muss. Dass diese Lektion in Staatsbürgerkunde so leicht daher kommt, dass diese bittere Pille gegen Anpassung und Passivität so gut geschluckt werden kann, das ist dem Besten zu verdanken, was amerikanisches Kino vermag. Wenn doch das Land eine annähernd so gute Politik machen würde wie es Filme fertigt.

Der Film kommt am 25. 7. 2013 in die Kinos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 16. Juli 2013 schrieb Johannes M. Becker, PD Dr.:

..merci bien!
Und: Auf den film freue ich mich ( selten genug...)!


Am 16. Juli 2013 schrieb Franz Witsch:

Ich bin nicht so uneingeschränkt von diesem Film begeistert. Das Gewaltproblem wird oberflächlich abgehandelt. Dafür stehen große Gefühle im Zentrum, die auf unsere Kinder verweisen; hier auf die 12-jährige Tochter des Helden (Redford). Sie verdient und braucht es, dass ihr Vater nicht im Gefängnis für einen Mord einsitzt, den er nicht begangen hat. Entsprechend zeichnet der Film die Tochter in den liebenswürdigsten Farben, dazu eine Familienidylle, die eher dazu angetan ist, Brechreiz auszulösen.
Die Botschaft des Films lautet: unsere Kinder sind unsere Hoffnung; nur dass es diesmal nicht heißt: ihnen soll es später einmal besser gehen als uns, nein: sie müssen später einmal die Gesellschaft so machen, wie sie selbst erzogen worden sind - vorbildlich so, wie es Redford macht, versteht sich, der es deshalb nicht verdient, im Knast zu versauern.
Als sei mit einer guten moralischen Einstellung auch nur das geringste in unserer Gesellschaft zu erreichen.
Eines zeigt der Film allerdings auf herzzerreißende Weise: Terroristen sind auch Menschen, aber nur, wenn sie ein Herz für Kinder haben. Es ist halt ein Ami-Film mit Herz und Kitsch.


Am 16. Juli 2013 schrieb Gina Radewagen:

Ihre Filmkritik zu "Die Akte Grand" ist ein Muster jener Kritiken, die nicht nur vom Bild schwärmen sondern auch den Sub-Text eines Film erfassen. Ihre Erinnerung daran, dass es die "Weatherpeople" wirklich gab, Ihre Breitschaft nach nach deren Motiven zu fragen, unterscheidet sie wohltuend vom nur-ästhetischen Geschwätz der Mainstream-Kritik. Wenn sie dann auch noch sprachliche Höhen erklimmt - wie mit jener Beschreibung von US-Soldaten, die aus Vietnam "Mal ohne Beine, mal ohne Seele" nach Hause kamen, dann weiß ich: Es gibt sie noch, die intellektuelle Filmkritik.

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