Die Mythen der Tagesschau

Die Linke braucht eine zeitgenössische Medientechnik

Autor: Marc Britz
Datum: 10. Juli 2017

Marc Britz ist Architekt und Architekturtheoretiker. Seine Spezialisierungen sind zeitgenössischer Städtebau und die Medien in der modernen Architekturkultur. Er lehrte städtebauliches Entwerfen und Theorie der Architektur in England (AA-School London) und den Vereinigten Staaten (SOA Princeton). Im Moment promoviert Marc Britz im Fach Architekturgeschichte und Theorie an der School of Architecture, Universität Princeton zum Thema Architektonischer Entwurf und finanzielle Argumentation. Marc Britz lebt und arbeitet in Athen, Griechenland.

Bereits im Jahr 1957 schrieb der französische Literaturkritiker Roland Barthes unter dem Titel "Mythologies - Mythen des Alltags" einen medientheoretischen Essay der heute - sechzig Jahre später - nicht aktueller sein könnte. Der Aufsatz handelt von dem was Barthes als Mythen definiert, nämlich von jenen versteckten, ethisch fragwürdigen Mechanismen mit deren Hilfe ein kulturelles Produkt wie der alltägliche, gesellschaftliche Diskurs von den Mächtigen als übergeschichtliches, quasi-natürliches Geschehen maskiert wird. Barthes ging es darum die Funktionsweise dieser Mythen zu erklären und damit seine Leser in den Stand zu bringen, die politischen Motivationen hinter der formalen und materiellen Vielfältigkeit menschlichen Diskurses decodieren zu können. Spätestens seit Margaret Thatcher davon sprach, dass es so etwas wie eine Gesellschaft nicht gäbe, und da wo die neoliberalen Herrschaftsmedien in Geistesverwandtschaft zur eisernen Lady auch heute den von ihnen produzierten Diskurs als quasi-natürliche Alternativlosigkeit verstanden haben wollen, sind Barthes Überlegungen wieder von brisanter Aktualität. Denn nichts ist gefährlicher für die Mächtigen als ein Erklärungsansatz, der die als natürlich dargestellten illegitimen Grundlagen eines politischen Systems als die kulturellen und damit auch wandelbaren Konstrukte darstellt, die sie von Anfang an waren.
Folgt man Barthes, wird eine Aussage erst durch die Art und Weise zum Mythos wie sie eine Botschaft übermittelt und keineswegs durch den sie vermittelten Inhalt. Auch spielt die Form der Botschaft keine Rolle. Alle Themenkomplexe und alle Medienformen eignen sich nach Barthes gleichermaßen gut zur Mythologisierung. Es macht keinen Unterschied ob die Tagesschau über den Fußball, den Kirchentag oder den Syrienkrieg berichtet, genau wie es unwichtig ist, ob sie das online oder im Fernsehen tut. Was zählt, ist allein der Modus der Übermittlung, also WIE die Tagesschau die Wirklichkeit in einen bestimmten Aussagestatus verwandelt. Das entscheidende ist für Barthes dabei die gesellschaftliche Determination des mythischen Aussagemodus. Gesellschaft ist bereits die Voraussetzung durch die sich Materie überhaupt erst in Bedeutung verwandelt kann, denn erst wenn Aussagen über Dinge notwendig werden, zum Beispiel weil sich Menschen zunächst verständigen müssen um kollektiv Probleme lösen zu können, tritt eine Bedeutung zu der rein materiellen Seite der Dinge hinzu. Umgekehrt bedeutet dies, dass so etwas wie zwangsläufige, quasi der "Natur" entwachsene Nachrichten nicht geben kann. Denn alles was Menschen von anderen Menschen durch ein wie auch immer geartetes Zeichensystem erfahren, ist immer schon über eine notwendigerweise zeitlich vorhergegangene gesellschaftliche Verständnisübereinkunft codiert. Wenn ein Sprecher der Tagesschau auch nur "Vladimir Putin" sagt, beruht schon das Verständnis dieser einfachen Aussage auf der gesellschaftlichen Dimension der Zeichensysteme. Wie Freud und Marx gezeigt haben, ist diese Dimension an sich bereits problematisch. Die Stichworte "Unbewusstes" und "Ideologie" müssen hier genügen. Allerdings handelt es sich bei Mythen nach Barthes um Zeichensysteme die sich jene "einfachen" Aussagen auf vorsätzliche und gezielte, also motivierte Weise aneignen. Der Mythos "Vladimir Putin" entsteht, sobald diese einfache Aussage mit einer weiteren Bedeutung konotiert wird. Das Ziel ist dabei von allen möglichen Konnotationen einer einfachen Aussage wie "Vladimir Putin" nur jene gelten zu lassen, die im Sinne einer bestimmten Motivation sind. Die auf Gedeih und Verderb dem westlichen Imperialismus verschriebene Redaktion der Tagesschau wird nicht müde der einfachen Aussage "Vladimir Putin" durch die vereinfachte aber kontinuierlich wiederholte Assoziation "Aggressor" der in Wirklichkeit komplexen politischen Figur die Geschichte zu rauben und die Illusion einer unabänderlichen Natur zu erzeugen.
Das Wissen um die Funktionsweise der von der Tagesschau produzierten Mythen erlaubt es uns der Leugnung der Gesellschaft ein beherztes "No Future For You!" entgegen zu setzen. Als Barthes seine "Mythologies" vor sechzig Jahren schrieb, war er auch von Marx und Brecht beeinflusst. Man darf den Autoren Gellermann, Klinkhammer und Bräutigam mit ihrem nun vorliegenden Buch "Die Macht um Acht" einen ähnlichen Bezugsrahmen unterstellen. Beide Bücher lesen sich mit Gewinn parallel. Das ältere liefert einen noch immer gültigen medientheoretischen Bezugsrahmen, das neuere das Wissen um die konkrete historische Situation. Eine schlagkräftige Linke braucht beides um erfolgreich Politik machen zu können. Dringender noch aber braucht die Linke eine zeitgenössische Medientechnik, mit deren Hilfe sich ihre Politik wirksam und unter Umgehung der vom Standpunkt der Masseninteressen ohnehin nur noch nominellen "Massenmedien" in die Praxis umsetzen ließe. Zu erörtern wie diese Technik aussehen und funktionieren könnte, sollte Thema einer neuen Debatte sein.

DIE DEBATTE
ZUR MACHT UM ACHT

Einige Freunde der Rationalgalerie haben das Buch „Die Macht um Acht“ gelesen und werden ihre Rezensionen Zug um Zug an dieser Stelle veröffentlichen. Sie alle beteiligen sich seit Jahren an der intellektuellen Diskussion in unserem Land. Ihre Beiträge können und sollten die Leserinnen und Leser anregen ihre Meinung zur Medien-Verfassung unseres Landes zu äußern. 

Viele Köpfe denken mehr.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 14. Juli 2017 schrieb Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Die linke braucht eine zeitgenössische Medientechnik.
HILFE!!!!!!!!
Wenn ich ehrlich bin:
ich habe vollends die Orientierung verloren.


Am 12. Juli 2017 schrieb Peter Kamphaus:

Dieser Satz von Herrn Biritz "Denn nichts ist gefährlicher für die Mächtigen als ein Erklärungsansatz, der die als natürlich dargestellten illegitimen Grundlagen eines politischen Systems als die kulturellen und damit auch wandelbaren Konstrukte darstellt, die sie von Anfang an waren" ist verdammt war. Aber seine Anwendung in der Praxis, seine Anwendung zur Mobilisierung derer, die den herrschenden Mythen unterlege sind, steht aus.


Am 11. Juli 2017 schrieb Fred Merger :

Mir gefällt die Debatte um die Macht um Acht ganz außerordentlich. Vor allem die verschiedenen Denkrichtungen, die Gellermann hier zusammenführt imponieren mir. Allen Rezensenten einen herzlichen Dank!


Am 10. Juli 2017 schrieb Vera Mandler:

Zur der Fülle der Anregungen und Überlegungen, die in dieser Debatte veröffentlicht wurden will eich eine weitere hinzu fügen: Es wäre an der Zeit einen Medien-Kongress zu organisieren, der in der Folge des damaligen Springer-Kongresses steht aber darüber hinaus weist, sich den neuen Verhältnissen gerecht wird.

Antwort von U. Gellermann:

Tatsächlich plant der Berliner Buchhändlerkeller zum 19. September einen Veranstaltung unter dem Titel "Wer sind Springers Erben". Als Podiums-Teilnehmer stehen jetzt schon Arnulf Rating, Albrecht von Lucke und Uli Gellermann fest. Das ist zwar noch kein Kongress, könnte aber eine Initialzündung sein.


Am 10. Juli 2017 schrieb Jenny Westphal :

Marc Britz weist auf einen wesentlichen Faktor der Massen-Beeinflussung hin: Längst vor der jeweiligen konkreten Botschaft der Medien gibt es bereits einen Sockel der Konditionierung im Massenbewußstsein, der nur noch abgerufen werden muss (hier exemplarisch „Putin"). Wie allerdings unter diesen Bedingungen eine zeitgenössische Medientechnik zu schaffen ist bleibt rätselhaft. Aktuelle Beispiele wüßte ich nicht zu nennen. Am ehesten ist es noch Ken Jebsen, der mit deinem „zeitgenössischen“ TV im Internet an die Mediengewohnheiten der Mehrheiten anknüpft.

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