Die Heilige Johanna von BMW

Ein Leichenschmaus für servile Medien

Autor: U. Gellermann
Datum: 10. August 2015

Über Tote, behauptet eine Phrase, solle man nichts Abträgliches sagen. Oder auch "de mor­tu­is nihil ni­si bene", wenn sich der Mensch mit Latein stadtfein macht. Aber über die Lebenden, die sich in den Medien an der toten Johanna Quandt, verwitwete BMW, gütlich tun, um den ordinären Kapitalismus mit einer Heiligen aufzuhübschen, über die wird man wohl die Wahrheit sagen müssen. Über jene Nekrophilen in den Redaktionen, deren Augen ständig den Boden absuchen, um reiche Füße zum Küssen zu finden, denen muss man ihren Nachruf beizeiten schreiben, denn wenn die gestorben sind, gilt vielleicht erneut jene Pietät, die der Wahrheit abträglich ist.

Eine "Pflichtbewusste Patriarchin" wird eine der reichsten Frauen Deutschlands genannt. Als "Mäzenin" taucht die BMW-Dame in fast allen Nachrufen auf, als ob ihre Stiftung Gutes getan habe, als sie einen Medienpreis ausgerechnet an die BILD-Zeitung vergab. "Johanna Quandt machte BMW zum Weltkonzern", gluckert es im Sumpf der Medien: Diese vielen Stunden am Fließband, nur um den Massen Autos zu schenken, arme Johanna! "Frau Quandt war einfach nett, man musste sie mögen", schreibt da einer, der sie wahrscheinlich kaum gesehen, geschweige denn ihre Treppe geputzt hat.

Doch die wahre Orgie der Liebedienerei wurde ganzseitig in der "Süddeutschen Zeitung" gefeiert. Na schön, BMW hat seinen Sitz in München, wie die SZ auch. Zu Recht wittert die Redaktion Anzeigen, Einladungen zu BMW-Empfängen und erstklassige Testwagen. Aber muss man deshalb mit der Schmonzette von der Frau Quandt im Supermarkt beginnen, die angeblich ihre Verwandtschaft mit den Quandts gegenüber der Kassiererin scheu abstritt? Muss man wirklich Johanna Quandt in die Phalanx der Witwen Springer und Bertelsmann einordnen, ohne zu erwähnen, dass sie alle drei nur Drittfrauen waren? Und muss man ihr ernsthaft Bescheidenheit attestieren, die doch nichts anderes als professionelle Vorsicht vor dem Licht der Öffentlichkeit war? "Esse non videri" (Sein, nicht scheinen), zitiert einer der Lohnschreiber das Quandt´sche Familienmotto ohne die Fadenscheinigkeit des Spruchs auch nur einmal an der Wirklichkeit zu messen.

Die Wirklichkeit der "bescheidenen" Quandt-Sippe ist in Berlin am Brandenburger Tor, Pariser Platz 7 zu besichtigen. Dort stand einst die Villa Max Liebermanns, des deutsch-jüdischen Malers, den die Nazis in Acht und Bann getan hatten, dessen Witwe kurz vor Auschwitz den Freitod wählte und dessen Verwandte von den Nazis ermordet wurden. Genau dieses Grundstück erwarben die Quandts 1995 als Berliner Familien-Absteige und bewiesen so ihre 'besondere' Zurückhaltung mit einer späten Arisierung jüdischen Eigentums durch Profiteure des Nazi-Systems. Dass eine der mächtigsten Familien Deutschlands diesen Platz am deutschen Symbol-Tor besetzt, ist als Herrschafts-Chiffre kaum zu überbieten, nur den Regierungsmedien will es einfach nicht auffallen.

Schon im Ersten Weltkrieg gehörte der Konzerngründer Günther Quandt als Leiter der „Reichswoll-AG“ zu den Kriegsprofiteuren. Später setzte er, bereits Mitte 1931, auf die Nazis und traf sich mit Hitler im Berliner Hotel Kaiserhof, um der NSDAP für den Fall eines Linksputsches 25 Millionen Reichsmark zur Verfügung zu stellen. Nach `33 bedankten sich die Nazis mit Rüstungsaufträgen und stellten dem Wehrwirtschaftsführer großzügig jede Menge Zwangsarbeiter zur Verfügung, die sich in den Quandt-Betrieben gern zu Tode schuften durften. "Ihre hervorstechendste Eigenschaft aber ist Ihr Glaube an Deutschland und an den Führer“, bescheinigte Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank dem Günther Quandt im Jahre 1941 in einer Laudatio. Da war auf dem Gelände eines der Quandt-Werke in Hannover bereis ein KZ-Außenlager errichtet, komplett mit Galgen und allem was zum Massenmord so dazu gehörte.

Wenn das Nazi-Kapitel der Quandts mal nicht ausgeblendet wurde, wie im Nachruf der SÜDDEUTSCHEN, dann wird es unerträglich verniedlicht: "Kein tröstender Schimmer fiel in diese Dunkelheit (der Nazi-Vergangenheit)", sorgt sich die SZ, um dann einen Biographen der Quandts zu zitieren, der, zu Johanna gewandt, zu bedauern wußte: "Das war gewiss nicht leicht für sie." Arme Frau inmitten ihrer Aber-Milliarden, auf Sklavenarbeit fussend, wurde sie angeblich erst spät mit den Quellen ihres Reichtums konfrontiert. Doch wenn das Nürnberger-Kriegsverbrechertribunal konsequent gewesen wäre, hätten die Quandts enteignet werden müssen. Für den Firmenchef und Mann von Johanna hätte ja schon ein solider Galgen für Kriegsverbrecher auf dem Firmengelände bereitgestanden. Das alles wußte Frau Quandt, zumindest hätte sie es wissen können.

Selbst wenn in den untertänigen Medien mal zaghaft an die Nazi-Quandts erinnert wurde, blieb die moderne, schicke, neoliberale Sklavenarbeit ganz sicher außen vor. Leiharbeiter und Werksvertragsarbeiter – Menschen im Niedriglohnsektor – sichern BMW heute prima Gewinne. Nein, man hängt heute niemanden mehr auf, um das Arbeitstempo zu steigern. Man stellt Leute ein, die der Belegschaft eine lebende Mahnung sind: Mucke ja nicht auf, sonst gehörst Du auch zu denen, die umgehend gefeuert werden können und schlechtere Löhne bekommen. Über diese mehr als 15.000 Kollegen in der Konzern-Sonderbehandlung schweigt jeder Nachruf: Damit soll nicht einmal die tote Johanna belästigt werden.

Und dann muss die Verstorbene, Pietät hin und her, doch mal zitiert werden: "Ich denke, wir wollen bei den Bezügen keine amerikanischen Verhältnisse" sagte sie einst zu den exorbitanten Manager-Gehältern, "aber ich bezweifle stark, dass gesetzliche Regelungen in dieser Frage hilfreich sind. Es ist und bleibt ein ordnungspolitisches Armutszeugnis, Fehlentwicklungen mit dem Gesetzbuch bekämpfen zu wollen." So war sie, die nette Johanna: "Fehlentwicklungen" wie Armut und Ausbeutung, extremer Reichtum auf der einen, gewolltes Elend auf der anderen Seite, das wollen wir doch lieber nicht mit Gesetzen bekämpfen. - Selbst die beste Heilige bewirkt nicht das Wunder, die verordnete Blindheit in den Redaktionen zu heilen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 11. August 2015 schrieb Reyes Carrillo:

Ein ausgezeichneter, vor allem angemessener Nachruf, der alles hat, was frau und man sich inhaltlich und sprachlich wünschen können. Doch vor allem erfüllt er die bange Hoffnung, die ich hatte, die elende Würge-Qual zu sedieren, die so mancher Nachruf aus den genannten „Qualitäts“-Medien in mir ausgelöst hat! Diesen Tagen ebenso angemessen kühlen deine Worte die heiß-rot angelaufenen Grundpfähle der eigenen linken Identität! Da, wo sie mit der dauerunfassbar eiskalten Menschenverachtung des Herrschaftsdenkens einerseits konfrontiert werden, das denjenigen ritualisiert brutal in die Fresse schlägt, die die klaren Eigentümer eines Produktes und seiner Produktionsmittel sind und sich anderseits in tiefer Rührung vor dieser ausbeuterischen, verbrecherischen Kapital-Elite, die alles einsackt, in den eigenen Speichel wirft. Echt: Ich könnte gar nicht so viele zu Links-Plattitüden pejorierte Links-Wahrheiten auskotzen, wie es die durch deinen Artikel etwas sedierte Würge-Qual zuließe! Durch die Protagonisten des Artikels, Quandt und BMW, treten die klassischen Antagonisten Kapitalismus vs Marxismus selten so gereinigt und klar prominent hervor. Das ist – auch mal wieder – richtig gut. Wenn man es so macht wie du: Elegant, Politsprech-befreit und ironisch. Ach ja, vielen Dank für den kühlenden Spritzschlauch, teurer linker Ritter, äh Retter. - Scheiße, die waren ja auch Eliten, diese Eisenmänner…


Am 11. August 2015 schrieb Ernst Blutig:

Auch von mir ein Gedicht zur Lake der Nation
von Egon "Mene" Tekl

Im Sumpf (1. Version)

klobürste im braunen grind
leise blubbert das dicke rohr
in der stille des klos
ein griff am abzug der verstopfung folgt
masse über bräunlichem wasser


Am 10. August 2015 schrieb Lutz Jahoda:

VERSUCH EINES NACHRUFS

Hosianna! Hosianna!
Der Jubelruf gilt Hanna,
der heiligen Johanna Quandt,
die zwar das Auto nicht erfand
und wohl auch selten selbst chauffierte,
dafür mächtig profitierte,
obwohl sie nie am Fließband stand.

Hosianna! Hosianna!
Keine Angst ums Manna!
Ihr Erben dürft euch weiter laben,
nur die Alte wird begraben.
Gesegnet sei ihr Ende,
euch bleibt die Dividende!


Am 10. August 2015 schrieb Hans Ion :

Die "QUANDTS" hab`n se´ janz verjessen in der Eile! ... in der Eile des von den "WESTMÄCHTEN" dominierten NÜRNBERGER PROZESSES!


Am 10. August 2015 schrieb curti curti:

Während Lebzeiten zu vernebeln und nach dem Tode möglichst den pietätsvollen Mantel des Schweigens auszubreiten, sind Garanten daß alles seine ihm gebührende, untertänigste Ordnung behält. Wer "lebt" und so handelt, ist eigentlich tot , regelmäßig auch erkennbar an ausgeprägtem Hang zum Materialismus, zu unbedingter Funktionalität.

Herzliche Dank an Uli Gellermann diese Art von Katzenjammer und Friedhofsruhe gestört zu haben.

P.S. Gestern -durch Zufall in der Wiederholung entdeckt- gab es eine illustre Runde im Presseclub, eine Art vorweggenommener Leichenschmaus zur Präsidentschaft Obamas. Allen voran Ines Pohl als Wackeldackel, der diesmal sogar in einem nahezu tollwütig devoten Umfang apportierte, sogar an gemeißelt grindenden C. Marshall. Als dann in Nachspann "freie Journalistin" stand, ergab die weitere Recherche daß sie "Ex-taz" ist und zum Jahresende hin die Deutsche Welle in Washington "verstärkt". Endlich kommt auch hier zusammen, was schon lange absehbar zusammen gehört. Da kann sie nun im Sinne des Senders "demokratische Werte vermitteln und Entscheider und Informations-Eliten in der ganzen Welt erreichen".

Brav gemacht, nimm deinen Knochen und husch, husch ins Körbchen bis zur nächsten Nummer.


Am 10. August 2015 schrieb Silke Hauptkorn:

Solche Artikel gehören in die Geschichtsbücher!
Würde sowas auch in den Schulbüchern stehen, hätte ich damals bestimmt einiges mehr und vor allem wichtigeres gelernt - anstatt ständig vor mich hin zu dösen.

Und erneut bleibt mir nur eins: Danke, Uli Gellermann!


Am 10. August 2015 schrieb Tobi Schlüter:

Bei all der Lobhudelei und Piëtät wurde die Frage nach der Erbschaftssteuer auch übersehen. Ein Prozent des Bundeshaushaltes wurde an die nächste Generation weitergegeben, und niemand hat´s gehört, niemand hat´s gesehn und niemand fragt sich, ob der Staat als Garant dieses Transfers nicht beteiligt werden sollte. Stattdessen wird in Medien landauf, landab die Sprachregelung der Eigentümerfamilie wiederholt, dass es im Sinne der Belegschaft des Aktienunternehmens sei, wenn die Besitzverhältnisse stabil seien. Als ob die Belegschaft nicht zu diesem Zwecke Mitspracherechte hätte. Aber ich mag da nicht ganz aktuell sein in meinem Verständnis der Kultur deutscher Unternehmer ihren Leiharbeitern gegenüber.

"Schenkungssteuerrechtlich vorteilhaft" sei der Vermögensübergang geregelt worden, und die öffentliche Diskussion über dies vorteilhafte Regelung hat man sich dann auch gleich gespart, denn man hat ja die Aktien nur kastriert, ohne Stimmrechte übertragen und man musste somit die geänderten Eigentumsverhältnisse den Aktionären nicht bekanntgeben. Fait accompli, was soll die Presse noch schreiben, was sollte der Bundestag nochmal die Erbschafts- und Schenkungssteuer überarbeiten?


Am 10. August 2015 schrieb Robert Cieslak:

Ihre Behauptung über den Pariser Platz 7 ist nichts als Verleumdung. Das ehemalige Liebermann-Haus beherbergt heute eine Stiftung, die Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen durchführt.

Antwort von U. Gellermann:

Aus der WIRTSCHAFTSWOCHE:

"Geschätzte 700 Millionen Euro zählt das Vermögen der vier Töchter von Harald Quandt, dessen Vater Günther der Batteriehersteller Varta und der Rüstungskonzern Berlin-Karlsruher Industriewerke gehörten. Die Schwestern lassen ihr Erbe in der Harald Quandt Holding verwalten und mehren. Dazu zählen der HQ Trust, die HQH Grundbesitzgesellschaft oder die Investmentgesellschaft Auda, aber auch Immobilien wie das Liebermann-Palais neben dem Brandenburger Tor.


Am 10. August 2015 schrieb Nele Bredekamp:

Eine Stelle in ihrem Artikel hat mich zu Tränen gerührt: Die vom Liebermann-Haus am am Brandenburger Tor, Pariser Platz 7. Dass heute ausgerechnet Profiteure des Nazi-Regimes heute das Grundstück besitzen, wo der Mann lebte den die Nazis in das Vernichtungslager geschickt hätten wäre er nicht rechtzeitig gestorben, ist ekelhaft. Es waren Tränen der Zorns.


Am 10. August 2015 schrieb Manfred Ebel:

Nun ja, das weiß jeder, der einen BMW fährt. Genauso wie jeder, der Schneckenkorn von BAYER streut, weiß, dass es früher gegen Juden gut war.
Ist das notwendiger Teil des Stillhalteabkommens?
Die BAYERs und Quandts könnten ja auch heute noch enteignet werden. Für Lieschen Müller und Otto Normalo läßt es sich aber doch auch gut leben durch verwertete Kriegstechnik, Raketentreibstoffe oder Granatenfüllungen, oder?

Antwort von U. Gellermann:

Klar gibt es solche, die ganz gut leben. Bei den 6 Millionen Hartzern ist das zu bezweifeln. Viele von den scheinbar nur gut Lebenden kaschieren ihre Zukunfts-Angst. Und kaufen einen neuen BMW.


Am 10. August 2015 schrieb Kay Macke:

Woah! Harte Worte. Wenn Piäetät nicht mehr greift, stimmt da was gewaltig nicht!

Das mit Liebermanns Villa war mir entgangen.

Und bei dem Gedanken daran, dass die paranoiden NS-Schweinereien vor noch gar nicht so langer Zeit stattgefunden haben - läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter...brrr! Die Kombination Faschismus und Profit wirkt wie eine Keule: man fühlt sich benebelt und elendig.

Ich empfehle zur Auffrischung und zur Erinnerung an die Verhältnisse dieser Zeit eine filmische Perle: "Der Bockerer" .

Sorgt garantiert für keine gute Laune - macht aber sehr wohl deutlich, wie skrupellose Menschen (und Unternehmer) vom System profitiert haben (müssen). Da versteht man den Gellermann und seine Abrechnung gleich mal viel besser.

Kann man inzwischen sogar auf YouTube angucken:
https://www.youtube.com/watch?v=SzcLCuOrwU8

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