Die Grenzen der Fantasie

Über das Begehren der Generation Golf

Autor: U. Gellermann
Datum: 19. August 2013
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Buchtitel: Vogelweide
Buchautor: Uwe Timm
Verlag: Kiepenheuer und Witsch

Es ist die kulturell prägende Schicht des Landes mit der Uwe Timm seinen Roman "Vogelweide" bevölkert: Man kennt die angesagten Galerien, die wirklich guten Weinhandlungen, spricht mindestens zwei Sprachen und hat ein reines ökologisches Gewissen. Die Alltagsreize sind wohltemperiert, die Gesellschaft ist scheinbar in guten Händen, wozu sollte man sich aufregen? Das haben doch die Eltern damals gemacht. Die pflegen die Erinnerungen, die Generation Golf pflegt alte Mahagoni-Boote oder einen Saab aus dem Jahr 1966, behutsam, mit der Lust am Bewahren. Das Zweitschlimmste, was diesen Leuten geschehen kann ist die Insolvenz. Das Schlimmste aber ist das Begehren, auch noch des Nächsten Weib, das kann nicht gut gehen.

Wenn schon eine Weltenflucht, dann auf eine Insel in der Elbmündung. Und wenn schon Flucht vor dem Bankrott, dann nicht in das Hartz-Vier-Gefängnis für die Vielen, sondern in den Dienst als Vogelwart. Dahin hat es Eschenbach dekorativ verschlagen, dort, in der Inseleinsamkeit fällt die Stadt von ihm ab, die Abendröte seiner Geschichte senkt sich auf ihn, und er lauscht dem Knacken und Knistern der Kloben im Ofen. Doch plötzlich ist die Welt wieder da: Anna wird ihn besuchen. Anna, mit der ihn eine verrückte Liebe verband, für die er seine Geliebte verließ und Anna ihren Mann.

Das besinnungslose Begehren, das Sichverzehren nach dem anderen Leib, der unbedingte Liebeswahnsinn, woher mag das alles kommen? Vielleicht aus den Tiefen der Gene, der Gier nach dem Besitz am anderen Menschen, dem unaufhaltsamen Wunsch sich zu versenken, zu verschenken. Da sitzen sie nun, Anna und Eschenbach auf der Insel, und wissen vom Begehren nur eines sicher: Es verschwindet wenn es an sein Ziel kommt, wenn die Normalität sich einschleicht, wenn man nicht mehr eins ist sondern wieder zwei.

Auf tritt, eindeutig erkennbar, Frau Allensbach, die Norne, wie Timm sie durch den Mund von Eschenbach nennt. Sie sucht nach dem Moment, der die Liebe auf den ersten Blick ausmacht, das Wissen darum, wie einer des anderen Schicksal wird. Ob Eschenbach oder Timm, die Allensbach-Umfrage-Tante als Norne auszugeben, ist ein Irrtum. Sie war keine Figur, die Schicksale bestimmte, wie es angeblich die mystischen Frauen in der "Edda", der nordischen Sage, unterfingen. Sie war eine, die den Vielen ihre Schicksale ablauschte, sie bündelte und daraus Meinungen herstellte. Nicht selten nach ihrer politischen Neigung gefälscht. Denn wer die Fragen formuliert, bestimmt die Antworten. Jetzt soll Eschenbach, der Mann vom IT-Fach, bei der elektronischen Suche nach der Quelle des Begehrens behilflich sein.

Ja, es gibt eine Welt außerhalb der romanesken Inseleinsamkeit. Da ist der englische Freund, der auf die Neoliberalen flucht. Da ist die hässliche Figur des Marktliberalen, der den Bankrott Eschenbachs verursachte, ein böser Mensch, so wie die Gier der Banker als böse verkauft wird, als sei sie nicht die logische Folge des Systems. Und da ist die kurzzeitige Entdeckung Eschenbachs, nach dem Sturz aus dem Wohlstandsleben, dass es normale Menschen gibt. Das ist alles in die sorgsam polierte Sprache Uwe Timms gekleidet, das ist alles wohl gefügt und zu einem Mosaik von edler Schönheit zusammengeführt. Aber ein Begehren nach Veränderung findet nicht statt. So wie im wirklichen Leben das Landes. Doch der Gattung Roman ist die Fiktion zu eigen. Er kann vorahnen, vorentwerfen, nachdenken lassen. Anders als in anderen Büchern Timms hat in "Vogelweide" die Fantasie ihre Grenzen.

Buchpremiere und Lesung am 27.8. in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 22. August 2013 schrieb Gabriele Habashi, Kairo:

Lieber Herr Gellermann,
ich habe Ihnen schon mehrfach begeistert geschrieben, um Sie weiter zu solch brillanten Texten anzufachen. Ist einfach eine Freude, stilistisch und inhaltlich. Man sollte Sie jeden Tag auf den Titelseiten drucken, aber dann könnten ja manche im Volk aufwachen.
Ich komme nicht dazu, Ihre Texte immer zu lesen, denn mein Leben ist auch ganz schön intensiv (ich weiß nicht, wie Sie das schaffen, total up-to-date zu bleiben UND zu schreiben). Aber was immer von Ihnen kommt, wirft Licht auf die Verhältnisse (den Artikel zu Mali habe ich wochenlang jedem, der es nicht wissen wollte, unter die Nase gehalten).
Machen Sie weiter so. Klug, intelligent, informiert, schlagfertig, witzig. Und genau auf den Punkt.


Am 21. August 2013 schrieb Maria Feldmann:

Was hat Ihnen denn der arme Uwe Timm getan? Liebesromane sind dem Alter angemessen.


Am 19. August 2013 schrieb Doris Gercke:

Danke für die Timm-Kritik, nun muss ich das Buch nicht kaufen! Ob wohl irgendwann die Pest der Mittelstandsromane ein Ende hat?


Am 19. August 2013 schrieb Rosa Bernrieth:

Aus Ihrer Timm-Rezension bin ich nicht schlau geworden: Einerseits loben Sie die Timmsche Sprache, andererseits lassen Sie eine Abscheu gegenüber seinen Figuren erkennen. Was nun?

Antwort von U. Gellermann:

Beides, eben.


Am 19. August 2013 schrieb Johannes M. Becker, PD Dr.:

Die Schamfrage: Sie denken ernsthaft sie wären im Recht.

Grüße von einem warmen, blauen Meer vor der Tür, Uli
Am 19.08.2013 um 06:12 schrieb becker1@mailer.uni-marburg.de:

Schön, was und wie Du zu Timm schreibst.
Chapeau. (Die FAZ war höchst unsensibel, fand ich)

Der Grass letzte Woche war wunderbar.
Meine Frage, immer dringender: Warum schämt sich denn von dieser Bande der Bonapartisten niemand? Niemand!

Antwort von U. Gellermann:

Die Schamfrage: Sie denken ernsthaft sie wären im Recht.

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