Die enteignete Revolution

Das syrische Kriegs-Drama ohne Ende

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. März 2013
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Buchtitel: SYRIEN Wie man einen säkularen Staat zerstört und eine Gesellschaft islamisiert
Buchautor: Wolfgang Gehrcke/Christiane Reymann (Hg)
Verlag: PapyRossa

Jetzt will die EU Militärausbilder nach Syrien senden, um die dortigen Aufstands-Truppen zu unterstützen. Frankreich und England, die alten Kolonialmächte in diesem Raum, erwägen Waffen an die Aufständischen zu liefern. Und natürlich wird behauptet, dass der Krieg den Krieg bekämpfen würde. Ein idiotisches Rezept, das gründlich in Afghanistan gescheitert ist. Ein kluges Buch argumentiert gegen diesen Versuch, einem Land seinen Willen von außen aufzuzwingen: "Syrien - Wie man einen säkularen Staat zerstört und eine Gesellschaft islamisiert".

Als "Die enteignete Revolution" charakterisieren Wolfgang Gehrcke und Christiane Reymann in ihrem Buch über die Zerstörung des säkularen Syriens jenen Versuch der demokratischen, syrischen Opposition sich gegen das Assad-Regime zu erheben. Und sie benennen auch die Enteigner: Von den USA über die ehemaligen Kolonialmächte bis zu den Golfstaaten sind alle jene dabei, die ausschließlich auf die bewaffnete Lösung des syrischen Konfliktes orientieren. Auch das vorsichtige Deutschland, das lieber Waffen exportiert statt Truppen, wird sich im Buch wiederfinden. Als jener Staat, der gemeinsam mit den bewaffneten Aufstandsgruppen in Syrien "The Day After", den Tag nach dem Sturz Assads vorbereitet. Es ist die geballte Kompetenz, die üppige Fülle der unterschiedlichen Buch-AutorInnen und die große Skala von Positionen, die der Arbeit von Gehrcke/Reymann einen vorderen Platz in der Reihe der aktuellen Syrien-Bücher sichert.

Ohne die Rolle der deutschen AutorInnen zu schmälern, müssen doch jene syrischen opostionellen Buchmitarbeiter hervorgehoben werden - solche, die noch im Land leben und jene, die aus dem Exil für ihr Land kämpfen - deren Sachkunde von zwei wesentlichen Wünschen geleitet wird: Sie sind gegen die ausländische Einmischung in die Angelegenheiten ihrer Heimat und sie sind gegen eine kriegerische Auseinandersetzung zur Veränderung des syrischen Herrschafts-Systems. Es sind Menschen wie die Ärztin Mouna Ghanem, die in Damaskus lebt und an die Frauen in Daara erinnert, Frauen politischer Gefangener, die dem syrischen Aufstand eine Initialzündung gaben. Es ist der Schriftsteller Louay Hussein, der trotz politischer Verfolgung und Haft immer noch in Syrien lebt und angesichts der ausländischen Einmischung mit Waffen, mit Geld und Söldnern erbittert feststellt, dass der Krieg die nationale Integrität Syriens gefährdet. Es sind Exil-Syrer wie Michel Kilo, Gründer des "Syrisch Demokratischen Forums", der das Assad-Regime gnadenlos kritisiert und zugleich vor dem "irrationalem Radikalismus" der bewaffneten Formationen warnt. Und es ist der in Frankreich lebende Arzt Haytham Manna, der mit der drohenden konfessionellen Aufspaltung Syriens das Ende des Landes befürchtet und der den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ebenso vor Gericht sehen will wie Baschar Assad, weil auch der mit seiner Rückzugs-Zone für die militärischen Gruppen "für das syrische Blut verantwortlich" sei.

Das Syrien-Buch von Gehrcke/Reymann hält alles bereit, was der Medien-Mainstream nicht oder kaum liefert: Eine historische Skizze über Aufstieg und Niedergang des säkularen arabischen Nationalismus von Harry Grünberg, ein Nahostkenner der auch schon mal in der israelischen Armee gedient hat. Es referiert eine kühle Analyse von Arne C. Seifert, dem altgedienten DDR-Diplomaten mit brillanten Verbindungen in den arabischen Raum, zur westlichen Niederlage im "Kampf gegen den Terror", obwohl und gerade die offizielle Ablehnung der Islamisten einer Kooperation der USA mit Teilen des Dschihad gewichen ist. Oder den Aufsatz der tapferen Karin Leukefeld, die mitten in den Bürgerkriegswirren aus Syrien für unterschiedliche Medien berichtete und im Buch unter anderem daran erinnert, dass der soziale Auslöser für den syrischen Aufstand auch in der vom Westen beklatschten Auflösung der Planwirtschaft und der ihre folgenden Arbeitslosigkeit durch den jungen Assad bestand, die den Sozialabbau im Land beschleunigte. Und immer sind die referierten Fakten und Berichte Teil jener Empathie für eine Bevölkerung, der man eine selbstständige Lösung ihrer Probleme zutrauen würde, wenn man sie nur ließe.

Bei aller Leidenschaft, die sich im Buch der Herausgeber findet, scheint die Hoffnung auf eine nichtmilitärische Lösung gering: Zu verlockend ist es für die Einmischungsmächte Syrien unter ihre Regie zu bringen, obwohl keinesfalls gesichert erscheint, dass ein Nachfolgeregierung handzahm wäre. Doch den letzten russischen Stützpunkt in diesem Raum zu beseitigen und die geplante Pipeline von Katar über syrischen Boden mit der Nabucco-Line aus der Türkei zu verbinden, das sind offenkundig lukrative Ziele, denen die USA, die EU und die Golfstaaten nicht widerstehen können. Doch noch stemmen sich, wie man bei Gehrcke/Reymann nachlesen kann, auch jene Syrer gegen die feindliche Übernahme ihres Landes, die mit der Assad-Herrschaft Schluss machen wollen: Sie wollen sich ihre Revolution nicht enteignen lassen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. März 2013 schrieb Christel Buchinger:

Jürgen Wellmann findet den Artikel zur SZ "Genörgele an der Süddeutschen". Ich finde, dass man ohne solche bissigen Kommentare wie die von Ulrich Gellermann die deutsche Medienszene gar nicht mehr ertragen könnte. Um die Süddeutsche noch gut zu finden, muss man sich eine unglaubliche intellektuelle Bescheidenheit erlauben. Und mit Verlaub: intellektuelle Bescheidenheit ist eine scheiß Bescheidenheit!


Am 18. März 2013 schrieb Lea Friedrichsen:

Anscheinend ist den Herausgebern etwas gelungen, was es sonst nirgendwo gibt: Jenen Teil der syrischen Opposition, der nicht den bewaffneten Kampf propagiert, nicht islamistisch ist und keine Einmischung anderer Staaten in Syrien wünscht, eine Stimme zu geben. Schon das wird das Buch zu einem Solitär machen.

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