Die dunklen Tage

Umberto Ecos Friedhof in Prag

Autor: U. Gellermann
Datum: 08. Oktober 2011
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Buchtitel: Der Friedhof in Prag
Buchautor: Umberto Eco
Verlag: Hanser

Bald kommen sie wieder, die dunklen Tage und die vereisten Straßen, die Abende, an denen Kerzen offene Feuer imaginieren und die Rettung der persönlichen Welt in einem Glühwein liegt und einem Buch. Das Buch zum Winter 2011 hat Umberto Ecco für den Leser an der Heizung breitgelegt: "Der Friedhof von Prag" heißt es und manchmal verursacht es dieses leise Frösteln, das, als Kontrastprogramm zur warmen Wohnung, dem zivilisierten Leser eine angemessene Gänsehaut beschert. Um Verschwörungen geht es, um Geheimnisse und Verrat und natürlich auch um die "Protokolle der Weisen von Zion", jenem antisemitischen, vom zaristischen Geheimdienst einst geklitterten Machwerk, das bis in unsere Tage in den schlammigen Gehirnwindungen rechter Dumpfbacken lagert. Dass die umsatzstärkste Handelskette der Welt, "Wal-Mart" die vorgeblichen Protokolle bis ins Jahr 2004 erfolgreich verkaufte, beweist nachdrücklich, wie aktuell Ecos Roman gelesen werden kann.

Mit Ecos Hauptfigur, Hauptmann Simone Simonini, ist ein Europa des 19. Jahrhunderts zu besichtigen, das mit seinen Revolutionen in Frankreich und Österreich, der Herausbildung der späten Nationen in Deutschland und Italien, und den Tagen der Pariser Kommune dem Neuen Bahn brach und zugleich tiefe Verunsicherung im Alten auslöste. In dieser Verunsicherung der zu Zeiten Herrschenden und ihrer konservativen Anhänger blühten die Geheimbünde, von den Carbonari bis zu den Freimaurern, wucherten die Geheimdienste und florierten die Verschwörungen. Mit Simonini, dem verqueren Produkt eines katholisch-antisemitischen Haushaltes aus Piemont, der erstmals gegen Ende des Buches "eine Frau in der ganzen unerträglichen Pracht ihres entblößen Leibes" sieht und zugleich nach ihr giert und sich vor ihr fürchtet, wandern wir durch das beginnende Italien und das erschütterte Frankreich. Simonini ist der geboren Spitzel und Fälscher, einer, der den Diensten das liefert, was sie brauchen: Nicht Informationen, sondern Fälschungen jener Art, die den Behörden ihre Vorurteile bestätigen, künstliche Komplotte, damit die Agenturen etwas zum Aufdecken entdecken können.

Drei Erzähler nutzt der Autor, um das ganze Panorama von geheimdienstlicher Niedrigkeit auszubreiten: Den Simonini selbst, dessen Alter Ego, den Abbé Dalla Picolla (weil soviel Mord- und Totschlag, soviel sinistre Fantasie und rachsüchtige Energie kaum nur einer Figur aufzubürden wären) und den eigentlichen Erzähler, der scheinbar von außen jene langen, gewundenen Geschichten zu einem Roman zusammenfügt, die, würde man sie ihres historischen Hintergrundes entkleiden, den Drehbüchern der CIA, des KGB oder des Mossad entsprungen sein könnten. Denn letztlich ist der heutige "Kampf gegen den Terror" nichts anderes als die Neuauflage des Kampfes gegen die vorgeblich jüdische Unterwanderung der französischen Armee wie in der Dreyfus-Affaire, und wer sich an die erfundenen Atomwaffen im Irak erinnern mag, der wird diese Form der nützlichen Lüge, vielfach historisch verkleidet, in Ecos Buch wiederfinden. Selbst während der Perestroika, des Um-und-Um-Baus der Sowjetunion, tauchten die "Protokolle der Weisen von Zion" in den russischen Medien wieder auf, diesmal mit der Sprengung der Moskauer Metro ausgestattet, wo sie doch in ihrer ursprünglichen Fassung der Untergrundbahn in Paris gegolten hatte.

"Dazwischen Mädchen", erzählt der Autor von einer Kaschemme der Pariser Unterwelt "mit zu früh faltig gewordenen Gesichtern und blassem Teint, die aussahen wie Puppen für arme Kinder", solche und ähnliche dichte Sprachbilder gelingen Umberto Eco in seinem neuesten Buch immer wieder und erinnern an seinen großen, populären Roman "Im Namen der Rose". Wo Eco damals, mit dem Ebenbild des mittelalterlichen William of Ockam, einen Mönch detektivisch handeln ließ, einen frühen Aufklärer, der im Streit mit dem Papst um die Frage des kollektiven oder privaten Eigentums der Kirche lag, muss der Leser sich heute mit dem erbärmlichen Spitzel Simonini begnügen, der unter Aufklärung bestenfalls Enthüllung versteht und dessen Streitopfer nicht selten in den Pariser Abwasserkanälen landen. Doch für Freunde des Gruselns wird der reich bebilderte Band vieles bereit halten. Nun gibt es jene auf- und abgeklärten Leser, denen vor nichts und gar nichts gruselt, die werden dann nach den ersten hundert Seiten des neuen Eco das Schlummern beginnen: Macht nichts. Denen ist das Buch dann eben ein wundervoll formuliertes und völlig unschädliches Schlafmittel. Der nächste Winter kommt bestimmt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. Oktober 2011 schrieb Renate Höffer:

Dass nenne ich schnell. Der Eco ist kaum im Buchhandel, schon ist er rezensiert. Alle Achtung.


Am 09. Oktober 2011 schrieb Lukas Schäfer:

Wenn man Ihrer Rezension glauben darf, dann ist der neue Eco einfach nur langweilig?

Antwort von U. Gellermann:

Wer sich aber gern gruselt , , ,


Am 08. Oktober 2011 schrieb Maximilian Schreiber:

Der kleine Gellermann legt sich mit dem großen Eco an. Und was kommt raus? Ein Verriss. Das wird die Eiche Eco kaum berühren.

Antwort von U. Gellermann:

Bitte: Olive, Zypresse, Pinie. Aber keinesfalls Eiche wenn es u Eco geht.

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