Die DDR-Geisterbahn

Bitte, bitte keine Fortsetzung!

Autor: U. Gellermann
Datum: 05. September 2013
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Buchtitel: Brüder und Schwestern
Buchautor: Birk Meinhardt
Verlag: Hanser

Hereinspaziert, hereinspaziert, hier können Sie auf 600 Seiten totales Gruseln erleben, mit echt ekligen Parteifunktionären, mit irrem DDR-Materialmangel, mit Biermann und der Staatssicherheit, auch eine Russenvergewaltigung wird nicht fehlen, alles da, alles dran, treten Sie einfach näher heran. Mit diesem Versprechen könnte der Hanser-Verlag sein Buch "Brüder und Schwestern" von Birk Meinhardt bewerben und jedes Wort wäre war. Es ist gutes, abgelagertes Propagandaholz aus dem, gut 20 Jahre nach Ende der DDR, dieser Roman geschnitzt ist, nicht einmal eine Art KZ wollte der Autor auslassen.

Und wie in jeder ordentlichen Propagandaschrift so gibt es auch in dieser die absolut Guten und die völlig Schlechten und dazwischen eigentlich nichts. Der wirklich völlig Gute ist Matti. Der muss eines Biermann-Gedichtes wegen von der Schule verwiesen werden, wird Flussschiffer und schreibt an einem Roman, der den Lesern des eigentlichen Romans auszugweise angeboten wird: "Ich holte den Ukas des Obersten hervor, der mich als zwangsberechtigt auswies", schreibt der Ich-Erzähler als er im Zweitroman "Das Verschlossene Kind" eine Insel betritt. Die DDR-Reizworte kommen hier in einem poetischen Fähnchen daher: "Zwangsberechtigt, Ukas, Oberster", Matti wird seinen Roman in der DDR Meinhardts natürlich nicht verlegen. Das erledigt dann die gute Fee aus dem Westverlag, die aber vor ihrer West-Funktion in der DDR Lehrerin war und mit Matti geschlafen hat. Ja, da staunste!

Und dann der wirklich unangenehme Bruder von Matti, der Erik, ein Original-Opportunist, der in die SED eintritt, um ins Ausland zu kommen und so nebenbei seine Schwester verrät. Die gehört zu den Original-Guten und wird deshalb nicht zum Studium zugelassen, macht aber eine DDR-Weltkariere in einem privaten Zirkus und wird dabei einen echten Masochisten kennenlernen. Da biste platt, was so ein Roman alles bietet. Weil einfach kein Thema ausgelassen werden kann, kommt Erik mal in ein Büro, in dem "eine große steinerne Schale" steht, die - geheimnisvoll, geheimnisvoll - ein jüdisches Taufbecken sein soll, denn "Ab und an würden die Juden, das läge nun mal in ihrer Kultur begründet, jemanden taufen wollen." In Birk Meinhardt ist begründet, dass er keine Ahnung hat. Davon aber viel. Man kennt in der jüdischen Religion die Mikwe, ein ziemlich großes Tauchbad, das der symbolischen Reinigung dient. Die Mikwe ist alles, nur keine Schale. Aber wenn der Autor seinen dünnen Stoff mit Nebenthemen aufpeppen muss, dann ist er großzügig.

Großzügig geht er auch mit der deutschen Sprache um. Da beult ein Penis die Wange einer Dame aus, "als habe sie einen fürchterlich dicken Zahn". Während einer Schlägerei "riefen seine Knochen, Du packst mich nicht, Du nicht!" Und wenn die Knochen schon das Reden anfangen, dann ist es nur logisch, dass einer nur friert, um sich "in ein wohliges hitziges Bibbern heineinzusteigern". Natürlich wird das Ohrläppchen der Liebsten nicht einfach berührt, sondern gespreizt "touchiert" und, der Lore-Roman höret nimmer auf, wenn eine Dame mit den "Salzkristallen ihres umwerfenden Schweißes" arbeitet, und Matti durch seine "Nüstern einen Laut der Kapitulation" hervorbringt. Die Stelle der Mutation vom Mann zum Pferd ist mir irgendwie entgangen. So nimmt die Kolportage ihren Lauf, die Sprache ächzt, der Leser auch. Doch damit nicht genug: "Es wird fortgesetzt" wird auf der letzten Seite angedroht. Liebe Leute von Hanser, habt ein Einsehen, nehmt Euch andere Themen vor. Aus Hartz IV, der NSA und dem NSU lässt sich doch auch eine schöne Geisterbahn fertigen. Und sie hätte den Vorteil, dass all ihre Gespenster noch leben.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 06. September 2013 schrieb Dirk Reinhardt:

Nun seien Sie nicht so streng; schließlich müssen wir alle leben. Wenn Sächsinnen in der Pornoindustrie Kaliforniens anschaffen, Brandenburger in den Geheimkommandos der Bundeswehr in Afghanistan - warum dann nicht auch ein von der Süddeutschen nicht weiterbeschäftiger, abgehalfterter Sportredakteur der DDR-Jungen Welt im Lager der Schriftsteller? Immerhin hat er 99 für "Alle sind wir da, bis auf Erich Honecka" den Kisch-Preis bekommen, 2001 gleich noch mal. Und das von Ihnen verrissene Erstgroßwerk war gar für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert! Solche Ehrungen erfahren doch keine Gefälligkeitsschreiber.


Am 05. September 2013 schrieb Dirk Müller:

Hahaha, das war gut mit dem Roman, ich lese ja allgemein lieber Sachbücher als mich in virtuelle Welten zu verlaufen, aber mit Romanen und Filmen dieser Art und schlimmeren erfindet man gerne Charaktere oder falsche Helden, oder macht Lust auf den Sittenverfall, für Menschen die ihr Defizit an irgendwas ausgleichen müssen, wo früher wohl eine gute Erziehung, Sparsamkeit und Disziplin den Menschen immun gemacht haben gegen verkeimte Kunst, wo man nur echte Werte in seinen Werken vermitteln mußte , um Anerkennung zu bekommen, da ist dieser Berufszweig ist wohl auch vermehrt den materiellen Merkmalen der Universalhure "Opportunismus" untergeodnet worden, wo es niemals darum ging eine feste Persönlichkeit zu haben, Stärke und Glück zu vermitteln, sondern dieser gewissen Ideologie zu frönen, in jedes Kleid zu schlüpfen, das einen weiter bringt und da kann man eben nur die überall umworbenen Doktrinen mit einbauen, um dem seichten Stoff ein bißchen Würze zu geben und je mehr man die Tränendrüse mit kollektiver Schuld stimuliert, umso lockerer sitzt die Kohle bei den großen Investoren, die diese Themen als Brechstange für die Tyrannei brauchen und so verdient man sich als Speichellecker eine goldene Nase wenn es später um neue Projekte des Autors geht.
Wirkliche Kunst kommt tief aus dem Menschen selber, sie verzeiht, verzaubert, ist ein Spiegel der Epoche in der dieser Mensch lebt, der sich den Inseln des Wissens widmet und seine Erkenntnisse in Metaphern und Geschichten verpackt, um mit dem Zahn der Zeit zu gehen und Kunst sollte doch Glück bringen, das Träumen anregen und die Kultur des Menschen festigen und wenn man schon ein wirkliches Miteinander der Kulturen anstrebt, dann muß die Kunst keimfrei bleiben, Geschichten von Ruhe und Zusammenkunft erzählen, von gebildeten Charakteren, aber das wird dem actionsüchtigen gehetzten Gutmenschen zu langweilig und es spiegelt die innere Unruhe wieder, die nur mit Befriedigung und Extase gestillt werden will denn die guten Menschen haben ihre großen Werke in Regalen, aber leider kommen kaum mehr welche dazu.


Am 05. September 2013 schrieb Hans Canjé:

Sie sollten mit Vorschlägen an Hanser und Co in Sachen Fortsetzung der "DDR Geisterbahn" vorsichtiger sein. Sowas wird schnell ernst genommen. Etwa so: Beate Zschäpe eine Spätgeworbene der laut Hubertus Knabe vom Berliner "Stasi-Museum" immer noch aktiven Stasi-Seilschaften. Zwecks Werbung von Killerkommandos zur Diskreditierung der BRD schläft sie sich durch die Reihen rechter Kameradschaften, denen sie beim "Vorgang" aus "Mein Kampf" vor liest. Um den Verfassungschutz zu täuschen, macht sie sich auch an Mitarbeiter desselben heran; denen zitiert sie jedoch beim Höhepunkt immer wieder den Artikel 1 des Grundgesetzes "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Da muß denen doch Hören und Sehen vergangen sein.

PS: Sollte bereits jemand an diesem Thema arbeiten, mache ich vorsorglich auf ein Plagiatsverfahren aufmerksam.

Antwort von U. Gellermann:

Das ist eine großzügige Vorlage zum Plagiieren, vielleicht schreibt Guttenberg ja diesmal eine echte Doktorarbeit darüber.


Am 05. September 2013 schrieb Robert Bergner:

Ihre wilde Suada gegen Birk Meinhardt kommt wohl aus einer DDR-Nostalgie. Denn So war doch der Unrechtsstaat: Stasi, Mauer und Unterdrückung, da können Sie nicht dran rütteln.

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